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8.572830 - ONSLOW, G.: Cello Sonatas, Op. 16, Nos. 1-3 (Kliegel, Tichmann)
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Georges Onslow (1784–1853)
Sonaten für Violoncello und Klavier op. 16 Nr. 1–3

 

Im Mai 1781 konnte die Londoner Presse mit einiger Freude einen neuen Skandal verbreiten: Edward Onslow, der jüngere Sohn des ersten Earl of Onslow, sollte sich demnach bei der aktuellen Ausstellung der Royal Academy in mehr als eindeutiger Weise einem gewissen Phelim Macarty genähert haben. Erst im vergangenen November war der Beschuldigte durch den Einfluss des Herzogs von Newcastle, einem Vetter seiner Mutter, zum Parlamentsmitglied für Aldborough gewählt worden—doch jetzt schien es ihm geboten, diesen Sitz abzugeben. Er übernahm das Amt eines königlichen Stewards von East Hendred und begab sich nach Frankreich, wo derlei Dinge scheinbar anders geregelt wurden. Nach anfänglichem Leugnen gestand er seinem Vater schließlich doch, dass er von seiner Leidenschaft übermannt worden war.

Edward Onslow war 1758 geboren worden, hatte die Schulen von Westminster und Christ Church in Oxford besucht und hätte Abgeordneter für Arundel werden sollen, wennʼs nach dem Vater gegangen wäre. Als dieser dann allerdings erfuhr, was die Kandidatur kosten würde, stellte er seine Unterstützung ein. Edward Onslow ließ sich in der französischen Auvergne nieder, trat zur katholischen Kirche über und heiratete zwei Jahre später die reiche Erbin Marie- Rosalie de Bourdeilles de Brantôme. 1789 erwarb das Ehepaar das Château »Le Chalandrât« bei Clermont-Ferrand.

Das erste Kind der Onslows war der 1784 geborene Georges, von dessen jüngeren Geschwistern sich zwei Brüder später als Maler hervortaten. Georges, der beim Tode des Vaters im Jahre 1829 ein bedeutendes Erbe antreten konnte, wurde so erzogen, wie es sich für jemanden von seinem Stand gehörte, wobei der künstlerische Schwerpunkt die Interessen des Vaters und die ländlichen Aktivitäten den Lebensraum reflektierten. In den Jahren 1799/1800 gingen Vater und Sohn ins Exil. Einige Zeit wurde in London zugebracht, wo Georges seine musikalischen Neigungen verfolgen konnte—unter anderem nahm er bei den Emigranten Nicolas-Joseph Hüllmandel, Jan Ladislaus Dussek und Johann Baptist Cramer Unterricht. Seinen musikalischen Interessen vermehrten sich offenbar auch durch eine Aufführung der »comédie-héro« Stratonice, die Etienne-Nicolas Méhul 1792 an der Pariser Comédie-Italienne herausgebracht hatte und die der junge Onslow neun Jahre später miterlebte.

Nach seinen ersten eigenen Kompositionen und seiner Eheschließung im Jahre 1808 ließ er sich von Anton Reicha in Paris unterweisen. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmete er der Kammermusik: Er schrieb eine große Zahl von Quartetten und Quintetten für Streicher, die es ihm ermöglichten, selbst den Cellopart zu übernehmen und die er während der Pariser Wintersaison auch von professionellen Musikern wie dem Geiger Pierre Baillot oder den Brüdern Tilmant hören konnte.

