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8.572821 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 12 - Organ Suites Nos. 1 and 2 (Sturm)
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Max Reger (1873–1916)
Orgelwerke • Folge 12

 

Einen großen Teil seines musikalischen Interesses hatte der junge Max Reger seinem Vater, einem Lehrer und begeisterten Amateurmusiker, zu verdanken. Dazu kam der frühe Unterricht bei Adalbert Lindner, dem Organisten von Weiden in der Oberpfalz. Ein Jahr nach der Geburt des Sohnes (1873) war die Familie von Brand nach Weiden gezogen, und hier verbrachte der Knabe seine Kindheit und Jugend. Nach Abschluss seiner schulischen Ausbildung wollte er selbst Lehrer werden; indessen hatte Lindner frühe Kompositionen seines Schülers an seinen einstigen Lehrer Hugo Riemann geschickt, und dieser nahm den jungen Reger zunächst in Sondershausen und dann in Wiesbaden als Schüler bzw. Assistenten an. Der darauf folgende Militärdienst wirkte sich negativ auf Regers körperliche und seelische Befindlichkeit aus. Er kehrte fürs erste ins Elternhaus zurück, wo in der Folgezeit zahlreiche Werke entstanden—darunter eine monumentale Serie von Choralfantasien und anderen Orgelstücken. Viele dieser Kompositionen hat Reger anscheinend mit Blick auf die technischen Fertigkeiten seines Freundes Karl Straube geschrieben, einem bekannten Interpreten dieser Werke.

1901 verlegte Reger seinen Wohnsitz nach München, wo er während der nächsten sechs Jahre lebte. Die dortige Musikwelt tat sich nicht leicht mit ihm, denn sie sahen in dem Zugereisten einen Verfechter der absoluten Musik und zumindest anfangs einen Gegner der Programmusik, für die die Namen Wagner und Liszt standen. Als Pianist war Reger allerdings erfolgreich, und auf diesem Wege fand er auch für seine eigenen Werke allmählich ein Publikum. In München entstanden unter anderem die Sinfonietta sowie etliches an Kammermusik und die beiden großen Variationswerke über Themen von Bach bzw. von Beethoven, denen in späteren Jahren die bekannten Mozart-Variationen folgten.

1907 kam es zu einer Veränderung in Regers Leben. Er übernahm eine Kompositionsprofessur an der Leipziger Universität, und mit seiner Musik erreichte er inzwischen ein immer größeres Publikum, wobei ihm sein Ruf als ausübender Musiker nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in den Niederlanden und sogar in London und St. Petersburg zugute kam. 1911 verpflichtete ihn der Herzog von Sachsen-Meiningen als Dirigent des von Hans von Bülow etablierten Hoforchesters, wo auch schon der junge Richard Strauss dirigiert hatte. Max Reger blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Meiningen. Die kriegsbedingte Auflösung des Orchesters kam Reger entgegen, denn er hatte ohnehin bereits mit dem Gedanken gespielt, den Posten aufzugeben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Jena, ohne freilich seine kompositorische und konzertierende Laufbahn aufzugeben. Er starb im Mai 1916, als er auf der Rückreise aus den Niederlanden in Leipzig Station machte.

Die Orgelmusik von Max Reger nimmt im Repertoire eine besondere Stellung ein. Weithin gilt er als der größte deutsche Orgelkomponist seit Bach. Zwar war er selbst katholisch, doch in der lutherischen Tradition fand er einen musikalischen Quell, aus dem er die Inspiration für seine Choralvorspiele, Choralfantasien und andere Werke schöpfte. Die Wertschätzung, die seine Orgelwerke schon zu seinen Lebzeiten erfuhren, ist nicht zuletzt Karl Straube zu verdanken, der wie Reger bei Hugo Riemann studiert hatte und seit 1902 als Organist an der Leipziger Thomaskirche tätig war.

