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8.660076-77 - BERG, A.: Wozzeck
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Alban Berg (1885-1935)
Wozzeck

 

Alban Berg, Anton Webern und ihr Lehrer Arnold Schönberg bildeten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Komponistenkreis, den man heute allgemein als die Zweite Wiener Schule kennt. Die Systeme von Kompositionstechniken, die Schönberg als logische Erweiterung der Chromatik Wagners entwickelte, wirkten nachhaltig auf die Musikentwicklung des gesamten Jahrhunderts - traditionelle Tonarten und Tonartbeziehungen wurden aufgegeben, Dissonanzen anders behandelt, und die Prinzipien der musikalischen Einheit gingen in ganz unterschiedlichen Lösungen auf.

Berg wurde 1885 in Wien geboren, er war der Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmannes. Er hat nur wenig systematische Musikausbildung genossen, obwohl er sich 1901 an ersten Kompositionen versucht hatte. Die Ausbildung, die er erhalten hat, verdankte er Schönberg, dessen Schüler er 1904 wurde, nachdem er die Schule verlassen und eine unbezahlte Ausbildung zum Staatsbeamten begonnen hatte. Schließlich konnte er seiner Mutter die Erlaubnis abringen, die Beamtenlaufbahn aufzugeben, für die er eigens ausgebildet worden war, um die Besitztümer der Familie zu verwalten. Bergs Vater war 1900 verstorben und hatte eine beträchtliche Erbschaft hinterlassen, die es den Hinterbliebenen ermöglichte, sich in dem ruhigen Vorort Hietzing niederzulassen, in der Nähe von Schloß Schönbrunn. Das kulturelle Milieu Wiens war inspirierend, mit all den innovativen Künstlern und Schriftstellern, die hier lebten und schufen. Während Mahler die Hofoper leitete, begannen Komponisten, wie Richard Strauss und Franz Schreker, ästhetische Grenzen zu erweitern. Schönbergs Verklärte Nacht, entstanden 1899, erlebte 1902 ihre Erstaufführung in Wien; Berg wurde aber eher durch Zufall Schüler Schönbergs, zu einer Zeit, als dieser seine revolutionären musikalischen Ideen zu entwickeln begann. Andere Künstler, die Berg stark beeinflußten, waren der Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus, dessen Privataufführung von Wedekinds Die Büchse der Pandora er 1905 miterlebte (das Schauspiel sollte später die Quelle für seine unvollendete Oper Lulu werden), der Schriftsteller Peter Altenberg, der Architekt Adolf Loos, der Kritiker und Dramaturg Hermann Bahr sowie der Maler und Schriftsteller Oskar Kokoschka.

Unter Schönbergs Anleitung arbeitete Berg, noch mit einiger Zurückhaltung, an der Entwicklung seiner eigenen charakteristischen Musiksprache. Die Studien fanden 1911 ihr Ende, als Schönberg wieder nach Berlin zurückging. Im folgenden Jahr komponierte Berg seine Orchesterlieder nach P. Altenberg op.4; Werke von exemplarischer Kürze und Intensität. Zwei der Lieder wurden 1913 unter Schönbergs Leitung in Wien aufgeführt, allerdings konnte das Konzert nicht zu Ende geführt werden, da eine lautstarke Fraktion im Publikum deutlich ihrem Mißfallen Ausdruck gab. Auch Schönberg, der für die Aufführung aus Berlin gekommen war, kritisierte das Werk.

