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8.572734 - CIMAROSA, D.: Overtures, Vol. 3 (Sinfonia Finlandia Jyvaskyla, Gallois)
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Domenico Cimarosa (1749–1801)
Ouvertüren • Folge 3

 

Domenico Cimarosa war der berühmteste und populärste italienische Komponist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Während seiner glanzvollen, erfolgreichen Laufbahn schrieb er mehr als 65 Opern sowie einen beachtlichen Kanon an Instrumental- und Kirchenmusik. In ganz Europa spielte man seine Opern entweder im italienischen Original oder in Übersetzungen. Einige seiner Bühnenwerke kamen auch noch im 19. Jahrhundert gelegentlich zur Aufführung, und seine berühmteste Kreation, Il matrimonio segreto, gehört zu einer Handvoll Opern der damaligen Zeit, die nie von den Spielplänen verschwanden. Alle andern stammen von Mozart.

Cimarosa wurde 1749 in Aversa geboren. Kurze Zeit danach starb der Vater, ein Steinmetz, und die Familie ging ins benachbarte Neapel. Dank seiner musikalischen Fähigkeiten kam der Knabe ans Conservatorio di S Maria di Loreto, und schließlich begann in Neapel auch seine Karriere als Opernkomponist. Ende 1787 ging er nach St. Petersburg, wo er in die Dienste Katharinas der Großen trat. Vier Jahre später kam er an den Wiener Kaiserhof, und 1793 kehrte er nach Neapel zurück. 1799 wurde er aus der Stadt verbannt, als die Republik nach kurzer Zeit wieder eine Monarchie wurde. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in Venedig, wo er 1801 starb.

Cimarosas Opern fallen durch ihre Charakterzeichnung, die Sicherheit ihres dramatischen Ansatzes, ihre melodische Erfindung und die äußerst gekonnte Orchesterbehandlung auf. Dabei sind schon die Ouvertüren von besonderem Interesse. Einige entsprechen dem dreisätzigen Schema der älteren neapolitanischen Komponisten, während andere in einem einzigen Satz gehalten sind, der in seinem Aufbau der Sonatenform der damaligen Symphonie ähnelt. Die Instrumentierung ist geschickt und hält den Vergleich mit den seinerzeitigen Symphonikern aus. Dabei zeigt Cimarosa stets eine Vorliebe für dreistimmige Streichertexturen, die üblicherweise so aussehen, dass die erste Violine und die Viola das melodische Material präsentieren, während der zweiten Violine die Begleitfiguren zugewiesen sind. Ungeachtet der Ähnlichkeiten sind die Ouvertüren jedoch keine Symphonien. Sie sind vielmehr gedacht, auf das folgende Schauspiel einzustimmen, ohne dass es thematische Beziehungen zu der Oper selbst gäbe—weshalb sie sich auch bis zu einem gewissen Grade austauschen lassen.

Die vorliegende Aufnahme enthält unter anderem die Ouvertüren zu I due baroni di Roccazzura, einer der beliebtesten Opern Cimarosas, und zu I nemici generosi, die Stendahl außerordentlich bewunderte.

Le astuzie femminili

Wie Beethoven vier Ouvertüren zu seiner einzigen Oper komponierte, so verfasste Domenico Cimarosa zwei völlig verschiedene Vorspiele zu seiner Komödie Le astuzie femminili (»Die schlauen Weiber«). Die zweiaktige commedia per musica entstand im Auftrag des neapolitanischen Teatro dei Fiorentini und erlebte dort (mit der ersten Ouvertüre) am 26. August 1794 ihre Premiere. Die Oper fand eine solch vorteilhafte Aufnahme, dass sie binnen der nächsten zehn Jahre auch in Florenz, Barcelona, Lissabon, Paris, London und Mailand inszeniert wurde. Das Hoftheater des Königlichen Palastes von Neapel gab sie als »Domenico Cimarosas bestes komisches Stück«.

Was Cimarosa bewog, für die belgische Produktion der Oper eine völlig neue Ouvertüre zu schreiben, lässt sich ebensowenig entdecken wie das auch nur annähernd genaue Datum der dortigen Aufführung. Es gibt allerdings in der Brüsseler Sammlung ein Libretto mit dem Datum 1795, was also bedeuten könnte, dass die Produktion dort bereits ein Jahr nach der Premiere in Neapel herauskam. Zwei Abschriften der »zweiten« Ouvertüre sind gleichfalls in Brüssel zu finden: eine in der Bibliothek des Conservatoire Royal de Musique (MS 2073. K.obl.), die andere in der Bibliothèque Royale Albert 1er (MS F 2584 11 4012, 1-2). In beiden Fällen handelt es sich nicht um Autographen, doch der Notentext ist identisch.

