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8.660078-79 - PUCCINI: Madama Butterfly
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Puccinis Madama Butterfly zwischen Japonismus und Kulturkonflikt?

Anmerkungen zur Fassung von 1904.

Seit dem Beginn der Operngeschichte hat die Darstellung historisch wie geographisch ferner Länder und Kulturen das Interesse der Librettisten, Komponisten und Bühnenbildner gefesselt, doch blieben die Schauplätze des geographischen Exotismus bis zur Zeit Napoléons auf ein „türkisches" Lokalkolorit beschränkt, das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts umstandslos auf alle Länder östlich des Mittelmeeres Anwendung fand. Erst im Laufe der Entwicklung der europäischen Kolonialpolitik gewannen die verschiedenen Regionen des Vorderen Orients wie Asiens eine individuelle Physiognomie auf dem europäischen Theater. Dank der bis 1853 vollständigen Abschließung Japans unter dem Shogunat des Tokugawa-Clans vermochte sich eine europäische Vorstellung von der japanischen Kultur erst relativ spät zu entwickeln; die japanischen wie amerikanischen Dokumente über die ersten Kontakte nach der erzwungenen Öffnung der Häfen durch Commodore Matthew Galbraith Perry (1853) lesen sich wie exemplarische Manifestationen von Fremdheit, begleitet von manchmal tragischen Mißverständnissen im Kulturkontakt.

Während die an Gesellschaftsstrukturen des europäischen Mittelalters erinnernde japanische Feudalgesellschaft im Kontakt mit den westlichen Seemächten zerbrach und in einem verwickelten, bürgerkriegsähnlichen Umwälzungsprozeß sich die Wiederherstellung der Macht des Kaisers in der sogenannten Meiji-Restaurantion vollzog (1868), erlebten die japanischen Häfen einen bis dahin niemals auch nur vorstellbaren Zustrom von Kaufleuten, Walfängern und Schiffsbesatzungen. Der Roman Madame Chrysanthème von Pierre Loti (1887), das literarische Volbild für André Messagers Opéra comique Madame Chrysanthème (Paris, Opéra Comique 1893), entstammt dieser Umgebung ebenso wie die Erzählung Madame Butterfly von John Luther Long, die dieser 1898 im amerikanischen Century Magazine veröffentlicht hatte. Loti, der dank seines Dienstes bei der französischen Flotte Japan aus eigener Anschauung kannte, dokumentierte in seinem Roman den Brauch der „Heirat auf Zeit", der sich nach der Öffnung Japans gegenüber Kontakten mit der Außenwelt in den Hafenstädten herausgebildet hatte. Die Einrichtung der „Ehe auf Zeit", Antwort der traditionellen japanischen Gesellschaft auf die Notwendigkeit einer Prostitution in den Hafenstädten und zugleich der Versuch zu deren administrativer Kontrolle, erscheint freilich in Lotis Roman aus der Perspektive der westlichen Seeleute, gleichsam als erotischer Tourismus. Die tragischen Konsequenzen für die Geisha Cio-Cio-San, die aus dem Verhaltenskanon ihrer Gesellschaft ausbricht und die Scheinheirat als echte Ehe interpretiert, begegnen erstmals in Longs Erzählung, die, wie die Untersuchungen von Arthur Groos zur Identität Pinkertons gezeigt haben, auf einer tatsächlichen Begebenheit beruhte.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bildete eine Periode intensiven Umbruchs für die italienische Librettistik, deren letzte Repräsentanten, Luigi Illica und Giuseppe Giacosa, es in den für Puccini verfaßten Libretti zwischen 1893 und 1904 noch einmal vermocht hatten, die Spaltung zwischen den ästhetischen Ebenen hoher Dichtung und Gebrauchslyrik für Musik zu überwinden. Während La Bohème und Tosca auf Sujets aus dem Bereich der französischen Literatur beruhten und in wesentlichen Zügen ihrer Dramaturgie auch die Bauformen des französischen Unterhaltungstheaters ihrer Zeit widerspiegeln, darf die Stoffwahl von Madama Butterfly als repräsentativ für die wachsende Internationalität der italienischen Oper um 1900 gelten. Die Tendenz von Puccinis Spätwerk zu internationaler Verbreitung und Stoffwahl kulminierte in der Uraufführung einer Oper mit amerikanischem Sujet - La Fanciulla del West - an der Metropolitan Opera (1910), wiederum auf ein Bühnenwerk David Belascos.