Der Kriegsdienst ließ seine kompositorische Arbeit zum Stillstand kommen. Im Jahre 1914 allerdings erlebte er eine Aufführung von Georg Büchners Drama Woyzeck; es war die Wiener Erstaufführung des unvollendeten Werkes, nachdem es im vorangegangenen Jahr in München uraufgeführt worden war. Berg beschloß sofort, das Schauspiel als Grundlage für eine Oper zu verwenden und machte erste Skizzen, an denen er aber erst 1917 weiterarbeiten konnte. Er vollendete die Urfassung 1921 und die Orchesterpartitur Anfang des nächsten Jahres. Man begann sich vor allem in Deutschland für das Werk zu interessieren, Hermann Scherchen brachte 1924 in Frankfurt drei Bruchstücke der Oper zu einer konzertanten Aufführung. Im Jahre 1925 erlebte die gesamte Oper ihre Uraufführung an der Berliner Staatsoper unter der Leitung von Erich Kleiber. Aufführungen in Prag wurden aufgrund von Protesten tschechischer Nationalisten abgebrochen. Im Jahre 1927 reiste Berg nach Rußland und konnte in Leningrad erfolgreiche Aufführungen seines Werkes miterleben. Allerdings wurde es bald vom Spielplan genommen, nachdem die Sowjetregierung einen anderen Kurs in der Kulturpolitik eingeschlagen hatte. Die Inszenierung der Oper in Oldenburg lieferte den Beweis, daß das Werk auch von kleineren Häusern erfolgreich gespielt werden kann, so manches Provinztheater folgte diesem Beispiel. Wozzeck etablierte sich als anerkanntes Repertoirestück. Im Jahre 1930 hatte das Werk Premiere an der Wiener Staatsoper - es wurde ein Erfolg, trotz einiger Feindseligkeiten im vorhinein, im Jahre 1931 wurde es zum ersten Mal in Amerika gespielt.

Inzwischen hatte Berg an einer zweiten Oper zu arbeiten begonnen, an Lulu. Im Jahre 1934 wurde eine Suite aus der neuen Oper unter Kleiber in Berlin aufgeführt, das Werk wurde aber zur Zielscheibe nationalsozialistischer Angriffe - nicht nur auf die Musik an sich, sondern auch auf diejenigen, die gute Kritiken über das Werk geschrieben hatten. Wien war noch frei, in Deutschland jedoch wurden Aufführungen von Bergs Musik möglichst verhindert und schließlich verboten. Nach dem „Anschluß" Österreichs war Berg auch hier geächtet. Im Jahre 1935 vollendete er sein Violinkonzert, ein Auftragswerk des Geigenvirtuosen Louis Krasner. Das Konzert entstand zum Andenken an Manon Gropius, die Tochter von Mahlers früherer Ehefrau Alma und dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius, die im April des Jahres an Kinderlähmung gestorben war. Das Werk wurde sein eigenes „Requiem", am Heiligabend desselben Jahres starb Alban Berg an Blutvergiftung, die Folge eines entzündeten Insektenstichs.

Büchners unvollendetes Drama Woyzeck entstand in den Jahren 1835 bis 1837, es wurde im Jahre 1879 durch den Schriftsteller Karl Emil Franzos wiederentdeckt. Georg Büchner wurde 1813 in Goddelau bei Darmstadt als Sohn eines Arztes geboren. Er ergriff den Beruf seines Vaters und machte sich früh einen Namen; seine radikalen politischen Ansichten zwangen ihn jedoch zur Flucht in die Schweiz. Er wurde an die Medizinische Fakultät der Universität Zürich berufen; seine vielversprechende Karriere fand im Jahre 1837 ein abruptes Ende, als er an Typhus erkrankte und starb.