Da Naxos sämtliche Ouvertüren Cimarosas veröffentlicht, werden auch die beiden Ouvertüren zu den »Schlauen Weibern« vorgestellt: die Ouvertüre Nr. 1, die bei der Premiere in Neapel zu hören war, sowie die Ouvertüre Nr. 2, die vermutlich in Brüssel und wohl auch andernorts gespielt wurde. Die erste der beiden ist ein einsätziges Stück in D-dur und teilt etwa 76 Takte mit der Ouvertüre zu Cimarosas La vergine del sole. Die zweite, wiederum einsätzige Ouvertüre steht in B-dur und ist völlig neu. Ottorino Respighi war von der Oper so fasziniert, dass er sie für eine Aufführung im Jahre 1920 vollständig neu instrumentierte. Dabei veränderte er auch die ursprünglich zweiaktige Anlage in zwei Aufzüge und vier Bilder. 1924 hatte Respighi erneut mit einem Bühnenstück nach Le astuzie femminili zu tun—diesesmal zur Choreographie von Leonide Massine. Das Ballett fußte auf dem Finale seiner eigenen Bearbeitung von 1920. Diaghilew hatte das Ballett bereits früher inszeniert.

Artemisia

Cimarosas unvollendete Artemisia erlebte ihre Premier am 17. Januar 1801 am Teatro La Fenice—gerade einmal sieben Tage nach dem Tode ihres Komponisten. Die Aufführung brachte dem just Verblichenen posthum ein besonders schmeichelhaftes Kompliment, als nämlich das Publikum forderte, den Vorhang an der Stelle zu schließen, wo er seine letzte Note geschrieben hatte.

Die historische Figur der griechischen Königin Artemisia, die während der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. über Halikarnassos herrschte, muss Cimarosa fasziniert haben, denn er schrieb zwei verschiedene Opern über ihr Leben. Als ihn der Königshof von Neapel 1797 beauftragte, eine opera seria zur Vermählung des Prinzen Francesco Borbone und der österreichischen Erzherzogin Maria Clementina zu schreiben, ersuchte er Marcello Marchesini um ein Libretto über das Leben der Artemisia. Das Ergebnis war Artemisia, regina di Caria, die im Juni des Jahres am Teatro San Carlo uraufgeführt wurde. Der Auftrag des venezianischen Teatro la Fenice von 1800 über eine weitere opera seria resultierte in dem Bühnenwerk mit dem schlichten Namen Artemisia, deren Textbuch von Graf Giovanni Battista Colloredo stammte. Leider verstarb er im Januar 1801, bevor er die neue Oper hatte vollenden können.

Da Cimarosa die ältere der beiden Opern stets als Artemisia bezeichnete, ist es heute schwer zu entscheiden, von welcher der beiden praktisch gleichnamigen Kreationen die Rede ist. In der Abschrift eines Briefes vom 11. November 1798, den das Theatermuseum der Mailänder Scala aufbewahrt, spricht der Autor—bei dem es sich sehr wahrscheinlich um Cimarosa handelt—ganz eindeutig von der älteren Artemisia, regina di Caria:

»Ich antworte auf Ihren lieben Brief vom 7., worinnen Sie mich fragen, welche Komposition aus meiner bescheidenen Hand ich wohl für die Beste hielte. Ich gestehe Ihnen, dass Sie da eine sehr heikle Frage stellen, weil ich als Komponist meine Werke nicht wirklich loben könnte, ohne nicht damit etwas von Eitelkeit und Anmaßung zu verraten. Doch ganz unter uns: Während meine Oper Il matrimonio segreto das höchste Lob erfährt, gebe ich einem ganz anderen meiner Werke als dem Besten den Vorzug—Artemisia.«

Il mercato di Malmantile

1784 hatte Cimarosa reichlich zu tun. Es kamen Aufträge über opere buffe vom Mailänder Teatro alla Scala, dem Florentiner Teatro della Pergola, dem Teatro Regio in Turin und dem Teatro dei Fiorentini aus Neapel sowie die Anfrage nach einer opera seria, mit der das Eretenio- Theater von Vicenza am 10. Juli 1784 seine Pforten öffnen wollte. Derweil der Komponist fünf verschiedene Opern auf fünf verschiedene Libretti und Geschichten lieferte, schrieb er eine Ouvertüre, die er gleich dreimal verwandte: Die sinfonie zu Il mercato di Malmantile, L’apparenza ingana osia La villeggiature und L’Olimpiade sind absolut identisch. Und um die Sachlage noch weiter zu verwirren, taucht Il mercato di Malmantile (»Der Markt von Malmantile«) in mehreren Verlagsverzeichnissen unter dem Titel La vanità deluse (»Vermeintliche Eitelkeit«) auf, da die Oper heutzutage als solche bekannter ist.

