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8.573065 - MAYR, J.S.: Arianna a Nasso [Cantata] (Horak, T.M. Allen, Simon Mayr Choir, Ingolstadt Georgian Chamber Orchestra, Hauk)
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Simon Mayr (1763–1845)

 

Simon Mayr wurde am 14. Juni 1763 als Sohn eines Schulmeisters im niederbayerischen Mendorf bei Kelheim geboren. Schon früh zeigte er musikalisches Talent. Mayr war Schüler am Jesuitenkolleg in Ingolstadt, bevor er an der Universität Theologie studierte. Dabei zeigte er weiterhin beachtliche Vielseitigkeit als Musiker. Seine ernsthafte musikalische Ausbildung begann gleichwohl erst 1787, als ein Gönner, der sein Talent erkannt hatte, ihn mit nach Italien nahm. Dort studierte er von 1789 an bei Carlo Lenzi, dem musikalischen Leiter der Kathedrale zu Bergamo. Ein anderer Gönner ermöglichte ihm eine Zeit bei F. Bertoni in Venedig. Mayrs frühe Kompositionsaufträge waren hauptsächlich geistliche Oratorien, doch 1794 wurde in Venedig seine Oper Saffo aufgeführt. Seine Hinwendung zur Oper hatte viel mit der Ermutigung zu tun, die ihm Niccolò Piccinni (1728–1800) und Peter von Winter (1754–1825) zuteil werden ließen. Weitere Opern folgten: für Venedig und dann die Mailänder Scala wie auch für andere italienische Theater. Auch die Zahl der Aufführungen im Ausland nahm zu. 1802 trat Mayr die Nachfolge Lenzis als maestro di capella an der Kathedrale S. Maria Maggiore in Bergamo an. Drei Jahre später wurde er Direktor der Chorschule an der Kathedrale; diese Position behielt er bis zu seinem Tod 1845. Als Lehrer gewann er großes Ansehen, besonders bei seinem in Bergamo geborenen Schüler Gaetano Donizetti (1797–1848). Mayr tat viel, um die Komponisten der Wiener Klassik in Italien bekannt zu machen. Sein eigener Stil spiegelt das ganz im italienischen Kontext wider. Er war als Komponist von fast 70 Opern zwischen 1794 und 1824 und über 600 geistlichen Werken außerordentlich fruchtbar.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

Arianna in Nasso

Der Librettist Giovanni Schmidt

Federico Giovanni Schmidt wurde um 1775 in Livorno geboren. Er ging nach Neapel und blieb dort bis zu seinem Lebensende. So wenig wir sein genaues Geburtsdatum wissen, so unbekannt ist auch sein Sterbedatum, es liegt nach 1840. Bedeutend war Giovanni Schmidt als Librettist. Zwischen 1800 und 1845 verfasste er mehr als fünfundvierzig Libretti, fast alle für Aufführungen am Theater bei San Carlo in Neapel, dem berühmtesten der Stadt, an dem Giovanni Schmidt als Theaterdichter beschäftigt. Hier wirkte er gemeinsam mit Andrea Leone Tottola. Diese beiden Librettisten bestimmten die Ausrichtung und Ausbildung der Operntexte in Neapel im beginnenden 19. Jahrhundert. Giovanni Schmidt lieferte Texte für eine Reihe von Komponisten: darunter Giacomo Tritto, Giovanni Pacini, Giovanni Andreozzi—der sogenannte Jommellino, Ferdinando Paër, Vittorio Trento, Stefano Pavesi, Gioachino Rossini, Luigi Mosca, Nicola Antonio Manfroce, Pietro Raimondi, Valentino Fioravanti, Saverio Mercadante, Pietro Generali, Francesco Sampieri, Gaetano Donizetti, Dionisio Pagliani-Gagliardi und nicht zuletzt Simon Mayr.

