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8.572885 - MULLER, I.: Clarinet Quartets Nos. 1 and 2 / Souvenir de Dobberan (Roth, Fuchs, Berolina Ensemble, Le Roux)
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Iwan Müller (1786–1854)
Klarinettenquartette Nr. 1 und 2 • Fantaisie • Le rêve • Scène romantique • Le château de Madrid • Souvenir de Dobbéran

 

Der Name des Klarinettenvirtuosen und -komponisten Iwan Muller (Reval 1786 – Buckeburg 1854) ist heutzutage von den Konzertprogrammen verschwunden; angehenden Klarinettisten jedoch sind seine Etuden wohl vertraut. Seine eigentliche musikhistorische Bedeutung aber liegt darin, dass es ihm durch die Entwicklung seiner Clarinette omnitonique gelang, aus den in ihren musikalischen Moglichkeiten noch recht beschrankten Klarinetten der Mozartzeit die moderne Konzertklarinette zu entwickeln.

Uber Mullers Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Fest steht, dass er schon vor seinem zwanzigsten Geburtstag als Klarinettist Mitglied der Hofkapelle des russischen Zaren in Sankt Petersburg war. Bereits in dieser Zeit beschaftigte er sich mit der Verbesserung der Klarinettenbauweise. Der Durchbruch gelang ihm mit einem neuartigen Klappenmechanismus und der Erweiterung der Anzahl auf 13 Klappen. Mit dieser neuartigen Klarinette ausgerustet brach er 1808/09 zu einer Tournee auf, die ihn uber Berlin und Leipzig nach Wien fuhrte. Dort fand er in Philipp Jacob Riotte (1776–1856) einen Komponisten, der fur ihn ein Klarinettenkonzert schrieb, das erstmals die Moglichkeiten der Müller-Klarinette horbar machte. Fuhrende Klarinettenvirtuosen wie Heinrich Baermann (1784–1847) oder Johann Simon Hermstedt (1778–1846) erkannten sofort den zukunftsweisenden Charakter von Mullers Neuerungen und liesen sich selbst ahnliche Instrumente bauen. Erst auf dieser Basis wurden die auch heute noch masgeblichen Klarinettenkonzerte von Weber und Spohr komponiert.

Iwan Muller selbst ging nach Paris, wo er eine Klarinettenfabrik grundete. Das Jahr 1812 wurde fur ihn zum Schicksalsjahr, als eine hochkaratig besetzte Kommission des Pariser Conservatoire die Einfuhrung der Clarinette omnitonique ablehnte. Mullers Fabrik ging daraufhin in Konkurs; er selbst startete eine Karriere als reisender Klarinettenvirtuose, die ihn durch ganz Europa fuhrte, dabei stets fur seine neuartige Klarinette werbend. Diese fand allmahlich breitere Anerkennung, so das er im Jahre 1825 eine Klarinettenschule fur die nouvelle clarinette veroffentlichte. Im Winter 1845/46 fertigte er gemeinsam mit Georg Wilhelm Heckel (dem Erfinder des Heckelphons) ein Set von Musterklarinetten, das seine lebenslangen Erfahrungen zusammenfaste. Seinen Lebensabend verbrachte er in Buckeburg.

Auch das kompositorische Schaffen Mullers steht konsequent im Zeichen „seiner“ Klarinette. Nach seiner eigenen Opuszahlung hat er 112 Werke geschrieben, die sich auf den Zeitraum von 1810 bis 1850 datieren lassen. Bekannt sind: sechs Klarinettenkonzerte sowie vier weitere konzertante Werke fur Klarinette und Orchester. Ferner eine Concertante fur Klarinette, Horn und Orchester sowie zwei Quartette fur Klarinette und Streichtrio. Dazu noch etwa funfzehn Stucke fur Klarinette und Klavier/Harfe sowie Klarinetten-Etuden. Wie bei einem Virtuosen-Komponisten nicht anders zu erwarten, steht in allen diesen Werken die Prasentation der Klarinette im Vordergrund. Dazu verfugt Muller uber eine genuine melodische Begabung, harmonischen Reichtum und nicht zuletzt einem Sinn fur musikalische Okonomie, die das Potenzial seiner Einfalle aus- aber nicht uberreizt.

