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8.572432 - LISZT, F.: Russian Transcriptions (Liszt Complete Piano Music, Vol. 35)
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Franz Liszt (1811–1886)
Transkriptionen russischer Musik

 

Diabelli inserierte in der Wiener Zeitung vom 1.4.1846 die aus 3 Titeln bestehenden »Mélodies russes« von Théodore Döhler, die bei ihm erschienen waren und bei denen es sich um Klavierbearbeitungen je eines Werkes von Alabieff, Wielhorsky und Glinka…handelte; laut Anzeige hatte Liszt in seinem achten Konzert mit großem Erfolg aus diesen Döhlerschen Transkriptionen gespielt. (Franz Liszt: Unbekannte Presse und Briefe aus Wien 1822–1886, ed. Dezsö Legány)

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Eszterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven, bei der dieser trotz seiner völligen Ertaubung dem Spiel des Knaben Beifall gezollt und ihm den sogenannten Weihekuss auf die Stirn gedrückt haben soll. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Conservatoire; gleichwohl konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Érard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolo Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen—darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Im April und Mai 1842 kam Franz Liszt erstmals für vier Wochen nach Russland. 1839 hatte er in Rom bei Fürst Dmitri Galitzin, dem Moskauer Generalgouverneur, ein sehr exklusives Solokonzert gegeben, das durch die Arrangements des Grafen Michaïl Wielhorsky zustande gekommen war, und im folgenden Jahr ließ er sich vor Kaiserin Alexandra Feodorowna hören, die in Bad Ems zur Kur weilte. Unter ihrer Protektion begab er sich nun im April 1842 nach St. Petersburg. Sein erstes Konzert fand vor 3.000 Zuhörern statt und verursachte eine Sensation. Im Publikum saß unter anderem der junge Wladimir Stassow, der später der ideologische Kopf des Mächtigen Häufleins um Mili Balakirew werden sollte. Graf Wielhorsky geleitete Liszt in den Saal, wo zwei Flügel bereitstanden, zwischen denen der Virtuose bei seinem Vortrag hin- und herwechselte. Auf dem Programm standen Operntranskriptionen aus Guillaume Tell, Lucia di Lammermoor und Don Giovanni sowie verschiedene Schubert-Lieder und Beethovens Adelaide in eigenen Klavierarrangements. Insgesamt fanden in St. Petersburg sechs öffentliche und diverse private Vorstellungen statt. Den Abschluss bildete ein Rezital im Hause Wielhorskys. Dieser hatte in Moskau bei Johann Wilhelm Häßler (1747–1822) sowie in Paris bei Luigi Cherubini studiert und war nicht nur ein recht rühriger Komponist, sondern engagierte sich auch unter Einsatz all seiner Mittel für die Entwicklung der russischen Musik. Liszt zollte ihm seinen Tribut durch die Bearbeitung der gräflichen Romance: Autrefois [13]. Auch die Deux mélodies russes wurden damals arrangiert: Die Vorlage des ersten Stückes war Le rossignol (»Die Nachtigall«) von Alexander Alabieff [2], deren Einrichtung Liszt 1879 noch einmal revidierte, und für die zweite »russische Melodie« verwandte er die Chanson bohémienne [3] von Peter Buljakow, der wie sein Vater und sein jüngerer Bruder ein hervorragender Tenor war. Aus dem Jahre 1842 stammt auch die dramatische Transkription des Tscherkessen-Marsches [6] aus der Oper Ruslan und Ludmilla, deren Verfasser Michaïl Glinka überaus beeindruckt war, als ihm Liszt prima vista aus seiner Partitur vorspielte. Natürlich ließ er sich weder das St. Petersburger Konzert noch andere Begegnungsmöglichkeiten mit dem Kollegen entgehen.

