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8.572213 - HINDEMITH, P.: Quartet for Clarinet and Piano Trio / Clarinet Sonata / 3 Leichte Stucke / Clarinet Quintet (Spectrum Concerts Berlin)
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Paul Hindemith (1895–1963)
Klarinettenquintett • Klarinettenquartett • Klarinettensonata • Drei leichten Stücke

 

Paul Hindemith hat für das Musikleben in Deutschland, besonders in Berlin, Entscheidendes geleistet—als Komponist, als Interpret und als Pädagoge. Seit 1927 unterrichtete er an der Berliner Musikhochschule, die damals international hoch geschätzt wurde. Er unterwies seine Studenten in der Kompositionslehre, übernahm daneben aber auch die Leitung der neu gegründeten und funkversuchsstelle. Diese beschäftigte sich einerseits mit den Heraus-forderungen und Chancen, die Radio und Tonfilm für Komponisten boten, andererseits mit der Neuentwicklung elektronischer Instrumente. Zusätzlich zu seinen Aufgaben an der Hochschule aber gab Hindemith noch regelmäßig Stunden an der Musikschule im damaligen Arbeiterbezirk Neukölln. Er unterstrich damit, dass für ihn die musikalische Spitzenförderung, die Grundlagen- und die Breitenarbeit zusammengehörten.

Ab April 1933 wurden erst seine Werke, dann er selbst zunehmend von den Nationalsozialisten angegriffen. Wilhelm Furtwängler, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, verteidigte Hindemith, setzte sich für ihn ein und leitete die Uraufführung der Symphonie Mathis der Maler. Die NS-Behörden ließen sich durch Furtwänglers Fürsprache nicht um-stimmen. Hindemith wurde zunächst von seinen Aufgaben an der Hochschule freigestellt mit dem offiziellen Auftrag, in der türkischen Hauptstadt Ankara den Aufbau einer Musik-hochschule nach deutschem Vorbild anzuleiten. Bis 1937 dauerte diese Mission, für die der Komponist jährlich mehrere Monate in der Türkei zubrachte. Im März 1937 kündigte Hindemith seine Hochschulstelle zum Ende des Sommersemesters. Er reiste danach mehr-fach in die USA, nahm Wohnsitz in der Schweiz, ehe er sich 1940 endgültig zur Emigration in die Vereinigten Staaten entschloss.

Die Zeit, die nun nicht mehr durch pädagogische oder kulturpolitische Verpflichtungen gefüllt war, nutzte der Hindemith zu Konzert- und Sondierungsreisen, zum Komponieren und zur Niederschrift seines musiktheoretischen Hauptwerks, der Unterweisung im Tonsatz. Hand in Hand ging damit eine kompositorische Neuorientierung, eine Revision und Vereinfachung seines Stils. Die Klarinettensonata und das Klavierquartett stammen aus dieser jenen Jahren des Überdenkens zwischen seiner Berliner und seiner amerikanischen Zeit. Hindemith nahm sich damals vor, für alle Instrumente des Orchesters eine Sonate mit Klavierbegleitung zu komponieren. In der überlieferten Musik gab es zwar Sonaten für Streichinstrumente, aber kaum solche für Bläser mit Klavierbegleitung. Dem Mangel wollte Hindemith abhelfen. Alle diese Sonaten sind aus dem Melodieinstrument und seinen Möglichkeiten heraus erfunden. Mit jeder verfolgte er zugleich auch ein eigenes Form-konzept. Die Klarinette kommt in ihrer besonderen Art der Virtuosität, den Farbnuancen ihrer verschiedenen Lagen, in ihren brillanten wie in ihren quasi singenden Fähigkeiten zur Geltung. Das Klavier ist ihr gleichwertiger Partner—mit allen Schattierungen zwischen Dialog und gespannter Auseinandersetzung. Der erste und der dritte, langsame Satz, sind in Zeitdauer und Gedankenfülle am weitsten ausgebaut. Der zweite wirkt dagegen wie eine kapriziöse Nachbemerkung zum ersten; den vierten gestaltete Hindemith als musikantischen Kehraus, der sich leise, mit dezentem Humor verabschiedet.