David Belasco (San Francisco 1853 - New York 1931) prägte die Geschichte des amerikanischen Theaters der Jahrhundertwende nicht so sehr durch seine eigenen Theaterdichtungen, sondern wirkte stilbildend vor allem im Bereich von Theatertechnik, Bühnenbild und Regie. Den überwältigenden Erfolg verdankte sein Theater dem Hyperrealismus seiner Inszenierungen sowie einem untrüglichen Theaterinstinkt, der eine besondere Tendenz zu melodramatischen Wirkungen aufwies. Was Puccini an Belascos Dramen faszinierte, die er - da des Englischen kaum mächtig - nur als Träger szenischer Effekte, nicht aber nach ihrer literarischen Qualität beurteilen konnte, dürften nicht unbedingt jene Charakteristika sein, die das angelsächsische Publikum in sein Theater zogen; in jedem Falle dürfte die Vollkommenheit der szenischen Präsentation auf den Theatermenschen Puccini einen großen Eindruck gemacht haben.

Es ist bekannt, daß Puccini unter dem Eindruck einer Londoner Theateraufführung von Belascos Madama Butterfly den Entschluß faßte, dieses Sujet seiner nächsten Oper zugrundezulegen. Da sich die Verhandlungen mit Belasco über die Bühnenrechte monatelang hinzogen, verfaßte Luigi Illica eine Dramatisierung des Sujets auf der Basis von John Luther Longs Novelle; erst vom ursprünglichen II. Akt an arbeiteten Illica und Giacosa auf der Basis von Novelle und Theaterstück. Diese Ur-Butterfly, die sich in den Librettomanuskripten Illicas und Giacosas vollständig erhalten hat, wurde jüngst von Arthur Groos publiziert (Studi Pucciniani 2/2000) und gewährt einen guten Einblick in die Werkstatt von Puccinis Librettisten-Team. Das Libretto zu Madama Butterfly bildet das Resultat eines mehrjährigen Ringens zwischen Illica, Giuseppe Giacosa, Puccini und seinem Verleger und Freund Giulio Ricordi. Der rege Briefwechsel zwischen den Diskussionspartnern - wahrscheinlich wurden für keine andere Puccini-Oper so viele Briefe gewechselt, denn allein von Ricordi, Puccini und Illica sind mehr als je einhundert Briefe erhalten - erlaubt es, den Entstehungsprozeß der Oper weitgehend zu rekonstruieren. Beinahe ein Jahr lang versuchte Puccini, zu einem Butterfly-Text Musik zu schreiben, der von der heutigen Struktur noch stark abwich. Eine Szene im amerikanischen Konsulat von Nagasaki bewirkte einen Kontrast der Schauplätze und führte damit zugleich jenes westliche Element ein, das Puccini ursprünglich auch durch einen amerikanischen Mitbewerber um Butterflys Gunst realisiert sehen wollte. Puccinis Abrücken von der ursprünglich geplanten Kontrastierung von japanischem und westlichem Ambiente zeitigte tiefgreifende Konsequenzen für die Dramaturgie des Werkes; sein beharrliches Festhalten an der Idee einer durch das „Intermezzo sinfonico" vergegenwärtigten Nacht des Wartens auf Pinkerton stieß auf den entschiedenen Protest Giacosas, der diese Lösung als theaterpraktische Absurdität ansah. Die allmähliche Präzisierung der für die Uraufführung an der Mailänder Scala geplanten Erstfassung der Partitur geschah in beständigem Gedankenaustausch aller Beteiligten, wobei Puccinis Verleger Giulio Ricordi eine wesentliche Rolle als Vermittler zukam. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Mailänder Fassung von 1904 Puccinis dramaturgische Intentionen im Moment der Uraufführung präzise widerspiegelt; jahrelange Diskussionen über Werkdramaturgie und psychologisch stringente Charakterzeichung fanden in ihr die von Puccini gewünschte Konkretisierung.

