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8.572029 - RICHTER, F.X.: Sonatas for Flute, Harpsichord and Cello, Vol. 1 (Fred, Peltoniemi, Hakkinen) - Sonate da camera (1764): Nos. 1-3
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Franz Xaver Richter (1709–1789)
Sonate da camera Nr. 1–3

 

Auch wenn man dem Namen Franz Xaver Richter häufig im Zusammenhang mit dem berühmten Hoforchester von Mannheim begegnet, so darf man ihn keineswegs für einen typischen Repräsentanten dieser berühmten Kapelle halten, die Dr Charles Burney später als eine „Armee von Generälen“ bezeichnet hat. Als einer der meistgeachteten und fleißigsten Komponisten spielte er zwar eine wichtige Rolle im Musikleben des Hofes, doch er verweigerte sich in seiner Musik vielen der neuen formalen und stilistischen Entwicklungen, für die Johann Stamitz, der berühmte Musikdirektor der Kapelle, den Weg bereitet hatte. Statt dessen verankerte Richter seine Werke lieber in der Tradition mit dem Resultat, dass seine Musik harmonisch weitaus reicher und in ihrer Stimmführung fantasievoller ausfällt: Je nach dem, wie man zum Fortschritt stand, konnte man natürlich auch „konservativer“ sagen—und konservativ, ja reaktionär war Richter sicherlich. Dennoch eignet seinen späteren Werken, insbesondere seiner Kirchenmusik, eine technische Vollendung und expressive Kraft, die ihren Schöpfer weit über die Routineproduktion der meisten Zeitgenossen erheben.

Richter war mährisch-böhmischer Herkunft und stammte womöglich aus Holleschau. Wenig weiß man über seine frühe Erziehung und musikalische Ausbildung, wenngleich die vollendete Technik, die er in all seinen Werken verrät, für eine gründliche Berufsausbildung spricht. Man vermutet, dass er in Wien beim Kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux studierte, einem fruchtbaren Komponisten, dem wir überdies die einflussreiche Kontrapunktschule Gradus ad Parnassum verdanken. Somit hat er denselben Unterricht genossen wie ein anderer wichtiger Komponist von Symphonien in der Mitte des 18. Jahrhunderts, Georg Christoph Wagenseil.

Im April 1740 wurde Richter Vize-Kapellmeister des Fürstabtes Anselm von Reichlin-Meldegg zu Kempten im Allgäu, wo er vermutlich während der nächsten fünf oder sechs Jahre blieb. 1747 erscheint sein Name dann unter den Hofmusikern des Mannheimer Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz. Obwohl ihn Marpurg 1756 als zweiten Geiger der Hofkapelle aufführte, gibt es keinerlei zeitgenössische Hinweise darauf, dass Richter tatsächlich als Instrumentalist gearbeitet hat. Er war Sänger von Profession, und wenn er in damaligen Unterlagen als virtuoso di camera bezeichnet wird, dürfte sich das auf diese Tätigkeit und nicht auf etwaige Zusatzpflichten als Geiger beziehen.

Als Mitglied der Mannheimer Kapelle hat Richter natürlicherweise eine Vielzahl von Symphonien komponiert. Daneben aber verfasste er auch eine bedeutende Menge geistlicher Werke. 1748 schrieb er auf Einladung des Kurfürsten das Karfreitagsoratorium La deposizione dalla croce. Da Richter dieses Werk im ersten Jahr seiner Mannheimer Anstellung schuf, könnte man vermuten, dass Carl Theodor ihn eigens verpflichtet hatte, um diesen Bereich der Musik bei Hofe zu verstärken, nicht aber, um sich einen weiteren Symphoniker in sein aufblühendes Orchester zu holen. Richter war auch als Lehrer tätig und schrieb von 1761 bis 1767 auf der Grundlage von Fux’ Gradus ad Parnassum eine Kompositionslehre, die er Carl Theodor widmete. Zu seinen wichtigsten Schülern gehörten H.J. Riegel, Carl Stamitz, Ferdinand Fränzl und der aussergewöhnliche Joseph Martin Kraus. 1768 wurde Richter zum kurfürstlichen Kammerkompositeur ernannt; danach verschwindet sein Name von der Liste der Hofsänger.

