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8.572449 - NEIDHART: Minnesinger and His Vale of Tears (A) - Songs and Interludes (Ensemble Leones)
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Neidhart (c.1185–c.1240)
Der Rebell unter den Minnesängern

 

Neidhart, aufgrund einer Fehlinterpretation im 19. Jahrhundert heute noch häufig unter dem Beinamen „von Reuental“ bekannt, war im späten Mittelalter einer der beliebtesten Minnesänger, und das, obwohl (oder gerade „weil“) seine Lieder in erster Linie aus einer Verballhornung des klassischen Sangs bestanden. In der modernen Forschung wird sein Werk deshalb auch als „Gegensang“ bezeichnet, als eine Art „Anti-Minnesang“. Während seine Zeitgenossen—die Trobadors, Trouvères und übrigen Minnesänger—die Ideale der höfischen Liebe besangen, „bürstete“ Neidhart die Minnethematik gewissermaßen „gegen den Strich“. Er übertrug seine Szenerien vom höfischen in ein vordergründig dörflichländliches Milieu und setzte scheinbar Bauern anstelle der sonst üblichen, adligen Protagonisten ein. Indem er die Minnesituation also in ein offensichtlich unangebrachtes Umfeld versetzte, eröffnete Neidhart eine Vielzahl an Interpretationsebenen für seine Dichtung: Oberflächlich machte er aus einer ernsten Sache einen Scherz und amüsierte durch diese überraschende Wendung sein Publikum, während in seinen Liedern sich einfältige „Dörfler“ in höfischer Liebe bemühen und natürlich kläglich scheitern. Ferner bot er „Sex and Crime“ durch erotische Szenen, lustige Streitgespräche zwischen Mutter und Tochter über die Gunst eines Ritters, sowie derbe Schlägereien und blutige Auseinandersetzungen zwischen den Hauptdarstellern. Hintergründig jedoch betrieb Neidhart heftige Standeskritik: Seine Antagonisten, die er mit dem niederdeutschen Wort „dörper“ titulierte, was gemeinhin als „Dörfler“ oder „Bauernburschen“ übersetzt werden kann (und dem französischen „vilain“, dem „Dorfbewohner“ und zugleich „Schurken“ entspricht), sind auf den zweiten Blick nicht das, was sie zunächst zu sein scheinen. Vielmehr führte Neidhart geschickt ein Kunstwort ein, das in seiner bairischen Heimat zwar fremd geklungen haben muß aber noch verstanden werden konnte und benutzte es als Chiffre für etwas ganz anderes: In Wahrheit sollte sich die adlige „Schickeria“ angesprochen fühlen—eitle Höflinge, die sich unangemessen kleideten, ebenso aufführten und die Sitten an den Höfen verkommen ließen. Dem einen oder anderen Zuhörer dürfte sein Lachen vergangen sein, wenn er ein wenig über die Texte nachgedacht hatte—Neidhart hielt ihnen den Spiegel vor und spielte nur vordergründig den Narren.

Obendrein neigte Neidhart dazu, seine Lieder entweder als „Sommer-“ oder „Winterlieder“ anzulegen, wobei der Natureingang, mit dem er nahezu jedes Stück einleitete, den seelischen Gemütszustand des lyrischen Ichs und zugleich die Thematik des Liedes einführt: Die kalte Jahreszeit steht dabei für eine Trübung und eröffnet zugleich groß angelegte Lieder, die sich stärker auf den klassischen Minnesang beziehen, während eine Frühlings- oder Sommerbeschreibung in der Regel leichtere Lieder mit Tanzthematik einleitet.

Für sein OEuvre stellte sich diese Zutatenliste als Erfolgsrezept heraus: Neidharts Lieder erfreuten sich einer solchen Beliebtheit, daß sie ihn überlebten und sein Werk in den folgenden zwei Jahrhunderten immer wieder abgeschrieben, erweitert und sein Stil imitiert wurde. „Ein Neidhart“ wurde schließlich zur Gattungsbezeichnung so daß man bei späten Überlieferungen kaum mehr unterscheiden kann, was „originaler Neidhart“ und was Nachdichtung „im Stile Neidharts“ ist. Hauptsache ist, daß mit dem unter dem Sammelbegriff „Neidhart“ überlieferten Werk ein Glücksfall vorliegt, denn von allen Minnesängern ist die mit seinem Namen verbundene Musik am besten dokumentiert. Das auf dieser CD eingespielte Handschriftenfragment stellt die früheste Überlieferung von Melodien zu den Liedern Neidharts dar und zählt zu den ersten Melodieüberlieferungen des deutschen Minnesangs überhaupt.