Der Architekt Antonio Niccolini und das neue Theater bei San Carlo in Neapel

Der „Klassizist“ Antonio Niccolini war 1807 zunächst als Bühnendekorateur an die Theater San Carlo und del Fondo nach Neapel gekommen. Seit 1816 wirkte er als Architekt des Hofes „Architetto della Real Casa“, seit 1817 als Professor an der Scuola di Scenografia und seit 1822 als Direktor des Istituto di Belle Arti in Neapel. Von Giuseppe Cammarano stammte für das neue Theater San Carlo nach Niccolinis Entwürfen das große Deckengemälde. Mit der Kantate, einem „melodramma allegorico“, Il sogno di Partenope von Simon Mayr wurde das neue Theater zum Geburtstag Ferdinands I. am 12. Januar 1817 festlich eröffnet. Isabella Colbran sang die Titelrolle.

Die Sopranistin Isabella Colbran

Für die spanische Sopranistin Isabella Colbran komponierte Simon Mayr nicht nur die Kantate Il sogno di Partenope, auf den Leib geschneidert wurde ihr Arianna in Nasso. Der Ambitus ihrer ausdrucksvollen Stimme umspannte fast drei Oktaven. Die Colbran war der Star der Operntruppe von Domenico Barbaja, der ihre Stimme und Bühnenpräsenz als erster erkannte. „Dieser erste Mann im Königreich, Theaterdirektor und Glücksspielunternehmer, protegierte Mademoiselle Colbrand, seine erste Sängerin, die sich den ganzen Tag über ihn lustig machte und ihn folglich an der Kandare hatte. Mademoiselle Colbrand, heute Madame Rossini, war von 1806 bis 1815 eine der besten Sängerinnen Europas.“ (Stendhal, Rossini)

Selbst der kritische Stendhal—er schreibt zumeist „Colbrand“—musste die Bedeutung der Sängerin anerkennen. „Sig:ra Colbran gefällt allgemein“, teilte Mayr seinem Freund, dem Tenor Francesco Fiorini, am 17. Januar 1810 aus Venedig mit. Sie sang viele Partien aus Mayrs Feder bis sie, die Barbajas Geliebte gewesen sein soll, Rossini 1822 heiratete. Für die Colbran konzipierte Mayr ursprünglich auch die Rolle der Atalia.

Die wohlhabende Isabella Colbran war dem Komponisten Rossini nicht nur wegen ihrer musikalischen Fähigkeiten von einigem Nutzen: „Vor seiner Heirat mit Mademoiselle Colbrand“, so Stendhal, „die ihm zwanzigtausend Pfund Einkünfte aus Kapitalvermögen eingebracht hat, kaufte Rossini sich nur zwei Fracks pro Jahr…“ (Stendhal, Rossini).

Iris Winkler

Zur Mythologie

Der griechische Gott Dionysos oder Bakchos (beziehungsweise sein römisches Pendant Bacchus) galt als Eroberer Asiens, der, bei Euripides, nach Theben heimkehrt, nachdem er Lydien für sich gewonnen hat. Mit ihm verband sich die Vorstellung einer friedlichen Invasion und Zivilisierung des Ostens. Der Gott und sein Gefolge überwanden in einem eigentlichen Triumphzug selbst Indien, das Ende der bekannten Welt, mit dem Thyrsos anstelle des Speers und mit Fest- anstelle von Schlacht-musik. Dort führten sie den Wein und seine Wohltaten ein.

Dionysosʼ Begegnung mit der kretischen Prinzessin Ariadne wurde immer wieder literarisch verarbeitet, so beispielsweise von Ovid. Die Tochter des Minos hatte dem jungen Athener Theseus geholfen, den Minotaurus zu töten und wieder aus dem Labyrinth herauszufinden, wo sich das Ungeheuer aufgehalten hatte. Anschließend war sie mit Theseus geflohen. Dieser hatte sie jedoch auf Naxos zurückgelassen. Naxos war auch die Lieblingsinsel des Dionysos. Dort traf er auf die klagende Ariadne, verliebte sich sofort und heiratete sie. Als Hochzeitsgeschenk erhielt Ariadne eine Krone aus Juwelen, die nach ihrem Tod als Sternbild an den Himmel stieg. Ariadne selbst geleitete Dionysos aus dem Hades in den Olymp, wo sie zur Göttin wurde.