Als Liszt 1843 erneut nach Russland kam, verursachte er weniger Aufsehen, da man ihn in St. Petersburg ja inzwischen kannte. Freundlicher war der Empfang in Moskau, wo er sich von Mitte April bis Anfang Mai aufhielt. Schirmherr seines jetzigen Aufenthalts war Fürst Galitzin selbst. Die Übertragung von Konstantin Bulgakows Galop russe [8] entstand in diesem Jahr, in dem er vermutlich auch den Pianisten Theodor Döhler kennenlernte, der von 1843 bis 1845 in Russland lebte, nach seiner »Baronisierung« im Jahre 1846 die Gräfin Elise Scheremetjeff ehelichte und mit dieser, nachdem er sich vom öffentlichen Konzertbetrieb zurückgezogen hatte, schließlich nach Italien ging, wo seine Wiege gestanden hatte. Als sich Carolyne zu Sayn-Wittgenstein im April 1847 aus geschäftlichen Gründen in St. Petersburg aufhielt, machte sie Graf Wielhorsky mit Döhlern bekannt. Es erscheint sonderbar, dass Franz Liszt, wie der eingangs zitierten Wiener Zeitung zu entnehmen ist, im Jahre 1846 Döhlersche Transkriptionen von Werken gespielt haben sollte, die er selbst bereits für Klavier arrangiert hatte.

Liszts letzte Russlandreise war in doppelter Hinsicht von Bedeutung. In ihrem Verlauf beendete er seine Karriere als Vortragskünstler, nachdem er im September 1847 in Elisabetgrad ein letztes Mal vors Publikum getreten war. Im Februar desselben Jahres war er in Kiew der Fürstin Carolyne begegnet, und die Beziehung der beiden sollte unter großem materiellen Aufwand der Dame bis ins Alter fortdauern—von den turbulenten Weimarer Jahren bis zu der Zeit in Rom, wo beide in getrennten Wohnungen lebten.

In späterer Zeit arrangierte Liszt an russischer Musik 1863 die Mazurka [5] eines St. Petersburger Amateurs, bei dem es sich womöglich um den 1856 verstorbenen Grafen Wielhorsky handelte, sowie 1879 die Polonaise [1] aus Peter Tschaikowskys Eugen Onegin, der im selben Jahre uraufgeführt worden war. Liszt widmete die Bearbeitung seinem Schüler Karl Klindworth. Des weiteren entstand die zweihändige Version einer vierhändigen Tarentelle slave [10] von Alexander Dargomyshski, der inzwischen zehn Jahre tot war. Von 1880 datiert das winzige Prélude zu Borodins Polka [7]—ein kleiner Beitrag zu den Variationen und Paraphrasen, die die russischen Komponisten Alexander Borodin, César Cui, Anatol Ljadow, Nikolai Schtscherbatschow und Nikolai Rimsky-Korssakoff dem berühmten »Chopstick-Walzer« von Euphemia Allen hatten angedeihen lassen: Als Paraphrasen für Borodins Tochter erschienen diese ursprünglich vierhändigen Abhandlungen, in denen die obere Stimme die simple Melodie zu spielen hat. Liszt beschränkte sich bei seinem Prélude auf zwei Hände.

1881 und 1883 bearbeitete er zwei Lieder von Anton Rubinstein: Oh, wenn es doch immer so bliebe [11] nach Versen aus »Liedern des Mirza-Schaffy« von Friedrich Martin Bodenstedt (das Arrangement ist Rubinsteins Ehefrau gewidmet) sowie Der Asra [12] auf ein Gedicht von Heinrich Heine, worin es um die verbotene Liebe eines jungen Sklaven zu der schönen Sultanstochter geht, die ihm den Tod bringt. Liszt hat mit seinem Arrangement genau die Schlichtheit des Textes und der Originalkomposition eingefangen. Ein Jahr vor seinem Tod übertrug Liszt eine Tarantella [9] von César Cui, deren persönliche Fassung er der Gönnerin des russischen Kollegen Louise Mercy-Argenteau dedizierte. Aus demselben Jahr stammt die Einrichtung des russischen Volksliedes Abschied [4], auf das ihn sein russischer Schüler Alexander Siloti hinwies, dem Liszt das Stück auch gewidmet hat.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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