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8.572217 - BACH, J.C.F.: Symphonies, W. I/6, 10, 20 (Leipzig Chamber Orchestra, Schuldt-Jensen)
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Johann Christoph Friedrich Bach (1732–1795)
Symphonien HW I/6, I/10 und I/20

 

Johann Christoph Friedrich Bach kam am 21. Juni 1732 als neuntes Kind von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach zur Welt und überlebte als zweiter männlicher Spross aus dieser zweiten Ehe des Leipziger Thomaskantors die früheste Kindheit. Der Vater, der seit neun Jahren in Leipzig wirkte, erteilte auch diesem Sohne den ersten Unterricht. Als Johann Christoph Friedrich die Gymnasialausbildung abgeschlossen hatte, schrieb er sich offenbar als Student der Rechte an der Universität seiner Heimatstadt ein. Im Jahre 1750, möglicherweise durch den schlechten Gesundheitszustand des Vaters bedingt, nutzte er die Gelegenheit, für ein Salär von 200 Talern als Kammercembalist des Grafen Wilhelm zu Schaumburg- Lippe nach Bückeburg zu gehen. (Es ist denkbar, dass ihm sein Halbbruder Carl Philipp Emanuel mit zu diesem Amte verholfen hatte, da dieser als Cembalist des preußischen Kronprinzen und Königs Friedrich wirkte und den Bückeburger Grafen, dem er verschiedene Werke widmete, auch persönlich kannte.) Im Jahre 1755 heiratete er Lucia Elisabeth Münchhausen, die Tochter des Hoforganisten Ludolf Münchhausen, die ihrerseits bei Hofe als Sängerin in Diensten stand. Wie nun 1756 sowohl der Konzertmeister Angelo Colona als auch der Kapellmeister Giambattista Serini ihre bisherige Wirkungsstätte verließen, übernahm Johann Christoph Friedrich die Aufgaben der beiden Italiener, was ihm unter anderem eine Verdopplung der Bezüge eintrug. Den Winter 1757/58 verbrachte das Ehepaar mitsamt dem Dienstherrn auf dessen Landsitz in Niensteden, da die Franzosen im Zuge des Siebenjährigen Krieges vorübergehend in Bückeburg Einzug gehalten hatten. 1759 wurde Johann Christoph Friedrichs einziger Sohn Wilhelm Friedrich Ernst geboren, der später als Hofcembalist der Preußenkönigin Luise in Berlin wirkte und dort als letzter Vertreter der Musikerdynastie Bach bis zu seinem Tode im Jahre 1845 lebte.

Die musikalischen Vorlieben des Grafen Wilhelm lagen insbesondere bei der italienischen Vokal- und Kammermusik. Man vermutet, dass er selbst die Flöte gespielt haben könnte. 1765 ehelichte er Marie Barbara Eleonore zur Lippe-Biesterfeld, die sich für die Aufführung evangelischer Kirchenmusik einsetzte. 1771 wurde Johann Gottfried Herder als Hofprediger verpflichtet, und dieser schloss nicht allein Freundschaft mit dem dortigen Bach, sondern arbeitete mit ihm auch auf dem Gebiete der geistlichen Kantate und des Oratoriums nutzbringend zusammen. Dass Herder fünf Jahre später durch Goethes Vermittlung als Generalsuperintendent nach Weimar ging, änderte nichts an dem dauerhaften Einfluss, den er als Anhänger der deutschen Aufklärung und des Sturm und Drang sowie durch seine Untersuchungen über das Verhältnis von Sprache und Musik hinterlassen hatte.

Im Jahre 1776 verstarb Gräfin Marie Barbara, der 1777 ihr Gemahl ins Grab folgte. Sein Nachfolger Graf Philipp Ernst reduzierte die Hofmusik, ohne dass er das Gehalt seines Kapellmeisters angegriffen hätte. Dieser durfte im Mai 1778 einen dreimonatigen Urlaub nehmen, den er dazu nutzte, mit seinem Sohn Wilhelm Friedrich Ernst den drei Jahre jüngeren Bruder Johann Christian in London zu besuchen. Hier kam er mit den aktuellen musikalischen Trends in Berührung, für die nicht zuletzt der Name seines Bruders stand, und als er wieder in die Heimat reiste, war er entschlossen, sich die mannigfachen Einflüsse des neuesten Stils nutzbar zu machen (wobei wohl auch das neue englische Fortepiano geholfen haben dürfte, das er an der Themse erworben hatte).

Graf Philipp Ernst ehelichte 1780 die kunstinteressierte Prinzessin Juliane zu Hessen-Philippsthal, die nach dem Tode ihres Gatten im Jahre 1787 das Bückeburger Regiment übernahm. Ein großer Teil der musikalischen Ereignisse gingen auf die Begeisterung und die Vorlieben Ihrer Erlauchtigsten Hoheit zurück. Bach stand bei der Prinzessin in hohem Ansehen und musste ihr täglichen Klavierunterricht geben—bis ihm schließlich in seinen letzten Lebensjahren größerer Verdruss entstand, und zwar in Gestalt des jungen böhmischen Musikers Franz Christoph Neubauer, der in Weilburg als Kapellmeister gearbeitet hatte, bis die dortige Kapelle aufgelöst wurde. Nunmehr erhielt er eine Anstellung am Bückeburger Hoforchester, wo sein übermäßiger Ehrgeiz ein fortwährender Stachel für Johann Christoph Friedrich war. Dieser starb am 26. Januar 1795, und alsbald wurde Neubauer zu seinem Nachfolger ernannt. Doch viel Zeit sollte auch ihm nicht mehr bleiben: Die Folgen der Trunksucht machten dem Leben des 35-jährigen schon am 11. Dezember desselben Jahres ein Ende.

