About this Recording
8.572736 - HUMMEL, J.N.: Hummel at the Opera (Inui)
English  German 

Johann Nepomuk Hummel (1778–1837)
Hummel und die Oper

 

Johann Nepomuk Hummel (geboren 1778 im heutigen Bratislava, gestorben 1837 in Weimar) war einer der gefeiertsten Komponisten und der führende Pianist seiner Zeit. Seine Klavierschule revolutionierte die Spielpraxis. Hummel wurde als Wunderkind zwei Jahre lang kostenlos von Mozart unterrichtet, war Haydns Nachfolger als Leiter der Esterhazy-Kapelle in Eisenstadt und Goethes Bruder in der Freimaurerloge zu Weimar, wo er als Hofkapellmeister wirkte. Beethoven war sein größter Konkurrent. Liszt und Schumann versuchten vergebens, seine Schüler zu werden. Seine technischen Fertigkeiten waren konkurrenzlos, seine Tourneen nach England, Frankreich und Russland sensationell. Sein musikdramatisches oeuvre entstand fast ausschließlich in der freiberuflichen Wiener Zeit zwischen 1811 und 1816, zwischen den Anstellungen an den Höfen von Eisenstadt und Stuttgart. Es reicht vom Feenspiel über das Ballett bis zur großen Oper. Interessant als Dokumente der Aufführungspraxis sind seine Variationen und Fantasien über populäre Opern.

Als Achtjähriger spielte Hummel dem auf der Höhe seines Ruhms stehenden Mozart vor und wurde von ihm daraufhin zwei Jahre lang beherbergt, verköstigt und ausgebildet. Hummel verehrte Mozart zeitlebens. Neben einer „Figaro-Fantasie (s. Naxos 8.557836) schuf er Klaviervariationen über ein Thema aus dem Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ (1782). Das Duett „Vivat Bacchus, Bacchus lebe, Bacchus war ein braver Mann“ zwischen dem Haremsaufseher Osmin (Bass) und dem Diener Pedrillo (Spieltenor), der mit seinem Herrn zwei in der Türkei gefangene Europäerinnen befreien will, steht an einem Kulminationspunkt: Der gewalttätige Osmin ist Moslem und an Alkohol nicht gewöhnt. Nun wird er betrunken gemacht, und im Duett kontrastiert Pedrillos europäische Pfiffigkeit reizvoll mit „Alla turca“-Elementen. Hummel schrieb darüber anno 1810 in Eisenstadt zwölf Variationen in der Originaltonart C-Dur, die nach dem Standardprogramm des Komponisten das dynamische Spektrum ausschöpfen: dramatische Läufe und Verzierungen (Variationen 7 und 10); humoristische Einlassungen in Variation 2; ein seriöser, fast theologisch anmutender Diskurs in Variation 9; und das obligate Furioso zum Finale.

Torquato Tasso erzählte im Epos „Das befreite Jerusalem“ (1575) die Geschichte der Zauberin Armida, die den Kreuzritter Rinaldo auf einer Insel gefangenhält. 1777 wurde die „Armide“ von Christoph Willibald Gluck uraufgeführt. Hummels Variations sur un Thème d’Armide de Gluck, Op. 57, betreffen eine instrumentale Passage in Form einer Musette, eines Tanzes hier im Zweivierteltakt mit dudelsackartigem Bass. Die Musette bezeichnet hier eine vertrackte Situation: Ein Liebender wähnt sich von seiner Liebsten umgarnt, doch ist es ein böser Dämon, der ihre Gestalt angenommen hat. Hummel interessierte sich vor allem für den Charme des Gluck’schen Themas, das er von Es-Dur ins leichtere FDur transferierte. Er widmete ihm 1815 (in der Wiener Zeit) zehn Hummel-atypische Variationen: mit wenigen Effekten, aber von klassischer Anmut und mit einer vorausgeahnten Schubert-Passage in Variation 9.

Der Roman „Paul et Virginie” (1788) von Jacques Henri Bernardin de Saint-Pierre schildert in der Nachfolge Rousseaus das von Klassenschranken unbehinderte Aufwachsen zweier Halbwaisen in der Naturidylle von Mauritius. Hummel schrieb nach dem Erfolgsroman ein Ballett, von dem nur das „Quintett der Neger” (1809/10) in der Klavierfassung erhalten ist. Die im Untertitel genannte Besetzung des Quintetts zeigt, dass es am Kärntnertortheater in Wien herauskam. Die tänzerische Elite des Hauses war für Hummels effektvolles Stück aufgeboten, das reizvoll mit ethnischen Stereotypen (bis zum Jodelmotiv!) spielt.

