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8.572901 - FRANCK, C.: Early Piano Music - Ballade / 4 Mélodies de F. Schubert / Fantaisie sur 2 airs polonais / Souvenir d'Aix-la-Chapelle (Severus)
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César Franck (1822–1890)
Frühe Klavierwerke

 

Als Sohn einer deutschen Mutter und eines belgischen Vaters am 10. Dezember 1822 im belgischen Luttich geboren, erhalt Cesar Franck ab seinem siebten Lebensjahr eine umfassende musikalische Ausbildung. Gefordert und gemanagt vom ambitionierten Vater, unternimmt er bereits zwolfjahrig seine erste Konzerttournee. Im selben Jahr wird er trotz seines herausragenden Talents am Pariser Konservatorium abgelehnt, weil er nicht die franzosische Staatsburgerschaft besitzt, und beginnt ein privates Studium: Komposition bei Antoine Reicha, dem Lehrer Liszts und Berlioz’, Klavier bei Pierre Zimmermann, dem Lehrer Bizets und Gounods. Zwei Jahre spater, inzwischen mit einer franzosischen Staatsburgerschaft ausgestattet, setzt er sein Studium am Pariser Konservatorium fort, wo er zusatzlich Orgel-und Improvisationsunterricht erhalt und gleichzeitig als Begleiter in der Liedklasse des Tenors Marco Bordogni arbeitet, was den Funfzehnjahrigen zur Komposition seiner ersten Oper Stradella inspiriert.

Mit Preisen ausgezeichnet verlasst er das Pariser Konservatorium und arbeitet fortan freischaffend als Solist, Kammermusikpartner, Komponist, Begleiter und Lehrer. Gefordert wird er dabei von dem nur elf Jahre alteren Franz Liszt, der ihn zunachst—1842—zu seinem Nachfolger als „Vorfuhrpianist“ (demonstrateur) beim Klavierfabrikanten Pape macht, wodurch er die neuesten klavierbautechnischen Errungenschaften kennenlernt. Spater unterstutzt Liszt, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet, ihn durch Empfehlungsschreiben: „Wenn es fur das musikalische Schaffen wie fur die bildende Kunst jahrliche Ausstellungen gabe, wurde Franck sich zweifellos auszeichnen, denn unter den jungen Leuten, die Blut und Wasser schwitzen, um ein paar Ideen zu Papier zu bringen, wusste ich nicht drei in Frankreich, die es mit ihm aufnehmen konnten.“

Nach seiner Heirat mit EF Desmousseaux, Tochter aus bekannter Schauspielerfamilie, erhalt er 1847 eine erste Anstellung als Organist in Notre-Dame-de-Lorette. 1857 wird er Organist in Sainte-Clotilde und 1872 Professor fur Orgel am Pariser Konservatorium. Von seinen bedeutenden Orgelwerken abgesehen komponiert Franck in seinem letzten Lebensjahrzehnt jene Werke, die als der Gipfel seines Schaffens betrachtet werden, angefangen beim Klavierquintett (1879) bis zur Sinfonie d-moll (1888). Er stirbt am 8. November 1890 an einer Rippenfell-und Herzbeutelentzundung.

Die grose offizielle Anerkennung insbesondere als Komponist blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Umso mehr wurde er von einigen Komponisten-Kollegen und von seinen Schulern und Schulerinnen, die er gleichermasen forderte, unter ihnen Vincent d’Indy und Ernest Chausson, geliebt und verehrt.

Franck war ein besessener Arbeiter, der laut d’Indy fur sein eigenes Schaffen lediglich die Morgenstunden zwischen 5.30 und 7.30 nutzte und sich den gesamten restlichen Tag seiner Lehr-und Organistentatigkeit widmete. Bis zuletzt ein hervorragender Pianist und begnadeter Improvisator, war er bescheiden und von unerschutterlicher Gute, unorthodox in seinen Lehrmethoden, Neuem mit Begeisterung begegnend. Seine Schuler und selbst Kollegen nannten ihn vertrauensvoll „Pere Franck“, Vater Franck. „Franck liebte seine Kunst bedingungslos und mit auserster Leidenschaft, und er liebte auch seine Schuler […], weswegen er ihre Herzen auf immer an sich zu binden verstand“, schreibt d’Indy in seinen Erinnerungen. „Lieben, sich von sich und seinem Egoismus losen, indem man sich in etwas viel Hoheres verliebt, etwas sehr Unbekanntes vielleicht, aber an dessen Existenz man nicht aufhort zu glauben…das war das Credo Cesar Francks.“

