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8.660072-73 - MASSENET: Werther
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Jules Massenet (1842-1912)

Jules Massenet (1842-1912)

Werther

Romain Rolland hat einmal behauptet, der Geist Massenets schlummere im Herzen eines jeden Franzosen. Der erfolgreichste französische Opernkomponist seiner Zeit schrieb Musik, deren sinnliche Schönheit bisweilen Zynismus und Feindseligkeit nach sich gezogen hat, da die besondere Qualität einigen Menschen zu einschmeichelnd und oberflächlich erschien. Die Kritik selbst wird es sich gefallen lassen müssen, daß sie mit ihren eigenen Attributen beschrieben wird ...

Massenet verband sein technisches Können mit einem Sinn für anmutige Melodik und übte einen nachhaltigen Einfluß auf spätere Generationen aus, wie man im Schaffen von Debussy und Ravel ebenso wie bei Puccini hört. Ein Neider verlieh ihm aufgrund des Charmes und der Grazie seiner Musik den Spitznamen Wagners Tochter1.

Jules Massenet wurde 1842 als Sohn eines Gießerei-Besitzers geboren, dessen Wohlstand sich der Herstellung von Sensen verdankte. Nach geschäftlichen Einbrüchen sah sich die Familie 1847 genötigt, von Saint-Etienne nach Paris zu ziehen, wo Madame Massenet das Einkommen der Familie durch Klavierstunden aufbesserte. Einer ihrer Schüler war der jüngste Sohn Jules, der als Elfjähriger ans Conservatoire kam, wo er 1863 den Wettbewerb um den Prix de Rome für sich entschied. Während er in der Ewigen Stadt lebte, konnte er sich ein wenig von der Zeit erholen, in der er, um sein Studium zu finanzieren, als Schlagzeuger in der Oper und als Klavierspieler in Cafés sein Brot hatte verdienen müssen.

Seinen Erfolg verdankte Massenet der Unterstützung seines Lehrers Ambroise Thomas und dem Mut des Verlegers Georges Hartmann. 1872 errang er seinen ersten Triumph auf der Opernbühne mit seinem Don César de Bazan nach Victor Hugo; ein Jahr später folgte das geistliche Drama Marie-Magdeleine, in dessen Mittelpunkt eine für die damalige Zeit charakteristische Heldin stand - das gefallene „Weib", das nunmehr für seine Sünden Buße tut. Nach der Manon von 1884 war an Massenets Position nicht mehr zu rütteln, ungeachtet der Tatsache, daß die nächste Oper, der 1885 an der Opéra uraufgeführte Cid, nicht zu gefallen wußte. Ein neues Libretto nach einem mittelalterlichen Liebesroman und die Begegnung mit der jungen amerikanischen Sopranistin Sybil Sanderson sind der Hintergrund der Oper Esclarmonde, deren Titelpartie ganz auf den bemerkenswerten stimmlichen Umfang und die besonderen Qualitäten der jungen Primadonna angelegt war. Das Werk wurde 1890 an der Opéra-Comique inszeniert und beeindruckte ein Pariser Publikum, das durch die damalige Weltausstellung noch größer geworden war.

Massenets Oper Werther entstand auf ein Libretto, das Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann als seine Autoren nennt. Es beruht auf dem enorm erfolgreichen Briefroman Die Leiden des jungen Werthers, den Johann Wolfgang von Goethe 1774 schrieb und publizierte und 1786 in einer revidierten Fassung neu herausbrachte. Dieser Roman gilt als Höhepunkt des deutschen Sturm und Drang und handelt von Ereignissen, die sich in den Jahren 1771 und 1772 abgespielt haben und bis zu einem gewissen Grade Goethes eigene Erlebnisse in Wetzlar widerspiegeln sollen. Dort nämlich, in der idyllischen Stadt an der Lahn, hatte er sich in eine gewisse Lotte Buff verliebt, die der Lotte des Romans in vieler Hinsicht ähnelt. Lotte Buff hatte nach dem Tode der Mutter die Verantwortung für ihre sechzehn jüngeren Geschwister zu tragen und war mit einem Johann Georg Christian Kestner verlobt, den sie 1773 heiratete. Kestner hatte nun wiederum einen Freund namens Karl Wilhelm Jerusalem, der sich - in tiefer Liebe zu einer verheirateten Frau entbrannt - Kestners Pistolen lieh, mit denen er Selbstmord beging. Beide Situationen kombinierte Goethe in seinem Buch, womit er Kestner einiges Ärgernis verursachte. Die Wirkung auf das allgemeine Publikum aber war noch beträchtlicher: Junge Männer kleideten sich im Stile Werthers mit blauen Mänteln und gelben Hosen, unglücklich verliebte Jünglinge und Jungfrauen dachten daran, sich das Leben zu nehmen - denn es schien, als sei dieser Schritt durch den Werther wo nicht gefordert, so doch zumindest entschuldigt.