Wenngleich sowohl Fétis (»Domenico Cimarosa« in seiner Biographie universelle des musiciens von 1866) als auch Maria Storni Trevisian (Nel primo centenario di Domenico Cimarosa von 1900) als Datum der Uraufführung das Jahr 1779 angeben, heißt es im Florentiner Libretto eindeutig »Regio Teatro di via della Pergola nella primavera del 1784«.

Belege über weitere Aufführungen des Werkes lassen sich nicht finden, doch dürfte sie 1805 in Paris gespielt worden sein.

Cajo Mario

Cimarosas erste opera seria und sein insgesamt achtzehntes Bühnenwerk war der Cajo Mario für das römische Teatro delle Dame. Das dramma per musica, wie es der Komponist nannte, wurde im Januar 1780 gemäß päpstlichem Edikt von einem rein männlichen Ensemble uraufgeführt. Das Libretto fand Cimarosa bei Gaëtano Roccaforte, der sich seinerseits der Biographie bediente hatte, die Plutarch in seinen Vitae über den römischen General und Konsul Gaius Marius (um 157—86 v. Chr.), eine der mächtigsten Politikerpersönlichkeiten in den turbulenten Jahren der späten Republik, mitteilt. Roccafortes Libretto war bereits mehrfach vertont worden; besonders bekannt war die Version, die Niccolò Jommelli mehr als dreißig Jahre vor Cimarosa geschaffen hatte.

Cajo Mario errang im nächsten Frühjahr in Mantua sowie während der Karnevalssaison 1782 in Genua einen mäßigen Erfolg. Im Winter 1784 wurde die Oper außerdem am Teatro alla Pergola von Florenz aufgeführt. Eine Abschrift der Partitur liegt in der Bibliothek des dortigen Konservatoriums (Fondo Pitti, FPT 121). Weitere Produktionen des Cajo Mario gab es in Madrid (1787) und Modena (1794). Die autographe Partitur ist zwar nicht erhalten, doch es gibt verschiedene zeitgenössische Abschritten in Mailand und Rom (diese Kopie trägt den Vermerk »Roma 1780«) sowie in St. Petersburg, wo das Werk aufgeführt worden sein könnte, während Cimarosa dort im Dienste Katharinas der Großen als Maestro di musica tätig war.

I due baroni di Roccazzura

I due baroni di Roccazzura, ein intermezzo in musica auf ein Libretto von Giuseppe Palomba, wurde während des römischen Karnevals von 1783 am Teatro Valle uraufgeführt. Das Stück sollte eines der beliebtesten Stücke Cimaroas werden: Der Produktion an der Mailänder Scala von 1786 schlossen sich drei Jahre später weitere Inszenierungen in Madrid, Barcelona und Wien an (Mozart schrieb dazu die Aria Alma grande e nobile), bevor 1791 St. Petersburg und Lissabon sowie 1792 Cadiz, Warschau, Zara, Alexandria und Korfu folgten. 1793 kehrte die Oper mit einem leicht veränderten Text nach Neapel zurück. Unter dem Titel La sposa in contrasto wurde sie 1802 zunächst in Modena und dann in Paris gegeben. 1803 war sie in London zu sehen, dann brachte sie die Pariser Comédie Italienne 1805 als Il Barone deluso. Eine zweite handschriftliche Ouvertüre zu der Oper liegt in der Bibliothek des Brüsseler Conservatoire Royal de Musique (MS X 8004). Bei dem einsätzigen Stück handelt es sich um eine gekürzte Version der Ouvertüre zu Giannina e Bernadone. Die Originalouvertüre indessen, die hier eingespielt wurde, erinnert ein wenig an das Vorspiel zu L’Eroe cinese, die ein Jahr zuvor entstanden war und ihrerseits auf der Ouvertüre zu Cimarosas Il convito basiert.

