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8.572589 - LISZT, F.: Transcriptions and Arrangements of Handel, Gounod, Spohr and Raff (Soyeon Kate Lee) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 38)
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Franz Liszt (1811–1886)
Transkriptionen und Arrangements nach Händel, Gounod, Spohr und Raff

 

In Paris wieder angelangt, traf ich meinen dortigen Hausstand bereits der Auflösung sich nähernd an. In diesem Betreff lag es mir jetzt an nichts Weiterem als an der Beschaffung der Mittel zum Fortgange von Paris sowie zu einer nächsten Verfügung über eine gänzlich aussichtlose Zukunft. Einstweilen hatte jedoch Minna noch Gelegenheit, ihre Talente zur häuslichen Bewirtung zu zeigen. Liszt, der bereits in Paris in seine alte Strömung geraten war und von seiner eigenen Tochter Blandine nur im Wagen, in welchem er von Besuch zu Besuch fuhr, gesprochen werden konnte, fand, durch sein gutes Herz geleitet, auch die Zeit, sich einmal bei mir zum »Beefsteak« einzuladen; ja er gelangte dazu, mir einen ganzen Abend zu schenken, für welchen er freundschaftlich zur Abmachung meiner kleinen Verbindlichkeiten sich mir zu Verfügung stellte. Vor einigen Freunden aus den vergangenen Notzeiten her spielte er an diesem Abende auch Klavier; und hier begegnete es, daß der arme Tausig, welcher tags zuvor in einer einsamen Stunde mir Liszts Phantasie über den Namen »Bach« zu meinem wahrhaften Erstaunen vorgespielt hatte, nun vor Liszt, als dieser wie von ohngefähr uns dasselbe Stück produzierte, zu einem wahrhaft zermalmenden Gefühle der Ohnmacht gegen diesen über alles Erstaunliche hinausragenden Koloß zusammenschrumpfte.—Außerdem waren wir zu einem Frühstücke bei Gounod versammelt, welches ungemein langweilig verfloß und nur durch des armen Baudelaire wie im Geleise der Verzweiflung sich bewegenden Esprit belebt wurde.
– Richard Wagner: Mein Leben. Band 3, S 661

Franz Liszt wurde am 22. Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Als solcher hatte er für Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven musiziert. In Eisenstadt schloss er Freundschaft mit Johann Nepomuk Hummel, der als Eszterházyscher Kapellmeister Haydns Nachfolge angetreten hatte. Der kleine Franz verriet schon früh seine musikalische Begabung, die er 1820 erstmals auch der Öffentlichkeit demonstrierte, als er zunächst in Ödenburg und dann in Pressburg (Bratislava) auftrat. Dank dieses zweiten Konzertes erlangte er so viel Unterstützung seitens des ungarischen Adels, dass er mit seiner Familie nach Wien gehen konnte, wo ihn Carl Czerny im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen—doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem „Ausländer“ die Aufnahme. Statt dessen fand der Knabe einen geeigneten Lehrer in Antonin Reicha, und schon bald hatte seine pianistische und kompositorische Virtuosenkarriere begonnen.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und bemühte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Von entscheidender künstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Frühjahr 1831 in der französischen Hauptstadt, und Liszt spürte, dass ihm auf dem Klavier ähnlich neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die er später auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, einem „Blaustrumpf“ wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder führten zu neuerlichen Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentätigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen Liszt und der Gräfin, die danach unter dem Künstlernamen Daniel Stern literarische Rache an ihrem einstigen Lebensgefährten nahm. Dieser hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die „späten Jahre“, die er als une vie trifurquée („dreigleisiges Leben“) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Budapest, wo er inzwischen als Nationalheld gefeiert wurde.

Liszts uneheliche Tochter Cosima hatte zunächst den Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow geheiratet, den sie später für Richard Wagner verließ, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Kinder hatte. Ihr Vater war bis zum Lebensende aktiv. Noch in seinem Todesjahr 1886 gab er Konzerte in Budapest, Paris, Antwerpen und London. Er starb in Bayreuth während der Festspiele, die nach Wagners Tod von seiner Witwe Cosima geleitet wurden. Die Gegenwart des alten Vaters kam ihr damals offenbar nicht sonderlich gelegen.

Als der dreizehnjährige Liszt in London vor König George IV. auftrat, spielte er dem Geschmack seines Publikums entsprechende Werke von Mozart und Händel. Die Musik Händels sollte auch weiterhin sowohl für den Pianisten als auch den Weimarer Dirigenten Liszt eine Rolle spielen. Publiziert wurde allerdings nur ein einziges Werk nach Händel: das sogenannte »Concertarrangement« Sarabande und Chaconne aus Almira. Dieses von ihrem Komponisten als »Singspiel« bezeichnete Bühnenstück aus dem Jahre 1704 war der erste Opernversuch des jungen Händel, der damit für Reinhard Keiser, den Pächter und Direktor der Hamburger Oper am Gänsemarkt, einsprang: Dieser war gezwungen gewesen, ein geplantes Werk abzubrechen, als er sich vor seinen Gläubigern in Sicherheit brachte.

Liszts Konzertbearbeitung entfernt sich weit von der ursprünglichen Musik, wobei die kommende Route bereits in den ersten Takten angedeutet wird. Es handelt sich um eine Folge immer virtuoserer Variationen—zunächst über die Sarabande, der nach einer kurzen Pause eine besonders lebhafte Chaconne folgt, von der aus der Weg zu einem Grandioso trionfante (tempo della sarabande) und dem abschließenden Allegro führt. Franz Liszt schrieb das Stück 1879 für seinen unermüdlichen englischen Schüler Walter Bache.

