About this Recording
8.572119 - SCHMIDT, F.: Symphony No. 3 / Chaconne (Malmo Symphony, Sinaisky)
English  German 

Franz Schmidt (1874–1939)
Symphonie Nr. 3 A-dur • Chaconne d-moll

 

Außerhalb seiner Heimat ist Franz Schmidt merkwürdigerweise nie recht bekannt worden, was zum Teil an seiner konservativen Haltung, dann aber auch an den Launen der Historie und dem musikalischen Fortschrittsdenken gelegen haben mag. Geboren wurde der österreichische Komponist am 22. Dezember 1874 im ungarischen Pozsony (Pressburg), das seit dem Ende des Ersten Weltkriegs unter dem Namen Bratislava zur Tschechoslowakei gehörte und heute die slowakische Hauptstadt ist. Der Vater war mütterlicherseits Ungar, wie Schmidt in seiner Autobiographischen Skizze angibt, seine Mutter hingegen „reinrassige Magyarin“, die von Franz Liszt unterrichtet worden war und ihrem kleinen, kaum sechsjährigen Sohn als „meine erste (und beste!) Lehrerin“ die frühen Klavierstunden gab.

Weitere Unterweisung erhielt der Knabe dann bei dem Volksschullehrer Rudolf Mader und anschließend bei dem früheren Kapellmeister und jetzigen Klavierlehrer Ludwig Burger. Den größten Nutzen brachte allerdings der Orgelund Harmonielehre-Unterricht bei Pater Felician, dem jungen Organisten des Franziskanerklosters von Pressburg. Nicht unwichtig war schließlich auch der Einfluss einer gewissen Helene von Bednarics, „einer kunstliebenden Dame“, in deren großem Haus eine Vielzahl kreativer Menschen verkehrte. Durch dieses ältere Fräulein lernte Franz Schmidt viele musikalische Werke und berühmte Musiker wie Anton Rubinstein und Hans von Bülow kennen. Auch wurde er in Wien dem Pianisten und Pädagogen Theodor Leschetizky vorgestellt, von dessen Unterricht und Verhalten er allerdings nicht angetan war.

Nachdem Vater Schmidt, ein Transportunternehmer, im Jahre 1888 aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten in Schwierigkeiten geraten war und aus Pressburg hatte weggehen müssen, stand Franz praktisch vor dem Nichts. Doch er kam als Hauslehrer zu einer wohlhabenden Familie nach Perchtoldsdorf bei Wien, womit er nicht nur aller materiellen Sorgen ledig war, sondern auch ermutigt wurde, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen. Im Herbst 1890 trat Franz Schmidt ins Wiener Konservatorium ein. Hier studierte er Violoncello bei Ferdinand Hellmesberger, einem Mitglied der großen Wiener Streicher-Dynastie; sein Kompositionslehrer war Robert Fuchs, bei dem auch Mahler, Sibelius, Wolf, Schreker und Zemlinsky lernten; und in der Klasse des bald darauf pensionierten Anton Bruckner befasste er sich mit den Zusammenhängen der Harmonik.

1896 legte der junge Musiker seine Reifeprüfung als Cellist ab, und am 1. Oktober des Jahres erhielt er eine Stelle im Wiener Hofopernorchester, womit er automatisch auch zu einem Wiener Philharmoniker wurde. Bald spielte er unter der Leitung von Hans Richter, Robert Fuchs und anderen Dirigenten. 1897 wurde Gustav Mahler Kapellmeister und Direktor der Wiener Oper, und bald saß Schmidt am Pult des Stimmführers, wo er auch der bevorzugte Cellist des neuen Mannes war, ohne dass er der Prinzipal der Gruppe gewesen wäre. Das führte zu einer fortwährenden Fehde mit dem Konzertmeister Arnold Rosé, die solche Kreise zog, dass Schmidt 1901 das Wohlwollen Mahlers verloren hatte und sich von seinem Wunsch, offizieller Erster Cellist zu werden, verabschieden konnte. Zehn Jahre lang spielte er fortan in den hinteren Reihen. Inzwischen etablierte er sich als Lehrer für Violoncello und Klavier, so dass er schließlich aus dem Orchesterdienst ausscheiden und sich mehr der Komposition widmen konnte: „Seit 1902 war ich am Conservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde angestellt. Die im Jahre 1910 erfolgte Verstaatlichung dieser Anstalt zur Akademie für Musik und darstellende Kunst sowie die 1912 erfolgte Umwandlung meiner Celloprofessur in eine Klavierprofessur an dieser Anstalt gestalteten meine materielle Position im Vergleiche zu früher um so vieles besser, dass dieser Schritt wohl gewagt werden durfte.“

Nunmehr machte Franz Schmidts Karriere weitere Fortschritte: Den größten Teil seiner Musik schrieb er, nachdem er die sogenannten „Galeerenjahre“ im Orchester hinter sich hatte. Auch war er seit 1920 Direktor der Staatsakademie, dann von 1927 bis 1931 Rektor der daraus entstandenen, kurzlebigen Fachhochschule und endlich Leiter der Musikhochschule. Sein Privatleben war von beinahe chronischem Unheil überschattet, das jedes dauerhafte Glück versagte. Nach mehreren mentalen Erkrankungen musste man seine erste Ehefrau 1919 in einer Anstalt unterbringen (wo sie Anfang der vierziger Jahre ein Opfer der Euthanasie-Erlasse wurde). Zwar ging er 1925 eine zweite Ehe mit einer früheren Klavierschülerin ein, doch dann verlor er 1932 seine inzwischen dreißigjährige Tochter Emma bei der Geburt ihres ersten Kindes, worauf er einen völligen Zusammenbruch erlitt. Infolge seines schlechten Gesundheitszustands legte Franz Schmidt 1937 seine Tätigkeit an der Musikhochschule nieder. Nur zwei Jahre später, am 11. Februar 1939, starb er.