Die Formanlage des Quartetts, das Hindemith 1938 komponierte, verfolgt ein anderes Konzept. Ihrer Zeitdauer nach weiten sich die Sätze. Keiner von ihnen erhielt ein ausgesprochen schnelles Grundtempo, nur eine Episode im Finale deutet eine rasche, leichte Gangart an. Den ersten Satz komponierte Hindemith während der Rückfahrt von einer USA-Reise nach Europa, den zweiten Satz vollendete er unmittelbar danach in der Schweiz. Danach unterbrach er die Arbeit am Quartett für einige Zeit, um die Uraufführung seiner Oper Mathis der Maler in Zürich mit vorbereiten zu können. Nach der Premiere, am 15. Juni 1938, schloss er die Komposition des Quartetts dann ab. Die Uraufführung des Werkes fand am 23. April 1939 in New York statt. Es spielten vor allem Musiker des Orchesters, zu dem Hindemith auch während seiner amerikanischen Jahre den engsten Kontakt hielt: des Boston Symphony Orchestra.

Nach dem zweiten Weltkrieg blieb Hindemith noch einige Zeit in den USA und lehrte dort an der Yale University. 1949 wurde ihm eine Kompositionsprofessur in Zürich angeboten. Er nahm sie an und teilte zunächst seine Arbeitszeit zwischen New Haven und der Schweiz. 1953 ließ er sich endgültig in der Nähe des Genfer Sees nieder; seine Lehrtätigkeit gab er 1957 ganz auf und konzentrierte sich auf Dirigieren und Komponieren. Neben der Arbeit an neuen Werken unterzog er auch Arbeiten aus den Zwanzigerjahren zum Teil einer grund-legenden Revision. An großen Werken betraf dies vor allem die Oper Cardillac, in der Kammermusik auch sein Klarinettenquintett op. 30, das er 1923 geschrieben hatte. Er hatte es seinerzeit nicht veröffentlicht. Das Manuskript hatte er mit anderen Werken jener Jahre in der Schweiz deponiert und nicht in die USA mitgenommen. Das Klarinettenquintett gestaltete er so gut wie neu. Es blieben die Charaktere der Sätze, die wesentlichen Themen und Motive, auch das humorvolle bis ironische Spiel mit der musikalischen Umgangssprache. Doch der Habitus des Ganzen wurde „klassischer“. In dieser Version gab Hindemith das alt-neue Werk 1955 in Druck.

Die Drei leichten Stücke für Violoncello und Klavier komponierte Paul Hindemith 1938, in dem Jahr, in dem er sich entschloss, Deutschland zu verlassen und zunächst die Schweiz als Exilland zu wählen. Sie gehören zu der stolzen Reihe von Werken, die Hindemith für den Gebrauch im Musikunterricht schrieb. Ähnlich wie Béla Bartók maß er dieser Seite seiner kreativen Tätigkeit große Bedeutung bei. Wie anders als durch pädagogische Kompositionen sollten lernende Musikliebhaber aktiv an die Kunst ihrer Gegenwart herangeführt werden? Dass er die technischen Schwierigkeiten beschränkte und auf bestimmte Problemstellungen konzentrierte, bedeutete nicht zugleich eine Reduktion der künstlerischen Ansprüche.

Hindemith hielt nichts davon, dass man sich mit trockenen Übungen die nötige Fingerfertigkeit erwerbe, die man danach auf gehaltvolle Musik anwende. Das Manuelle und das Geistige in der Musik gehörten für ihn zusammen, beides sollte auch in der Einheit entwickelt werden. So handelt es sich bei den ›Drei leichten Stücken‹ um Vortragswerke, um Charakterstücke, bei denen sich die Meisterschaft des Komponisten nach Goethes Wort in der Beschränkung zeigt.


Habakuk Traber


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