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8.572907 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 14 - 5 Easy Preludes and Fugues / 52 Easy Chorale Preludes: Nos. 1-15 (Still)
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Max Reger (1873–1916) Orgelwerke • Folge 14
Fünf leicht ausführbare Präludien und Fugen für die Orgel op. 56
52 leicht ausführbare Vorspiele zu den gebräuchlichsten evangelischen Chorälen op. 67 Nr. 1–15

 

Einen großen Teil seines musikalischen Interesses verdankte der junge Max Reger seinem Vater, einem Lehrer und begeisterten Amateurmusiker, sowie der frühen Ausbildung bei Adalbert Lindner, dem Organisten von Weiden in der Oberpfalz. Ein Jahr nach der Geburt des Sohnes (1873) war die Familie von Brand nach Weiden gezogen, und hier verbrachte der Knabe seine Kindheit und Jugend. Nach Abschluss seiner schulischen Ausbildung wollte er selbst Lehrer werden; indessen hatte Lindner frühe Kompositionen seines Schülers an seinen einstigen Lehrer Hugo Riemann geschickt, und dieser nahm den jungen Reger zunächst in Sondershausen und dann in Wiesbaden als Schüler bzw. Assistenten an. Der darauf folgende Militärdienst wirkte sich negativ auf Regers körperliche und seelische Befindlichkeit aus. Er kehrte fürs erste ins Elternhaus zurück, wo in der Folgezeit zahlreiche Werke entstanden—darunter eine monumentale Serie von Choralfantasien und anderen Orgelstücken. Viele dieser Kompositionen hat Reger anscheinend mit Blick auf die technischen Fertigkeiten seines Freundes Karl Straube geschrieben, einem bekannten Interpreten dieser Werke.

1901 verlagerte Reger seinen Wohnsitz nach München, wo er während der nächsten sechs Jahre lebte. Die dortige Musikwelt tat sich nicht leicht mit ihm, denn sie sahen in dem Zugereisten einen Verfechter der absoluten Musik und zumindest anfangs einen Gegner der Programmusik, für die die Namen Wagner und Liszt standen. Als Pianist war Reger allerdings erfolgreich, und auf diesem Wege fand er auch für seine eigenen Werke allmählich ein Publikum. In München entstanden unter anderem die Sinfonietta sowie etliches an Kammermusik und die beiden großen Variationswerke über Themen von Bach bzw. von Beethoven, denen in späteren Jahren die bekannten Mozart-Variationen folgten.

1907 kam es zu einer Veränderung in Regers Leben. Er übernahm eine Kompositionsprofessur an der Leipziger Universität, und mit seiner Musik erreichte er inzwischen ein immer größeres Publikum, wobei ihm sein Ruf als ausübender Musiker nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in den Niederlanden und sogar in London und St. Petersburg zugute kam. 1911 verpflichtete ihn der Herzog von Sachsen-Meiningen als Dirigent des von Hans von Bülow etablierten Hoforchesters, wo auch schon der junge Richard Strauss dirigiert hatte. Max Reger blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Meiningen. Die kriegsbedingte Auflösung des Orchesters kam Reger entgegen, denn er hatte ohnehin bereits mit dem Gedanken gespielt, den Posten aufzugeben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Jena, ohne freilich seine kompositorische und konzertierende Laufbahn aufzugeben. Er starb im Mai 1916, als er auf der Rückreise aus den Niederlanden in Leipzig Station machte.

Die Orgelmusik von Max Reger nimmt im Repertoire eine besondere Stellung ein. Weithin gilt er als der größte deutsche Orgelkomponist seit Bach. Zwar war er selbst katholisch, doch in der lutherischen Tradition fand er einen musikalischen Quell, aus dem er die Inspiration für seine Choralvorspiele, Choralfantasien und andere Werke schöpfte. Die Wertschätzung, die seine Orgelwerke schon zu seinen Lebzeiten erfuhren, ist nicht zuletzt Karl Straube zu verdanken, der wie Reger bei Hugo Riemann studiert hatte und seit 1902 als Organist an der Leipziger Thomaskirche tätig war.

Seine Fünf leicht ausführbaren Präludien und Fugen op. 56 widmete Max Reger dem Schriftsteller Richard Braungart. Der Titel ist irreführend, denn die Stücke halten für jeden Musiker ganz eigene technische Ansprüche parat. Im ersten der beiden Hefte, in denen das Opus herauskam, sind die zwei ersten Nummern enthalten. Das Präludium E-dur ist ein Andante, das die Melodie der Oberstimme mit einer stetigen Bassfiguration des Pedals und einer weniger hervorstechenden Stimme der linken Hand begleitet. Die Textur verdichtet sich vor der Wiederholung des Haupt-themas, wobei jetzt die rechte Hand kunstvollere Begleitfiguren erhält. Als Fuge schließt sich ein Allegretto in E-dur an, dessen Thema in der Altstimme exponiert und vom Diskant beantwortet wird, bevor der Tenor einsetzt und das Pedal das Subjekt schließlich in vergrößerten Notenwerten bringt. Die Fuge endet auf einem Dominant- Orgelpunkt. Das Präludium d-moll ist als Vivace bezeichnet und steht im Sechsachteltakt. Es beginnt über einem ausgedehnten Tonika-Orgelpunkt und bringt im weiteren Verlauf antwortende Figuren sowie gesanglichere Episoden. Die Fuge d-moll ist ein Allegrissimo im Dreiachteltakt, dessen Thema im Alt beginnt und nacheinander von Tenor, Diskant und Bass beantwortet wird. Ihre für Reger typische Chromatik führt vor dem Ddur- Schlussakkord zu einer kontrapunktischen Klimax und einem letzten Dominant-Orgelpunkt.

