About this Recording
8.572801 - SCHWARZ-SCHILLING, R.: Orchestral Works, Vol. 2 - Violin Concerto / Partita / Polonaise (Troussov, Weimar Staatskapelle, Serebrier)
English  German 

Reinhard Schwarz-Schilling (1904–1985)
Orchesterwerke • 2

 

Reinhard Schwarz-Schilling war einer der Komponisten der ‚verlorenen Generation’ in Deutschland, deren Karriere von den Zeitläuften torpediert wurde. Als junger Mann als eine der vielversprechendsten Begabungen gehandelt, mit 28 Jahren in seinem Streichquartett in fmoll auf der Höhe kontrapunktischen Könnens und souveräner Meisterung der großen Form angelangt, stilistisch den Bogen von Bach über Beethoven, Bruckner und Kaminski zu seiner eigenen Vision schlagend, bildeten das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg destruktive Zäsuren, und nach dem Kriege galt jegliche aus der Tonalität gewachsene Musik bei den Meinungsmachern als veraltet. Erst heute sehen wir mit frischem Blick auf die schöpferische Vielfalt in einer Zeit der ideologischen Grabenkämpfe.

Reinhard Schwarz-Schilling war ein Mann, dessen Integrität, Diskretion und Zivilcourage höchste Bewunderung verdienen. Über seinen Mentor Heinrich Kaminski (1886–1946) hatte er nicht nur seine kreative Ausrichtung gefunden, sondern auch die Frau seines Lebens kennengelernt: Die Polin Dusza von Hakrid war eine hervorragende Konzertpianistin. Dass sie jüdischer Abstammung war, erfuhr die Welt erst lange nach dem Tod der beiden aufgrund der Recherchen des Sohns Christian Schwarz-Schilling, der heute als Bundesminister und Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen in Bosnien-Herzegowina bekannter als sein Vater ist. Nur dank der Fälschung ihrer Papiere durch einen mutigen Beamten im oberbayerischen Kochel überstand die Familie den nationalsozialistischen Terror, und sie waren bis zum Kriegsende immer wieder Gestapo-Verhören und der ständigen Angst, aufzufliegen, ausgesetzt. Trotzdem ist Schwarz-Schilling, der an der Berliner Musikhochschule lehrte, auch in schlimmster Bedrängnis nie der Hitler-Partei beigetreten.

Nach den zwei Symphonien, beides Nachkriegswerke (1957 und 1963), und der Streichorchester-Fassung von ‚Introduktion und Fuge’ aus dem Streichquartett von 1932, stellt die zweite Folge von Schwarz-Schillings Orchestermusik unter José Serebrier nun seine beiden Orchesterwerke der Vorkriegszeit und sein einziges Solokonzert vor. Zwischen den 1934 und 1936 entstandenen Werken und dem 1953 vollendeten Violinkonzert liegt eine beträchtliche stilistische Distanz—das spätere Werk ist dissonanter, strukturell nackter, nüchterner und zugleich expressionistischer im Ton, der Kaminski verwandte hymnische Grundzug, die emphatische Anbindung an die große kontrapunktische deutsche Tradition blitzen nur noch gelegentlich auf.

Mit dem weit ausladenden Streichquartett in f-moll, das sich in seiner komplexen Faktur vorzüglich als Streichorchester-Adaption eignet, hatte Schwarz-Schilling 1931–32 sein erstes großes Instrumentalwerk in unverkennbar persönlichem Stil vorgelegt, und zugleich eine allen Ansprüchen großen symphonischen Zusammenhangs genügende Komposition. 1934–35 folgte mit der Partita sein erstes Orchesterwerk, das ihm unmittelbaren und zunächst weitreichenden Erfolg bescherte. Sie ist ein Zeugnis elaboriertester polyphoner Kunst auf der Basis kraftvoll wohlklingender und zugleich eigentümlich gefärbter Harmonik. Die Partita kam am 15. Februar 1935 in Wuppertal-Barmen unter Hellmut Schnackenberg zur Uraufführung, erklang bereits 1936 erstmals in New York unter Dante Fiorillo (1905–70) und wurde dann von so bedeutenden Musikern wie Heinz Schubert und Joseph Keilberth ins Repertoire aufgenommen. Eugen Jochum hat die Partita vor und nach dem Krieg mehrfach mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt. Schwarz-Schilling hat seine Partita wie folgt kommentiert:

„Schon in der Orchesterbesetzung zeigt sich eine Neigung eher zum Bachschen Orchester-Typus, als zu dem der klassischen Symphonie. Die Besetzung sieht nur einfache Holzbläser, 2 Hörner, 2 Trompeten und Streicher mit einem Solo-Concertino von Geige, Bratsche und Violoncello vor. Von Satz II an tritt Harfe hinzu, in Satz IV ist das Schlagzeug durch Xylophon, Glockenspiel, Tamburin u. a. bereichert. Der Name Partita gibt schon zu erkennen, dass die Formen nicht mit symphonisch-sonatenhaften Entwicklungen gebildet werden; vielmehr sind es hier Bewegungsimpulse, die—ohne stilisierende oder historisierende Absicht—die Bündigkeit tänzerischer Formen erstreben. Unter ‚tänzerisch’ möchte hier auch das Schreiten der (thematisch eintaktigen) Entrata wie das anschließende Allegro verstanden werden, das, in sich dreiteilig, einen ruhigen, melodischrhapsodischen Mittelteil umschließt. In diesem hebt sich zum ersten Mal das Concertino solistisch heraus, um auch im veränderten Wiederholungsteil des Allegro obligat zu bleiben. Der zweite Satz ist nur für die drei Solo-Streicher, Holzbläser, Horn und Harfe geschrieben. Die folgende Canzona führt wieder das ganze Orchester ein; der ersten choralhaften Entwicklung folgt eine fließendere. Nach Einmündung in frühere Partien, die verändert und erweitert werden, klingt der Satz leise aus. Attacca setzt die Einleitung zum Rondo (IV) ein, die an den Anfang der Entrata erinnert. Im folgenden Allegretto giocoso beginnen Oboe und Fagott mit dem Rondo-Thema, das im Laufe des Satzes viele Varianten erfährt. Ein deutlicher Einschnitt entsteht durch einen Grave-Teil, in dem die Trompete dem Thema einen veränderten, schweren Charakter gibt. Ein gesteigertes Allegro nimmt das Tanz-Spiel wieder auf. Diesen formalen Hinweisen mag noch hinzugefügt werden, dass die Partitur rein akkordliche Stützen meidet zugunsten des linearen Flusses der jeweils beteiligten Stimmen.“

Die kompakt und konzise geformte Polonaise für Orchester, mit dem Untertitel ‚Pyrmonter Kurmusik’ 1936 als ‚leichtes’ und zugleich durchaus anspruchsvolles Stück für das Pyrmonter Musikfest komponiert, knüpft auf bei aller ornamentischen Kunst einfachere Weise an die tänzerischen Idiome der Partita an und ist ein Gelegenheitswerk, welches Schwarz-Schilling auch nutzen konnte, um beiläufig einen schöpferischen Tribut an die Heimat seiner Frau zu entrichten. Der rhythmisch gezackte Tempo giusto-Grundcharakter bildet den Rahmen um ein etwas ruhiger zu nehmendes, melodisch und im feinsinnigen Holzbläsersatz an Franz Schubert gemahnendes Trio, das zur Gänze wiederholt wird. Die Polonaise wurde am 28. August 1936 beim Pyrmonter Musikfest durch das Niedersächsische Landesorchester unter der Leitung von Fritz Lehmann zur Uraufführung gebracht. Bis zur hier vorliegenden Ersteinspielung des Werkes durch die Staatskapelle Weimar unter José Serebrier gab es keine weitere Aufführung, und Schwarz-Schilling hat die Polonaise mit der Anmerkung „unüberarbeitete Partitur, keine Definitiv-Fassung! Nicht zu veröffentlichen!“ hinterlassen.