Wozzeck besteht aus 27 Szenen, die seit 1879 in unterschiedlicher Anordnung gespielt werden. Das Theaterstück basiert auf einem authentischen Fall. Der erwerbslose Friseur, Perückenmacher und Soldat Johann Christian Woyzeck wurde 1821 in Leipzig des Mordes an der Witwe Woost für schuldig befunden und 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig hingerichtet, nachdem das Berufungsverfahren (man plädierte auf verminderte Zurechnungsfähigkeit) erfolglos geblieben war. Der Gerichtsprozeß beschäftigte die juristische und medizinische Fachwelt, und es wurde bald offensichtlich, daß dieser Mann ein Opfer der Verhältnisse war - in der Kindheit zur Waise geworden, diente er in verschiedenen Armeen, bis ihm schließlich, da er die nötigen Papiere nicht vorweisen konnte, nur das Dasein eines Bettlers blieb. Büchner (und auch Berg in seiner Oper) verschärft die Situation der Titelgestalt noch dadurch, daß Woyzeck während seiner Armeezeit von seinem Hauptmann wie „der letzte Dreck" behandelt wird, und daß sich Woyzeck einem skrupellosen Arzt als Objekt für dessen Experimente zur Verfügung stellt, um mit dem geringen Entgelt seine Geliebte Marie (die er wegen seiner Armut nicht einmal heiraten kann) und ihr gemeinsames Kind zu unterstützen. Als er herausfindet, daß ihn Marie mit einem Tambourmajor betrogen hat, tötet er sie mit einem Messer, das er anschließend in einem See versenkt. In demselben See sucht er später selbst den Tod.

Bergs Wozzeck übernimmt die Reihenfolge der Szenen, wie sie 1879 von Franzos in seiner Erstausgabe vorgeschlagen worden war; er verwendet aber nur fünfzehn davon. Das Werk ist erschütternd in seiner Zeichnung der Hauptfigur Wozzeck, der zum Opfer einer Gesellschaft wird, die keinen Platz für ihn hat. Überdies ist das Werk musikalisch hoch interessant. Es ist die erste atonale Oper; die erste Oper, die nicht auf dem traditionellen System der Tonarten basiert (später wird Bergs Lulu die erste Oper sein, die auf den Schönbergschen Prinzipien der Zwölftontechnik basiert). Hinzu kommt, daß Berg für die musikalische Gestaltung der Szenen traditionelle musikalische Formen verwendet, die Szene für Szene wechseln und anders angelegt werden. Manche Motive sind klar mit bestimmten Personen oder Ereignissen verknüpft.

Der erste Akt zeigt Woyzeck in seiner Beziehung zum Hauptmann, zu seinem Kameraden Andres, zu Marie und zum Doktor; der Akt endet mit der Szene zwischen Marie und dem Tambourmajor. In dieser Exposition werden Woyzeck und der Hauptmann in der Form einer Suite dargestellt, mit Präludium, Sarabande, Gigue, Gavotte und Air, gefolgt von einem Postludium, das eine Umkehrung des Präludiums darstellt. Wozzeck und Andres sind eine Rhapsodie, Woyzeck und Marie ein Marsch und ein Wiegenlied, Woyzeck und der Arzt eine Passacaglia über ein Zwölftonthema, und schließlich Marie und der Tambourmajor ein Andantino affettuoso (quasi Rondo).

Der zweite Akt, eine Art dramatische Entwicklung und Zuspitzung, ist in der Form einer Sinfonie in fünf Sätzen komponiert. Marie und ihr Kind, zu denen später Wozzeck hinzukommt, sind ein Sonatensatz; der Hauptmann und der Arzt, denen sich ebenfalls Wozzeck im weiteren Verlauf der Szene anschließt, sind eine Fantasie und Tripelfuge. Die dritte Szene, Marie und Wozzeck, ist als Largo, als langsamer Satz gestaltet; die vierte Szene im Garten des Wirtshauses als Scherzo. Die abschließende fünfte Szene in der Kaserne ist ein Rondo con introduzione.

Der dritte Akt bringt den dramatischen Höhepunkt und die Schlußkatastrophe in einer Folge von sechs Inventionen. Die erste, Marie und ihr Kind, besteht aus Thema, sieben Variationen und Fuge, Maria und Wozzeck sind eine Invention über einen Ton. Eine Tanzszene im Wirtshaus schließt sich an, eine Invention über einen Rhythmus; die vierte Szene, Wozzecks Tod, ist eine Invention über einen Hexachord, einen sechsstimmigen Akkord, der zu Beginn der Szene erklingt. Ein orchestrales Zwischenspiel, eine Invention über eine Tonart, führt zur abschließenden Kinderszene, einer Invention über Achtelnoten.