Der „Bückeburger Bach“ hinterließ um die zwanzig Symphonien und etwa anderthalb Dutzend Konzerte für verschiedene Soloinstrumente. Dazu kamen Kammermusiken und Klavierwerke sowie etliches an Vokalwerken, worunter neben geistlichen Kantaten auch solche weltlichen Inhalts stehen. In diesen vertonte Bach unter anderem Texte von Metastasio, während die dramatischen Werke Brutus und Philoktetes im Zusammenwirken mit Herder entstanden und Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, Herders Korrespondent, das Libretto zu einer weiteren Oper namens Ariadne auf Naxoslieferte. Der deutsche Musikwissenschaftler Georg Schünemann (1884–1945) veröffentlichte 1917 ein Thematisches Verzeichnis der Werke von Johann Christoph Friedemann Bach (Denkmäler deutscher Tonkunst, Band LVI), in dem er die Incipits aller vierzehn Symphonien abdruckte, die ihm damals bekannt waren. Danach nannte Hannsdieter Wohlfarth in seinem definitiven Neuen Verzeichnis sechs weitere Symphonien, die mittlerweile entdeckt worden waren. Ewald V. Nolte konnte in seinem Catalog and Thematic Index: The Sinfonias by J.C.F. Bach eine Liste sowie die Incipits der zwanzig bekannten Symphonien liefern und publizierte überdies die Partituren der acht Symphonien, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges überlebt hatten¹.

Im Vorwort zu seiner Ausgabe der vorliegenden Werke kommt er unter anderem auf die Umstände zu sprechen, unter denen die Kompositionen entstanden. Demnach schrieb der Bückeburger Bach seine ersten zehn Symphonien im ungefähren Zeitraum zwischen 1765 und 1772, worauf noch einmal zehn Stücke folgten, als Bach zwischen 1792 und 1794 seine Position durch die Aktivitäten Neubauers gefährdet sah. Die jeweilige Entstehungszeit spiegelt sich in der Musik, der man in gewissem Maße auch anhören kann, welchen Geschmack Bachs jeweilige Dienstherren präferierten.

Die Sinfonia C-dur HW I/6 ist in einem auf 1770 datierten, autographen Stimmensatz erhalten und wird von Nolte als ein späteres Werk aus der ersten Gruppe bezeichnet. Zur Aufführung werden je zwei Hörner und Flöten sowie Streicher und Continuo verlangt. Die Musik entspricht dem aktuellen Orchesterstil, und die Form orientiert sich an der italienischen sinfonia, wobei allerdings der zweite und dritte Satz umfangreicher angelegt sind. Der energische Kopfsatz endet mit einer kurzen Übergangspassage, die zu einem Andante in Gdur führt, in dem die Hörner pausieren. Den Abschluss bildet ein Allegro assai im 3/8-Takt, das ein Trio in cmoll für Streicher und Continuo enthält.

Die Sinfonia Es-dur HW I/10 verlangt neben Streichern und Continuo je zwei Hörner und Oboen. Gemäß Nolte entstand das Stück zwischen 1770 und 1772, womit es also ebenfalls in die Zeit der ersten Gruppe gehört. Den Auftakt bildet ein sonatenförmiges Allegro, das den Bläsern einige Selbständigkeit zubilligt. Der langsame Satz in c-moll für Streicher und Continuo verrät den Geist der Zeit und spielt besonders mit den Möglichkeiten der kontrastierenden Dynamik. Das abschließende, wiederum sonatenförmige Allegro assai kehrt in die Ausgangstonart zurück und lässt auch die Bläser wieder zu Worte kommen.

Die Sinfonia B-dur HW I/20 ist die einzige erhaltene Komposition aus der zweiten symphonischen Gruppe. In ihr hört man etwas von den Veränderungen, die die Gattung inzwischen durchgemacht hat. Mozart und vor allem Bachs Altersgenosse Joseph Haydn, dessen Symphonien man in Bückeburg kannte, haben ihre Spuren hinterlassen. Die viersätzige B-dur-Symphonie ist für zwei Hörner, Flöte, Fagott, zwei Klarinetten und Streicher geschrieben. Der Kopfsatz beginnt mit einer langsamen Einleitung, die zu einem sonatenförmigen Allegro führt. Das anschließende Rondo in Es-dur (Andante con moto) verlangt die Beteiligung der Blasinstrumente, die sich auch im Menuett mit Trio ihrer neuen Selbständigkeit freuen können. Ein zweites Rondo, dieses Mal im fröhlichen Allegretto scherzando, beendet das Werk, mit dem Bach seine symphonischen Leistungen krönte.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Recent Researches in the Music of the Classical Era, Vol. XV: Johann Christoph Friedrich Bach: Four Early Sinfonias, ed. Ewald V. Nolte and Recent Researches in the Music of the Classical Era, Vol. XXVII: Johann Christoph Friedrich Bach: Four Late Sinfonias, ed. Ewald V. Nolte. A–R Editions, Inc. Madison, 1982 and 1988.


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