Die Mailänder Uraufführung der ersten Fassung von Madama Butterfly am 17.2.1904 endete bekanntlich mit einem vollständigen Fiasco; im Einverständnis mit seinen Librettisten und seinem Verleger zog Puccini die Partitur noch am folgenden Tag zurück und beschloß, tiefgreifende Änderungen an der musikalischen Struktur vorzunehmen. Die äußerst komplizierte Geschichte der Fassungen der Butterfly-Partitur ist zuerst von Julian Smith und kürzlich von Dieter Schickling, dem Autor des im Druck befindlichen Puccini-Werkverzeichnisses, im Detail analysiert worden. Da Puccini in den Jahren 1904 bis 1907 alle Korrrekturen an der Butterfly-Partitur in seinem Autograph vornahm und dieses somit durch die Übereinanderschichtung von vier verschiedenen Fassungen den Zustand der Unlesbarkeit recht nahe kommt, lassen sich die verschiedenen Fassungen aus den Klavierauszügen rekonstruieren, die der Ricordi-Verlag zwischen 1904 und 1907 in den verschiedenen Sprachen veröffentlichte. Kürzlich konnte Dieter Schickling zwei offenbar zur Einstudierung des Werkes benützte Klavierauszüge ausfindig machen, die weitere Details zur allmählichen Transformation der Fassungen beitragen. Man unterscheidet heute normalerweise vier Fassungen des Werkes: 1) die Fassung der Mailänder Uraufführung, 2) die Version für die Aufführung in Brescia (28.5.1904), dank welcher das Werk sich durchzusetzen vermochte, 3) eine Fassung, die auf verschiedene Aufführungen in Italien und im Ausland in den Jahren 1905/06 zurückgeht, sowie 4) die Fassung der Pariser Opéra Comique (28.12.1906), die mit geringfügigen Modifikationen auch bei der amerikanischen Erstaufführung (New York, Metropolitan, 11.2.1907) Verwendung fand und von Puccini ausdrücklich gutgeheißen wurde. Diese vierte Fassung, entstanden unter den außerordentlich sorgfältigen Produktionsbedingungen der Opéra Comique und dokumentiert durch Albert Carrés instruktives „livret de mise en scène" (Regiebuch), gilt heute allgemein als die endgültige Fassung der Partitur, obwohl das Ricordi-Archiv in Mailand eine von Puccini korrigierte Partitur bewahrt, die für die Aufführungen am Mailänder Teatro Carcano in den zwanziger Jahren benutzt wurde.

Von den wesentlichen Änderungen zwischen der ersten Fassung und der Revision für Brescia hatte die Teilung des überlangen II. Aktes in zwei selbständige Akte mehr dramturgische als musikalische Konsequenzen: das Zwischenspiel, das Butterflys nächtliches Warten schildert, ergab das Vorspiel zum III. Akt, von Puccini auch in der letzten Fassung noch als „Seconda Parte" bezeichnet, während der Summchor als Ausklang des Mittelaktes das Warten gleichsam in die Unendlichkeit prolongiert. Die weitaus folgenschwerste musikalische Korrektur nahm Puccini an der Szene von Butterflys Auftritt vor, indem er die Melodielinie Butterflys und deren harmonisches Fundament revidierte, um Anklänge an den III. Akt von La Bohème zu tilgen, die vom Publikum der Mailänder Uraufführung durch Zwischenrufe moniert worden waren. Die Vorhaltsbildungen der Melodie am Phrasenende besitzen in der ersten Fassung einen durchaus konventionellen Charakter; durch die Neufassung wurde nicht nur Butterflys Melodie organischer gestaltet, sondern auch die harmonische Fortschreitung in Baßlinie und Akkordsubstanz auf das gemeinsame Fundament der Ganztonleiter bzw. des übermäßigen Akkords bezogen. Die veränderte motivische Gestalt dieser dramaturgisch zentralen Passage zwang Puccini, das Thema bei jedem Auftreten in der Partitur umzuformen. Mit der Veränderung des Butterfly-Themas in Melodieführung, harmonischer Basis und Instrumentation stellt Madama Butterfly wahrscheinlich die einzige Oper der Musikgeschichte dar, deren Hauptmotiv nach der Uraufführung wesentlich umgestaltet wurde.

Jürgen Maehder

Überblick über den Verlauf der Oper

CD 1

I. Akt

Die Zeit ist die Gegenwart (1904). Die Handlung spielt vor einem kleinen japanischen Haus, gelegen auf einem Hügel mit Blick auf den Hafen von Nagasaki. Zu dem Haus gehören Terrasse und Garten; unterhalb sieht man in der Ferne den Hafen und die Stadt.

1 Das Orchester leitet den 1. Akt mit einem lebhaften Eröffnungsthema ein, das anschließende zweite Thema ist deutlicher an die japanische Musik angelehnt. Wie sich der Vorhang hebt, sieht man den Heiratsvermittler Goro, wie er unter vielen Verbeugungen Pinkerton die Schönheiten des kleinen Hauses auf dem Hügel zeigt. Er demonstriert, wie man die Trennwände gebraucht, die den einen Raum von dem anderen abschirmen. Pinkerton ist erstaunt über die Dinge, die ihm vorgeführt werden; sehr zur Freude Goros, der mit seinen Erklärungen fortfährt. Pinkerton fragt, wo das Hochzeitsgemach sei; Goro zeigt ihm, wie er sich die Zimmer nach Belieben selbst aufteilen kann, durch Verschieben der Trennwände. Pinkerton meint, es sei wie ein Kartenhaus, Goro versichert ihm aber, es sei absolut solide gebaut. Er klatscht in die Hände.

