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8.572759 - MERK, J.: Fleurs d'Italie / Air suisse varie et Rondeau / Valses brillantes (Rummel, Kruger)
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Joseph Merk (1795–1852)
Fleurs d’Italie • Air suisse varié et Rondeau, Op. 32 (Aux amateurs, No. 8) • Valses brillantes

 

Cellisten sind ein seltsames Volk, das wird jeder Musiker bestätigen. Anders als Geiger oder Pianisten haben sie Spass daran, mit vielen anderen Cellisten zusammen zu sein, ja sogar Celloquartett, -sextett, -oktett oder -orchester zu bilden. „Das Cello ist eine erwachsene Geige, die auf eigenen Beinen zu stehen gelernt hat", schreibt so treffend Wolfram Weidner, Jahrgang 1925 und einer der scharfzüngigsten deutsche Aphoristiker und Publizisten. Und doch sind Cellisten oft viel weniger stolz auf die vergangenen großen Meister ihres Instruments als ihre geigenden oder klavierenden Kollegen, weshalb viel Musik und ihre Schöpfer oder einfach nur große Cellisten heute nicht mehr so bekannt sind wie dies bei anderen Instrumenten vergleichsweise der Fall ist. Ein solcher Vertreter unserer sonderbaren Zunft ist der Wiener Cellist Joseph Merk.

Geboren am 18. Januar 1795, wollte Merk eigentlich Geiger werden, was jedoch durch die Folgen eines Hundebisses in den linken Arm vereitelt wurde, da er die Geige nicht mehr hochhalten konnte. Also wurde er Schüler des Solocellisten der Wiener Hofoper, Philipp Schindlöker (1753–1827), in dessen Fußstapfen er nach einer Debüt-Konzertreise durch Europa 1816 oder 1818 (verschiedene Quellen geben hier verschiedene Auskunft) trat und später zudem auch Mitglied der kaiserlichen Kapelle wurde. Von 1821 bis 1848 war Joseph Merk Professor am Wiener Konservatorium und wurde 1834 zum „kaiserlichen Kammervirtuos“ ernannt, während er auch noch als Solist und Kammermusiker ganz Europa bereiste.

Eduard Hanslicks „Geschichte des Concertwesens in Wien“ gibt lebhaftes Zeugnis über Joseph Merks Wiener Kammermusiktätigkeit: […] fleißiger Concertgeber unermüdlich und stets von der Sympathie des Publikums getragen. Er concertirte häufig gemeinsam mit Mayseder, spielte mit Vorliebe dessen Compositionen und konnte füglich der Mayseder des Violoncells heißen […] Merk wirkte auch als Cellist in Böhm’s Quartettprouktionen […]“

Im Rückblick weit bedeutender ist freilich Merks Einsatz für das—ursprünglich für Anton Kraft geschriebene—Tripelkonzert op. 56 von Ludwig van Beethoven, das bei der Uraufführung 1808 nicht sonderlich erfolgreich gewesen war und das er gemeinsam mit Josef Mayseder und Karl Maria von Bocklet 1825 erstmals wieder öffentlich spielte, diesmal mit großer Resonanz beim Publikum. 1829 widmete ihm Chopin anlässlich seines Wien- Besuchs seine Introduction et Polonaise brillante op. 3, und auch mit Franz Schubert war Merk befreundet. Hoch angesehen starb er am 16. Juli 1852 in seiner Heimatstadt Wien.

Die Air suisse varié op. 32 ist ein typisches Beispiel für biedermeierliche Virtuosenliteratur. Zum einen verwendet sie die aus der Klassik stammende Variationsform (Einleitung—Thema—Variationen—abschließende Virtuosenpassage), zum anderen bedient sie sich eines auf volkstümlich getrimmten Kunstthemas und holt somit die große weite Welt in den heimischen Schnörkselsalon. Bedenkt man aber die Ernsthaftigkeit der Komponierweise, so ist das „mätzchenfreie“ Musizieren, das hier—anders als bei manchen Klavier- und Geigenvirtuosen derselben Zeit—im Vordergrund steht, bis heute erfreulich. „Aux amateurs“, also „für Liebhaber“, ist der Untertitel dieses Werkes, wobei die Wörter „Amateur“, „Liebhaber“ und auch „Dilettant“ zu jener Zeit noch keineswegs den negativen Beigeschmack hatten, der ihnen heute anhaftet.

Ebenso typisch für das 19. Jahrhundert ist der Hauptzyklus dieser Aufnahme mit dem wunderbar eloquenten Titel Fleurs d’Italie. Fantaisies pour le Violoncelle avec Accompagnement de Piano sur les Motifs les puls favoris d’Opéras nouveaux. In der Tat waren die in op. 26 verarbeiteten Donizetti-Opern neu: Lucrezia Borgia und Torquato Tasso waren 1833 uraufgeführt worden, Lucia di Lammermoor 1835 und Dom Sébastien 1843 beziehungsweise in einer revidierten Fassung 1845 im Kärntnertortheater in Wien. Es ist also anzunehmen, daß Merk als Orchestercellist alle diese Opern gespielt hat. Offenbar waren diese Opernparaphrasen so erfolgreich, daß er aus der 1844 uraufgeführten Verdi-Oper Ernani als sein op. 31 noch eine fünfte machte. Kammermusik- und Virtuosenbearbeitungen von Orchesterwerken ermöglichten es dem Bürgertum, seine Lieblingsmelodien in den eigenen Salon zu holen, und so war es üblich, daß Symphonien auch gleich in vierhändiger Klavierfassung oder—man denke an Hummels grandiose Versionen der letzten Mozart-Symphonien—in Kammermusikarrangements veröffentlicht wurden. Im 19. Jahrhundert entstanden dann die Opernparaphrasen, mit denen sich reisende Virtuosen die Gunst des Publikums erspielten, indem sie berühmte Melodien als Grundlage für das Zurschaustellen ihrer instrumentalen Fähigkeiten verwendeten. Joseph Merk tut das mit einer gewissen Noblesse, ohne jedoch ganz auf den ein oder anderen instrumentalen Kunstgriff zu verzichten, meist besonders in den Schlusspassagen der Stücke. Die „Wahnsinnsarie“ darf in der Fantasie über Lucia di Lammermoor aber ebenso wenig fehlen wie die berühmte Cavatine des Ernani, und so sind diese Stücke nicht nur instrumentale „Gustostückerl“, sondern auch eine Sammlung von wunderbaren Melodien.

Die Valses brillantes op. 6 sind hingegen klassische Virtuosenliteratur, und die Vermutung liegt nahe, daß Merk sie für seine erste große Konzerttournee geschrieben haben könnte. Bedenkt man, daß Johann Strauß Vater erst 1826 als Komponist in Erscheinung trat, sind diese Stücke ein interessantes Zeugnis für den Übergang von den Schubertschen Klaviertänzen zur Straußschen Tanzmusik—diese Walzer haben sowohl die Intimität der Hausmusik als auch die große Geste einer imaginären Tanzkapelle.

Als Joseph Merk, der bedeutendste Cellist der Musikhauptstadt Wien, 1852 starb, war ein späterer seiner Nachfolger auf dem Thron des Hofopernsolocellisten gerade neun Jahre alt: David Popper. Er jedoch würde es sich leisten können, diese Funktion nur fünf Jahre auszuüben (von 1868 bis 1873), um dann das zu erlangen, was es für Geiger und Pianisten zu Joseph Merks Zeit zwar schon, für Cellisten aber noch nicht gab: Weltruhm.


Martin Rummel


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