Im Jahre 1882 machten Milliet und Hartmann die ersten Vorschläge zu einem Werther-Libretto. 1885 hatte Massenet dann immerhin so viel in der Hand, daß er mit der Arbeit beginnen konnte. Wenn man Massenets Lebenserinnerungen glauben darf, dann wurde das Projekt dadurch beeinflußt, daß er 1886 mit Hartmann in Bayreuth den Parsifal sah und auf der Rückreise über Wetzlar erstmals den Goethe-Roman in einer französischen Übersetzung las. Der französische Text stammt von Blau und Milliet, wobei der Verleger Hartmann, der womöglich das ursprüngliche Szenario entworfen hatte, großzügigerweise als Mitautor und Initiator des Projekts genannt wird.

Massenet vollendete die Partitur 1887. Nachdem Paris gezögert und abgelehnt hatte, nahm Wien das Werk 1892 in einer deutschen Fassung an, nachdem Manon an der Donau einen großen Erfolg hatte erringen können. Die erste Pariser Aufführung fand im Januar 1893 durch die Kräfte der Opéra-Comique am Théâtre Lyrique statt, doch schon ein Jahr später wurde das Werk wieder vom Spielplan genommen. Im Ausland und in anderen französischen Städten wurde Werther freilich aufgeführt. Und zehn Jahre später (1903) unternahm es Albert Carré, das Stück an der Opéra-Comique wiederzubeleben. Endlich war der Werther heimgekehrt, und seither gehört er zum festen Bestandteil des französischen Repertoires. Ohnehin war das Jahr 1903 für Massenet ein gewaltiger Erfolg, konnte er doch erleben, daß in einer Woche vier seiner Bühnenwerke auf dem Programm der Opéra-Comique standen. Schmerzlich war allerdings der frühe Tod von Sybil Sanderson, die die Partien der Esclarmonde und der Thaïs kreiert und als Manon so große Triumphe errungen hatte. 1902 richtete Massenet die Tenorpartie des Werther für Bariton ein; auch in dieser Fassung ist das Werk gelegentlich zu hören.

1 Wagners Tochter - im Original „la fille de Wagner" ließe sich natürlich auch frivoler übersetzen ...

Die Handlung

CD 1

Erster Akt: Das Haus des Amtmanns

[1] Die Oper beginnt mit einem anfangs geheimnisvollen Prélude. Der erste Akt spielt im Garten des verwitweten Amtmanns, den man auf der Gartenterrasse sitzen sieht, wo er seinen sechs jüngsten Kindern ein Lied beibringt. [2] Der Vorhang hebt sich. Die Kinder brechen in Lachen aus und werden zur Ordnung gerufen [Assez! Assez! (Genug! Genug!)]. Sie singen ein Weihnachtslied [Noël! Jésus vient de naître (Weihnacht! Christ ist geboren)]. Das hören Johann und Schmidt, die Freunde des Amtmanns. Sie gratulieren den Kindern zu ihrer Darbietung [Bravo pour les enfants! (Gut gemacht, Kinder!)]; ihr Freund muß sich freilich einen leichten Spott gefallen lassen, weil er im Juli Weihnachtslieder singen läßt. Sophie, die zweitälteste Tochter des Amtmanns, tritt hinzu; man unterhält sich über den Ball, der in Wetzlar stattfinden soll, über den melancholischen jungen Werther, der Charlotte, des Amtmanns älteste Tochter, als Tanzpartner begleiten soll - und über Charlottes Verlobten Albert, der derzeit auf Reisen ist. Der Amtmann verabredet sich mit seinen Freunden für den Abend im Wirtshaus, worauf sich Johann und Schmidt verabschieden. Sophie geht ab, indessen der Amtmann im Haus verschwindet, wo er sich niedersetzt. Seine jüngeren Kinder umringen ihn und hören ihm zu.