2 Auf dieses Zeichen hin kommen zwei Männer und eine Frau herein und knien vor Pinkerton nieder. Goro stellt sie vor - Pinkertons Zofe, ein Koch und ein Diener; mit Namen „Zarte Wolke", „Aufgehende Sonne" und „Duftende Gewürze". Pinkerton findet die Namen lächerlich, er wolle sie lieber nach Nummern unterscheiden. Die Zofe Suzuki, immer noch kniend, beginnt eine lange Rede; sie preist das Lächeln Pinkertons und zitiert Okunama, den Weisen, der sagt, ein Lächeln zerreiße des Kummers Gewebe. Pinkerton fühlt sich eher gelangweilt, Goro bemerkt dies und klatscht in die Hände; die drei Diener ziehen sich sofort ins Haus zurück. Alle Frauen seien gleich, bemerkt Pinkerton; Goro wartet darauf, dass die Braut eintrifft, da alles bereitet sei. Alle würden sie zur Hochzeit kommen - der Standesbeamte, die Verwandten, der amerikanische Konsul und natürlich Cio-Cio-San, die Braut. Pinkerton möchte wissen, ob es viele Verwandten seien; Goro zählt auf: Cio-Cio-Sans Mutter, ihre Großmutter, ihr Onkel Bonze (der aber sicher nicht kommen wird) und eine Unmenge Kusinen, wohl an die zwei Dutzend. Und, fügt er mit einer Verbeugung hinzu, Pinkerton und seine zukünftige Frau werden für noch mehr Verwandte sorgen. Man hört nun die Stimme des Konsuls Sharpless, der vom Aufstieg zum Haus ganz erschöpft ist. Goro verkündet die Ankunft des Konsuls und verneigt sich, Pinkerton begrüßt ihn mit Handschlag und schickt Goro nach einer Erfrischung. Der Blick von hier sei herrlich, lobt Pinkerton, während Sharpless klagt, es sei ziemlich hoch gelegen; allerdings bewundert auch er die ferne Stadt, das Meer und den Hafen. Während Goro und zwei Diener mit Flaschen und Gläsern herbei geeilt kommen, erklärt Pinkerton, er habe das Haus für 999 Jahre gekauft, mit dem Recht, es binnen eines Monats zu verlassen - japanische Verträge seien so elastisch wie japanische Häuser. Sharpless bemerkt, davon hätte schon so mancher profitiert. Sie setzen sich an einen Tisch auf der Terrasse.

3 Pinkerton singt ein Loblied auf das Leben eines fahrenden Yankees, der vor Anker gehen kann, wo er will. Er bietet Sharpless einen Drink an, Milk-Punch oder Whisky, und fährt fort auszumalen, wie er dann eines Tages wieder davonsegeln wird - man müsse das Leben genießen. Eine einfache Weisheit, meint Sharpless, aber sie verderbe die Herzen. Pinkerton lässt sich nicht beirren, er frohlockt über die Verbindung, die er heute für 999 Jahre eingehen wird, aber jeden Monat aufkündigen kann. Sie erheben ihr Glas auf Amerika, zu den Klängen der Nationalhymne.

4 Sharpless’ Frage, ob die Braut hübsch sei, lässt Goro in Lobeshymnen auf ihre Schönheit ausbrechen; sie sei wie ein Strauß frischer Blumen, wie ein Stern mit goldenen Strahlen, und würde nur einhundert Yen kosten. Wenn der Konsul wolle, könne er ihm eine ganze Auswahl solcher Schönheiten anbieten. Pinkerton wird ungeduldig und befiehlt ihm, die Braut zu holen, Goro eilt hinweg. Die Diener ziehen sich zurück, Sharpless und Pinkerton setzen sich wieder. Sharpless meint, Pinkerton müsse entweder wahnsinnig sein oder total vernarrt. Pinkerton singt von seiner Liebe, oder besser, von seiner vorübergehenden Laune; Cio-Cio-San sei so anmutig wie eine Figur von einem japanischen Wandschirm, ein zarter Schmetterling (englisch „Butterfly"). Sharpless erwidert, er habe Madame Butterfly nicht gesehen, aber gehört, was sie sprach, als sie kürzlich im Konsulat war: Ihre Liebe sei echt, Pinkerton solle sie nicht so leicht nehmen. Für das Alter des Konsuls seien solche Gedanken typisch, antwortet Pinkerton, er selbst finde nichts dabei, wenn man ein Mädchen in die Freuden der Liebe einführt. Er bietet seinem Gast Whisky an, und sie trinken auf Pinkertons Familie im fernen Amerika; letzterer bringt einen Toast auf seine zukünftige Frau aus - eine echte Amerikanerin werde es sein. Goro kommt herbei geeilt und kündigt an, dass die Hochzeitsgesellschaft in Kürze eintreffen wird.