Das auf ca. 1300 datierte Fragment (Frankfurt/Main, Universitätsbibliothek, Ms. germ. oct. 18) besteht aus 8 Seiten, auf denen insgesamt 6 mehr oder minder vollständige Lieder Neidharts mit 5 Melodien überliefert sind. Aufgrund seines schlechten Erhaltungszustands und seines eher geringen Umfangs stand dieses Fragment selten im Zentrum wissenschaftlicher oder musikalischer Betrachtung. Es lag aber wohl größtenteils an der Annahme einer „verderbten“ Überlieferung bzw. eines unzuverlässigen Schreibers, daß die Melodien dieses Fragmentes in der modernen Aufführungstradition bislang so gut wie nicht wahrgenommen wurden. Selbst nachdem der Wert dieser frühen Quelle erkannt war, wurde sie bis dato nie als Ganzes eingespielt oder aufgeführt, obwohl die Melodien von großer Schönheit und musikalischer Qualität sind. Die Handschrift stammt—wie die meisten der wenigen Musiküberlieferungen zum Minnesang—aus dem niederdeutschen Raum, so daß die eigentlich mittelhochdeutschen Neidhart-Texte hier in einer „angeniederdeutschten“ Fassung vorliegen; einer Fassung, die gewissermaßen „zwischen den Stühlen“ steht, die weder Mittelhoch- noch Mittelniederdeutsch ist, was möglicherweise ein zusätzlicher Grund für den schlechten Ruf der Quelle war. Eine Besonderheit der Handschrift ist, daß sie durch Korrekturen im Notentext und Variationen bei melodischen Wiederholungen eine große Nähe zur Praxis aufweist und uns dadurch wichtige Hinweise gibt, wie Sänger mit solch einstimmiger Musik im späten 13. Jahrhundert umgingen.

Der fragmentarische Charakter der Handschrift legt einer direkten Aufführung vom Original zahlreiche Hindernisse in den Weg. Von daher mußte vor der praktischen Umsetzung zunächst eine spielbare Edition aus dem erhaltenen Material erstellt werden. Auf Grundlage einer bei der Universitätsbibliothek Frankfurt in Auftrag gegebenen Ablichtung des Originals wurde eine Transkription erstellt, anhand derer durch sorgfältige Analyse und Heranziehung von Parallelüberlieferungen sinnvolle Ergänzungen für die lückenhaften Stellen in Text und Musik gefunden wurden und Fehlendes ersetzt werden konnte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung und Rekonstruktion flossen in die vorliegende Aufnahme ein und werden 2012 beim Verlag der Spielleute (Reichelsheim/Deutschland) als Eröffnungsband einer neuen Editionsreihe zur Musik des Mittelalters publiziert. Diese Ausgabe enthält erstmalig die komplette Farbfaksimilierung des Originals, eine zeilengetreue Transkription, sowie eine spielbare Edition mit ausführlichem Kommentar auf Deutsch und Englisch, um diese bedeutende Melodiequelle für Forschung und Praxis erschöpfend zu erschließen.

Die vorliegende Aufnahme stellt die Ersteinspielung des Frankfurter Neidhart-Fragmentes in seinem heutigen Erhaltungszustand dar, wobei nicht nur alle Melodien, sondern auch sämtliche Liedtexte in der genauen Lesart dieser Quelle verwendet wurden. Alle auf der CD enthaltenen Neidhart-Lieder stammen aus der besagten Handschrift. Obwohl die Quelle nur ein Fragment einer einst umfangreicheren Handschrift ist und in ihrer Stückelung unmöglich ein zusammenhängendes Aufführungsrepertoire darstellen kann, bilden die erhaltenen Lieder ein äußerst rundes und abwechslungsreiches Programm: Sie weisen die wichtigsten Aspekte von Neidharts OEuvre auf, was Inhalte, Formen und musikalische Ausdrucksmittel angeht: „Sinc eyn gulden hoen[5] und „Willekome eyn sommerweter suze[6] repräsentieren das leichtere Tanzlied. Mit „Mir ist ummaten leyde[2] und „Summer unde winder[3] liegen zwei sehr tpyische Neidharte vor, die einen klassischen Minneliedeingang besitzen und nach einigen Strophen die krasse Wendung hin zur Dörperthematik erfahren. „Allez daz den sumer[11] steht zusammen mit „Ich claghe de blomen [9] für die große Minneklage, die sich in didaktischen Reflexionen und philosophischen Betrachtungen zur höfischen Liebe ergeht. „Ich claghe de blomen“, das zugleich die weitschweifigste Melodie des Fragmentes mit nahezu zwei Oktaven Tonumfang aufweist, gewährt in seiner letzten Strophe einen Einblick in die Notwendigkeiten des Berufssängers—eine sogenannte „Gêrstrophe“, in welcher der Sänger Lohn, bzw. in diesem Fall Steuernachlaß vom Dienstherren erbittet. Und obgleich die eingangs erwähnten „Winterlieder“ in der Quelle überwiegen, ist mindestens ein eindeutiges „Sommerlied“ im Repertoire des Fragmentes enthalten.