[3] In Begleitung eines jungen Bauern betritt Werther den Hof [Alors c’est bien ici, la maison du Bailli. Merci… Je ne sais si je veille ou si je rêve encore (Das ist also des Amtmanns Haus. Danke .. Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume)]. Der Anblick bezaubert ihn ebenso wie der Gesang der Kinder im Hause [4]. Charlotte tritt in ihrem Ballkleid heraus, ihre Geschwister eilen ihr entgegen. Der Amtmann erblickt Werther, grüßt ihn und stellt ihm seine älteste Tochter vor, die seit dem Tod der Mutter für die Familie sorgt. [5] Charlotte verabschiedet sich von den Kindern und überläßt es Sophie, sich für heute um die Geschwister zu kümmern; währenddessen bewundert Werther das Bild unschuldiger Liebe [Ô spectacle idéal d’amour et d’innocence (O ideales Bild von Liebe und Unschuld)]. Charlotte und Werther gehen zum Ball; andere Paare schließen sich an; Sophie bringt die Kinder ins Haus; und der Amtmann schickt sich an, seinen Freunden im Wirtshaus Gesellschaft zu leisten.

[6] Es dämmert bereits. Da erscheint Albert. Sophie begrüßt ihn und erfährt, daß er unangemeldet zurückgekommen sei, um die Familie zu überraschen. Man unterhält sich über die bevorstehende Hochzeit. [7] Im Abgehen schwärmt er von Charlottes Liebe [Elle m’aime … elle pense à moi! (Sie liebt mich ... Sie denkt an mich!)]. [8] Ein Orchesterzwischenspiel begleitet den Aufgang des Mondes. Es ist Nacht geworden.

[9] Charlotte und Werther erscheinen am Gartentor. Der Ball ist zu Ende. Jetzt müsse man sich voneinander verabschieden [Il faut nous séparer. Voici notre maison (Hier muß geschieden sein. Das ist unser Haus)]. Werther fällt es schwer, sich zu entfernen. Ungeachtet ihrer ersten Begegnung gesteht er Charlotte seine Liebe. [10] Sie antwortet ihm, daß er sie doch gar nicht kenne [Mais vous ne savez rien de moi (Doch Ihr wißt nichts von mir)], worauf er ihr versichert, daß er alles wisse, was zu wissen nötig sei [Mon âme a reconnu votre âme (Meine Seele hat Eure Seele erkannt)]. Bei Erwähnung der Geschwister erinnert sich Charlotte ihrer Mutter, deren Stelle sie übernommen hat und die die Familie noch immer zu bewachen scheint [Vous avez dit vrai! C’est que l’image de ma mère est présente (Ihr habt wahr gesprochen! Das Bild meiner Mutter ist stets zugegen!)]. Charlottes schlichte Güte verzaubert Werther nur noch mehr [Rêve! Extase! Bonheur! (Traum! Ekstase! Freude!)]. [11] Der inzwischen zurückgekehrte Amtmann unterbricht die Szene. Er ruft Charlotte ins Haus und teilt ihr mit, daß Albert wieder da ist. Charlotte erläutert ihrem Begleiter, daß sie seinerzeit ihrer Mutter geschworen habe, Albert zum Gemahl zu nehmen. Sie verschwindet im Hause und läßt den verzweifelten Werther zurück.