5 Man hört von weitem die Stimmen von Butterflys Freundinnen, die näher kommen. Pinkerton und Sharpless gehen nach hinten in den Garten, von wo aus sie den Pfad sehen können, der den Hügel hinaufführt. Butterflys Freundinnen loben die Schönheit der Szenerie, die sich ihnen von hier aus bietet; den Himmel, das Meer. Butterfly fügt hinzu, sie sei die glücklichste Frau Japans, ja der ganzen Welt, da sie dem Ruf der Liebe folge. Nach und nach kommt der Zug der Gäste in Sicht, die meisten Mädchen tragen Sonnenschirme in den verschiedensten Farben. Wie sie Pinkerton sehen, schließen sie ihre Schirme und verneigen sich vor ihm.

6 Nach Madame Butterfly gehen alle übrigen auf Pinkerton zu und begrüßen ihn, wie es die Zeremonie erfordert. Er erkundigt sich, ob der Aufstieg beschwerlich war, Butterfly erklärt, sie sei die ganze Zeit voller Ungeduld gewesen. Pinkerton macht ihr mit einiger Ironie Komplimente, die Butterfly geschickt erwidert. Sharpless begrüßt sie ebenfalls mit lobenden Worten und fragt sie, ob sie aus Nagasaki sei. Sie antwortet ihm, ihre Familie sei früher einmal reich gewesen - keiner hier würde zugeben, arm geboren zu sein, sogar ein Vagabund würde behaupten, edler Herkunft zu sein. Aber auch die stärksten Eichen könnten durch Stürme entwurzelt werden - nun sei sie eine Geisha. Sharpless zeigt sich interessiert, er fragt, ob sie noch Geschwister habe. Sie antwortet, sie habe nur noch ihre Mutter - eine adlige Dame, wie sich Goro beeilt hinzuzufügen - die nun auch verarmt sei. Auf die Frage nach ihrem Vater antwortet sie, er sei tot; Goro schaut verlegen drein, ihre Begleiterinnen fächeln nervös.

7 Butterfly fügt hinzu, sie habe noch andere Verwandte und einen Onkel Bonze; eine Antwort, die Pinkerton gespieltes Erstaunen entlockt, und ihren Freundinnen Bewunderung. Sie gibt zu, es gebe da noch einen anderen Onkel, einen Trinker, wie alle bestätigen, und sie fragt, ob das Pinkerton etwas ausmachen würde, er sagt aber, das sei ihm gleichgültig. Sharpless fragt Butterfly, wie alt sie sei; sie erwidert kindlich-schalkhaft, er solle raten. Zehn? - nein, mehr. Zwanzig? - nein, fünfzehn, wohl schon eine alte Frau. Ein Alter für Kinderspiele, sagt Sharpless; und für Süßigkeiten, fügt Pinkerton hinzu und winkt Goro, der in die Hände klatscht, um die Diener zu rufen. Sie eilen aus dem Haus, Goro übermittelt ihnen Pinkertons Befehle - kandierte Spinnen und Fliegen, Vogelnester in Sirup und die widerlichsten Happen und Tropfen, die Japan zu bieten hat. Wie Goro den Dienern ins Haus folgt, sieht er die übrigen den Hügel heraufkommen.

8 Goro verkündet die Ankunft hoher Beamter, des Kaiserlichen Kommissars und des Standesbeamten. Er eilt ins Haus und empfängt Butterflys Verwandte, diese wiederum begrüßen die Freundinnen Butterflys und betrachten die beiden Amerikaner mit einiger Neugierde. Die beiden Beamten folgen und bleiben im Hintergrund. Pinkerton nimmt Sharpless beiseite und spottet über die lächerliche Gesellschaft - hinter irgendeinem Fächer verberge sich sicherlich seine Schwiegermutter, und da sei noch der betrunkene Onkel und der dicke, gelbgesichtige Junge. Er preist sich glücklich, das Mädchen besitzen zu können, das ihm den Kopf verdreht hat; Sharpless aber warnt ihn nochmals, Butterflys Liebe sei absolut ernst. Butterflys Verwandte tauschen sich nun über Pinkerton aus; er sei zwar nicht schön, aber bestimmt reich. Butterflys Mutter meint, er sei wie ein Gott; ihr Onkel fügt hinzu, er sei Gold wert. Eine ihrer Kusinen behauptet, Goro, der Heiratsvermittler, habe ihr diesen Pinkerton auch schon angeboten, sie habe ihn aber abgelehnt. Andere meinen, Butterflys Schönheit welke bereits dahin, und die Scheidung werde nicht lange auf sich warten lassen. Goro mischt sich unter sie und mahnt, sie sollten sich gefälligst leise unterhalten. Sie zeigen sich jedoch wenig beeindruckt; Yakusidé, der Onkel, hofft, dass es hier auch Wein gibt, andere wollen Tee, die Kinder Süßigkeiten. Butterfly, noch ganz Kind, ruft ihre Mutter und ihre Verwandten zu sich und macht ihnen vor, wie man sich richtig vor Pinkerton, Sharpless und den Beamten verneigt. Goro hat unterdessen einen Tisch mit allerlei Süßigkeiten, Gebäck und Getränken heraus gebracht, außerdem Kissen und einen Tisch mit Schreibzeug, den er etwas abseits stellt. Die Freunde und Verwandten betrachten das Geschehen mit Wohlwollen. Goro geleitet die Beamten nach vorn.