Den Neidhart-Liedern des Frankfurter Fragmentes wurden in der Einspielung zwei Lieder von zeitgenössischen Minnesängern flankierend beigesellt: Das melodielos überlieferte „Guoten wib wol üch der eren[7] des „tugendhaften Schreibers“—einer der Teilnehmer des legendären Sängerkrieges auf der Wartburg—bietet quasi als Kontrast und Hintergrundfolie zu Neidharts Abwandlungen den klassischen Minnesang in seiner reinen Form. Die Melodie wurde aus einem anderen Minnelied der Jenaer Liederhandschrift (14. Jh.) entlehnt und an den Text des „Schreibers“ angepaßt. Auch dieses Lied ist hiermit erstmals eingespielt. Das einstrophige „Vil wol gelopter got[12] des berühmten Walther von der Vogelweide, Zeitgenosse und vielleicht Rivale Neidharts und ebenfalls Mitstreiter im Sängerkrieg, liegt mit nur fragmentarischer Melodieüberlieferung vor. Es steht als Bittgebet an Gott um seelischen und moralischen Beistand am Ende des Programms und schließt den musikalischen wie inhaltlichen Bogen der Einspielung. Auch dieses Stück liegt mit einer Ergänzung des fehlenden Mittelteils der Melodie hier erstmals eingespielt vor.

Das dreistimmige „Je muir, je muir[13] des Adam de la Halle, soll wie ein Ausblick vom französischen Raum herüberhallen. Es ist Zugabe und Resümee für das Programm und läßt die für weltliche Liebeslieder noch junge Mehrstimmigkeit anklingen—eine Satztechnik von der die deutsche Liebeslyrik zu Neidharts Zeit noch weit entfernt ist.

Die Lieder Neidharts werden wegen ihrer teilweise rustikalen, erotischen und gewalttätigen Inhalte sowie der oft aufscheinenden Tanzthematik heutzutage landläufig meist derb und „volkstümlich“ interpretiert, rhythmischfetzig mit Perkussion und in großen Ensemblebesetzungen, so wie man sich gewöhnlich Wirtshausmusik oder derbe Bauerntänze vorstellt. (Da keinerlei Musik dieser Stände aus dem Mittelalter erhalten ist, muß es dabei ohnehin Spekulation bleiben, wie solche Musik geklungen haben könnte.) Neidharts Werke waren jedoch—genau wie der klassische Minnesang—Teil der adligen Hofkultur und hatten nichts mit Musik von Bauern gemein. Sie bestehen vielmehr gerade aus der Ironisierung des Hohen Sangs. Es gibt somit zumindest für die frühe Überlieferung des Frankfurter Neidhart-Fragmentes keinerlei Anhaltspunkte, daß seine Stücke vom Ansatz her anders interpretiert wurden als man es für den übrigen Minnesang auch annimmt. Die Welt, die in Neidharts Liedern beschrieben wird, ist eine Scheinwelt, eine Bühne, und die bäuerlich-dörflichen Elemente sind nur Zitat, das er gezielt einsetzte, um bestimmte Wirkungen zu erzeugen. In gewissem Sinne ließe sich Neidharts Werk mit dem barocken Schäferidyll vergleichen, das ebenfalls das Ländliche nur zitiert und stilisiert. Die Lieder der frühen Neidhartüberlieferung sind also eher von Ironie denn von Klamauk geprägt. Folglich erhält das „rustikale“ Element in der Interpretation von Leones ebenfalls nur zitathaften Charakter und ist hauptsächlich in die begleitenden Instrumente, bzw. die Instrumentalstücke verlagert.

Die Sänger gehen die Stücke dabei vor allem über eine intensive Textdeklamation an und legen subtile Schattierungen über ihre Interpretationen, ohne vordergründig „derbe“ Musik zu machen. Auch die Besetzung des Ensembles spiegelt diese Erkenntnisse wieder: Wie beim klassischen Minnesang geht das Ensemble von einer kleinen Besetzung aus, wobei die Lieder entweder ganz solistisch und a cappella interpretiert werden („Ich claghe de blomen“), der Sänger sich selbst begleitet („Allez daz den sumer“), der Gesang durch einen („Summer unde winder“ und „Sinc eyn gulden hoen“) oder durch zwei Instrumentalisten begleitet wird („Mir ist ummaten leyde“, „Willekome eyn sommerweter“, „Guoten wib wol üch der eren“ und „Vil wol gelopter got“). Dabei steht die Vielle (Fidel) als Begleitinstrument im Vordergrund.

Die Instrumentalstücke auf der CD wurden sämtlich aus zeitgenössischen Kompositionen oder anderen Neidhartüberlieferungen entlehnt und eigens für die vorliegende Aufnahme arrangiert. Sie fungieren als „Raumteiler“ zwischen den Liedern und sollen das „dörperliche“ Element dezent, gleich einem Schemen, heraufbeschwören—teils durch tänzerische Rhythmen, teils durch die Instrumentierung z.B. mit dem Dudelsack. Dabei verlassen aber auch sie nie die höfische Sphäre.


Marc Lewon


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