Zweiter Akt: Die Lindenbäume

[12] Ein Prélude verbindet die beiden Akte. [13] Ort der Handlung ist Wetzlar. Mittlerweile ist es September geworden. Johann und Schmidt sitzen an einem Tisch vor dem Wirtshaus und freuen sich an dem herbstlichen Sonnenschein [Vivat Bacchus! Semper vivat! C’est dimanche! (Es lebe Bacchus! Er lebe ewig! Es ist Sonntag!)]. Die Gläubigen begegnen sich auf dem Weg zur Kirche, wo der Pfarrer heute seine goldene Hochzeit feiern wird. [14] Auch Albert und Charlotte treten auf. Sie sind jetzt schon drei Monate in stillem Glück vermählt [Trois mois! Voici trois mois que nous sommes unis! (Drei Monate! Seit drei Monaten sind wir jetzt zusammen)]. Werther beobachtet das Paar, verzweifelt darüber, daß er Charlotte an einen anderen verloren hat [15] [Un autre est son époux! (Ein anderer ist ihr Gemahl!)]. Von Albert gefolgt, kommen Johann und Schmidt zurück, um ihren Freund Brühlmann zu trösten, der sein Käthchen nach siebenjähriger Verlobungszeit verloren hat. [16] Albert sieht den verzweifelten Werther an einem Tisch des Wirtshauses; tröstend legt er ihm die Hand auf die Schulter, und Werther scheint zu verstehen [Mais celle qui devint ma femme vous apparut au jour qu’elle était libre encore (Doch sie, die meine Frau wurde, begegnete Euch an einem Tag, als sie noch frei war.)]. [17] Ein Bukett in ihren Händen eilt Sophie herbei, voller Freude über das schöne Wetter [Frère, voyez le beau bouquet! (Bruder, sieh mein schönes Bukett!)]. Sie mokiert sich über Werthers langes Gesicht; dieser erklärt in einem à part, daß ihn das Glück wohl für immer geflohen habe [Heureux! Pourrai-je l’être encore! (Glücklich? Kann ich je wieder glücklich sein?)]. Albert tut alles ihm mögliche, um Werther zu trösten. Beim Abgehen bittet Sophie ihren Schwager, ihr zu folgen. Charlotte tritt vor die Kirche, nachdem sie Kraft im Gebet gesucht hat. Indessen hat Werther beschlossen, für immer wegzugehen. [18] Charlotte sieht ihn und fragt, ob auch er das Fest des Pfarrers besuchen werde; er aber kann nur von seiner Liebe sprechen [Ah! qu’il est loin ce jour plein d’intime douceur (Ach! Wie fern ist der Tag voll zarter Vertraulichkeiten)]. Sie tadelt ihn, da sie jetzt mit einem anderen verheiratet ist; er solle jetzt gehen, dürfe sich aber zu Weihnachten wieder sehen lassen, wenn er wolle. Werther bleibt allein zurück und nimmt sich vor, Charlotte zu gehorchen. Gleichwohl peinigen ihn Todesgedanken. [19] Er kommt sich wie ein Kind vor, das vor der vereinbarten Zeit zurückkehrt und von seinem liebenden Vater umarmt wird [Lorsque l’enfant revient d’un voyage avant l’heure (Wenn ein Kind vor der Zeit von der Reise zurückkommt)]. Dieses Bild tröstet ihn bei der Vorstellung, Selbstmord zu begehen. Sophie kommt zurück und ruft vergnügt nach Werther. Dieser verspricht zwar, sich dem Festzug anzuschließen, macht sich aber doch plötzlich mit den Worten, nie mehr zurückzukommen, davon. Sogleich hat er Sophies Vergnügen zerstört. Charlotte und Albert, die mit der Prozession auftreten, wissen nur zur gut, was sich ereignet hat. Der Gedanke, daß Werther für immer verschwunden sein könnte, erschreckt Charlotte. Albert hingegen weiß, daß der Grund dafür seine eigene Liebe ist.

