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8.572485 - MARTINU, B.: Revue de cuisine (La) / Harpsichord Concerto / Musique de chambre No. 1 / Les rondes (Hill, Holst Sinfonietta, Simon)
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Kammermusik

 

Bohuslav Martinů war als tschechischer Komponist nach Dvořák und Janáček der Mittler zwischen der Tradition und den neuen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Seinem umfangreichen Schaffen widmet sich die Holst-Sinfonietta in ihrer Porträt-CD zum 50. Todesjahr.

Martinů , der Sohn eines Schuhmachers und Türmers, erhielt seinen ersten Violinunterricht beim Schneider seines Heimatortes. Aufgrund seiner bemerkenswerten Fortschritte finanzierten ihm die Bewohner seines Dorfes ein Studium am Prager Konservatorium, wo er ab 1906 Violine bei Josef Suk und ab 1909 zusätzlich Orgel und Komposition studierte. 1910 jedoch wurde er vom Unterricht ausgeschlossen, da er vor allem durch Nachlässigkeit und mangelndes Interesse aufgefallen war. Trotzdem gelang es ihm 1912, das Diplom als Violinlehrer zu erlangen. Nachdem er in den Jahren 1913 und 1914 als Aushilfsgeiger in der Tschechischen Philharmonie (Prag) tätig gewesen war, verbrachte er den ersten Weltkrieg als Musiklehrer in seiner Heimatstadt, da er als wehrdienstuntauglich eingestuft worden war. Von 1918 bis 1923 war Martinů wiederum Geiger in der Tschechischen Philharmonie. In den Jahren 1922 und 1923 nahm er wiederholt Kompositionsunterricht bei Josef Suk, bevor er 1923 nach Paris zog, um dort bis zum folgenden Jahr seine Kompositionsstudien bei Albert Roussel zu vollenden. Bis 1940 lebte er in Paris, doch als sich der Einmarsch der deutschen Truppen abzeichnete, floh er und kam nach einer neunmonatigen Reise in den USA an. Dort wirkte Martinů als Kompositionsprofessor in Massachusetts (1942–1945), an der Princeton University (1948) und an der Mannes School of Music in New York (1948–1953). Nachdem er 1952 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, kehrte er 1953 nach Europa zurück, wo er bis 1955 in Nizza und kurzzeitig in Rom lebte. Danach unterrichtete er ein Jahr lang am Curtis Institut in Philadelphia. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Martinů in der Schweiz.

Martinů war ein sehr wandlungsfähiger Komponist und arbeitete ziemlich schnell, weshalb sein Werk auf den ersten Blick stilistisch uneinheitlich und von unterschiedlicher Qualität erscheinen mag. Doch sein sehr umfangreiches und vielfältiges Schaffen weist einige Grundkonstanten auf. Auffällig ist der stets enge Bezug zur tschechischen Volksmusik, der sein Werk oft sehr „musikantisch“ erscheinen lässt. Seine Kompositionen sind häufig sehr vital und tänzerisch. Besonders differenziert ist Martinů s Rhythmik, die stets eine sehr reizvolle Spannung zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen Elementen sowie ständige Taktwechsel aufweist. Die Harmonik ist relativ traditionell, hat aber eine sehr eigene Ausprägung – es entstehen ganz neue Zusammenhänge und Klangfarben; das Festhalten an einer erweiterten Tonalität schließt aber teilweise harsche Dissonanzbildungen nicht aus. Herkömmlichen Formen zieht Martinů freiere, rhapsodische Strukturen vor; Grundlage seiner Musik sind nicht so sehr Themen als vielmehr Motive, die einer vielschichtigen Verwandlung unterzogen werden. Während er zunächst besonders vom Impressionismus beeinflusst war, hatte die Begegnung mit der Musik von Igor Strawinsky und der „Groupe des Six“ in Paris auf sein Schaffen nachhaltigen Einfluss. Er wandte sich von dieser Zeit an dem Neoklassizismus zu und baute teilweise Elemente des Jazz in seine Tonsprache ein. Einige seiner späten Werke lassen einen Hang zu einer gelassenen Diatonik erkennen, doch gibt es auch hier Ausnahmen.

Martinů s Musikverständnis stand im Gegensatz zur traditionellen Auffassung der Romantik. Für ihn war Musik kein subjektiv-gefühlshaftes Bekenntnis mit weltanschaulicher Bedeutung, sondern eher ein Spiel mit Tönen, was gerade heute viel zeitgemäßer wirkt und den Zuhörer mit nimmt. Daher hat er auch viele Werke komponiert, die als „Hausmusik“ bezeichnet werden können. Einige seiner späteren Werke stehen freilich in Gegensatz zu dieser Auffassung und widmen sich eher philosophischen Gedankengängen. Martinů zählt zu den bedeutendsten tschechischen Komponisten. Sein Schaffen, insbesondere die Orchesterwerke und die Kammermusik, wird in letzter Zeit verstärkt öffentlich wahrgenommen.