Keith Anderson

Wozzeck an der Königlich Schwedischen Oper

Bergs Meisterwerk Wozzeck hat Stockholm erst nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht, nachdem es anderswo populär geworden war; wobei man sagen muß, daß die Königlich Schwedische Oper bereits in den 1930er Jahren Katerina Ismailowa von Schostakowitsch und Werke von Franz Schreker, Max Brand und Erich Korngold im Repertoire hatte. Die Bruchstücke aus Bergs Wozzeck waren erst 1955 in einem Konzert der Philharmonie Stockholm unter Hans Schmidt-Isserstedt erklungen, mit der Sopranistin Kjerstin Dellert. Die schwedische Erstaufführung des Wozzeck fand am 4. und 5. April 1957 an der Königlichen Oper statt, mit Kjerstin Dellert als Marie an beiden Abenden (in der Aufführung von 1959 sang Elisabeth Söderström diese Rolle) und mit Anders Näslund sowie Erik Saedén, die sich in die Titelrolle teilten. Am Dirigentenpult stand Sixten Ehrling, der das schwedische Publikum nach dem Krieg mit vielen Stücken des zeitgenössischen Repertoires vertraut gemacht hat, Regie führte Göran Gentele, der spätere Künstlerische Leiter der Metropolitan Opera. Die bittere soziale Tragödie von Wozzeck, Marie und ihrem Kind wurde in einer Folge von expressionistischen Bildern aufgeführt, die von dem Künstler Sven Erixon entworfen worden waren - inszeniert auf einer kleinen Hochbühne in der Mitte der großen Bühne des Opernhauses. Die schauspielerische Darstellung war exzellent, die musikalische Interpretation von hoher Qualität. Die Oper wurde einundvierzig Mal gegeben, bevor sie im Jahre 1971 abgesetzt wurde. Im Jahre 1959 gastierte die Königlich Schwedische Oper mit ihrer Inszenierung des Wozzeck beim Edinburgh Festival.

Neue Inszenierungen des Wozzeck in Stockholm und in Gothenburg hatten es nicht leicht, sie mußten sich an dieser legendären Inszenierung aus einem der Goldenen Zeitalter der Königlich Schwedischen Oper messen lassen. Die großartigen künstlerischen Leistungen - Dellert und Saedén in den Hauptrollen, Sven-Erik Vikström als Hauptmann, Arne Tyrén als Arzt - blieben unvergessen; neue Künstler mußten gegen dieses Idealbild in den Köpfen der Menschen ankämpfen. Im Jahre 2000 gelang es schließlich dem deutschen Regisseur Götz Friedrich, Büchners Text von seinem postrevolutionären Ambiente und seinem unmittelbaren Bezug zum frühen 19. Jahrhundert zu befreien, und sein Thema Unterdrückung und Demütigung auf ein breiteres Fresko menschlichen Leidens zu projizieren. Wozzecks Ausruf „Arme Leut" stand als Graffiti in Dutzenden von Sprachen auf dem eisernen Vorhang. Götz Friedrich, der Schüler Felsensteins und frühere Intendant der Deutschen Oper Berlin, starb Anfang 2001; mit Wozzeck hatte er, ohne es zu wissen, Abschied genommen von der schwedischen Hauptstadt. Stockholm war sein erster Zufluchtsort gewesen, nachdem er in den 1970er Jahren die ehemalige DDR verlassen hatte, und er kehrte als Gastregisseur immer wieder in die Stadt zurück, in der er seinen Durchbruch in der westlichen Welt geschafft hatte, mit JenÛfa an der Königlichen Oper und mit Così fan tutte am Theater von Schloß Drottningholm.

Stefan Johansson
Chefdramaturg, Königlich Schwedische Oper

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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