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8.572808 - LISZT, F.: 3 Sonetti di Petrarca (1st version) / Venezia e Napoli (1st set) / Recueillement (Liszt Complete Piano Music, Vol. 37)
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Franz Liszt (1811–1886)
Tre Sonetti del Petrarca • Venezia e Napoli • Klavierstück • Recueillement • Toccata • Schlaflos! Frage und Antwort • Galop de bal • Galop • Grand Galop chromatique

 

Das Publikum, nicht minder zahlreich und auserlesen, als bei den früheren Concerten, befand sich fortwährend in der aufgeregtesten Stimmung, und gab zuletzt nicht eher nach, als bis Lißt die Galope noch ein Mal wiederholte. Nie habe ich noch in einem Concerte einen solchen Sturm von Beifall und Jubel erlebt, als bei dieser Wiederholung.

– Heinrich Adami in der Allgemeinen Theaterzeitung vom 5 Mai 1838 über Liszts viertes Wiener Konzert

Franz Liszt wurde am 22 Oktober 1811 im deutschungarischen Raiding (Doborján) bei Ödenburg (Sopron) geboren. Sein Vater Adam war Amtmann des Fürsten Eszterházy sowie ein tüchtiger Amateur auf dem Violoncello. Als solcher hatte er für Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven musiziert. In Eisenstadt schloss er Freundschaft mit Johann Nepomuk Hummel, der als Eszterházyscher Kapellmeister Haydns Nachfolge angetreten hatte. Der kleine Franz verriet schon früh seine musikalische Begabung, die er 1820 erstmals auch der Öffentlichkeit demonstrierte, als er zunächst in Ödenburg und dann in Pressburg (Bratislava) auftrat. Dank dieses zweiten Konzertes erlangte er so viel Unterstützung seitens des ungarischen Adels, dass er mit seiner Familie nach Wien gehen konnte, wo ihn Carl Czerny im Klavierspiel und der alte Hofkomponist Antonio Salieri, der auch Beethoven und Schubert unterwiesen hatte, im Tonsatz unterrichtete. 1822 reiste Adam Liszt mit seinem Sohn nach Paris, um ihn am dortigen Konservatorium unterzubringen—doch Luigi Cherubini, der Direktor des Instituts, verweigerte dem »Ausländer« die Aufnahme. Statt dessen fand der Knabe einen geeigneten Lehrer in Antonin Reicha, und schon bald hatte seine pianistische und kompositorische Virtuosenkarriere begonnen.

Adam Liszt starb 1827 in Frankreich, worauf die Mutter nach Paris kam. Der inzwischen sechzehnjährige Franz gab Klavierunterricht und bemühte sich mit einer wahren Lesewut, seinen bisherigen Mangel an Allgemeinbildung auszugleichen. Von entscheidender künstlerischer Bedeutung war das Erlebnis Paganini: Der Hexenmeister spielte im Frühjahr 1831 in der französischen Hauptstadt, und Liszt spürte, dass ihm auf dem Klavier ähnlich neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die er später auch unter anderem in seinen Paganini-Etüden verwirklichte. Die Liaison mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, einem „Blaustrumpf“ wie die Romanschriftstellerin und gemeinsame Freundin George Sand, sowie die Geburt dreier Kinder führten zu neuerlichen Reisen und seit 1839 zu einer neuerlichen internationalen Virtuosentätigkeit, die Liszt eine wahre Heldenverehrung eintrug.

Im Jahre 1844 zerrissen die letzten Bande zwischen Liszt und der Gräfin, die danach unter dem Künstlernamen Daniel Stern literarische Rache an ihrem einstigen Lebensgefährten nahm. Dieser hatte inzwischen Kontakte zum Großherzogtum Weimar angeknüpft, nahm seinen Abschied vom öffentlichen Konzertpodium und wurde 1848 Musikdirektor der einstigen Goethe-Residenz, wo er fortan zusammen mit der jungen polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein lebte, einer literarisch und theologisch ambitionierten Dame, die sich von ihrem Ehemann, einem russischen Adligen, getrennt hatte. In Weimar beginnt auch recht eigentlich die Geschichte der Symphonischen Dichtungen, mit denen Franz Liszt nach neuen musikalischen Formen suchte, wobei er sich jeweils von literarischen, malerischen oder philosophischen Werken anregen ließ.