Reinhard Schwarz-Schillings Violinkonzert, vollendet 1953 und unter Mitarbeit von Leon Spierer 1966 mit der heute gültigen Solokadenz versehen, zählt zu seinen meistgespielten Kompositionen und verlangt einem erstklassigen Solisten und einem fähigen, hellwachen Orchester und Dirigenten höchstes Karat ab. Es ist zwar kein leichtes, jedoch durchaus ein dankbares Konzert, und steht stilistisch vollkommen für sich. Uraufgeführt wurde es am 28. Februar 1954 in Berlin durch Konzertmeister Siegfried Borries und die Berliner Philharmoniker unter Joseph Keilberth. Wolfgang Marschner, Saschko Gawriloff und vor allem Leon Spierer haben das Violinkonzert dann wiederholt aufgeführt und aufgenommen, und Spierer verdanken wir die Ersteinspielung auf Schallplatte. Reinhard Schwarz-Schilling kommentierte sein Violinkonzert 1974 folgendermaßen:

„Die Entstehung des Violin-Concerts reicht bis in die Kriegsjahre zurück. Von allem Anfang an stand der erste Solo-Einsatz bereits thematisch deutlich umrissen für meinen Kompositionsplan fest: aus diesem hörte ich zugleich den Kontrast einer orchestralen Einleitung heraus, bei deren Klanggebung ich jede individuelle Instrumental-Färbung zu meiden suchte: zugunsten eines plastischen Eintritts der Solo-Violine, die nun ihrerseits das konzertierende Spiel auch im Orchester anregt. Die Tendenz, die Führung des Soloinstruments bei der entstehenden Polyphonie aufrecht zu erhalten, ergab die für das Werk typische stilistische Faktur. Im Orchestersatz werden Füllstimmen gänzlich vermieden, die Ausgestaltung geht überall auf Bewegungen zurück, die aus dem Motivmaterial geprägt sind. Vom Einsatz des Soloinstruments ab—Allegro vivo—entwickelt sich der erste Satz dreiteilig. Den Beginn des langsameren Mittelteils wird der Hörer deutlich am Einsatz einer fanfarenartigen Thematik in der Trompete erkennen. Nach Wiederaufnahme des schnellen Tempos bezieht der weitere Verlauf auch Elemente der Einleitung sowie des Mittelteils ein. Kurz vor dem Abschluss konzentriert eine Solo-Cadenz nochmals das motivische Material. Der langsame Satz—Arie—wird umrahmt von gleichlautender Ein- und Ausleitung, die ein dreiteiliges Adagio umschließen; die hier zuerst leise wieder anklingende Trompetenfanfare gliedert im folgenden die Einzelabschnitte. Der Mittelteil gehört dem Tutti, während vorher und nachher das Soloinstrument führt; außer wenigen Verbindungstakten zwischen den Teilen liegt dem Adagio-Verlauf eine Kanon-Struktur zugrunde. Der langsame Satz geht unmittelbar in das Finale—Allegro con spirito—über; in ihm wird nicht mehr auf voraufgehendes Motivmaterial Bezug genommen. Die Solo-Violine präsentiert in tänzerisch-straffem Tempo die Haupt-Thematik; der erste Teil des Satzes wird wiederholt. Gegen den bisher kürzeren Wechsel von Solo- und Tutti-Partien kontrastiert danach ein länger ausgeführtes Fugato der Tutti-Streicher, dessen Thematik aus neuen Zusammenschlüssen von Motivteilen hervorgegangen ist. Nach Wiedereintritt der Solo-Violine, der sich die Bläser zugesellen, nimmt der Formverlauf bald die Züge einer frei gestalteten erweiterten Reprise mit Coda-artigem Ausklang an. Die tonale Sprache des Werkes mag der Auffassbarkeit zwar entgegenkommen, stellt aber ihrerseits die der Tonalität gemäße Forderung eines bestimmten Mitvollzuges.“

Über die Uraufführung des Violinkonzerts schrieb Berlins Kritikerpapst Hans Heinz Stuckenschmidt:

“Die strenge Geistigkeit seiner Sprache geht mit der Virtuosität des Violinparts eine seltsame Verbindung ein. Der langsame Satz ist in seiner ausdrucksvollen Geschlossenheit das Überzeugendste, was Schwarz-Schilling bisher gezeigt hat. Diese Musik […] lebt in einer Welt von vorgestern und übermorgen zugleich.”


Christoph Schlüren


Close the window