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8.572130 - HAYDN, J.: Symphonies, Vol. 34 (Nos. 62, 107, 108 / La vera costanza: Overture / Lo speziale: Overture) (Mallon)
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Joseph Haydn (1732–1809):
Symphonien Nr. 62 D-dur, Nr. 107 B-dur, Nr. 108 B-dur

 

Joseph Haydn wurde 1732 in dem burgenländischen Dorf Rohrau als Sohn eines Stellmachers geboren. Er erhielt seine musikalische Ausbildung in der Chorschule des Wiener Stephansdoms und verdiente sich anschließend seinen Lebensunterhalt mit Violin- und Klavierstunden bzw. als Geiger oder Klavierspieler. Der bereits bestehende Kontakt zu dem alten Komponisten Porpora kam ihm insofern zugute, als dieser ihn schließlich zu seinem Assistenten machte, bevor Haydn 1758 dann seine erste Stelle als Kapellmeister des böhmischen Grafen von Morzin antreten konnte, aus dessen Familie bereits ein Gönner von Antonio Vivaldi gekommen war. 1761 folgte die Anstellung als Vizekapellmeister bei einem der reichsten Männer des Kaiserreiches, Fürst Paul Anton Esterházy, dem nach seinem Tod im Jahre 1762 sein Bruder Fürst Nikolaus folgte. Wiederum vier Jahre später starb der alte, penetrante Kapellmeister Gregor Joseph Werner, der an der Berufsauffassung seines jungen, ungeliebten Stellvertreters immer wieder etwas auszusetzen gehabt hatte. Joseph Haydn übernahm das Amt seines Vorgängers und bekleidete dieses zumindest nominell bis zum Ende seines Lebens.

Als unter Fürst Nikolaus das grandiose Schloss Eszterháza in der ungarischen Puszta vollendet worden war, übernahm Joseph Haydn die Leitung einer noch größeren Einrichtung. Jetzt war er auch für die musikalischen Aktivitäten des Schlosses verantwortlich, und dazu gehörten die Bereitstellung und Leitung der Instrumentalmusik, die Oberaufsicht über die Oper und die Schauspielmusik sowie die geistliche Komposition. Seinem Dienstherrn schrieb er überdies eine Fülle verschiedenster Kammermusiken, in denen vor allem das Leibinstrument des Fürsten, das Baryton, eine wichtige Rolle spielte – ein Streichinstrument zwischen Cello und Gambe mit zusätzlichen Sympathiesaiten, die nicht nur einfach mitschwangen, sondern auch einzeln angezupft werden konnten.

Nach dem Tode des Fürsten Nikolaus im Jahre 1790 konnte Haydn eine Einladung aus London annehmen und für die von dem Geiger und Impresario Salomon organisierte Konzertsaison etliches an Musik liefern. Nach einem zweiten erfolgreichen Aufenthalt in London (1794/95) wandte er sich wieder seinen Pflichten bei den Esterházys zu, deren neues Familienoberhaupt sich zumeist auf dem Anwesen in Eisenstadt aufhielt, wo Haydns eigentliche Laufbahn begonnen hatte. Einen großen Teil des Jahres verbrachte man allerdings in Wien, wo Haydn im Jahre 1809 schließlich auch starb, indessen die Truppen des französischen Kaisers Napoleon erneut heranmarschierten.

Haydn erlebte jenen Teil des 18. Jahrhunderts, in dem sich die Instrumentalmusik von den älteren Vorbildern eines Bach oder Händel zu der klassischen Sonate hin entwickelte, deren dreiteiliger Hauptsatz nebst zwei oder drei weiteren Sätzen jetzt die Basis vieler Instrumentalwerke bildete. Die Symphonie wurde dabei ganz ohne Frage die bedeutendste Gattung der Orchestermusik, und sie verdankt einen Teil ihrer Entstehung, wenn nicht gar ihre Vaterschaft, dem Wirken von Joseph Haydn, der sich kurz vor 1759 erstmals auf diesem Gebiet versuchte und seine letzte Londoner Symphonie in der letzten Dekade des 18. Jahrhunderts komponierte.

Die Symphonie Nr. 62 D-dur dürfte Joseph Haydn um 1780, mithin zu einer Zeit geschrieben haben, als die theatralischen Aktivitäten auf Schloss Eszterháza längst zu seinen Obliegenheiten gehörten. Diese Tatsache spiegelt sich auch in seinem damaligen Orchesterschaffen, beispielsweise in dem hier vorliegenden Werk, dessen erster Satz auf eine Ouvertüre zurückgeht, die zuvor schon als alternatives Finale der Symphonie Nr. 53 fungiert hatte. Hier gibt es nun eine zusätzliche Flötenstimme, die in der ursprünglichen Ouvertüre fehlte. Außerdem verlangt die Symphonie je zwei Oboen, Fagotte und Hörner nebst den gewohnten Streichern, die das zweite Thema des sonatenförmigen Allegro-Kopfsatzes exponieren. Die Durchführung endet mit einer modulierenden Variante des Anfangsmotivs, worauf die Reprise den ursprünglichen Gedanken im regelgerechten D-dur wiederholt. Das nachfolgende Allegretto steht ungewöhnlicherweise in derselben Tonart wie der Kopfsatz. Es beginnt mit sordinierten Streichern, und bald wird die erste Violine von der Flöte verdoppelt. Wunderliche dynamische Wirkungen und eine Passage in F-dur gehen der Rückkehr zur Ausgangstonart vorauf. Das Menuett hat ein Trio in G-dur, in dem das Fagott eine signifikante Rolle spielt – nicht zuletzt, indem es die Violinen verdoppelt. Das Finale beginnt mit aufsteigenden Dreiklangsbrechungen und enthält ein zweites Thema, das durch seine umgekehrten Punktierungen (kurzlang), die sogenannten Lombardismen oder scotch-snaps, charakterisiert ist. Dieser Rhythmus spielt in der Durchführung eine wichtige Rolle und erscheint dann auch in der Reprise wieder, nachdem das erste Thema mit einigen kontrapunktischen Andeutungen wieder aufgegriffen worden war.