Trotz mannigfacher Bemühungen konnte die katholische Ehe der Fürstin nicht geschieden werden. Um sich schließlich sogar beim Heiligen Vater um eine Auflösung des Bundes zu bemühen, begab sich Carolyne 1860 nach Rom, im nächsten Jahr gefolgt von ihrem Lebensgefährten, der in der Ewigen Stadt allerdings eine eigene Wohnung nahm. Für Liszt begannen die »späten Jahre«, die er als une vie trifurquée (»dreigleisiges Leben«) bezeichnete: Abwechselnd lebte er in der komfortablen Ruhe eines römischen Klosters, in Weimar, wo der Meister des Klavierspiels und Prophet der Neuen Musik Hof hielt, sowie in Budapest, wo er inzwischen als Nationalheld gefeiert wurde.

Liszts uneheliche Tochter Cosima hatte zunächst den Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow geheiratet, den sie später für Richard Wagner verließ, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Kinder hatte. Ihr Vater war bis zum Lebensende aktiv. Noch in seinem Todesjahr 1886 gab er Konzerte in Budapest, Paris, Antwerpen und London. Er starb in Bayreuth während der Festspiele, die nach Wagners Tod von seiner Witwe Cosima geleitet wurden. Die Gegenwart des alten Vaters kam ihr damals offenbar nicht sonderlich gelegen.

Im Juni 1835 hatten sich Franz Liszt und Marie d’Agoult auf getrennten Wegen aus dem Staube gemacht. Die Reise führte von Paris nach Genf, wo man sich wiedertraf. Im Dezember kam als erstes Kind die gemeinsame Tochter Blandine zur Welt. Bald darauf ging es wieder nach Paris zurück, bevor man den Sommer bei George Sand auf Nohant verbrachte und im Herbst nach Italien aufbrach. Die zweite Tochter Cosima wurde im Dezember während eines zeitweiligen Aufenthalts in Como geboren.

Im Laufe seiner frühen Wanderschaft mit Marie d’Agoult hatte Franz Liszt zwei Kollektionen mit Klavierstücken geschaffen, deren Titel »Pilgerjahre« seine Beziehung zu der Gräfin nicht gerade in einem vorteilhaften Lichte erscheinen lässt. In das erste Jahr dieser Années de Pèlerinage flossen Stücke aus dem Album d’un voyageur ein, die den gemeinsamen Aufenthalt in der Schweiz spiegeln. Das zweite Jahr spielt in Italien und enthält unter anderem drei zuvor veröffentlichte Klavierstücke, die von Sonetten des Dichters Petrarca inspiriert sind. Es handelt sich dabei um die Klavierfassung der Gedichte Benedetto sia ’l giorno, e ’l mese, e l’anno (»Gesegnet der Tag, der Monat und das Jahr«), Pace non trovo, e non ho da far guerra (»Krieg kann ich nicht führen, nicht Frieden finden«) und I’ vidi in terra angelici costumi (»Ich sah auf Erden die Grazie des Engels«), die Franz Liszt zwischen 1842 und 1846 vertont und im Jahre ihrer Fertigstellung hatte publizieren lassen. Von 1846 stammen auch die instrumentalen Fassungen, die in dieser Aufnahme zu hören sind. Eine revidierte Version gelangte dann in die Années de pèlerinage: Deuxième année, Italie, die Liszt von etwa 1838 bis 1858 zusammengetragen hatte.

