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8.572447 - GLAZUNOV, A.K.: Orchestral Works, Vol. 19 - Les Ruses d'amour (Iasi Moldova Philharmonic, Andreescu)
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Alexander Glazunow (1865–1936)
Les Ruses d’amour

 

Die Musik zu dem einaktigen Ballett Les Ruses d’amour komponierte Alexander Glasunow im Jahre 1898. Die Uraufführung des von Marius Petipa choreographierten Stückes fand am 29. Januar 1900 im Theater der St Petersburger Eremitage statt. Es tanzten die italienische Primaballerina assuluta Pierina Legnani, die in Petipas Schwanensee von 1895 die Odette-Odile kreiert hatte, sowie Pavel Gerdt, einer der größten russischen Tänzer seiner Zeit.

In dem auch als Die Versuchung des Damis bekannten Balletts geht es um ein seit jeher gern benutztes Sujet. Isabella, die Tochter einer Herzogin, ist mit dem Marquis Damis verlobt; sie beschließt, dessen Liebe auf die Probe zu stellen, indem sie sich als Dienerin verkleidet—und endlich will sich der Marquis heimlich mit ihr vermählen. Da weiß sie, dass sie nicht wegen ihres Titels, sondern um ihrer selbst willen geliebt wird, und offenbart ihre wahre Identität.

Das Bühnenbild des Balletts ist einer Watteau’schen fête champêtre nachempfunden und somit eine choreographische Realisation des französischen Rokoko. Die Musik ist zwar in ihren orchestralen Farben und ihrer allgemeinen Diktion durch und durch russisch; doch zugleich griff Glasunow auf ältere französische Tanzweisen zurück: Das Werk beginnt mit einem Tanz aus der Orchésographie, die 1598 unter dem Namen eines gewissen Thoinot Arbeau erschienen war. In der gesamten Partitur zeigen sich viele Pasticcio-Elemente, was wiederum sehr gut zu der Zeit passt, in der diese Verwechslungsgeschichte angesiedelt iSt Der fest von den Fähigkeiten seines einstigen Schülers überzeugte Nikolai Rimsky-Korssakoff scheint das Werk ebenso bewundert zu haben wie sein inoffizieller Biograph Wassili Jastrebzew, der die „ungewöhnliche Meisterschaft des Satzes und die überaus bildhafte Schönheit“ der Musik lobte.

Alexander Konstantinovitsch Glasunow wurde 1865 als Sohn eines geadelten Buchhändlers und Verlegers in St Petersburg geboren. Seine Mutter war Amateurpianistin und Schülerin Rimsky-Korssakoffs, durch den ihr Sohn in jungen Jahren den selbsternannten Führer des Mächtigen Häufleins, den angriffslustigen, überaus inspirierenden Mili Balakirew, kennenlernte, der mit seinen Anhängern und Freunden ganz erheblich zur Entstehung der russischen Nationalmusik beigetragen hatte. Balakirew erkannte das Talent des Knaben und sorgte dafür, dass auch er bei Nikolai Rimsky-Korssakoff unterwiesen wurde. Nur fünf Monate nach dem Beginn des Unterrichts vollendete der sechzehnjährige Glasunow seine erste Symphonie, die 1882 unter der Leitung von Balakirew erfolgreich aufgeführt wurde. Der reiche, musikbegeisterte Holzfabrikant Mitrofan Petrowitsch Belaieff war bei dieser Premiere zugegen und beschloss daraufhin, einen Verlag zu gründen und auch die Russischen Symphoniekonzerte ins Leben zu rufen, die er fortan finanziell unterstützte.

Glasunows enger Kontakt zu Rimsky-Korssakoff erwies sich auch für das Schicksal der Oper Fürst Igor als hilfreich, die Alexander Borodin bei seinem Tode 1887 unfertig hinterlassen hatte. Lehrer und Schüler teilten sich die Aufgabe, das Werk zu vollenden. Ob Glasunow allerdings, wie man sich erzählte, die Ouvertüre tatsächlich aus dem Gedächtnis rekonstruiert habe, nachdem er sie einmal von Borodin am Klavier gehört hatte, lässt sich nicht unbedingt sagen. Glasunow selbst hat das in späteren Jahren bestritten, wobei an seinem phänomenalen Gedächtnis aber kein Zweifel besteht: Wie Dmitri Schostakowitsch zu berichten wusste, vergaß er weder die Namen noch den Werdegang oder die Kompositionen der Schüler, die am St Petersburger Konservatorium studierten, dessen Leitung er 1905, nach mehrjähriger Unterrichtstätigkeit, übernahm.

Als Lehrer und Direktor genoss Glasunow lange Zeit große Verehrung und Bewunderung. Späterhin gingen moderne, experimentelle oder gar anarchistische Geister dann kritischer mit ihm ins Gericht, da sie ihn für einen reinen Techniker hielten. Dessen ungeachtet leitete er offiziell die Geschicke des Konservatoriums bis 1930, obwohl er sich zwei Jahre zuvor bereits in Paris niedergelassen hatte. In der Heimat und im Ausland war er auch als Dirigent bekannt geworden. Er verfügte über ein hervorragendes Gehör und erhebliche technische Kenntnisse sämtlicher Orchesterinstrumente, was freilich nicht bedeutete, dass seine Aufführungen auch immer makellos gewesen wären. Sergej Rachmaninoff konnte das beispielsweise bei der Premiere seiner ersten Symphonie erleben, die unter der Leitung eines (zumindest nach der Aussage seiner Ehefrau) alkoholisierten Glasunow stattfand und bekanntermaßen zum Desaster geriet. (Dass sein Verhältnis zu Dmitri Schostakowitsch kein schlechtes war, dürfte wohl auch daran gelegen haben, dass Schostakowitsch senior zu Beginn der kommunistischen Revolution Zugang zu den staatlichen Alkoholvorräten hatte, und das war für Glasunow von nicht unwesentlicher Bedeutung.)

Zweifellos gelang dem Ballett in Russland die Vereinigung verschiedener Elemente, die zu den besonderen Stärken der dortigen Kunst gehören. Es waren nicht nur die körperlichen Fertigkeiten der Tänzer, die von Lehrern wie Marius Petipa inspiriert wurden, sondern auch die Begabung fürs Design und vor allem der Sinn für kleinere musikalische Formen, aus denen eine Ballettmusik bestehen sollte. Dazu kam die Beherrschung der Orchestration, mit der sich die wenig entwickelten musikalischen Ideen überaus attraktiv einkleiden ließen. Glasunows Partitur der Ruses d’amour ist ein schönes Beispiel für diesen besonderen Aspekt des nationalen Geistes.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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