9 Goro stellt die Beamten vor und bietet ihnen, nach amerikanischer Art, im Auftrag des Leutnants Geld an, welches gnädig angenommen wird. Butterflys Verwandte treten an Pinkerton heran und verneigen sich, er erwidert. Sie verneigen sich ein weiteres Mal, er tut das gleiche. Sie verbeugen sich ein drittes Mal, Pinkerton begleitet seine Verbeugung mit der scherzhaften Bemerkung, mehr könne sein Rücken nicht aushalten. Butterfly stellt ihm ihre Mutter vor, die Pinkerton schmeichelt, er habe all die Pracht einer Lilie. Anschließend macht sie ihn mit ihrer Kusine und deren Kind bekannt. Pinkerton gibt dem Jungen einen freundschaftlichen Klaps, worauf dieser sich verängstigt zurückzieht; er wird aber von seiner Mutter nach vorn geschoben, damit er Pinkerton in aller Form begrüßt.

0 Butterfly stellt ihm ihren Onkel Yakusidé vor, der ihn grüßt; der Rest der Gesellschaft schließt sich an. Pinkerton dankt allen, und um die Sache zu Ende zu bringen, zeigt er ihnen, wo es Speisen und Getränke gibt. Er wendet sich beiseite zu Sharpless und spottet über ihre Dummheit, während sich Butterflys Freundinnen und Verwandte auf die Tische stürzen. Die Diener reichen Sake, Süßigkeiten, Gebäck, Wein und andere Getränke. Butterfly nimmt ihre Mutter an ihre Seite, um ihre Eßlust im Auge zu behalten. Sharpless bittet den Kaiserlichen Kommissar und den Standesbeamten zu sich, um ihnen Sir Francis Blummy Pinkerton vorzustellen. Daraufhin führt Goro den Konsul und die Beamten zu dem Beistelltisch, auf dem das Schreibzeug bereitliegt.

! Pinkerton geht auf Butterfly zu und bietet ihr Süßes an. Verlegen steht sie auf und bittet ihn um Verzeihung; die Ärmel ihres Kimonos seien voll mit ihren wenigen Besitztümern, die sie besonders liebt, und die sie mitgebracht hat. Sie holt einige Dinge heraus, Halstücher, eine Pfeife, einen Gürtel, eine kleine Brosche, einen Spiegel, einen Fächer und eine Kosmetikdose. Letztere wirft sie fort, da sie glaubt, sie missfalle Pinkerton. Zum Schluss zieht sie etwas besonders Wertvolles hervor, das nicht alle Leute sehen sollen. Goro, der sich genähert hat, flüstert Pinkerton ins Ohr, dies sei ein Geschenk des Kaisers an Butterflys Vater gewesen, verbunden mit einem Befehl, den der Vater ausgeführt habe (er macht die Geste des Harakiri). Butterfly holt aus ihrem Ärmel einige Statuetten, die Ottokéen, hervor, und zeigt sie Pinkerton. Dieser betrachtet sie neugierig, Butterfly erklärt, dies seien die Seelen ihrer Ahnen.

@ Sie erzählt ihm, wie sie das christliche Missionshaus besucht habe; ihr Onkel Bonze wisse aber nichts davon, ebenso wenig ihre Verwandten: Sie habe sich entschieden, dem Gott Pinkertons zu folgen; sie wolle mit ihrem zukünftigen Mann niederknien und zu demselben Gott beten, und ihre eigenen Götter vergessen. Er habe einhundert Yen für sie bezahlt, und sie wolle für ihn sorgen, ihn glücklich machen und ihre eigene Familie vergessen. Sie nimmt die Statuetten und verbirgt sie.