Die fünf Übertragungen und Arrangements nach Charles Gounod gehören allesamt in die sechziger Jahre. Die mit Solovioline, Bläserensemble, Pauken, Harfe und Kontrabass besetzte Hymne à Sainte Cécile widmete Gounod 1865 dem Geiger Delphin Alard. Er selbst hat das Stück mehrfach bearbeitet—unter anderem entstand später eine Fassung, in der die Violine von einer Sopranstimme abgelöst wurde, die die Worte des Ave verum singt. Liszt richtete die Hymne 1866 für Klavier ein.

Les Adieux ist ihrem Titel nach eine Rêverie und behandelt ein Motiv aus Gounods Roméo et Juliette. Im April 1867 war die Oper am Pariser Théâtre Lyrique herausgekommen, und noch im selben Jahr verfasste Liszt seinen pianistischen »Kommentar«. Das Frontispiz seiner Bearbeitung zeigt, wie Romeo eben von Julias Balkon herabsteigen will, doch insgesamt geht es in dem Klavierstück um drei wichtige Abschiedsszenen der Liebenden—die Balkonszene vom Ende des ersten Opernaktes, die Trennung nach der Hochzeitsnacht in Julias Gemach und dann der letzte Abschied in Julias Grabgewölbe, als man sich glücklicherer Zeiten erinnert. Gounods Oper La reine de Saba (»Die Königin von Saba«) konnte bei ihrer Pariser Uraufführung im Jahre 1862 keinen Erfolg erringen, fand anschließend aber andernorts größeren Anklang. König Salomon will Balkis, die Königin von Saba, zur Frau nehmen. Diese ist dem Bildhauer und Architekten Adoniram verbunden, der den ersten Tempel erbaute und wie sie selbst von dem göttlichen Tubalkain abstammt. Die Fluchtpläne von Balkis und Adoniram werden vereitelt, als unzufriedene Arbeiter, die bereits vorher den Guss des großen Bronzemeeres sabotiert hatten, den Skulpteur töten. Die Berceuse ist Teil des Ballettes aus dem dritten Akt der Oper: Die Mädchen von Saba und Jerusalem erwarten die Hochzeit von Salomon und Balkis, doch die Königin verspätet sich. Liszt benutzt hier zart arpeggierte Akkorde, die zunächst das Stimmen einer Geige beschwören.

Faust ist bis heute sowohl Gounods bekannteste Oper als auch die meistverbreitete Vertonung des Goethe-Dramas. Sie erlebte 1859 am Théâtre Lyrique ihre Premiere. Im ersten Akt verwandelt der teuflische Mephisto den alten Gelehrten Faust in einen stattlichen Jüngling, der als solcher das begehrte Gretchen verführt. Liszts 1861 entstandene Konzertparaphrase beginnt mit dem Walzer vom Ende des zweiten Aktes, wo sich Faust dem Mädchen erstmals naht. Die entsprechenden Worte der Szene sind in den Noten abgedruckt:

Faust: Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen, Mein Arm und Geleit Ihr anzutragen? Margarete: Bin weder Fräulein weder schön, Kann ohn Geleit nach Hause gehn.

Nach der Erfüllung der Liebe wendet sich Liszt mit einer kunstvollen Variante des O nuit d’amour („Oh, Nacht der Liebe“) dem Ende des dritten Aktes zu, bevor er zu dem Walzer zurückkehrt.

Das Andante finale und der Marsch aus König Alfred wurden 1853 publiziert—drei Jahre, nachdem Liszts Assistent Josef Joachim Raff die Oper vollendet hatte, die 1851 in Weimar erstmals auf die Bühne gekommen war. Raff war damals Liszts Faktotum, hatte seinem Arbeitgeber mehrfach bei einigen ersten Orchestrierungsversuchen geholfen und lebte in der Villa Altenburg, wo ihm freilich Fürstin Caroline immer nachdrücklicher auf die Nerven ging. König Alfred konnte keinen großen Erfolg erringen, wenngleich er in Weimar drei Vorstellungen erlebte und anschließend auch in Wiesbaden inszeniert wurde, wohin Raff 1856 umgezogen war, bevor er sich schließlich in Frankfurt am Main niederließ. Liszt widmete die Klaviereinrichtung seinem Schüler Carl Klindworth. Ob das der Oper hilfreich war, ist zu bezweifeln—immerhin aber lassen sich bei dem immer kunstvolleren Klaviersatz des Stückes virtuose Glissandi exekutieren.

Louis Spohr wurde 1784 in Braunschweig geboren und wurde als Geiger, Dirigent und Komponist zu einer der führenden Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit. Seit 1822 verband er seine sonstigen Verpflichtungen mit dem Kapellmeisteramt von Kassel, das er bis zu seiner Pensionierung 1857 wahrnahm. In Kassel hatte der reisende Virtuose Liszt den Kollegen auch kennengelernt, mit dem er sich später bei der Einweihung des Bonner Beethoven-Denkmals die musikalische Leitung der Feierlichkeiten teilte. Spohr hatte zu Lebzeiten auch mit einigen Opern Erfolg—unter anderem mit der 1819 in Frankfurt erstaufgeführten Zemire und Azor, in der es um »Die Schöne und das Biest« geht. Die Romanze mit dem Titel »Rose, wie bist du reizend« wurde ein beliebtes Salonstück und wird von Liszt am Klavier auf schlichte Weise vorgestellt.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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