Luigi Cherubinis Komische Oper „Les deux journées“ wurde auch unter dem deutschen Titel „Der Wasserträger“ bekannt. Das 1800 in Paris uraufgeführte Werk wurde enorm geschätzt. Louis Spohr beschloss unter dem Eindruck einer Aufführung, Komponist zu werden. Beethoven ließ sich von Cherubinis Werk zu seiner eigenen Oper Fidelio inspirieren. In der Tat ist auch der „Wasserträger“ eine Befreiungsoper und eine Apotheose der Zivilcourage: Der schlichte Savoyarde Mikéli, der die Pariser mit Wasser beliefert, findet seinen einstigen Wohltäter Graf Armand durch den intriganten Kardinal Mazarin am Leben bedroht. Er schmuggelt ihn in einem seiner Wasserfässer aus der Gefahrenzone. Mikélis Bariton-Arie „Guide mes pas, o Providence“ („Leite meine Schritte, o Vorsehung“, 1. Akt, 3. Auftritt) begleitet den Entschluss zur Hilfeleistung. Über diese Arie schrieb Hummel sieben Variationen im originalen Es-Dur. Hummel hatte schon 1801 einen Marsch aus dem „Wasserträger“ für Klavier variiert (op. 9) und im Trompetenkonzert verwendet. Die vorliegende Partitur ist undatiert, aber als Spätwerk einzugrenzen: Sie kam im 1824 gegründeten Londoner Klavier- und Verlagshaus Jean Baptiste Cramer Addison & Beale heraus. 1831 unternahm Hummel seine vorletzte, schmerzhaft erfolglose England-Tournee und veröffentlichte in diesem Jahr bei Cramer auch die Fantasie „Recollections of Paganini“. Nach einem weiteren Londoner Debakel zwei Jahre später beendete Hummel seine Karriere als reisender Virtuose. Er starb 1837 in Weimar.

Die Große Fantasie für Klavier und Orchester op. 116 „L’Enchantement d’Oberon“ („Oberons Zauber“ in hochdramatischem e-moll als Grundtonart), uraufgeführt im Dezember 1829 in Weimar, ist ein spätes Meisterwerk. Carl Maria von Webers „Oberon“ stand damals auf dem Programm des Weimarer Hoftheaters. Heute wird die Oper um den Ritter Hüon von Bordeaux, der mit Hilfe eines vom Elfenkönig Oberon gestifteten Zauberhorns die Tochter Harun al Raschids kidnapped, wegen des zweifelhaften Librettos nicht mehr oft gespielt. Den heute geläufigen Titel für Hummels Fantasie, „Oberons Zauberhorn“, erfand später der Wiener Verleger Tobias Haslinger. Hummel bediente sich aus Webers Oper nur minimal und schuf ein autonomes, hochromantisches Meisterwerk mit Feenmusik, Gewitterattacken und pastoraler Folklore. Oberons aus drei aufsteigenden Ganztönen bestehender Hornruf samt anschließendem Tanz (vom originalen DDur nach E-Dur transferiert) ist Webers einziger unmittelbarer Beitrag. Die durchkomponierte Fantasie ist in fünf Abschnitte gegliedert: Allegro energico-Larghetto-Tempo di marcia-L’Orage (Der Sturm)-Allegro con moto. Hummel selbst bearbeitete das Werk auch für Klavier solo.

Das Märchen vom „Aschenputtel“ wurde u. a. von Rossini, Massenet, Johann Strauß Sohn und Prokofjew verarbeitet. Die erste bedeutende Aschenputtel-Oper schuf der aus Malta gebürtige Komponist Nicolò Isouard (1775 bis 1818). Das Libretto orientiert sich an Charles Perrault (s. „Die Eselshaut“), dessen Version später auch Disney nutzte. Das am 1810 in Paris uraufgeführte Werk war ein durchschlagender Erfolg und erreichte 1812 auch das Theater an der Wien. Schon ein Jahr zuvor, gegen Ende der Eisenstädter Zeit, schrieb Hummel acht Variationen in der Originaltonart C-Dur auf einen beschwingten Huldigungsmarsch, der dem eben zur Prinzessin erhobenen Aschenputtel von einem Kinderchor gesungen wird. In den phantasievollen Variationen blitzt zwischen konventionellen Passagen das Genie auf. Man vermeint ein Stück Schubert (Variation 3), Chopin (Variation 5) oder Schumann (die bizarre Variation 4) voraus zu hören (alle drei standen noch in zartestem Alter). Die letzte Variation ist eine Gigue (ein rascher Barocktanz im Sechsachteltakt) mit der für Hummel typischen euphorischen Schlusssteigerung ins Virtuose.