Le stravaganze d’amore

Die dreiaktige commedia per musica namens Le stravaganze d’amore (»Die Verrücktheiten der Liebe«) war die erste Oper, die in der Spielzeit 1778 am Teatro dei Fiorentini zu Neapel herauskam. Das Libretto stammt von Pasquale Mililotti, der zu Cimarosas Lieblingsdichtern gehörte, und berichtet in typischer buffa-Manier von verschiedenen jungen Liebenden, deren Wege sich kreuzen, bevor am Ende alle nach mannigfachen Maskeraden und Irrungen mit den anfangs auserkorenen Partnern in den Hafen der Ehe einlaufen. Während außer der Premiere in Neapel keinerlei Aufführungen dokumentiert sind, lassen mehrere zeitgenössische Partiturabschriften vermuten, dass das Werk auch andernorts gegeben wurde. Eine Kopie in der Bibliothek des Conservatorio »Luigi Cherubini« zu Florenz (Fondo Pitti FPT66) enthält eine andere Version der Ouvertüre, die allerdings wohl nicht von Cimarosa stammt.

I nemici generosi

I nemici generosi ist eine zweiaktige farsa per musica, die im Karneval 1796 am römischen Teatro Valle uraufgeführt und anschließend vielfach nachgespielt wurde. Am 2. Juli 1796 sah man sie in Wien; am 18. Januar 1797 unter ihrem deutschen Titel Die großmüthigen Feinde in Dresden; im Frühjahr 1797 am Regio Teatro della Pergola von Florenz; im Karneval 1797 mit einer vergrößerten Besetzung am Teatro Nuovo von Neapel; und am 9. Dezember 1797 in Barcelona. In Gestalt der einaktigen farsa namens Il duello per complimento (»Der höfliche Zweikampf«) erschien es auf der Bühne des Teatro San Moisé von Venedig, bevor es 1801 am dortigen Teatro Giuliniari nachgespielt wurde. St. Petersburg hatte die »Feinde« bereits 1798 sehen können, das Pariser Théâtre Italien brachte sie 1801. 1805 schlossen sich zunächst das Mailänder Teatro Carcano und im Herbst das sardinische Cagliari an. Stendahl meinte: »Rossini hat nie wirklich etwas geschaffen wie die Duellszene aus Cimarosas I nemici generosi, die vor etwa fünfzehn Jahren so köstlich in Paris aufgeführt wurde…« Auch die Ouvertüre der Oper wurde sehr populär. In England ist das Manuskript einer frühen Klavierbearbeitung erhalten, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts brachte der Pariser Verleger Imbault ein ähnliches Arrangement von A. E. Trial auf den Markt.

L’eroe cinese

L’eroe cinese (»Der chinesische Held«) wird in einer zeitgenössischen Abschrift, die in der Bibliothek des Mailänder Konservatoriums liegt, als dramma serio per musica in due atti bezeichnet. Demgegenüber spricht der Komponist in seinem Autograph, das das Conservatorio di musica S Pietro a Majella zu Neapel aufbewahrt, von einer opera teatrale in 3 atti. Das Werk entstand zum Geburtstag der »Santa Maria la Regina« und wurde am 13. August 1782 im Teatro San Carlo von Neapel aus der Taufe gehoben. Es gibt nur sehr wenige Dokumente über nachfolgende Aufführungen, wenngleich erhaltene Abschriften darauf hindeuten, dass die Oper im 18. Jahrhundert auch in Mailand und Florenz produziert wurde.

Wie Cimarosas L’Olimipade beruht auch L’Eroe cinese auf einem stark revidierten Libretto von Pietro Metastasio. Der unbekannte Verfasser des Textbuches, das Cimarosa verwandte, nahm erhebliche Veränderungen an der Struktur der Handlung vor und reduzierte Metastasios drei Aufzüge auf zwei Akte. Die Handlung der Oper ist kompliziert. Nach einem Volksaufstand im chinesischen Singana wurde der Kaiser verbannt und seine Familie getötet. Um den kleinen Thronfolger zu retten, opferte der chinesische Regent Leango sein eigenes Baby an des Kaisersohnes Statt. Die Handlung findet achtzehn Jahre später statt. Sie kreist um heroische Schlachten und die Entdeckung eines unbekannten Aristokraten.

Die Ouvertüre besteht aus drei Sätzen, von denen die beiden ersten miteinander verbunden sind. Recht ungewöhnlich sind die zwei Klarinetten, die die Besetzung des Mittelteils vergrößern. Wenn die Musik am Ende des ersten Satzes nach B-dur moduliert, instruiert Cimarosa die Hörner, zum Es-Stimmbogen zu wechseln. Einiges Material dieser Ouvertüre wurde im nächsten Jahr für die Ouvertüre zu I due baroni di Roccazzura benutzt.


Nick Rossi & Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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