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8.572033 - Guitar Recital: Ceku, Petrit – BACH, J.S. / RODRIGO, J. / ASENCIO, V. / REGONDI, G.
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Petrit Ceku: Gitarren-Recital

Johann Sebastian Bach (1685–1750):Sonata II für Solovioline, BWV 1003
Giulio Regondi (1822–1872): Études Nr. 6 und 4
Vicente Asencio (1908–1979): Suite Valenciana
Joaquín Rodrigo (1901–1999): Elogio de la Guitarra

 

Die Darstellungsmöglichkeiten der klassischen Gitarre haben sich in den letzten Jahrzehnten beträchtlich erweitert, sei es durch Transkriptionen oder die Entdeckung von Werken bislang unbekannter oder missachteter Komponisten, sei es durch neu geschriebene Stücke. Das Programm dieser CD enthält etwas von alledem: neben einer ambitionierten Transkription eines der anspruchsvollsten Solowerke Johann Sebastian Bachs Studien von Giulio Regondi, einem Meister des 19. Jahrhunderts, sowie zwei jüngere Werke von spanischen Komponisten aus der Provinz Valencia. Konzertgitarristen früherer Generationen sehnten sich nach großen Werken, welche die Möglichkeiten des Instruments umfassend herausstellen; dieser Traum wurde erst durch die Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre Wirklichkeit. Die vier Kompositionen offenbaren in der Tat die Höhen, nach der die Sologitarre heutzutage strebt – sie verbinden technische Meisterschaft mit höchster musikalischer Intensität.

Bachs Sonaten und Partiten für Solovioline haben Gitarristen seit dem 19. Jahrhundert angezogen, als Francisco Tárrega die Fuge (Sonata I, BWV 1001) und die Bourrée (Partita I, BWV 1002) arrangierte. Andrés Segovias Transkription der gewaltigen Chaconne (Partita II, BWV 1004) fand nach der Premiere 1935 in Paris weltweit Beachtung. Doch erst in den 1950er und 1960er Jahren wurden ganze Suiten für Gitarre adaptiert und in Recitals aufgeführt.

Sonata II, BWV 1003, in a-Moll beginnt mit dem üblichen Grave-Satz, der als Präludium der darauf folgenden Fuge dient. Das Stück ist charakterisiert durch einen würdevollen langsamen Rhythmus, über dem auf der Violine schnelle Tonleiter-Passagen mit gebundenen Bogenschlägen gespielt werden. Diese Art der Artikulation erfordert eine differenzierte Handhabung gezupfter Saiten, wofür die barocke Laute ein gutes Vorbild ist. Die Fuge selbst ist eine der längsten, die Bach komponiert hat: 289 Takte umfassend. Sie ist eine einzigartige Demonstration dessen, was die Fugen- Form an Möglichkeiten bietet. Logik und Dynamik der Stimmführung werden durch kontrastierende Episoden variiert, die komplexe Arpeggio-Figuren und lebhafte Tonskalen verwenden – allesamt idiomatisch für die kontrapunktische Natur der Gitarre. Den dritten Satz, Andante, hat der Geiger Jaap Schröder als „einen der bemerkenswertesten Sätze innerhalb der barocken Literatur für Solovioline“ bezeichnet, und er vergleicht diese Arie mit einem Duett zwischen einem Sänger und der Laute. Ein geradlinig „wandelnder“ Bass unterstützt die wunderschöne Melodie, wiederum geradezu ideal für ein Zupfinstrument. Die Suite endet mit einem virtuosen Allegro voll barocker Echotechniken und überschäumender Zweiunddreißigstel, die dem raschen Zusammenspiel aus harmonischer Fortschreitung und linearem Vorwärtsdrängen ein Moment des Unvorhersehbaren hinzufügen.

Giulio Regondi war ein Wunderkind der Gitarre, das zu einem eminenten Künstler und angesehenen Komponisten ebenso poetischer wie anspruchsvoller Werke heranreifte. Geboren im französischen Lyon, debütierte Regondi im Alter von sieben Jahren in Paris und wurde als „der kindliche Paganini“ bekannt. 1831 kam er mit seinem Vater in London an, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Leider machte sich der Vater mit den Einnahmen seines Sohnes aus dem Staub – eine etwas mysteriöse Geschichte –, so das dieser auf den guten Willen Fremder angewiesen war. In seinen reifen Jahren gab Regondi jedoch weiterhin triumphale Konzerte in ganz Europa; er wurde auch ein Virtuose auf der Concertina, einem Harmonika-Instrument. Regondi starb 1872 in London an Krebs und wurde auf dem katholischen Friedhof St Mary’s, Kensal, begraben. Regondis OEuvre war der Nachwelt Jahrzehnte aus dem Blick geraten, ist aber inzwischen wiederentdeckt (herausgegeben von Simon Wynberg und veröffentlicht bei Chanterelle 1981). Einige Jahre später erhielt der amerikanische Musikologe Matanya Ophee in Moskau von Natalia Kramskoi – Tochter der bekannten Gitarristen Alexander Ivanov-Kramskoi – eine Abschrift von Regondis Ten Études. Die zehn Studien erschienen 1995 bei Editions Orphée. Étude Nr. 6 D-Moll – zu spielen Andante und im 9/8-Rhythmus – ist eine Übung im Artikulieren einer melodischen Linie auf den Sopransaiten, begleitet von Akkorden. Ein Mittelabschnitt in B-Dur präsentiert ein kontrastierendes Thema, das gegen eine schnelle Sechzehntel-Begleitung gesetzt ist. Étude Nr. 4 E-Dur, ein Adagio, verwendet dieselben technischen Mittel in Melodie und Begleitung, jedoch mit einem anderen Ausdruckseffekt, da die akkordischen Aspekte reicher und komplexer sind. Ein ausgedehnter Mittelabschnitt in C-Dur demonstriert in der eleganten Interaktion zwischen Sopran- und Bassstimme erneut Regondis Eindringlichkeit und Erfindungskraft.