# Goro hat sich zum Konsul begeben und dessen Befehle empfangen, er bittet nun um Ruhe. Die Gespräche verstummen, alle hören auf zu essen und zu trinken und bilden einen Kreis um Pinkerton und Butterfly. Der Kaiserliche Kommissar verkündet, Sir Francis Blummy Pinkerton vom Schiffe „Lincoln", Offizier der amerikanischen Marine, sei es gestattet, das Mädchen Butterfly, bis dato unverheiratet und nicht geschieden, zu heiraten - er auf seinen eigenen Willen hin, sie durch Einverständnis ihrer Familie. In diesem Augenblick sieht man, wie Yakusidé und das Kind nach Gebäck greifen, zur allgemeinen Entrüstung der Gäste. Die Mutter des Jungen schwört, sie werde ihn niemals mehr irgendwohin mitnehmen; unterdessen setzt der Kaiserliche Kommissar seine Amtshandlungen fort. Pinkerton unterschreibt die Heiratsurkunde, nach ihm Butterfly, und Goro erklärt, nun sei alles fertig. Ihre Freundinnen kommen heran, um zu unterschreiben, und um Butterfly zu beglückwünschen - jetzt Madama F.B. Pinkerton. Die Beamten bringen ihre Aufgabe zum Abschluss, der Kommissar gratuliert Pinkerton, welcher dankt. Der Kommissar begleitet Sharpless hinaus, letzterer verspricht, er werde Pinkerton morgen sehen. Der Standesbeamte wünscht Pinkerton Nachkommenschaft und verabschiedet sich ebenfalls, um mit den beiden anderen nach der Stadt hinunter zu gehen. Sharpless wendet sich noch einmal mit einem letzten Wort der Warnung an Pinkerton, dieser begleitet die drei zu dem Pfad, der den Hügel hinabführt. Sie gehen durch Gruppen von Verwandten und Freundinnen, die sich vor ihnen verneigen; Pinkerton winkt ihnen, bis sie außer Sicht sind. Pinkerton beschließt, die Hochzeitsgäste, seine „Familie", wie er ironisch zu sich selbst sagt, so schnell wie möglich loszuwerden.

$ Er mixt Yakusidé einen Whisky „für den Weg" und gibt ihm die Flasche, Yakusidé trinkt auf Pinkertons Gesundheit. Pinkerton bietet Butterflys Mutter einen Drink an, sie trinke aber nicht, erfährt er, so wendet er sich den Kusinen und Freundinnen zu. Als sich Yakusidé wieder nähert, sagt Goro zu Pinkerton, er solle diesen nicht zum Trinken ermuntern. Pinkerton sagt zu dem Jungen, er könne sich getrost die Ärmel voll mit Süßigkeiten und Gebäck füllen, dann erhebt er sein Glas und bringt einen Toast aus, alle stimmen ein. Butterfly betrachtet das Geschehen mit Unwillen, sie deutet Pinkerton an, dass es schon dunkel werde, dieser jedoch fordert Yakusidé auf, ein Lied zu singen. Butterfly würde gern einschreiten, wagt es aber nicht; Yakusidé indessen ist nur allzu sehr zum Singen aufgelegt.

% Yakusidé singt sein Lied Im Schatten eines Keki auf dem Nunki-Nunko-Yama, der Tag des Goseki, wie viele schöne Mädchen. Auf Pinkertons Bitte singt er es noch einmal von vorn, unterbricht sich aber, als er sieht, dass der Junge die Whiskyflasche genommen hat und ansetzt.