Cesar Francks Klavierwerk ist in zwei zeitlich weit auseinanderliegenden Perioden entstanden: einer fruhen, die bis 1848 dauerte, und einer spaten, zwischen 1873 und 1887.

Die hier vorgestellten Werke sind innerhalb von nur zwei Jahren komponiert, 1843 und 1844. In dieser Zeit unternahm Franck ausgedehnte Konzertreisen und hat diese Werke zweifellos auch in dem Gedanken geschrieben, seine kompositorischen und pianistischen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Berlioz ruhmt „Glanz, Kraft und Prazision“ seiner Interpretation, andere Kritiker loben „die Bandbreite seines Spiels, Energie, Zartheit und Gefuhl, nichts fehlt ihm“.

Wenn Francks pianistisches Fruhwerk auch noch nicht die harmonische Komplexitat und den Modulationsreichtum seines Spatwerks aufweist, so sind doch etliche Charakteristika seines Stils bereits erkennbar: das Ausschopfen aller Register und ihrer Farben, Orgelanklange, eine dynamische Bandbreite von ppp bis fff, Kontraste ppff, aber auch lange Steigerungen, polyphone Strukturen, Gleichzeitigkeit verschiedener Klangebenen, die haufige Verwendung von Synkopen in der Melodie, bestimmte wiederkehrende Motive und eine eigene Art der Melodiefuhrung, weitgriffige Akkorde (Franck konnte den Umfang einer Oktave plus Quinte, also 12 weise Tasten, greifen!).

Die Ballade op 9, seiner Schulerin Athanasie Adour gewidmet, ist nach Chopins, aber vor Liszts Balladen entstanden. Franck spielt sie am 12.9.1843 in der Neuen Redoute in Aachen, ebenso in zwei weiteren Konzerten im selben Jahr in Liege. Formal symmetrisch, besteht sie aus einer pastoralen Einleitung „Franckscher Lange“ in Hdur im balladentypischen 6/8-Takt, die in den dramatischen, hochgespannten und explosiven dreiteiligen Allegro-Mittelteil in h-moll mit rhythmisch markantem ersten und synkopiertem zweiten Thema mundet. An diesen gliedert sich, das Thema der pastoralen Idylle wieder aufnehmend, der H-dur-Schlusteil an, eine Art Apotheose, die das Werk triumphal und mit einer Stretta vollendet. Franck verwendet die Hauptthemen hier auch zur Formbildung—das Thema der Einleitung taucht auch in der „Durchfuhrung“ des Mittelteils wieder auf—und erweist sich gleichzeitig als Meister der thematischen Verwandlung, indem er dasselbe Motiv mit vollig unterschiedlichem Ausdruck gestaltet—von lyrisch-idyllisch bis hymnisch-heroisch.

Die Transkriptionen der vier Schubert-Lieder op 8 hat Cesar Franck vier deutschen Schulerinnen gewidmet: Mathilde Kuetgens (Die junge Nonne), Maria Kuetgens (Die Forelle), Mlle Schwendler (Des Mädchens Klage) und Bertha Ritz (Das Zügenglöcklein). Sie sind 1844 erschienen, im selben Jahr wie Liszts 6 Liedtranskriptionen, unter denen ebenfalls die drei letzteren der von Franck transkribierten Lieder sind. Allein Liszts Transkription von Die junge Nonne ist bereits 1837/8 erschienen, und es ist bekannt, dass Franck wahrend seiner Studienjahre am Pariser Konservatorium auch Liszts Schubert-Transkriptionen gespielt hat. Francks Schuler Maurice Emmanuel und Guy Ropartz bezeugen, dass „Franck Schubert zutiefst verehrte“ und die Lieder fur ihn „eine Quelle immer neuer Freuden“ darstellten. Der Kritiker Henri Blanchard bemerkt, dass „M Franck […] die Lieder von Schubert ausgezeichnet interpretiert und transkribiert.“ Francks Bearbeitungen bleiben im Vergleich zu Liszts naher am Original, doch verfugen sie uber nicht weniger raffinierte Mittel, den vokalen Ausdruck in eine pianistisch-virtuose Sprache zu verwandeln: sie entmaterialisieren gleichsam die Melodie, indem sie sie auf verschiedene Register verteilen und rhythmisch subtil variieren, und schaffen auf diese Weise eine eigene Kantabilitat und Intensitat des Ausdrucks.