1754 besuchte Richter den Hof von Oettingen-Wallerstein. In späteren Jahren bereiste er auch Frankreich, die Niederlande und England, wo seine Kompositionen auf großes verlegerisches Interesse stießen. Einer der Gründe für diese Reisen war seine zunehmende Unzufriedenheit mit der modischen Virtuosität, mit der er sich in Mannheim befassen musste. Er begriff, dass selbst fähige Komponisten wie Johann Stamitz immer mehr auf einen Vorrat an Formeln und musikalischen Effekten verfielen. Nichtsdestoweniger blieb er bis zum April 1769 in Mannheim; dann übernahm er als Nachfolger Joseph Garniers das Kapellmeisteramt am Straßburger Dom.

In den letzten zwanzig Lebensjahren wandte sich Richter immer mehr der geistlichen Musik zu. Damals komponierte er eine Reihe außergewöhnlicher Werke, die heute praktisch unbekannt sind. Mitte der achtziger Jahre—das genaue Datum ist unbekannt—wurde Haydns früherer Schüler Ignaz Pleyel, inzwischen einer der populärsten und erfolgreichsten Komponisten in Europa, zu Richters Stellvertreter ernannt. Pleyels Straßburger Jahre waren die fruchtbarsten seiner Karriere—seine Anstellung als Kapellmeister nach Richters Tod im Jahre 1789 endete jedoch vorzeitig durch den Ausbruch der Revolution und deren Nachwirkungen.

Dr Charles Burney hielt Richter für einen der bedeutendsten Mannheimer Komponisten, obwohl er bewusst dem dort vorherrschenden, modischen Stil aus dem Wege ging. Seine frühen, deutlich vom österreichischen Barock aromatisierten Werke fanden in konservativen Musikzentren wie London und Berlin eine viel wärme Aufnahme als in Süddeutschland. Richters instrumentaler Kontrapunkt wurde seinerzeit sowohl im strengen Fugenstil wie auch in seinen freieren Formen sehr bewundert; er bediente sich dessen mit großem Geschick, um seine ansonsten vornehmlich homophonen Sätze zu beleben. Burneys Vorbehalt, dass Richter die melodische Linienführung gelegentlich durch den übermäßigen Gebrauch von Sequenzen geschwächt hätte, ist gewiss berechtigt, doch es lässt tief blicken, dass er sich für die einfallsreiche thematische Konstruktion begeisterte, die auf einer eher altmodischen Motivarbeit basierte.

Franz Xaver Richter komponierte zwölf Sonaten für Flöte oder Violine, Cembalo und Violoncello, die seinerzeit in zwei Heften veröffentlicht wurden. Zunächst erschienen 1759 bei John Walsh in London sechs Sonatas for the Harpsichord with Accompanyments for a Violin or German Flute and Violoncello, worauf 1763 bei Peter Welcker eine zweite Kollektion herauskam. Ob diese Sonaten von vornherein als Sammlungen gedacht waren, ist ebensowenig bekannt wie das eigentliche Entstehungsdatum. Wahrscheinlich sind die Sonaten der ersten Publikation jedoch älteren Datums als diejenigen des zweiten Heftes—und sie werden wohl mit zu den Werken Richters gehört haben, die einige Jahre zuvor beim Londoner Publikum einen solch günstigen Eindruck hinterlassen haben. Es überrascht nicht, dass diese schönen sonate da camera mit ihren raffinierten, pseudokontrapunktischen Texturen und ihrer ausdrucksvollen Sanglichkeit rasch von einem englischen Verleger ins Programm genommen wurden. Die zweite, wiederum aus sechs Werken bestehende Publikation war vermutlich als Fortsetzung gedacht, und es ist durchaus möglich, dass ein neuer englischer Bewunderer des Komponisten den Auftrag dazu erteilte.