Die beiden Symphonien Hob. I: 107 und Hob. I: 108 sind nach der Bezeichnung von Eusebius Mandyczewski auch als Symphonie „A“ und Symphonie „B“ bekannt. Haydn schrieb sie Ende der 1750er Jahre auf Schloss Lukavec für Graf Morzin, seinen ersten wichtigen Dienstherrn. Beide sind mit je zwei Oboen und Hörnern nebst Streichern und Continuo- Cembalo besetzt, wobei die Basslinie möglicherweise durch ein Fagott verdoppelt wurde, das in der zweiten dieser Symphonien seine solistischen Sternstunden erlebt. Die Symphonie „A“ wurde später in Frankreich zusammen mit Haydns Quartetten op. 1 publiziert, indem man auf die Bläserstimmen verzichtete. Zwei kontrastierende Themen werden in der üblichen Form präsentiert, dann folgt eine Durchführung, die mit dem aufsteigenden Arpeggio des ersten Themas beginnt. Der zweite Satz in Es-dur ist für Streicher allein komponiert; sein Hauptthema umrahmt einen kontrastierenden Mittelteil. Der letzte der drei Sätze bildet eine dreiteilige Sonatenform.

Auch die Symphonie „B“ erschien in der Pariser Ausgabe der frühen Haydn-Streichquartette. Dem recht kurzen, sonatenförmigen Allegro-Kopfsatz folgt ein Menuetto, in dem Oboen und Hörner einen vergnüglichen Dialog mit den Streichern führen. Das Fagott hat im Es-dur-Trio seinen eigenen Beitrag zu spielen, indessen die anderen Bläser schweigen. Das dreiteilige Andante für Streicher wird anschließend von dem Presto-Finale in Sonatenform gekrönt.

Im Zuge seiner theatralischen Verantwortung hatte Haydn nicht nur Schauspielmusiken, sondern auch Opern zu komponieren. 1782 veröffentlichte Artaria zum Preise von je fünf Dukaten Sei Sinfonie a gran orchestra opera XXXXV, mithin sechs Ouvertüren, die aus fünf älteren Opern und dem Oratorium Il ritorno di Tobia stammten. Unter anderem gab es die Ouvertüre zu der Oper Lo Speziale (Der Apotheker), die im September 1768 bei der Eröffnung des neuen Theaters von Eszterháza uraufgeführt worden war. Die Bearbeitung des Librettos könnte der Tenor und Theatermann Karl Frieberth vorgenommen haben, der auch die Titelrolle sang. Dabei wurde gegenüber dem Originalstück von Goldoni auf alle Personen bis auf das Quartett der Komödie verzichtet, so dass nunmehr auftreten: Sempronio, der Apotheker; sein Lehrling Mengone, der des Apothekers Adoptivtochter Grilletta liebt; eben diese; und endlich der abgewiesene Verehrer Volpino. Im dritten Akt, von dem nur ein kleiner Teil erhalten ist, gibt es eine pseudo-türkische Episode, in der sich Volpino zum Wohlgefallen Sempronios als geeigneter Bräutigam präsentiert. Am Ende kommt freilich, wie sich’s gehört, das junge Liebespaar Mengone-Grilletta zusammen.

In den Sei Sinfonie von 1782 ist auch die Ouvertüre zu La Vera Costanza enthalten. Diese Oper wurde 1779 auf Eszterháza uraufgeführt und 1785 wieder auf die Bühne gebracht. Dazu musste Haydn das Werk weitgehend aus dem Gedächtnis rekonstruieren, da das ursprüngliche Aufführungsmaterial Ende 1779 bei dem verheerenden Feuer im Theater des Schlosses vernichtet worden war. Die Ouvertüre war allerdings schon bei Artaria erschienen, und zwar zusammen mit Ballettmusik aus der Oper Il mondo della luna sowie weiterem Material aus der ersten Szene der Vera costanza, das nunmehr die Sätze III und V einer fünfsätzigen Symphonie bildete. Das Libretto von Francesco Puttini, das Pasquale Anfossi schon 1776 vertont hatte, beschreibt die Versuche der Baronin Irene, die Heiratsabsichten ihres Neffen Graf Errico und des Fischermädchens Rosina zu hintertreiben, wobei sie nicht weiß, dass diese bereits heimlich miteinander vermählt sind. Die wahre Treue der jungen Ehefrau ist es denn auch, die im Laufe des Dramas auf die Probe gestellt wird.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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