Vicente Asencio wurde in der südostspanischen Stadt Valencia geboren und studierte bei dem großen Pianisten Frank Marshall in Barcelona, bevor er nach Paris ging, wo Turina und Halffter seine Mentoren wurden. Asencio komponierte zahlreiche Orchesterwerke und Ballette, war jedoch vor allem von Gitarrenmusik fasziniert – seine Werke für dieses Repertoire wurden von einigen der führenden Musiker aufgeführt, darunter Segovia und Yepes. Er wurde auch ein angesehener Lehrer und gründete als solcher das Castellón de la Plana Konservatorium und lehrte viele Jahre am Konservatorium von Valencia.

1934 beteiligte sich Asencio an der Formulierung eines Manifestes der Grupo de los Jóvenes (Gruppe der Jungen), einer Bewegung von Komponisten aus Valencia: „Wir streben nach der Verwirklichung einer kraftvollen und reichen valencianischen Kunstmusik in Gestalt einer fruchtbaren und pluralistischen Schule von Valencia, welche die psychologische Feinheit und die Gefühlswelt unserer Menschen und unserer Landschaft universell zum Ausdruck bringt.“ Die Suite Valenciana, komponiert 1971 und Angelo Gilardino gewidmet, verdeutlicht das lebenslange Eintreten des Komponisten für die Musik Valencias. Preludi, das gesamte Griffbrett der Gitarre umfassend, präsentiert eine folkartige Melodie über fließender Begleitung, wobei das Thema von kraftvollen Akkorden unterstützt wird. Cançoneta, bezeichnet Tranquillo, hat den Stil einer Barkarole; das sanfte Thema schwebt über dem Rhythmus in verzierter quasi-improvisatorischer Freiheit. Ein kontrastierender Mittelabschnitt bringt Momente von Verinnerlichung, bevor das Hauptmotiv wiederkehrt und das kleine Lied mit einer kurzen wehmütigen Coda schließt. Dansa evoziert Bilder traditioneller valencianischer Tänze, bietet aber zugleich großen Spielraum für instrumentale Präsentation mit schnellen Tonleiter-Passagen und komplexer Ausgestaltung. Das Thema kehrt in einer konzisen Reprise wieder, und die Suite endet im Flirren harfenartiger Arpeggien.

Joaquin Rodrigos Beiträge für die Gitarre gelten heute als eine tragende Säule des modernen Konzertrepertoires. Obwohl seine Kompositionen für das Instrument nicht mehr als 25 Titel zählen, ist die Bedeutung dieses oeuvres größer als die Summe der Einzelstücke. Das ist vor allem in der außerordentlichen Einfühlung in die Natur der Gitarre begründet, das sich im Laufe von Jahrzehnten entwickelte. Das Concierto de Aranjuez, sein bedeutendes Meisterwerk, hat sich überdies als eines der populärsten klassischen Werke des 20. Jahrhunderts erwiesen.

Elogio de la Gitarra (Lob der Gitarre) von 1971 ist ein ausgedehntes Werk von großem Charme und Schwung in drei starken Sätzen. Rodrigo liebte es, Einführungen zu schreiben, und seine Kommentare zu diesem Werk sind von besonderem Interesse:

„Es war meine Absicht, vom Gitarristen eine präzise und unfehlbare Technik zu verlangen wie auch ein profundes Verständnis für den Rahmen und die Themenkomplexe der Musik. Ich habe meine ‚Herausforderung’ an den Gitarristen komponiert, die indessen eher komfortabel in Sonatenform beginnt. Der erste Satz, Allegro, besteht aus zwei Teilen: Der erste ist eine akkordische Fortschreitung, die von Tonleiter- Triolen ausgeschmückt ist. Diese führt zu einem melodischen Thema, das am Ende des Satzes mit akkordischen Strukturen in Verbindung tritt.

Der zweite Satz, Andantino, ist ernster und evoziert eine alte kastilische Kathedrale. Der beständige Nachklang der harmonischen Akkorde unterstreicht die zwei Themen eines fernen gregorianischen Gesangs. Das erste Thema des Gesangs endet in einer ruhigen Folge von Akkorden, die zum zweiten Thema in Arpeggien überleitet. Diese Akkorde führen zum Kern des Themas. Der zweite Satz basiert auf dem harmonischen Register der Gitarre.

Der dritte Satz, Allegro, beginnt mit lebhaften Triolenfiguren und entwickelt sich in ausgedehnten Tonleiter-Passagen, wie sie schon im ersten Satz erklungen sind. Der zweite Teil, bezeichnet più allegro, ist von raschen Figuren charakterisiert, die große Virtuosität verlangen und zu einem außerordentlich kontrastreichen Abschluss führen mit Noten, die von der linken Hand allein ausgeführt werden; diese werden wiederholt, während der Musiker mit der rechten Hand auf das Holz der Gitarre klopft.“

Rodrigos Ehefrau Victoria Kamhi erklärte, dass es Rodrigo in diesem Werk „gelungen sei, die brillanten Möglichkeiten der klassischen Gitarrenmusik zu erfassen wie auch die teuflischen Anforderungen an seine Spieler, die aus den Eigenschaften dieses Instruments erwachsen“. Elogio de la Guitarra bleibt eines der technisch anspruchsvollsten Werke im zeitgenössischen Repertoire und eine aufregende Hörerfahrung.

Graham Wade
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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