Die Fantasie über zwei polnische Volkslieder op 15 ist der Prinzessin von Ligne, geborene Lubomirska, gewidmet und eine Reverenz an ihre polnische Heimat. Franck hat sie 1845 in seinen Hauskonzerten und am 16.2.1849 in einem Soloabend in Orleans gespielt. Das erste Lied Der Mond ist aufgegangen ist ein Volkslied und stammt aus der Idylle Laura und Philo des polnischen Dichters Franciszek Karpinski, das zweite Leid steht jetzt in jedem Haus ist der Elegie Karol Kurpińskis auf den Tod des polnischen Freiheitskampfers Tadeusz Kościuszko entnommen.

Vor Franck hat Chopin die Lieder bereits in seiner Grande fantaisie sur des airs nationaux polonais op 13 von 1829 verarbeitet. Die Fantasie besteht aus drei Satzen in den Tonarten A-dur-d-moll-A-dur. Der erste Satz, ein Thema mit zwei Variationen, stellt das erste Lied in A-dur im pastoralen 6/8-Takt (dolce e semplice, pp) vor. Im zweiten Satz erscheint das zweite Lied, das als Heldengesang in Oktaven mit Bass-Ostinato in fortissimo beginnt und in der zweiten Variation als lyrisches Echo in pianissimo verklingt. Der dritte Satz verwandelt das Thema des zweiten Satzes in einen Krakowiak, der mit seinen typischen Synkopen eine mitreisende Dynamik entfesselt. Nach einem kurzen Mittelteil im pastoralen 6/8-Takt als Reminiszenz an den Beginn kehrt der Krakowiak zuruck und mundet in einen strahlenden Schlussgesang, der das erste Thema als Hymne wiederkehren lasst.

Die Souvenirs d’Aix-la-Chapelle op 7 hat Franck seiner Schulerin Cecile Lachambre gewidmet. Das Werk ist eine Reminiszenz an Aachen (Aix-la-Chapelle), die Geburtsstadt seiner Mutter, wohin ihn auch seine erste Konzertreise fuhrte. In gewisser Weise ist dieses Werk bereits ein Hinweis auf seine Spatwerke Prélude, Choral et Fugue und Prélude, Aria et Finale, es markiert den Einzug der Spiritualitat in sein pianistisches OEuvre. Anders als die Ballade offnet es sich nicht in die Weite einer Landschaft, sondern den (geistigen) Raum einer Kathedrale. Polyphone Strukturen, Orgelklange und Kontrast von Licht und Schatten charakterisieren die Souvenirs d’Aix-la-Chapelle. Zwei Choralthemen in asmoll und As-dur beherrschen das Werk, werden durchweg miteinander verflochten und durchlaufen Metamorphosen: das erste Thema, anfangs in as-moll und pp in vierstimmigem Choralsatz, erscheint am Ende in vollen Akkordgriffen und Orgelpedaloktaven in fff und As-dur. Dieses Werk mag eines seiner personlichsten sein. „Seine unwandelbare Gute schopfte er aus seinem Glauben“, schrieb sein Schuler d’Indy uber Franck, „denn er war tiefglaubig…sein Glaube an die Kunst verschmolz mit seinem Glauben an Gott. […] Die seraphische Gestalt des „Pere Franck“, der nur fur die Kunst lebte, schwebt hoher und hoher dem Licht entgegen, nach dem er Zeit seines Lebens kompromisslos strebte.“


Julia Severus


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