Zum Inhalt

Mit dem Premier coup dʼarchet, einem Fortissimo mit dem berühmten raketenartigen Lauf in den Streichern beginnt die zweiteilig gebaute Sinfonia, die Mayr auch in seiner Oper Le due Duchesse (1814) verwendete [1]. Zwei zunächst alternierende Männerchöre besingen in der Introduzione das schreckliche Schicksal der schlafenden Arianna: die Matrosen rüsten zur Abreise von der Insel Naxos. Die Chöre vereinigen sich beim Resta, innocente vittima; Triolen in den Violinen, dagegen Sechzehntel-Tremoli in den Violen, eine auf- und abschwingende Ruderbewegung in den Bässen—Mayr beschreibt musikalisch signifikant das in die Wogen des Meeres stechende Schiff, das sich immer weiter vom Ufer entfernt und gleichsam in der Ferne, im Pianissimo verschwindet [2]. Unisono-Signale der Posaunen, flackernde Rhythmen der Streicher, immer wieder Generalpausen illustrieren den bösen Traum der zurückgelassenen Arianna. Der Alp wird Gewißheit; Leid, Schmerz und Rachegelüste durchdringen Ariannas Seele, das Rezitativ schließt mit dem Ausruf Io son tradita! [3]. Die folgende Arie steigert die Gefühle zur Raserei, sie beginnt, mit Synkopen und Seufzermotiven, in g-Moll, wendet sich allerdings, wie bei Mayr häufig, bereits nach 16 Takten in den G-Dur-Bereich, streift Es-Dur und c-Moll, ohne letztlich den düsteren Agitato- Charakter zu verlieren. Das Ende im dreifachen Pianissimo zeigt Arianna, vom Schmerz überwältigt, ohnmächtig [4].

Neue Szene: Ein Marsch in E-Dur [5], leise beginnend, sich dynamisch allmählich steigernd, mit Moll-Zwischenteilen, kündigt den Stimmungswechsel an: ein Schiff erscheint am Horizont, ein heiterer Chorgesang im 6/8tel-Takt erklingt [6]. An Bord ist Bacchus, der Sohn des Zeus, der von seiner friedlichen Eroberung der östlichen Welt kommend Naxos ansteuert. Bacchus gibt sich als Imperator der Lust und der guten Laune, nicht des waffenklirrenden Krieges [7]. Musik, Tanz und Genuß stehen im Mittelpunkt seiner von Mayr in einer großen zweiteiligen Aria con Coro komponierten Botschaft an die Weggefährten [8]. Recitativo: Als Bacchus noch überlegt, warum das Schicksal ihn gerade auf diese Insel gebracht hat, entdeckt sein Gefolge die schlafende Arianna. Bacchus ist sofort von ihrer Schönheit entflammt. Erwachend sucht Arianna ihr Leben zu beenden. Da sie kein Schwert findet, will sie sich in die Wogen des Meeres stürzen, auffahrende Läufe symbolisieren in der Musik ihre Verzweiflung und die vor ihrem inneren Auge umherzuckenden Blitze, die Triolen der Streicher erinnern an die heimliche Abreise des untreuen Theseus. Im letzten Moment hält Bacchus die verzweifelte Arianna zurück: Il passo arresta [9]. Im anschließenden Duett, das in der Liebestonart A-Dur steht, gibt Bacchus sich zu erkennen, er wirbt um die Gunst Ariannas, die zu träumen meint, allmählich wieder Hoffnung schöpft. Der zweite Teil des Duetts im raschen 2/4tel-Takt beschreibt in virtuosen Terzen- und Sextenpassagen die erwachende Zuneigung der beiden [10]. Arianna, eine Sterbliche, kann nicht fassen, daß sie von einem Gott verehrt wird, doch der beschwichtigt und ruft die Freunde, um zu feiern [11]. Männer und Frauen aus dem Gefolge des Gottes lassen Arianna hochleben [12][13]. Es folgt eine dreiteilige Aria con Coro; Arianna besingt ihr künftiges Glück. Die dazutretende solistisch eingesetzte Harfe verleiht der Szene eine quasi religiöse Aura, Himmel und Erde verbinden sich in der Liebe von Bacchus und Arianna [14]. Das Finale ist ein kurzer, fröhlicher Kehraus [15].

Franz Hauk


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