Die Klarinettenquartette Nr. 1 und 2 wurden im Jahr 1820 veroffentlicht und sind als komplementare Werke angelegt. Das dreisatzige 1. Klarinettenquartett B-Dur folgt in seiner Anlage noch der seit Mozart bekannten Form. Es beginnt mit einem herkommlichen Sonatensatz in B-Dur. Aufhorchen last das kurze Adagio con espressione in der seltenen Tonart Ges-Dur. Den Abschlus bildet eine Polonaise in B-Dur. Das 2. Klarinettenquartett ist in seiner zweisatzigen Anlage moderner und in den Anforderungen an den Klarinettisten auch virtuoser. Formal ein Sonaten- Allegro schlagt dessen erster Satz Tone an, die ihre Herkunft aus der zeitgenossischen Oper nicht verbergen konnen. Dem folgt ein Cantabile-Satz, der als Thema mit vier Variationen uber das russische Lied „Schöne Minka“ angelegt ist, uber das etwa zur selben Zeit auch Beethoven (opus 107,7) , Weber (opus 40) und Hummel (opus 78) Variationen geschrieben haben. Die eigentliche Sensation des Quartettes besteht in der Tonart e-moll, die, wie schon der Rezensent der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung hervorhob, auf einer traditionellen Klarinette schlechterdings nicht darstellbar gewesen ware. Wohl nicht zufallig ist es dem schon erwahnten Johann Simon Hermstedt gewidmet, der fruhzeitig Mullers neue Klarinette propagierte.

Etwa aus der Zeit der Klarinettenquartette datiert auch die Fantaisie sur un Thème de Mozart pour la Clarinette fur Klarinette und Klavier. Auf eine rezitativahnliche Einleitung in f-moll folgen Thema und funf Variationen. Bei dem Thema handelt es sich um das Menuett aus dem 1. Akt, Finale: „Signor, Guardate un poco“ aus Mozarts Don Giovanni. Die funfte Variation ist eine als erweiterte Codavariation mit der Tempoangabe Walzer uberschrieben. Einerseits manifestiert sich in dem Stuck so die Aktualitat Mozarts, der gerade in den 1810er Jahren seinen Durchbruch zum ʻKlassikerʼ feierte, andererseits zeigt sich auch schon der historische Abstand zu Mozart. Aus dem real getanzten hofischen Menuett wird hier der neu aufgekommene burgerliche ʻWalzerʼ.

Die ubrigen drei Stucke fur Klarinette und Klavier datieren aus den 1840er Jahren. Es handelt sich dabei um Beispiele jener gehobenen Salonromantik, zu der auch die Klaviermusik Chopins, Liszts oder Thalbergs gehort. Auffallig an diesen Stucken ist die Nahe zur zeitgenossischen italienischen Oper und deren bel-canto-Stil, mit dem Muller als Soloklarinettist der Opern in Paris und London naturgemas bestens vertraut war. Dies erfordert vom Klarinettisten ebenso wie vom Sanger eine hohe Sensibilitat in Bezug auf Tongebung und Artikulation und ist so ebenfalls erst auf der Müller-Klarinette moglich. Le rêve – Episode dramatique (op 73) ist mit seiner dramatischen Einleitung, dem kantablen Adagio und dem virtuosen Allegro eine Art instrumentale Scena ed Aria nach dem Vorbild der italienischen Oper. Le chateau de Madrid (op 79) ist eine dreiteilige Polonaise, die dem Titel entsprechend auch Elemente eines Boleros enthalt. Die Scéne Romantique (op 96) besteht aus einer Adagio-Einleitung und einem funfteiligen Allegretto, das Stationen einer imaginaren Geschichte nachzuerzahlen scheint.

Souvenir de Dobbéran (op 28) fur zwei Klarinetten (oder Klarinette und Horn) und Klavier war zu Mullers Lebzeiten wohl das popularste Musikstuck aus seiner Feder. Muller hat im Sommer 1824 in Bad Doberan konzertiert, das seit 1793 als erstes europaisches Heil- und Seebad ausgewiesen wurde und spater zum Vorbild der grosen Kurbader wie Karlsbad, Baden-Baden oder Vichy wurde. Schon in den 1820er Jahren traf sich in Bad Doberan die gehobene Gesellschaft zur Sommerfrische, wodurch sich naturlich auch eine Chance fur Musiker bot, mit Kurkonzerten die Zeit der Theaterferien zu uberbrucken. Bei dem quirligen, ganz nach Art eines italienischen Opernduettes in Terzen und Sexten schwelgenden mehrteiligen Stuck gewinnt man freilich den Eindruck, als habe Muller den Aufenthalt in Doberan selbst als Sommerfrische empfunden. Mag sein, das die Seeluft und das ungemein charakteristische Licht der Ostseekusten ihn an seine eigene Heimatstadt Reval (Tallinn) erinnert hat. Ganz nebenbei schuf er mit dem Stuck auch noch den Prototyp der musikalischen Ansichtskarte; ein Beispiel, dem im 19. Jahrhundert viele Komponisten (z.B. C. Saint-Saens, Une nuit à Lisbonne [op 63] oder E. Elgar, In Smyrna) gefolgt sind.


Michael Wittmann


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