Auf der vorliegenden Aufnahme ist das komplette Potpourri de l’Opéra „Eselshaut“, op. 58, zu hören:

1) Zwischenaktmusik im 1. Akt (Largoin c-moll)
2) Solo im 1. Akt, getanzt von Mademoiselle Gritti (Un poco Allegretto in F-Dur)
3) Zug der Opferpriester zum Tempel Aliborums, des Goldesels (Andante sostenuto in Des-Dur)
4) Marsch im ersten Akt, wo der Goldesel als Schlachtopfer abgeführt wird (A-Dur)
5) Spiegelszene im 3. Akt (quasi Tempo di Menuetto, F-Dur)
6) Bacchanal, Tanz im 1. Akt (Presto assai in Des-Dur, offenbar die Ritualtonart des Werks).

Das von Charles Perrault (1628 bis 1703) überlieferte Volksmärchen „Die Eselshaut“ ist ein Beispiel für die tiefenpsychologisch zu deutende Grausamkeit, die dem Genre innewohnt: Ein König hält nach dem Tod seiner Frau nur die eigene Tochter für würdig, ihn zu heiraten. Eine Fee empfiehlt der verzweifelten Prinzessin, die Entscheidung durch immer neue Wünsche an den König hinauszuzögern. Doch der Monarch erfüllt selbst die Forderung, den Devisenbringer des Reiches, den Goldesel, zu schlachten. In die Haut des Tiers gehüllt, ergreift die Prinzessin die Flucht. Opern waren zur Zeit der Uraufführung von Hummels Werk Wegwerfprodukte. Die Häuser brachten Dutzende Uraufführungen, das Genre des Wiener Feenspiels lebte von der kostspieligen Bühnenmaschinerie mehr als von der improvisierten Handlung.

Die Eselshaut“ kam am 10. März 1814 im Theater an der Wien heraus. Hummel war aus den Diensten des Fürsten Esterhazy geschieden und versuchte sich als Komponist und Pianist in Wien auf dem freien Markt zu etablieren. Der deutsche Komponist und Violinvirtuose Louis Spohr, der damals in Wien ein Gastspiel gab, erlebte die Uraufführung: Das schlechte Libretto von Franz Xaver Gewey provozierte einen Skandal, das Stück sollte abgesetzt werden, doch erkrankten mehrere Mitwirkende anderer Produktionen, so dass „Die Eselshaut“ weitergespielt werden musste. Das Publikum genoss den Skandal und strömte ins Haus, die Musik wurde sogar gelobt, und Hummel verdiente gut an drei Klavieradaptionen (op. 58, 59, 60). Mehr ist von der Partitur nicht geblieben.

Op. 58 ist auf dieser CD zu hören. Besonderen Effekt erzeugen die Ereignisse um den Goldesel Aliborum: der feierliche Zug der Priester, die ihn liquidieren sollen—eine schrägere Variante des Priestermarschs aus der „Zauberflöte“ (Nummer 3); der Abtransport des kläglich seinem Tod entgegenhüpfenden Viehs und die herzerweichende Klage über sein Schicksal (Nummer 4); endlich die Schlachtorgie, die in Takt 65 bis 75 sekundenlang an Strawinskis „Sacre du printemps“ erinnert (Nummer 6). Die Spiegelszene (Nummer 5) könnte sich auf eine Passage des Märchens beziehen, in der die Prinzessin das Eselsfell ablegt und in einem Gewässer ihr eigentliches Bild wiederfindet.

So verbeugen sich die Gestalter dieses Tonträgers zum Finale vor Hummel, dem Multitalent: dem Minutenvisionär, dem furiosen Klaviervirtuosen, dem kompetenten Opernkapellmeister und dem ingeniösen Kaufmann.


Heinz Sichrovsky


Close the window