Die 52 leicht ausführbaren Vorspiele zu den gebräuchlichsten evangelischen Chorälen op. 67 entstanden 1902/03 und wurden im Jahre ihres Abschlusses in Leipzig veröffentlicht. Die drei Hefte bringen die Stücke weitgehend in der alphabetischen Ordnung der Choräle, die ihnen zugrundeliegen.

Der erste Band mit fünfzehn Choralvorspielen ist dem Münchner Organisten und Komponisten Johann Georg Herzog gewidmet, einem der führenden Orgelvirtuosen seiner Zeit, der in Deutschland bei der Reform der protestantischen Kirchenmusik eine wichtige Rolle spielte. Zu seinen Schülern an dem 1846 eröffneten Münchner Konservatorium gehörten unter anderem Riegel, Greit und Rheinberger.

Das erste Choralvorspiel, Allein Gott in der Höh’ sei Ehr!, fußt auf einem Lied, das der Mönch und nachmals protestantische Prediger Nikolaus Decius 1522 verfasst hatte. Die Melodie, die Reger ins Pedal legte, entstammt dem lateinischen Ostergesang des Gloria. Das lebhafte Alles ist an Gottes Segen bringt in der linken Hand die von Triolenfiguren eingefasste Melodie, die den 1691 revidierten Geistlichen Erquick-Stunden des Nürnberger Organisten Johann Löhner entnommen ist. Im nächsten Satz, Aus tiefer Not schrei ich zu dir, hören wir die Melodie sehr langsam im Pedal. Martin Luthers Paraphrase des 130. Psalms ist samt der zugehörigen Melodie in dem sogenannten Achtliederbuch enthalten, das 1524 in Nürnberg bei Jobst Gutknecht gedruckt wurde. Aus meines Herzens Grunde ist eine Kreation des Hamburger Pfarrers David Wolder von 1598; Reger präsentiert die Melodie zu kunstvollen Begleitfiguren in der Oberstimme. Christus, der ist mein Leben lässt der Melodie, die der fleißige lutherische Komponist Melchior Vulpius 1609 verfasste, eine freiere, sehr langsame Behandlung angedeihen. Ihr folgt Martin Luthers berühmte Melodie Ein’ feste Burg ist unser Gott, die hier sehr bestimmt im Pedal einsetzt, nachdem sie sehr lebhaft von der kontrapunktischen Einleitung der Manuale angekündigt wurde. Dir, dir, Jehovah, will ich singen gründet sich auf einem Choral, der Johann Sebastian Bach zugeschrieben wird; die Melodie liegt in der Oberstimme. Erschienen ist der herrlich’ Tag verwendet die (im Pedal erklingende) Melodie, die Luthers Zeitgenosse Nikolaus Herman dem gregorianischen Osterchoral nachgebildet hat. Herr Jesu Christ, dich zu uns wend’ steht im lebhaften Zwölfachtel-Takt. Die Melodie entstammt dem Dresdner Cantionale Germanicum von 1628 und bewegt sich vornehmlich in der Oberstimme. Es ist das Heil uns kommen her, das wiederum aus dem Achtliederbuch von 1524 genommen ist, führt zu Freu’ dich sehr, o meine Seele, dessen ursprünglich weltliche, 1551 dann im Genfer Psalter gedruckte Melodie Max Reger der linken Hand übertrug. In der rechten Hand ist die Melodie des Liedes Gott des Himmels und der Erden zu hören, das Heinrich Alberti, der Neffe und Schüler von Heinrich Schütz, komponierte. Herr, wie du willst, so schick’s mit mir bringt die Melodie aus dem 1525 in Straßburg erschienenen Deutsch Kirchenamt in der Oberstimme. Der Satz soll etwas langsam ausgeführt werden. In der Oberstimme ist danach auch Hans Leo Hasslers Herzlich tut mich verlangen zu hören, das uns als O Haupt voll Blut und Wunden aus Johann Sebastian Bachs Passionsmusik weitaus geläufiger ist. Lebhafte Triolenrhythmen dominieren das Vorspiel zu Jauchz, Erd’ und Himmel, juble!, dessen (hier ins Pedal gelegte) Melodie eine Kreation von Melchior Vulpius ist.

Das zweite Heft der leicht ausführbaren Präludien und Fugen beginnt mit einem Andante in G-dur, worin sich Reger erneut seiner charakteristischen Chromatik bedient. Diesem Vorspiel folgt eine fünfstimmige Fuge, deren Thema in der Baritonlage exponiert und in aufsteigender Stimmfolge beantwortet wird, bevor der Pedalbass sich zu Worte meldet. Das gewichtige Stück im Zwei-Ganze- Takt soll con moto ausgeführt werden. Die vierte Nummer steht in C-dur und beginnt mit einem Allegro-Präludium, das weithin durch bewegte Sechzehntelfiguren gekennzeichnet ist. Die nachfolgende Fuge mit der Vorschrift Vivo bringt das ausgedehnte Thema in der rechten Hand; die linke Hand beantwortet den Gedanken, und endlich krönt das Pedal die dreistimmige Textur. Die letzte Nummer, Präludium und Fuge h-moll, beginnt mit einem Quasi Adagio, dem sich ein vierstimmiges Moderato anschließt, das in den Inversionen seines Themas wieder einmal Regers kontrapunktische Meisterschaft demonstriert.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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