Konzert für Cembalo und kleines Orchester (1935) H 246

Eine köstliche Partitur französisch-neoklassizistischer Stilrichtung, die der Besetzung nach fast in die Kammermusikwerke einzureihen ist. Sie erzielt aus der Zusammensetzung von Cembalo und Klavier bezaubernde Klangeffekte, die Frank Martins Petite Symphonie Concertante vorwegnehmen. Uraufführungssolistin und Widmungsträgerin war Marcelle de Lacour.

Kammermusik Nr 1 (1959) H 376

Dieses letzte umfangreiche Kammermusikwerk Martinů s aus dem Todesjahr sollte zunächst den titel Les Fêtes Nocturnes bekommen. Zum ungewöhnlichem Zauber, der die Stimmung dieses Werkes beschwört, trägt die originelle Besetzung bedeutend bei. Schon in Gilgamesch und dem Klavierkonzert Nr 4 („Incantation“) hatte der Komponist die erstaunlichen Klangwirkungen der Zusammensetzung von Harfe und Klavier erprobt. Es ist dies übrigens sein einziges Kammermusikwerk mit Harfe. Im Gegensatz zum kurz zuvor entstandenen Nonett (H 374.) ist das kein Komposition folklorisierender Neigung, sondern ein mildes, inniges Atmosphärenstück neoimpressionistischer Prägung, eine letzte Huldigung an den „französischen“ Stil.

Les rondes (1930) H 200

Der Titel Les rondes bezeichnet Reigentänze (das russische Chorovod); der ursprüngliche Titel lautete Mährische Tänze. Das Werk steht Janáček näher als irgendein anderes von Martinů s Feder. In der Tat sind zahlreiche Anklänge an die Volksmusik der Heimat vernehmbar, vor allem im Finale, wo Martinů mit wenigen Instrumenten eine erstaunliche Klangfülle erzielt. Mitten in seiner „französischen“- und Jazz- Periode ist dies ein Stück von rein nationaler Inspiration.

La revue de cuisine - Ballet du Jazz (1927) H 161

Das einaktige Jazz-Ballett La revue de cuisine (ein alternativer Titel lautet “Die Versuchung des heiligen Kochtopfs“) entstand zu Ostern 1927. Im November desselben Jahres führte die Autorin des Librettos, Jarmila Kröschlová, das Werk zusammen mit ihrer Tanzkompanie in Prag auf. Die konzertante Aufführung der Ballettsuite mit den Teilen Prolog, Tango (diese herrliche Parodie auf Ravels Boléro ist eher eine Habanera), Charleston und Finale stieß bei der Pariser Konzertserie Concerts Cortot im Januar 1930 auf begeisterte Resonanz. Wenn man den Jazz-Stil Martinů s kennen lernen möchte, ist die Küchenrevue ein Paradebeispiel dafür.

La revue de cuisine hielt Martinů für eine seiner gelungensten Kompositionen überhaupt. Noch mehr als 30 Jahre später erwähnte er gegenüber seinem Biographen Miloš Šafránek „die unfehlbare Satztechnik der Partitur zur Küchenrevue, obwohl ich damals im Grunde noch keine besondere Technik besaß [...]. Aber ein Werk, das man im Kopf hat oder das den Charakter des Komponisten ausdrückt, schafft sich seine Technik selbst.“

Handlung: Die nahe Hochzeit von Topf und Deckel wird durch den unternehmungslustigen Rahmschläger gefährdet, dessen Zauber Topf erliegt. Topf ist so heftig entflammt, dass Deckel von ihm herunter fällt und in eine Küchenecke rollt. Nun möchte Lappen Deckel verführen, aber der ordnungsliebende Besen fordert Lappen zum Kampf heraus, was Rahmschläger begeistert. Die beiden gereizten Streiter fechten bis zum Beinbruch. Wieder will Rahmschläger mit dem Topf liebäugeln, aber Topf sehnt sich nun nach Deckel, der nirgends mehr zu finden ist. Der riesige Schatten eines Fußes erscheint plötzlich, der Deckel mit einem Tritt aus seiner Ecke holt. Besen führt ihn zurück zum Topf, während Rahmschläger und Lappen in einen wilden Freudentanz ausbrechen.

Obwohl La revue de cuisine zu den erfolgreichsten Werken des Komponisten gehört, wurde das Ballett seit der Uraufführung bis vor kurzem nie wieder komplett, sondern immer nur als Suite gespielt. Die Partitur des vollständigen Werks lag lange unbeachtet im Archiv der Paul-Sacher- Stiftung Basel. Die Rekonstruktion der ursprünglichen Partitur und die Vorbereitung der revidierten Ausgabe übernahm der britische Cembalist und Dirigent Christopher Hogwood in Zusammenarbeit mit Aleš Brezina und dem Bohuslav-Martinů-Institut.


Klaus Simon


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