Sein erstes bedeutendes Orgelwerk, die Suite e-moll op. 16, schrieb Max Reger in den Jahren 1894/95. Er widmete sie Den Manen Joh. Seb. Bach’s, nachdem er sich durch einen Artikel von Hugo Riemann über die fundamentale Bedeutung des Meisters für die Orgelmusik hatte zur Komposition des Werkes anregen lassen. Reger schickte ein Exemplar des 1896 gedruckten Werkes an Johannes Brahms, der sich sehr vorteilhaft dazu äußerte. Der erste Satz beginnt mit der schroffen Dissonanz einer Introduzione Grave, in der sich wuchtig wechselnde Akkorde und quasi rezitativische Passagen abwechseln. Das weiträumig im Sechsvierteltakt ausgreifende Thema der anschließenden Fuge wird im Diskant exponiert und von den drei anderen Stimmen in absteigender Reihenfolge bis hinunter zum Bass beantwortet. Vor dem Einsatz eines zweiten Themas erklingt das Ausgangssubjekt invertiert sowie in originaler und gespiegelter Gestalt. Den Abschluss bildet das Hauptthema nebst seiner Inversion über dem Dominant-Orgelpunkt H: Die Musik bäumt sich zu einer großen Klimax auf, endet dann aber überraschend leise im Adagio. Der zweite Satz steht in H-dur und ist ein Adagio assai in dreiteiliger Liedform (ABA). Der am Ende wiederholte A-Teil ist von ariosem Charakter, wohingegen sich im Zentrum zwei Choralmelodien vernehmen lassen: Aus tiefer Not und Wenn mein Stündlein vorhanden ist. Ein Intermezzo in a-moll—Un poco Allegro, ma non troppo—mit auffallenden kanonischen Imitationen und einem zeitweilig in zwei Stimmen geführten Pedal umrahmt ein Trio in E-dur, das als Andantino bezeichnet und ebenso transparent texturiert ist wie der Hauptteil dieses »Zwischenspiels«. Den Abschluss der Suite bildet eine Passacaglia in e-moll, deren Grundbass zunächst im Pedal liegt. Die musikalische Intensität steigert sich, um einen Mittelteil in E-dur zu erreichen. Wenn dann das ursprüngliche Bassthema wiederkehrt, wird es auf dem ersten Manual von der rechten Hand gespielt, indessen die linke Hand auf dem zweiten Manual dieses Fundament mit triolischen Sechzehntelbewegungen umrankt. Eine Variation von intensiver Behendigkeit erreicht die mächtige Schlussvariation, in der das Grundthema von beiden Füßen in Oktaven auszuführen ist.

1905 kam Max Reger als Josef Rheinbergers Nachfolger an die Münchner Akademie der Tonkunst, wo er Orgel, Klavier und Komposition unterrichtete. Im nächsten Jahr erschien seine siebensätzige Suite Nr. 2 g-moll op. 92. Den Auftakt bildet ein Präludium, das sich nach der einleitenden Passage in allerlei imitatorischen Momenten ergeht, bevor der Satzanfang wiederholt wird. Der zweite Satz ist eine Fuge, deren chromatisches Thema gewissermaßen kreuzweise exponiert und beantwortet wird: Der Altstimme folgt zunächst der Diskant, worauf sich der Pedalbass und endlich der Tenor melden. Über verschiedene Episoden wird eine abschließende Klimax auf einem Dominant- und einem Tonika-Orgelpunkt erreicht. Das Intermezzo h-moll im Sechsachteltakt beginnt zur Hauptstimme der linken Hand mit leichten pianissimo-Sechzehntelfiguren der Rechten, die dem Verlauf insgesamt trotz mancherlei kontrastierender Verdichtungen eine lichtere Stimmung mitteilen. Der anschließende Basso ostinato in g-moll beruht auf einer unablässig wiederholten, viertönigen Viertelfigur des Pedals, über der sich kontrapunktische Imitationen und charakteristische Modulationen erheben. Der fünfte Satz (Larghetto) ist eine Romanze in As-dur mit einem Mittelteil in h-moll, an den sich eine abgewandelte Version des Anfangsteils anschließt, die vor allem mit dem prägnanten Einleitungsmotiv spielt. Die aus dem Geiste Johann Sebastian Bachs komponierte g-moll-Toccata stellt das hurtige Figurenwerk der Einleitung kontrastierend neben die breiteren, stark kontrapunktisch gefügten Akkorde eines mehrfachen quasi Adagio. Die Suite geht mit einer eindrucksvollen Fuge zu Ende, deren Thema in der Oberstimme exponiert und dann stufenweise von den tieferen Stimmen beantwortet wird. Die Krönung bildet der Einsatz des Pedals. Ein letztes Mal ertönt das Subjekt über einem oktavierten Dominant-Orgelpunkt (D), worauf ein grandioser, triumphaler Schluss erreicht wird.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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