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8.572241 - LISZT, F.: Bellini Operas (Liszt Complete Piano Music, Vol. 31)
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Franz Liszt (1811–1886)
Reminiszenzen, Fantasien und Hexameron nach Bellini

 

Wie erfinderisch und kräftig taucht er die melodischen Blüthen Rossini’s, Bellinis, Donizetti’s und Mercadante’s in die wogenden Fluten seiner Töne, um sie bald mit der himmlischen Anmuth Aphroditens, bald mit dem neckenden Muthwillen plätschernder Najaden, bald mit dem erhabenen Ernste des meergebietenden Gottes, daraus wieder hervorgehen zu lassen, in immer neue Reize gehüllt!
– Carlo, Wiener Zeitschrift für Kunst, 7.12.1839

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven, bei der dieser trotz seiner völligen Ertaubung dem Spiel des Knaben Beifall gezollt und ihm den sogenannten Weihekuss auf die Stirn gedrückt haben soll. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Conservatoire; gleichwohl konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolo Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen—darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Opern-Transkriptionen, -Arrangements, -Paraphrasen und -Fantasien waren einem Virtuosen unverzichtbar. Liszt leistete auf diesem Gebiet großartiges, wobei er das thematische Material oft auf neuartige Weise behandelte und so neue Elemente desselben freilegte. Seine pianistischen Ausflüge ins Opernhaus zeitigten rund vierzig Werke, wobei sich den früheren Bearbeitungen nach Meyerbeer, Bellini und Donizetti späterhin auch solche von Verdi und Wagner hinzugesellten.

Vincenzo Bellini wurde 1801 in Catania geboren. Sowohl der Vater wie der Großvater waren Musiker, und er selbst wurde in Neapel ausgebildet, wo er 1825 und 1826 seine ersten Erfolge feiern konnte. Ein Auftrag der Mailänder Scala und die anschließenden Triumphe an fast allen großen Häusern Italiens führten schließlich nach London und nach Paris, wo er die letzten zwei Jahre seines kurzen Lebens verbrachte und an Berühmtheit nur noch von Rossini übertroffen wurde. Hier, in der Seinemetropole, pflegte er Umgang mit führenden Persönlichkeiten der französischen Gesellschaft. Dazu gehörte die „revolutionäre“ Prinzessin Belgiojoso, die die nationalen Bestrebungen der Italiener glühend unterstützte. Sie lebte seit Anfang der dreißiger Jahre in Paris und war der Mittelpunkt eines Zirkels, in dem sich neben ihren angeblichen Geliebten LaFayette und Heine auch George Sand, Alfred de Musset und Franz Liszt bewegten. Vincenzo Bellini scheint sich freilich lieber in dem Haus aufgehalten zu haben, das ihm Solomon Levy in Puteaux vor den Toren der Hauptstadt zur Verfügung gestellt hatte: Heinrich Heine hat ein satirisches Bild dieses „Seufzers in Tanzschuhen“ gezeichnet, und selbst die Prinzessin hielt ihn für „weibisch, wenngleich überaus elegant“*). Ganz gleich, wie er auf die Gesellschaft gewirkt haben mag, die sich nicht nur einmal über die französischen Radebrechereien des Italieners amüsierte: Seine Opern und die Beherrschung der Melodik hat andere Komponisten wie Chopin und Liszt nachhaltig beeindruckt.

La Sonnambula („Die Schlafwandlerin“) wurde 1831 in Mailand erstmals aufgeführt. Die Oper handelt von den Irrungen und Wirrungen, die die nächtlichen Ausflüge der Protagonistin Amina auslösen—insbesondere, als sie unwissentlich im Dorfgasthof das Zimmer des Grafen Rodolpho betritt und so die Eifersucht ihres Verlobten Elvino entfacht. Die Wahrheit kommt ans Licht, als man Amina bei einem äußerst gefährlichen „Spaziergang“ beobachtet: So lösen sich die Rätsel um einen vermeintlichen Geist und die angebliche Untreue des Mädchens. Kurz vor der Versöhnung mit Elvino hat die somnambule Amina eine kurze Wahnsinnszene, aus der sie ihr Liebster behutsam weckt. Liszts Phantasie beginnt mit dem Chor Osservate! l’uscio è aperto („Seht, die Tür ist offen“): Die Dorfbewohner sehen Amina auf des Grafen Sofa schlafen. Darauf folgen Elvinos Klage Tutto è sciolto („Alles ist vorbei“) aus dem zweiten Akt und Aminas abschließende Rehabilitation Ah non giunge uman pensiero („Kein menschlicher Gedanke kann das Glück enthalten, das mich erfüllt“). Danach bringt Liszt noch das Quintett Voglia il cielo („Möge der Himmel dir nie die Pein bescheren, die ich fühle“) aus dem Finale des ersten Aktes. Norma kam im Dezember 1831 an der Mailänder Scala heraus. Zur Zeit der römischen Besetzung sieht sich die Titelheldin, Tochter des gallischen Oberdruiden Oroveso und selbst Priesterin, im Konflikt zwischen Liebe und Pflichterfüllung. Als Geliebte des römischen Prokonsuls Pollione hat sie diesem insgeheim zwei Kinder geboren und will nun ihr eigenes Volk zunächst davon abhalten, sich gegen die Besatzer zu erheben. Inzwischen hat Pollione jedoch der jungen Priesterin Adalgisa sein Herz geschenkt; diese gesteht Norma ihren Frevel und wendet sich, da sie die ganze Tragweite der Situation erfasst, von dem Römer ab. Norma denkt zunächst daran, ihre Söhne zu töten. Dann jedoch bittet sie Adalgisa, den Kindern eine Mutter zu sein und sich mit Pollione zu verbinden. Das wiederum will die junge Priesterin nicht, die statt dessen den Prokonsul an seine Pflichten erinnert. Da dieser uneinsichtig bleibt, ruft Norma nunmehr offen zur Revolte auf. Inzwischen ist Pollione beim Versuch, Adalgisa zu entführen, in Gefangenschaft geraten und erwartet seine Hinrichtung. Norma macht sich erbötig, statt seiner in den Tod zu gehen, da sie es war, die das Vertrauen des eigenen Volkes missbraucht habe. Doch am Ende ist sie nicht allein auf dem Scheiterhaufen: Pollione umschlingt sie und stirbt gemeinsam mit ihr. In seinen Réminiscences de Norma verdichtete Liszt die komplexe Handlung 1841 auf sieben Abschnitten. Den Anfang bildet der Chor Norma viene („Norma schreitet“), mit dem die Wartenden den Auftritt ihrer Seherin und Priesterin ankündigen. Darauf erfolgt ein Sprung in die erste Szene des Aktes: Ite sul colle („Steig’ auf den Hügel, Druidenschar“) befiehlt Oroveso hier. Die anschließende Anrufung der Göttin, sie möge Norma mit prophetischem Geiste erfüllen (Dell’aura tua profetica), führt sogleich in die Schluss-Szene der Oper: Deh! non volerli vittime („Oh, lass sie keine Opfer sein“), Qual cor tradisti (Welches Herz du betrogen“) und Padre, tu piangi? („Vater, weinest du?“) werden mehrfach von den Kriegsrufen der Menge (Guerra, guerra) unterbrochen.

