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8.572713 - GLIERE, R.: Duets with Cello (Complete) - 8 Pieces, Op. 39 / Ballad / 10 Duos / 12 Pieces, Op. 51 (Rummel, Eichhorn, Hulshoff, Korber)
English  German 

Reinhold Glière (1875–1956)
Duette mit Violoncello

 

Reinhold Moritzewitsch Gliere wurde als Reinhold Ernst Glier am 30. Dezember 1874 (julianischer Kalender) bzw. 11. Januar 1875 (gregorianischer Kalender) in Kiew geboren. Sein Vater war der aus Klingenthal stammende Hornmacher Ernst Moritz Glier, seine Mutter Josephine die Tochter des Blasinstrumentenfabrikanten Vincenz Kortschak. Erster Violinunterricht bei Adolf Weinberg und Otakar Ševčík in Kiew zeigte seine außerordentliche musikalische Begabung, und so studierte er ab 1894 am Moskauer Konservatorium bei Jan Hřímalý Geige sowie bei Anton Arenski und Alexander Tanejew Komposition. 1900 schloß er seine Studien mit der Goldmedaille in Komposition ab, und etwa ab dieser Zeit verwendete er selbst nur noch die heute üblich gewordene französische Schreibweise seines Namens. Zahlreiche Nachkommen der Klingenthaler Familie waren oder sind ebenfalls als Instrumentenbauer oder künstlerisch tätig (so etwa der Maler Mike Glier) und sind über die ganze Welt verstreut.

Von 1901 bis 1913 unterrichtete Reinhold Gliere am Moskauer Gnessin-Institut, wo auch Sergej Prokofjew und Nikolai Miaskowski seine Schüler waren; unterbrochen wurde diese Zeit nur von Dirigierstudien in Berlin (1905 bis 1908) bei Oskar Fried. Als 1913 das Kiewer Konservatorium entstand, begann Gliere dort zu unterrichten und wurde bereits 1914 dessen Direktor. 1920 wechselte er als Professor für Komposition an das Moskauer Konservatorium, wo er bis zu seiner Pensionierung 1941 blieb. Von 1938 bis 1948 war er außerdem Vorsitzender des Organisationskomitees des sowjetischen Komponistenverbandes und half bei der „sowjetischen Entwicklung“ der Teilrepubliken Aserbeidschan und Usbekistan. Hoch dekoriert (u.a. Lenin-Orden, Volkskünstler der UdSSR, Orden des Roten Banners der Arbeit, Stalinpreis, Ehrendoktorat der Kulturwissenschaft) starb Reinhold Gliere am 23. Juni 1956 in Moskau. Seine beiden berühmtesten Schüler, Prokofjew und Miaskowski, hat er um drei beziehungsweise sechs Jahre überlebt.

Glieres Lebenslauf legt die Vermutung nahe, er sei ein politischer Komponist gewesen. Vielmehr richtig scheint aber, daß er ein unpolitischer Mensch und als Musiker konservativ war. In den politischen Kulturorganisationen der jungen Sowjetunion spielte Gliere keine oder nur eine untergeordnete Rolle und wurde wiederholt wegen seines Interessemangels an Politik kritisiert. Glieres musikalischer Stil, der eine Mischung aus nationalrussischer Harmonik und impressionistischen Klangfarben darstellt, zeigt in keinem Werk den Drang zu kompositorischen Neuerungen und ist doch in erstaunlicher Weise originell.

Aus der Sicht eines Cellisten ist Reinhold Gliere in erstaunlicher Weise bedeutend: Sein Cellokonzert op. 87 aus den Jahren 1945/46 gilt als das erste sowjetrussische Cellokonzert und ist wie so viele andere (dem damals erst 19jährigen) Mstislaw Rostropowitsch gewidmet. Das früheste Werk für Cello und Klavier von Gliere ist jedoch die Ballade op. 4 aus dem Jahre 1902, die auch in einer Fassung für Cello und Kammerorchester erhalten und dem Gründungscellisten des „Trio Russe“, Joseph Press, gewidmet ist.

1909, also bereits nach Glieres Rückkehr aus Berlin und während seiner Zeit als Lehrer am Gnessin-Institut, entstanden die acht Duette fur Violine und Violoncello op. 39 und sind Boris Kaljushno gewidmet. Glieres berufliche Tätigkeit zur Zeit der Entstehung (und auch der Titel von Nr. 8: „Etude“) könnte die Vermutung aufkommen lassen, dass es sich um Unterrichtswerke handelt—schon nach den ersten Tönen ist freilich klar, dass diese Stücke weit mehr sind, zeigen sie doch Glieres Meisterschaft in der kleinen Form.

Die zehn Duette fur zwei Celli op. 53 (der Widmungsträger ist Rudolf Erlich) stammen aus dem Jahr 1911 und sind somit einer der wenigen Originalzyklen für diese reizvolle Besetzung. Mögen Form und Harmonik auch nicht „bahnbrechend“ sein, so sind jedenfalls Glieres Melodienreichtum und seine Fähigkeit, lediglich zwei Streichinstrumente geradezu orchestral klingen zu lassen (wie etwa in Nr. 5), einzigartig.

Auch wenn Gliere erst nach der Revolution größere Reisen nach Mittelasien unternahm und dort auch für die Verbreitung der russischen Nationalmusik sorgte, zeigt sich in manchen dieser kleinen Stücke bereits sein Interesse für die Volksmusik des Ostens und seiner eigenen Heimat. In den 12 Albumblattern fur Violoncello und Klavier op. 51 aus 1910 kommt dies in mehreren zum Vorschein (Nr. 6, 7, 9 und 10)—vielleicht ein Vorgeschmack auf die Romanzen op. 52 fur Sopran und Klavier, die ebenfalls Volksliedcharakter haben.

Glieres OEuvre umfasst 100 nummerierte Werke aus den Jahren 1898 bis 1956 und rund 40 ohne Opuszahl, darunter bemerkenswerte Stücke wie das Konzert fur Koloratursopran und Orchester op. 82 aus dem Jahr 1943, zahllose Lieder, Chorwerke, vier Streichquartette, drei Streichsextette, drei Symphonien, Ballette und symphonische Dichtungen. Zum heutigen Zeitpunkt gibt es hier noch viele Schätze zu heben.


Martin Rummel


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