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8.572173 - REGER, M.: Clarinet Sonatas, Opp. 49 and 107 (J. Hilton, J. Fichert)
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Max Reger (1873-1916)
Klarinettensonaten

 

Das Jahr 1900 war ein ausgesprochen produktives für den siebenundzwanzigjährigen Max Reger, kurz vor dem durch den jungen Komponisten initiierten Umzug der Familie in die Metropole München. In Weiden schuf Reger in diesem Jahr eine Fülle an Werken, darunter die berühmte Phantasie und Fuge über BACH op. 46 sowie die drei Choralphantasien op. 52 für Orgel ebenso wie Lieder op. 48 und 51, Klavierstücke op. 45 und 53, das Streichquartett g-Moll op. 54 Nr. 1, die beiden Romanzen op. 50 für Violine und kleines Orchester sowie verschiedene Volkslied- und Madrigalbearbeitungen. Auch wenn ihm die kleinstädtische oberpfälzische Enge mehr und mehr zu schaffen machte, seiner Kreativität gereichte die Tatsache, dass er sich durch kaum etwas vom Komponieren ablenken lassen konnte, nur zum Vorteil. Die beiden Klarinettensonaten op. 49 entstanden im Frühjahr 1900, als Reaktion auf Johannes Brahms’ Klarinettensonate f- Moll op. 120 Nr. 1, das Regers ehemaliger Lehrer Adalbert Lindner mit dem vorzüglichen Klarinettisten Johann Kürmeyer, seines Zeichens städtischer Kapellmeister, zur privaten Freude spielte. „Während des Spieles“, so berichtet Lindner, „trat Reger ins Zimmer, hörte uns zu und sagte, nachdem wir geendet: ‚Schön, werde ich auch zwei solche Dinger schreiben!‘ Nach ungefähr drei Wochen schon hatte er sein Wort eingelöst“. Ähnlich wie Brahms, dessen zweite Sonate in Es-Dur steht, schuf Reger mit seinem Doppelopus 49 Sonaten in As-Dur und fis-Moll. Anders als Brahms jedoch, der mit der zweiten Sonate ein dreisätziges Werk vorgelegt hatte, bleibt Reger in beiden Sonaten (und auch in der späteren B-Dur-Sonate op. 107) der in Brahms’ f-Moll-Sonate vorgebildeten Viersätzigkeit mit eröffnendem Sonatenhauptsatz, Scherzo mit Sostenuto- Trio, ausdrucksvollem langsamem Satz und abschließendem Sonatenhauptsatz treu. Dabei entwickelt er freilich innerhalb dieser traditionellen Schemata durchaus eigenständige Modelle sowohl melodisch-thematischer Formgestaltung als auch harmonischer Progression bzw. Modulation; auch die expressive Dynamik und intrikate Phrasierung weisen Reger als durchaus bereits dem 20. Jahrhundert zugehörig aus.

Nach Fertigstellung der Sonaten erprobte Reger diese erst in privatem Kreis. „Kürmeyer, der seinen Part im voraus gewissenhaft durchstudiert hatte, entledigte sich seiner nicht leichten Aufgabe in bester Weise und zur vollen Zufriedenheit des Meisters. Und so kam es, daß vor allem der kritische Vater […] von einem jeden Satz hochbefriedigt war.“ Die beiden Ecksätze wurden wegen ihrer schwereren Verständlichkeit und versteckten Schönheiten sogleich mehrmals wiederholt. „Am meisten entzückt“, so Lindner, „waren wir aber alle besonders von dem eingänglichen anmutvollen zweiten Satze mit seiner wunderlieblichen Sostenuto episode, die dreimal leise anklingt an das traute Volkslied: ‚Ach, wie ist’s möglich dann‘, und von dem weltabgewandten, verträumten Larghetto, dessen Mittelsatz bei Più mosso assai (b-moll) freilich ein gar zorniges, aber rasch verfliegendes Erwachen zeigt. Mit diesem sehnsuchtsvollen Gebilde hatte sich sein Schöpfer in aller Herzen gesungen. Der letzte Satz (Asdur 6/4, Prestissimo assai) atmet wieder gesunden, ja fast ausgelassensten Humor“. Formal wie musikalisch gelang Reger mit der zweiten Sonate ein ebenbürtiges, im Gegensatz zur eher übermütigen ersten Sonate, eher melancholisch-elegant introvertiertes Gegenstück, das seinem Pendant aber in der Wirkung in nichts nachsteht. Während die erste Sonate ein Jahr nach Komposition gedruckt vorlag und am 18. April 1902 durch Karl Wagner und Reger im Museumssaal im Münchner Palais Portia uraufgeführt wurde (der gefürchtete Kritiker Rudolf Louis zählte den langsamen Satz „zu dem Besten, was Reger geschrieben hat“), blieb die zweite Sonate, die Reger dem Uraufführungsinterpreten seiner ersten Sonate widmete, lange ungedruckt liegen und erschien vermutlich erst Anfang 1904; die Uraufführung erfolgte am 29. April 1904 im Münchner Kaimsaal mit Anton Walch und abermals Reger am Klavier; einen Tag zuvor war das Streichquartett A-Dur op. 54 Nr. 2 aus der Taufe gehoben worden.