CD 2

Dritter Akt: Charlotte und Werther

[1] Ein Prélude symbolisiert die inzwischen vergangene Zeit. Ort der Handlung ist das Haus von Albert und Charlotte. Es ist fünf Uhr am Heiligen Abend. [2] Charlotte sitzt am Sekretär des Salons und kann sich noch immer nicht von den Gedanken an Werther befreien [Werther! Werther! Qui m’aurait dit la place que dans mon cœur il occupe aujourd’hui! (Werther! Werther! Wer hätte mir gesagt, welch einen Platz er heute in meinem Herzen hat)]. Immer wieder hat sie seine Briefe gelesen [Ces lettres . . . ah! je les relis sans cesse (Diese Briefe ... ach! Ich habe sie immer wieder gelesen)]. In einem seiner Schreiben heißt es, sie solle seinen Tod betrauern, wenn er nicht bis Weihnachten zurückgekehrt ist. [3] Sophie kommt herein und begrüßt die große Schwester. Sie will wissen, was sie in Alberts Abwesenheit bedrückt [Bonjour, grande sœur! Je viens aux nouvelles (Guten Tag, große Schwester! Ich habe Neuigkeiten)]. Charlotte muß lächeln, doch das genügt Sophie nicht - sie will, daß ihre Schwester wieder so wie früher lacht [Ah! le rire est béni, joyeux, léger, sonore! (Ach! Lachen ist gesegnet, voller Freude, hell, volltönend!)]. Sie bedauert, daß sich Werther schon so lange nicht mehr hat sehen lassen, und es kommt ihr vor, als habe seine Abwesenheit alles verändert. [4] Jetzt kann Charlotte ihre Tränen nicht länger zurückhalten [Va laisse couler mes larmes (Laß meine Tränen fließen)]. Sophie bittet sie, wieder nach Hause zu kommen. [5] Charlotte ist beinahe schon damit einverstanden, doch sie sorgt sich um Werthers Drohung, sich das Leben zu nehmen, wenn er sie Weihnachten nicht wiedersehen kann. [6] Sophie geht ab, und Charlotte bittet den Himmel um Standhaftigkeit und die Stärke, ihre Pflicht tun zu können [Ah! mon courage m’abandonne! (Ach! Mein Mut verläßt mich!)]. [7] Plötzlich steht Werther in der Tür. Obwohl er gedroht hatte, sich umzubringen, mußte er sie wiedersehen [Oui, c’est moi! Je reviens (Ja, ich bin’s! Ich bin zurück)]. Alles ist wie damals, als er sie verließ - nur nicht in ihren Herzen. [8] Wieder liest er ihr die Verse aus Ossian vor wie damals, als er vergeblich auf einen Frühling gehofft hatte [Toute mon âme est là . . . ‘Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps?’ (Meine ganze Seele ist da . . . ‘Warum erwachen, o Odem des Frühlings?’)]. [9] Charlotte bittet ihn, innezuhalten; das Versagen ihrer Stimme gibt Werther neue Hoffnung [Ciel! ai-je compris? (Himmel! Habe ich das verstanden?)]. Werther erinnert sie an ihre Liebe und drängt sie zu einem neuerlichen Geständnis, indessen Charlotte zunächst noch widersteht. [10] Endlich aber kapituliert sie, um sich in Werthers Armen zu finden [Ah! Moi! Moi! Dans ses bras! (Ach! Ich! Ich! In seinen Armen)], doch sie kommt zur Besinnung, wehrt sich gegen seine Avancen und verbietet ihm, sie jemals wieder aufzusuchen. Dann verläßt sie fluchtartig das Zimmer. Werther will sie mit allen Mitteln zur Rückkehr bewegen; dann aber findet er sich mit der Trennung und seinem Tod ab [Soit! Adieu donc! Charlotte a dicté mon arrêt! (So sei’s! Lebewohl dann! Charlotte hat meinen Tod beschlossen!)]. [11] Albert kommt herein. Er ist verwirrt und besorgt, nachdem er von Werthers Rückkehr gehört und die Haustür offen, den Salon aber leer vorgefunden hat [Werther est de retour (Werther ist zurückgekehrt)]. Charlotte erscheint. Das Geschehene hat sie aufgeregt, und sie ist voller Angst, als sie ihren Gemahl sieht. Der Diener bringt einen Brief von Werther. Darin schreibt der Absender, er wolle eine lange Reise antreten, wozu er gern Alberts Pistolen hätte, die er im Salon gesehen hat. Grimmig gibt Albert seiner Frau den Befehl, dem Diener die Waffen auszuhändigen. Sie folgt nur widerstrebend, während ihr Mann den Brief zerknüllt und auf den Boden wirft, bevor er das Zimmer verläßt. Charlotte betet, es möge noch nicht zu spät sein, und stürzt hinaus.

Vierter Akt, erste Szene: Heiliger Abend

[12] Ein Orchesterzwischenspiel beschreibt die neue Szene. Der Mond bescheint am Heiligen Abend die verschneite Kleinstadt Wetzlar.

Zweite Szene: Werthers Tod

[13] Nach dem Szenenwechsel sieht man Werthers Arbeitszimmer mit einem Tisch voller Bücher und Papiere. Durch das weit offene Fenster sind der Stadtplatz mit dem Haus des Amtmanns und die schneebedeckten Dächer zu sehen. Der Mond scheint. Werther liegt mit einer tödlichen Wunde am Boden, während Charlotte hereinstürzt und seinen Namen ruft [Werther! Werther! Werther!]. Als sie ihn erblickt, wirft sie sich auf ihn. [14] Er kann noch sprechen und bittet Charlotte um Verzeihung; sie aber sagt, daß sie sich Vorwürfe machen müsse. Als sie Hilfe holen will, greift er nach ihrer Hand und hält sie zurück. [15] Jetzt endlich kann Charlotte ihm ihre Liebe gestehen. [Et moi, Werther, et moi je t’aime! (Und ich, Werther, und ich liebe dich!)]. Ein letzter Kuß soll allen Kummer vergessen machen. [16] Wie ein Hymnus der Vergebung erklingt das Weihnachtslied der Kinder. Werthers Ende ist nahe - trotz aller Wiederbelebungsversuche, die Charlotte unternimmt. Er kann ihr nur noch sagen, wo er bestattet sein will, wenn man ihm ein christliches Begräbnis bewilligt [Là-bas, au fond du cimetière (Da unten, am äußersten Ende des Friedhofs)]. Sollte er aber auf ungeweihtem Boden ruhen müssen, dann soll sein Grab durch die Tränen einer Frau geheiligt werden. [17] Er stirbt. Draußen hört man die Kinder von der Geburt Christi singen und in weihnachtlicher Freude lachen [Jésus vient de naître (Christ ist geboren)].

Keith Anderson

Übersetzung: Cris Posslac


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