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8.572560 - LISZT, F.: Faust Symphony (A) (version for 2 pianos) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 34)
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Franz Liszt (1811–1886)
Eine Faust-Symphonie: Transkription für zwei Klaviere, S647/R369

 

Seit meiner Rückkehr von Wien habe ich ziemlich anhaltend an meinen Symphonischen Dichtungen, die zunächst und für ein paar Jahre noch meine Lebens Aufgabe sind, gearbeitet. Ende dieses Monathes erscheinen davon in Partitur und Bearbeitungen derselben für 2 Pianoforte…die ersten 6 Nummern, worunter Tasso, Orpheus, Prometheus, Mazeppa – und bis zum Winter wird auch meine Faust Symphonie veröffentlicht, en compagnie der Dante Symphonie, wo Hölle, Fegfeuer und Himmel ihren Ton wiederfinden sollen.
— Liszt an Konstantin Ritter von Wurzbach. Weimar 25. April 1856

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Als solcher hatte er für Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven musiziert. In Eisenstadt schloss er Freundschaft mit Johann Nepomuk Hummel, der als Eszterházyscher Kapellmeister Haydns Nachfolge angetreten hatte. Der kleine Franz verriet schon früh seine musikalische Begabung, die er 1820 erstmals auch der Öffentlichkeit demonstrierte, als er zunächst in Ödenburg und dann in Pressburg (Bratislava) auftrat. Dank dieses zweiten Konzertes erlangte er so viel Unterstützung seitens des ungarischen Adels, dass er mit seiner Familie nach Wien gehen konnte, wo ihn Carl Czerny im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen—doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem „Ausländer“ die Aufnahme. Statt dessen fand der Knabe einen geeigneten Lehrer in Antonin Reicha, und schon bald hatte seine pianistische und kompositorische Virtuosenkarriere begonnen.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und bemühte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Von entscheidender künstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Frühjahr 1831 in der französischen Hauptstadt, und Liszt spürte, dass ihm auf dem Klavier ähnlich neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die er später auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, einem „Blaustrumpf“ wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder führten zu weiteren Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentätigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen Liszt und der Gräfin, die danach unter dem Künstlernamen Daniel Stern literarische Rache an ihrem einstigen Lebensgefährten nahm. Dieser hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die „späten Jahre“, die er als une vie trifurquée („dreigleisiges Leben“) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Budapest, wo er inzwischen als Nationalheld gefeiert wurde.

Bis zum Lebensende war Franz Liszt aktiv. Noch in seinem Todesjahr 1886 besuchte er Konzerte in Budapest, Paris, Antwerpen und London. Er starb in Bayreuth während der Festspiele, wo er wenige Tage zuvor ein letztesmal den Parsifal gesehen hatte. Um die allgemeine Stimmung nicht zu stören, hielt seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners, die Nachricht seines Todes bis zum Ende des Musikfestes zurück. Franz Liszt wurde auf dem Friedhof von Bayreuth beigesetzt.

Vor allem mit seinen Symphonischen Dichtungen sorgte Liszt für mancherlei Kontroversen. Eduard Hanslick, der klassizistisch orientierte Brahms-Anwalt aus Wien, meinte mit drastischen Worten, dass der Komponist dieser Werke allen Ernstes der Ansicht sei, man könne die gewaltigsten mythologischen und geschichtlichen Phänomene und die tiefsten Gedanken des Menschenverstands geigen und blasen lassen. Dabei hatte der einflussreiche Kritiker nicht generell etwas gegen außermusikalische Anspielungen. Er glaubte nur, dass der „Mangel an musikalischer Gestaltungskraft, an großen, von innen heraus bewegten und bewegenden Ideen…mit blendenden Effecten und allerlei generalisirendem Getriebe“ maskiert würde. Hans von Bülow hingegen, der berühmte Dirigent und Pianist, der vor Richard Wagner mit Cosima verheiratet war, wusste es besser: Er schrieb unter das Hauptthema aus Liszts erstem Klavierkonzert ganz einfach die Worte “Das ver=steht ihr alle nicht“.

Der erste Versuch auf dem neuen Gebiet entstand 1848/49: Ce qu’on entend sur la montagne („Was man im Gebirge hört“) nach Victor Hugo. Die Instrumentierung stammte weitgehend von Josef Joachim Raff, den Liszt als Sekretär und Assistenten angestellt hatte, da seine eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Orchester damals noch begrenzt waren. Etliche der nachfolgenden Symphonischen Dichtungen hatten zunächst andere Aufgaben zu erfüllen: Les Préludes etwa nach Lamartine fungierten ursprünglich als Vorspiel zu einer Komposition namens Les Quatres elemens. Der ebenfalls um diese Zeit entstandene, von Liszts zeitweiligem Kopisten August Conradi orchestrierte Tasso, lamento e trionfo orientiert sich zwar an einem Gedicht von Lord Byron, war aber als Ouvertüre zur Weimarer Aufführung von Goethes Tasso gedacht. Weitere insgesamt neun Symphonische Dichtungen erschienen in rascher Folge, bevor als musikalisches Postskriptum 1881/82 das dreizehnte Tongedicht Von der Wiege bis zum Grabe entstand.