Finanziell durch seine Erbschaft gesichert, genoss er die Freiheit, weitestgehend nach eigenem Gutdünken handeln zu können. Obwohl es mit der Familie zum Streit kam, pflegte Onslow auch weiterhin seine englischen Kontakte. Er wurde das zweite Ehrenmitglied der London Philharmonic Society und übernahm von Luigi Cherubini den Sitz in der französischen Académie des Beaux Arts. 1829 erlitt er durch Pulver und Blei einen Unfall, der die Sehkraft seines linken Auges beeinträchtigte: Das Streichquintett La Balle op. 38, das sogenannte »Kugel-Quintett«, fasste dieses Geschehnis in Töne. Onslow komponierte unter anderem vier Symphonien sowie vier Opern, von denen zwei an der Pariser Opéra-Comique gespielt wurden, hat sich aber vor allem mit seiner Kammermusik einen bleibenden Namen gemacht—insbesondere mit vierunddreißig wechselnd besetzten Streichquintetten sowie fünfunddreißig Streichquartetten, die sowohl Profis als auch Amateure gern erstanden.

1820 vollendete George Onslow seine drei Sonaten op. 16 für Violoncello und Klavier, die unter anderem auch für Bratsche und Klavier erschienen. Die Veröffentlichung erfolgte ein Jahr später in Paris. Die Leipziger Ausgabe von Breitkopf und Härtel zog eine sehr vorteilhafte Rezension nach sich: Der Autor derselben verglich die Werke mit Beethoven und lobte die musikalische Gleich-behandlung beider Instrumente. Der Kopfsatz der Sonate Nr. 1 F-dur entspricht der klassischen Dreiteiligkeit aus (wiederholter) Exposition, Durchführung und Reprise. Der zweite Satz steht in d-moll und enthält einen kontrastierenden Mittelteil in D-dur, worauf das abschließende Allegretto dem fein gearbeiteten Werk ein bezauberndes Ende bereitet.

Die Sonate Nr. 2 c-moll ist dem Cellisten Louis-Pierre- Martin Norblin gewidmet. Dieser war 1781 in Polen geboren worden, wo sein Vater, der Maler Jean-Pierre Norblin de La Gourdaine, mit großem Erfolg wirkte. Norblin junior studierte am Pariser Konservatorium, wo er später selbst unterrichtete, arbeitete einige Zeit als Erster Cellist an der Grand Opéra zu Paris und war Mitglied des Baillot-Quartetts. Die Sonate hat einen gewissen dramatischen Anstrich, der sich durch die Wahl der Tonart erklärt: Der sonatenförmige Kopfsatz bringt ein gesanglicheres Nebenthema in Es-dur und wird von einer kurzen Arpeggien-Passage des Streichinstruments beschlossen. Das Menuetto beginnt in c-moll, wendet sich aber, wenn der eigentliche Tanz anhebt, nach Es-dur und dann nach C-dur. In As-dur steht das zentrale Trio, in dem die über-schlagenden Hände des Pianisten von den Pizzikati des Cellisten begleitet werden. Der langsame Satz in Es-dur lässt das Violoncello eine liedhafte Melodie singen, und das Finale besteht in einem bemerkenswerten Allegretto, das den obgedachten Kritiker veranlasste, die Musik mindestens mit dem früheren Beethoven zu vergleichen.

Die Sonate Nr. 3 A-dur widmete Onslow dem befreundeten Amateurkomponisten Augustin Leonzzo de Leyval, der vermutlich der gleichnamigen Grundbesitzerfamilie aus der Gegend von Clermont-Ferrand entstammte. Das zweite Thema des Kopfsatzes ist dolce semplice auszuführen; das Themenmaterial der (wiederholten) Exposition wird in der Durchführung verarbeitet und in der gehörigen Reprise wieder aufgegriffen. Der langsame Satz beginnt in F-dur und leitet recht bald attacca subito in das abschließende amoll- Agitato über. Allenthalben sind auch hier die Aufgaben zwischen Cello und Klavier gerecht verteilt, und eine gekonnte Modulationsarbeit erreicht schließlich den gebührenden Abschluss in A-dur. Alle drei Sonaten arbeiten auf charakteristische Weise mit Sequenzen, dramatischen Harmonien und wirkungsvoller Kontrapunktik—weshalb denn auch alle drei Werke kostbare Beiträge zum Duorepertoire für Violoncello und Klavier bilden und die Richtung andeuten, die andere französische Komponisten nehmen sollten.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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