In Italien hatten Liszt und Marie d’Agoult gemeinsam Dante und Petrarca gelesen. Das erste »Sonett« (Nr 47) feiert Ort und Zeit der aufkeimenden Liebe, deren Macht der Dichter empfindet (Da’ duo begli occhi che legato m’ànno—»von zwei schönen Augen, die mich gefangen halten«). Das »Sonett 104« spricht von den Schmerzen, die die Liebe demjenigen bringt, den sie gefangen hält (Pascomi di dolor, piangendo rido—»ich nähre mich von Gram und lache unter Tränen«). Das dritte »Sonett« (Nr 123) preist die himmlische Schönheit der Geliebten, ihre celesti bellezze.

Die Erstfassung von Venezia e Napoli wurde 1840 vollendet und erschien als Supplement der italienischen Années de pèlerinage. Nach einer beträchtlichen Umarbeitung kam es 1859 in einer deutlich veränderten Version heraus. Die ursprüngliche Komposition besteht aus vier Sätzen, deren erster Liszt nachher das Material zu seiner Tasso-Ouvertüre und endlich auch Elemente zu der symphonischen Dichtung Tasso, lamento e trionfo lieferte. Das Lied des Gondoliere, das nach der dramatischen Einleitung in einer Innenstimme auftritt, erfährt durch Tonartenwechsel und einen technisch anspruchsvollen Klaviersatz eine vielfältige Ausgestaltung. Der zweite Satz beginnt in C-dur und wird nach acht Takten zu einem Allegro deciso im lichten A-dur, dem sich ein zarteres Allegretto anschließt. Dem leise wiegenden Andante placido in Fis-dur, dessen weitgespannte Intervalle Liszt später modifizierte, obwohl sie für seine eigenen Hände keine Probleme boten, folgen die abschließenden Tarantelles napolitaines, deren rasche Tanzrhythmen in g-moll von einem Trio in Es-dur unterbrochen werden. Nach der Wiederholung der Tarantella kommt es in einem Andantino cantabile (Gdur) zu weiteren Kontrasten, bevor der Tanz noch einmal aufgegriffen wird und ein Prestissimo den Schlusspunkt setzt. Das Klavierstück Nr 2 As-dur, das auch als »Albumblatt « bekannt wurde, kehrt thematisch in der Ballade Nr 1 und weiteren, ephemeren Produkten Liszts wieder. Das charmante Fragment gehörte zu den wenigen Sachen, die Liszt im Winter 1844–45 nach der schmerzlichen Trennung von Marie d’Agoult schrieb, während er sich auf einer Konzertreise durch Spanien und Portugal befand. Recueillement aus dem Jahre 1877 war ein Beitrag zu dem Denkmal und Standbild für Vincenzo Bellini, das Lauro Rossi, der Direktor des Konservatoriums von Neapel, organisierte. Das als »Nocturne« bezeichnete Klavierstück Schlaflos! Frage und Antwort schrieb Liszt im März 1883 nach einem (allerdings verschollenen) Gedicht seiner Schülerin Toni Raab. Zunächst wird die »Frage« in e-moll gestellt, dann erfolgt in einem zarten Andante quieto die Antwort in E-dur. Die Toccata ist vermutlich vier Jahre älter und ebenfalls ein typisches Spätwerk Liszts.

Der fröhliche Galop de bal datiert von 1840 und erschien im selben Jahr in St Petersburg. Der sechs Jahre jüngere Galopp a-moll setzt sich auf anspruchsvollere, technisch schwierigere Weise mit dem rasanten Tanz auseinander und benutzt dabei auch die hohen Lagen der Klaviatur. Der Grand Galop chromatique aus dem Jahre 1838 ist Graf Rudolf Apponyi gewidmet und wurde ein regelrechter »Renner«, den das Publikum zum Abschluss eines jeden Konzertes hören wollte—so auch, wie eingangs zitiert, 1838 in Wien, wo Liszt seinerzeit eine ganze Serie von Auftritten hatte. Eben diese Reihe war einer der Gründe für den Zwist mit Marie d’Agoult, die damals zwei einsame und trübsinnige Monate in Venedig verbrachte. Der Galopp stellt jedem Pianisten geradezu erschreckende technische Aufgaben.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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