Bellinis letzte Oper I Puritani kam im Januar 1835 in Paris auf die Bühne. Elvira ist die Tochter des puritanischen Lord Walton, der die Festung von Plymouth befehligt, und liebt den Royalisten Lord Arthur Talbot. Ihr Vater sähe es zwar gern, wenn sie Sir Richard Forth zum Manne nähme, doch am Ende entspricht er Elviras Wunsch. Henrietta von Frankreich, die Königinwitwe, wird in der Festung gefangengehalten und soll hingerichtet werden. Lord Arthur rettet sie, indem er sie unter Elviras Brautschleier versteckt und somit Sir Richard überlistet. Elvira glaubt sich verraten und verfällt in geistige Umnachtung, worauf Sir George, ihr Onkel, und Richard sich an Arthur rächen wollen. Dieser kehrt dennoch zu seiner Geliebten zurück, wird ergriffen und soll eben sterben, als mit der Meldung vom allgemeinen Sieg der Puritaner eine Generalamnestie erlassen wird. Elvira kommt wieder zur Besinnung und wird mit ihrem Liebsten vereint.—Die Transkription, die Franz Liszt 1836 herstellte und der Prinzessin Belgiojoso widmete, basiert ausschließlich auf musikalischen Aus-schnitten des ersten Aktes. Der Chor der Wachen bereitet mit seiner Fanfare La tromba rimbomba nunzia del dì („Die schallende Trompete verkündet den Tag“) die Szene. Lord Arthur kommt in Waltons Festung, um sich mit Elvira zu verloben: A te, o cara, amor talora („Du bist die meine“). Lord Walton ist einverstanden, und Elvira besingt ihr Glück in einer Polacca mit den Worten Son vergin vezzosa („Ich bin eine hübsche Jungfrau“). Liszt bringt dann Lord Arthurs Erklärung und den Wunsch von Elviras Onkel George: Senza occaso, questa aurora („Dieser Tag soll keine Wolken kennen“).

Die Pariser Presse hatte sich bemüht, Franz Liszt und seinen Virtuosenkollegen Sigmund Thalberg gegeneinander auszuspielen. Die Prinzessin Belgiojoso nutzte die Gelegenheit und ließ beide in ihrem Salon zugunsten italienischer Flüchtlinge gegeneinander antreten. Anschließend wurden beide zu Siegern erklärt: Thalberg, so die Prinzessin, sei der erste, Liszt aber der einzige Pianist der Welt. Für dieselbe Benefizveranstaltung hatte sie sechs führende Pianisten um Variationen über den Marsch aus I Puritani gebeten. Das geplante Gemeinschaftswerk Hexaméron, Grande Variations de bravoure wurde dann zwar nicht rechtzeitig fertig, doch Liszt nahm es später in sein Repertoire auf. Der bewusste Marsch steht am Ende des zweiten Aktes: Suoni la tromba („Lasst die Trompeten schallen“) heißt es, wenn die Puritaner dem vermeintlich treulosen Lord Arthur Rache schwören. Die Prinzessin hatte sich ausdrücklich diese Stelle gewünscht, zu der Liszt die Einleitung und die Exposition des Themas komponierte. Thalberg schrieb die erste Variation, wobei er das Thema oft auf charakteristische Weise in die Mittelstimme legte. Danach folgen Liszts Variation und eine Variation de bravoure von Johann Peter Pixis, wozu Liszt ein überleitendes Ritornello setzte. Die vierte Veränderung (Legato e grazioso) stammt von Henri Herz, und die fünfte—Vivo e brillante—ist ein Parforceritt von Carl Czerny. Darauf meldet sich erneut Franz Liszt mit einem Zwischenspiel Fuocoso molto energico und einem Quasi recitativo in f-moll. Chopins sechste Variation (Largo) betritt eine andere Welt und verbindet sich mit Liszts eigenem geistreichen herzhaften Finale, Molto vivace e quasi prestissimo.

 

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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