Eine Faust-Symphonie in drei Charakterbildern nach Goethe aus den Jahren 1854-57 ist letztlich eine dreiteilige Dichtung. Ihre drei Sätze Faust, Gretchen und Mephistopheles erweiterte Liszt vor der Uraufführung, die am 5. September 1857 in Weimar stattfand, um das Chorfinale. Immer wieder nahm er sich die Partitur zum Zwecke der Revision vor. Eine Klavierfassung des Gretchen-Satzes war 1874 beendet. 1862 kam eine Version des kompletten Werkes für zwei Klaviere heraus, die 1870 noch einmal überarbeitet wurde.

Die Figur des Gelehrten Dr. Faustus, der dem Teufel seine Seele für Jugend und Macht verkauft, faszinierte die Künstler des 19. Jahrhunderts auf ganz besondere Weise, da man diese Gestalt als einen menschlichen Helden begreifen konnte, der den alten Tyranneien politischer und geistlicher Art Widerstand leistete. Eine ähnliche Faszination übte der Teufel aus. Während der Held in Christopher Marlowes Version aus elisabethanischer Zeit und in vielen anderen Varianten in der mittelalterlichen Hölle landete, lässt ihn Johann Wolfgang von Goethe in seiner monumentalen, zweiteiligen Tragödie am Ende durch die Macht der Liebe Erlösung finden: Ausgerechnet Gretchen, dem er so übel mitgespielt hatte, führt ihn in himmlische Regionen.

Eine Faust Symphonie beginnt mit dem musikalischen Portrait des Titelhelden. Sordinierte Bratschen und Violoncelli spielen in der originalen Orchesterfassung zunächst eine melodische Linie, die alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter enthält—das Thema des alten Grüblers. Direkt anschließend erklingt ein Oboenmotiv (dolente) mit absteigender großer Septime und aufsteigender großer Terz, das dann für die zweite Themengruppe verwendet wird: Faust in der Gestalt des Liebenden beendet die langsame Einleitung des Charakterbildes, das jetzt Allegro agitato ed appassionato die Kämpfe des Protagonisten darstellt, bis ein absteigendes, expressives und leidenschaftliches Motiv erreicht wird, das die Sehnsucht des Mannes spiegelt. Grandioso ertönt in den Trompeten Fausts heroisches Bemühen als Teil der zweiten Themengruppe. In der anschließenden Durchführung kommt es zu einer Kombination des Kampf-Themas mit dem kanonisch geführten, unheilvoll-grübelnden „Zwölftonmotiv“. Das Material erfährt eine erstaunliche Entwicklung, gelangt schließlich zu einer verkürzten Reprise und verklingt mit dem Helden- und dem Sehnsuchtsmotiv.

Durchweg transparenter gehalten ist der zweite Satz Gretchen. Er beginnt mit einer zarten Passage der Flöten und Klarinetten, worauf die Oboe zur Begleitung einer einzelnen Bratsche das Hauptthema spielt (innocente = „unschuldig“ heißt es in der Fassung für zwei Klaviere). Ein kurzer Abschnitt zeichnet die Szene im Garten nach, in der das Mädchen die Blütenblätter einer Blume zupft („er liebt mich, liebt mich nicht“). Ein zweites Gretchen-Thema ist zu hören, ehe im Mittelteil der liebende Faust sich vernehmen lässt und eine weitere sehnsüchtig absteigende Melodie erklingt. Das einst aufgeregte Thema des Kampfes ist jetzt beschwichtigt. Gretchen meldet sich, und noch einmal rührt sich, während die Musik erstirbt, der auffallend verwandelte Held.

Der dritte Satz gilt dem Teufel Mephistopheles. In diesem Allegro vivace, ironico werden die Themen der vorherigen Charakterbilder zu einem außerordentlichen und äußerst gewaltigen Scherzo transformiert. Alles, was mit Faust zu tun hat, erscheint verzerrt—doch Gretchen weiß die Macht des Bösen zu überwinden, wenn sie nach der ungestümen Fuge über das Faustische Leidenschaftsthema in all ihrer schlichten Reinheit auftritt. Die Transformation des Materials ist so komplex wie das gesamte Gefüge des Satzes, in dem nur ein einziges Element gewissermaßen von außen hinzutritt: das Thema des „Stolzes“ aus der Malédiction für Klavier und Streichorchester, die Franz Liszt gut anderthalb Jahrzehnte früher komponiert hatte. Am Ende singen Männerchor und Tenorsolo—auch in der hier vorliegenden Version—den Chorus mysticus, mit dem Johann Wolfgang von Goethe den letzten Triumph über das Böse markierte:

Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis,
das Unzulängliche,
hier wird’s Ereignis,
das Unbeschreibliche,
hier wird es getan,
das Ewigweibliche
zieht uns hinan.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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