Die B-Dur-Sonate op. 107 entstand im Winter 1908/9 in Leipzig, kurz nach Vollendung des Symphonischen Prologs zu einer Tragödie op. 108 für Orchester. Henri Hinrichsen gegenüber bezeichnete Reger, mittlerweile renommierter Kompositionsprofessor des Königlichen Konservatoriums und erfolgreicher Komponist und Interpret, die Sonate als „ein gar lichtes, freundliches Werk, gar nicht lang, damit der Klangcharakter des Blasinstrumentes nicht ermüdet!“ Schon vor Fertigstellung der Komposition hatte er die Uraufführung festgemacht und bat um Verzögerung der Veröffentlichung bis nach dieser, um noch gegebenenfalls erforderliche Korrekturen vornehmen zu können. Am 3. Juni 1909, sechs Tage vor der Uraufführung, spielte Reger, wie er seinen Verlegern Bote & Bock mitteilte, „die Klarinettensonate mit einer sehr guten Geigerin [möglicherweise Pálma von Pászthory] als Sonate für Violine u. Pianoforte […]! Wenn da die Herren Recensenten wieder behaupten, ‚es wäre unverständlich‘—dann sind diese Herren eben Hornochsen 1. Güte. Das Werk klingt sehr gut, ist intime Kammermusik u. ein Zusammenspiel absolut nicht schwer.

Das Werk widmete Reger Ernst Ludwig Großherzog von Hessen und bei Rhein, bei dessen erstem Darmstädter Kammermusikfest 1908 Regers Klaviertrio e-Moll op. 102 seine umjubelte zweite Aufführung erlebt hatte. Der Regers Musik äußerst aufgeschlossene Großherzog, auch sonst ein großer Förderer der Künste, verlieh Reger bei dieser Gelegenheit die Silberne Medaille für Kunst und Wissenschaft. Im Folgejahr fand in Anwesenheit des Großherzogs am 9. Juni anlässlich des 2. Darmstädter Kammermusikfestes durch Julius Winkler und Max Reger die Uraufführung der Klarinettensonate op. 107 statt. Reger berichtete seinen Verlegern gegenüber: „[…] das Publikum tobte, wollte gar nicht den Saal verlassen, u. als der Grossherzog ans Podium trat, mir dankte und kräftig die Hand schüttelte, da war der Jubel erst recht gross! Kurzum: Reger hat alles geschlagen, selbst Saint Saëns, dem der 2. Abend ganz gewidmet war, fiel bedeutend ab.“ Schon kurze Zeit später wurden auch Regers Alternativfassungen der Sonate mit Violine bzw. Viola aus der Taufe gehoben, die alle in gleichem Maße erfolgreich und bei den Interpreten beliebt waren. Abermals folgt Reger dem in den Sonaten op. 49 genutzten Formschema, doch hat sich naturgemäß seine Musiksprache in den achteinhalb Jahren seit 1900 deutlich weiterentwickelt. Die Sonate knüpft stilistisch unmittelbar an die beiden früheren Sonaten an, doch ist ihre Stimmung gelöster und spiegelt möglicherweise gar auch das häusliche Glück Regers: Im Oktober 1908 hatten Max und Elsa Reger die mittlerweile dreijährige Christa adoptiert und im November oder Dezember zudem die anderthalbjährige Lotti ins Haus genommen (die Adoption folgte im März 1910). Die Kritik verspürte in der Sonate „eine Rückkehr zur klassischen Einfachheit, sowohl was die Form als auch den Inhalt betrifft“ und bezeichnete sie als „ein tiefempfundenes, klangschönes Tonidyll.“ Das elegant-graziöse Schlussscherzo schließt eine in größeren Bogen angelegte und hierdurch im Vergleich zu früheren Werken weniger desintegrativ wirkende Komposition voller Charme und feinem Humor. Jürgen Schaarwächter


Jürgen Schaarwächter


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