Seine dritte Symphonie komponierte Franz Schmidt in den Jahren 1927/28, nachdem er von einem Wettbewerb der New Yorker Columbia Graphophone Company erfahren hatte, die zum 100. Todestag von Franz Schubert einen Preis auf die beste Fortsetzung der Unvollendeten bzw. auf die beste Symphonie aus dem Geiste des Komponisten ausgesetzt hatte. Am Ende entschied sich die Jury trotz mancherlei Bedenken für die sechste Symphonie des Schweden Kurt Atterberg, indessen Franz Schmidt mit dem österreichischen Länderpreis des Wettbewerbs bedacht wurde. Das Werk ist den Wiener Philharmonikern gewidmet und wurde von denselben am 2. Dezember 1928 unter Franz Schalk im Goldenen Saal des Musikvereins uraufgeführt. Im selben Konzert erklang als österreichische Premiere auch Atterbergs erstplazierte Symphonie.

Franz Schmidt setzte gemäß den Statuten des Wettbewerbs ein Orchester von Schubertschen Dimensionen ein: Je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotte sowie vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauken und ein großer Streicherapparat werden zur Wiedergabe benötigt. Der Kopfsatz beginnt mit einem lyrischen Hauptthema, das durchweg von einem inneren Stimmengeflecht vorangetrieben wird. Wenn es die Aufgabe war, den Geist Schuberts zu beschwören, so ist dieser Vorsatz gewiss gelungen, wie bereits das eher in As-dur anzusiedelnde Nebenthema und die weiteren harmonischen Wanderungen erkennen lassen, die nach der Wiederholung der Exposition im Laufe des Satzes in immer neue Regionen führen. Diesem dennoch mehr oder minder an der klassischen Sonatenform orientierten Allegro molto moderato folgt ein inniges Adagio in d-moll, dessen einfaches Thema in eine chromatisch geschärfte Umgebung eingebettet ist. In einer großen Steigerungskurve bewegt sich die Musik durch eine Folge verschiedener Variationen, deren Grenzen nicht immer genau definiert sind, die aber wieder in immer neuen harmonischen Auskleidungen weite tonale Räume durchschreiten und zumindest den Themenkopf stets deutlich erkennen lässen. Die wie in großen Atemzügen sich verdichtende und wieder entspannende Bewegung mündet schließlich in eine letzte, von triolischen Streichern begleitete Wiederholung des Hauptgedankens, der von Fern tatsächlich wie eine Hommage an den einhundert Jahre zuvor verstorbenen, vollendet-unvollendeten Kollegen anmutet.

Dass das nachfolgende A-dur-Scherzo auf den Spuren Anton Bruckners wandelt, ist schon in den ersten Takten offensichtlich, wird aber noch klarer, wenn Schmidt nach der Wiederholung des Anfangsabschnitts sein leicht ländlerhaftes Thema in einem Fugato fortsetzt, um es dann kantabel mit einer Gegenstimme zu überlagern. Der Mittelteil (molto più tranquillo), mithin das Trio des Satzes, steht in Fis-dur und gibt sich zwischendurch wie ein gemächliches Walzerecho, bevor das bewegtere Scherzo wörtlich wiederholt wird.

Eine breite, chromatisch-choralartige a-moll-Einleitung der höheren Holzbläser und zweier Hörner eröffnet zu einer leisen Pizzikato-Begleitung das Finale der Symphonie – wie ein bewegender Nachruf auf den, in dessen Namen das Werk geschrieben wurde. Nachdem einmal die Dominante E-dur erreicht ist, sprudelt das Allegro vivace dahin, dessen Hauptthema sich als eine Ableitung des voraufgegangenen Lento-Chorals zu erkennen gibt und Franz Schmidt wieder einmal als einen Meister der Variation vorstellt. In einer durchgehenden Sechsachtelbewegung treten immer neue Metamorphosen und Erfindungen hervor, die sich wie in einer Durchführung begegnen, ohne dass es im lyrischen Fluss des immer wieder nach Moll tendierenden Satzes zu großen dramatischen Ausbrüchen käme. Erst gegen Ende wendet sich das Finale nach A-dur, um die gesangliche Symphonie mit einer strahlenden Coda abzurunden.

Die monumentale Chaconne entstand 1925 als Orgelwerk. Sechs Jahre später bearbeitete Schmidt das Werk für Orchester, wobei er es von der Originaltonart cis- nach d-moll transponierte und einen großen Klangkörper einsetzte: Pikkolo, zwei Flöten und Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten und Bassklarinette, zwei Fagotte und Kontrafagott, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Basstuba, drei Pauken, drei Tamtams von verschiedener Höhe und ein großer Streicherapparat sind vorgeschrieben. Bei der Uraufführung am 29. Januar 1933 präsentierten die Wiener Philharmoniker unter Clemens Krauss ein bemerkenswertes Stück, das in einer streng fünftaktigen Anlage aufgebaut ist und das von den Celli exponierte Thema in vier Abschnitten durch die vier grundlegenden Kirchentonarten äolisch, lydisch, dorisch und jonisch schreiten lässt.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window