In diesen Erstveröffentlichungen sind die Werke gleichmäßig auf Flöte und Violine verteilt. Als vollgültige Alternativen sind die beiden Instrumente dabei nicht zu betrachten, denn die Stimme der „Violinsonaten“ gibt für die Flöte sowohl hinsichtlich des Umfangs als auch wegen der Mehrfachgriffe Probleme auf. Die sechs „Flöten-Sonaten“ kamen 1764 bei dem Nürnberger Verleger Johann Ulrich Haffner in einer neuen, revidierten Edition heraus. Die Akkuratesse dieser Ausgabe und die Umarbeitungen sowohl der Flöten-wie auch der Cembalostimme lassen vermuten, dass Haffner die Stichvorlage von Richter selbst erhalten hat. Auch der Titel der Publikation, VI Sonate da Camera a Cembalo Obligato, Flauto Traverso o Violino Concertato e Violoncello, könnte vom Komponisten stammen.

Die Rolle des Cembalos in Richters sonate da camera steht dem obligaten Cembalo in Johann Sebastian Bachs Flöten- und Violinsonaten weitaus näher als der einfachen Continuo-Begleitung, mit der Händel seine beliebten Sonaten versah. Richters Cembalosatz ist thematisch und kontrapunktisch reich. Die Oberstimme wird de facto wie ein zweiter Diskant-Solist behandelt, der sich gleichberechtigt mit der Flöte den Fortgang des musikalischen Verlaufs teilt. Die flexible Behandlung des Cembalos wirkt sich auch auf die Flöte aus, der Richter mitunter eine bloße Begleitfunktion zuweist, indessen das Tasteninstrument das wichtige thematische Material transportiert. Für das englische Publikum muss diese Musik in der Mitte des 18. Jahrhunderts erstaunlich originell gewesen sein. Der Flötensatz ist nicht virtuos, da es dem Komponisten vor allem darum zu tun war, das Blasinstrument in das Ensemble zu integrieren. Gleichwohl zeigt er ein großes Verständnis für die technischen Qualitäten des Instruments, namentlich im Hinblick auf die unterschiedlichen Stärken der Register.

Franz Xaver Richter mag im Vergleich mit einigen seiner Kollegen konservativ gewesen sein, doch der musikalische Stil seiner sonate da camera wurzelt deswegen nicht nur in der Vergangenheit. Wenn die Werke überhaupt einem Bach verpflichtet sind, so eher dem Vorbilde Carl Philipp Emanuels als seinem berühmten Vater, dessen Werke außerhalb seines unmittelbaren Wirkungsraums nicht eben verbreitet waren. Wenn Richter die Linien seiner herrlich ausdrucksvollen langsamen Sätze mit pikanten Dissonanzen und expressiven Ornamenten versieht, so erinnert das zwar an die für Carl Philipp charakteristische Empfindsamkeit—zugleich aber verströmt die Musik oftmals jene italienische Grazie, die wir bei süddeutschen und österreichischen Komponisten finden. Diese musikalischen Merkmale werden auch in den Ecksätzen der Sonaten deutlich, wenngleich hier die expressive Melodik oft durch die größere kontrapunktische Dichte der musikalischen Textur beeinträchtigt wird. Strukturell hält sich die Mehrzahl der Sätze an einen gleichbleibenden Bauplan, wozu als wichtigstes Kennzeichen die Reprise des früheren Materials im letzten Satzdrittel und in der Ausgangstonart gehört. Obwohl also vieles in musikalischer Hinsicht recht altmodisch klingt, verwendet Richter hier prinzipiell dasselbe Formschema wie in seinen Symphonien—und dieses Amalgam aus Alt und Neu ist eines der bestimmenden Merkmale seines Stils Selbst die scheinbar altmodisch fugierten Finales, mit denen zwei der hier aufgenommenen Sonaten zu Ende gehen, sind nicht wirklich altertümlich: Der Satztypus war auch noch während der mittleren Dekaden des 18. Jahrhunderts en vogue und wurde von progressiven Wiener Komponisten wie Haydn, Mozart, Dittersdorf, Gassmann oder Ordonez sowie von konservativeren Gestalten wie Richter kultiviert.

Wenngleich der Mannheimer Stil durch die Symphonien von Johann Stamitz, Carl Toëschi, Anton Filtz und andere verkörpert wurde, so gab es doch auch Bewunderer für die Musik, die Richter auf den verschiedenen Gebieten geschrieben hat. Man könnte sogar behaupten, dass der äußerst konzentrierte und intensive Stil eines Joseph Martin Kraus auf die Werke Franz Xaver Richters zurückgeht.


Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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