^ Plötzlich hört man wütenden Rufe, die vom Pfad her kommen, und die die Gesellschaft vor Schreck erblassen lassen. „Cio-Cio-San", ruft die Stimme, „du Abscheu". Es ist Butterflys Onkel, der Bonze, der ankommt, begleitet von zwei Laternenträgern und zwei weiteren Bonzen (buddhistische Priester). Goro ist ärgerlich über diese Störung, er bedeutet den Dienern, Tische, Stühle und Kissen wegzuräumen, während er sich klugerweise aus dem Staub macht, vor sich hin murrend. Die Gesellschaft läuft erschreckt zusammen, während Pinkerton, der aufgestanden ist, um die sonderbare Gestalt zu sehen, in Gelächter ausbricht und sich wieder setzt. Der Bonze streckt seinen Arm drohend gegen Butterfly aus und fordert von ihr Rechenschaft, was sie in der christlichen Mission gemacht habe. Pinkerton ist ärgerlich über diesen Auftritt, der Bonze jedoch fährt unbeeindruckt fort. Seine Fragen werden von den Verwandten bekräftigend wiederholt, sie sind empört zu erfahren, dass Butterfly von ihrem Glauben abgefallen ist. Sie bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, und ihre Mutter tritt vor, um sie zu beschützen; der Bonze aber drängt sie zurück und schreit auf das Mädchen ein, ihre Seele werde ewige Strafe erleiden müssen. Pinkerton geht nun dazwischen, seine Geduld ist zu Ende. Der Bonze ist verblüfft, wendet sich den Gästen zu und fordert sie auf, mit ihm den Ort und die Abtrünnige zu verlassen. Pinkerton gebietet allen zu gehen; er dulde in seinem Hause keine Unruhe und keine Priesterei. Auf seine Worte eilen alle den Pfad hinab, der zur Stadt führt. Der Bonze und seine Gefolgsleute nehmen den gleichen Pfad den Hügel hinab und lassen Pinkerton und Butterfly allein. Butterfly verharrt eine Weile, die Hände vor ihrem Gesicht. Die drohenden Stimmen des Onkels und der Verwandten verklingen in der Ferne; es wird Abend.

& Pinkerton geht zu ihr und nimmt ihr zärtlich die Hände vom Gesicht, er sagt ihr, sie solle nicht weinen, sie aber hört immer noch die Flüche. Pinkerton versichert ihr, ihre ganze Familie und alle Bonzen Japans seien ihre Tränen nicht wert. Sie beruhigt sich allmählich und küsst seine Hand; ein Zeichen der Achtung unter gebildeten Menschen, wie sie meint. Man hört Suzukis Stimme, sie betet, wie Butterfly erklärt. Es wird immer dunkler, Pinkerton geleitet Butterfly zum Haus.

* Es wird Nacht, sagt er zu ihr, sie aber kann nicht vergessen, was sie gehört hat: Nun ist sie allein, eine Ausgestoßene. Pinkerton klatscht in die Hände, Suzuki und die Diener kommen herbei geeilt. Er befiehlt ihnen, das Haus für die Nacht zu schließen. Nun seien sie allein, sagt sie; und ohne den rasenden Bonzen, der sie stört, fügt er hinzu. Suzuki kommt, um Butterfly bei der Nachttoilette zu helfen. Butterfly legt ihr Hochzeitskleid ab und zieht ein weißes Gewand an; Pinkerton beobachtet sie, während er in seinem Stuhl schaukelt und eine Zigarette raucht. Sie denkt über ihre Situation nach, er hat nur Augen für ihre Schönheit. Er sagt, er liebe sie; nun sei sie ganz sein. Ganz in weiß gekleidet, erscheine sie als die Göttin des Mondes, erwidert sie. Sie stehen gemeinsam auf der Terrasse und schauen zum Himmel hinauf. Er möchte, dass auch sie ihm ihre Liebe erklärt. Sie erzählt ihm, wie sie anfänglich reagiert hat, als ihr der Heiratsvermittler einen Amerikaner, einen Barbaren, anbot; aber wie sie ihn gesehen hat, habe sie sich schon in ihn verliebt - nun sei sie glücklich.

( Sie bittet ihn um ein klein wenig Liebe; hier sei man an alles kleine gewöhnt. Er küsst ihre Hand, als er sie aber mit einem Schmetterling vergleicht, erschrickt sie: In Amerika würden Schmetterlinge gejagt, mit einer Nadel durchstochen und an ein Brett genagelt werden. Das, versichert ihr Pinkerton, sei nur, damit sie nicht wegfliegen. Butterfly ist getröstet, sie preist die Schönheit der Sterne, als Pinkerton sie ins Haus führt.

II. Akt

) Die Handlung spielt im Inneren von Butterflys Haus. Der Raum ist im Halbdunkel, die Trennwände sind geschlossen. Suzuki betet vor einem Bildnis Buddhas und läutet von Zeit zu Zeit die Gebetsglocke.

¡ Butterfly steht in Gedanken, während Suzuki die Götter bittet, ihre Herrin zu trösten. Butterfly meint, die Götter Japans seien zu nichts nütze, der amerikanische Gott sei besser, nur wisse er nicht, wo sie wohnt. Suzuki steht auf und öffnet die Wand zum Garten, Butterfly fragt sie, wie viel Geld sie noch hätten. Suzuki nimmt eine kleine Geldbörse und zeigt ihr, wie wenig es ist - wenn Pinkerton nicht bald zurückkommt, würden sie in große Schwierigkeiten geraten. Butterfly ist immer noch zuversichtlich; warum sollte Pinkerton den Konsul gebeten haben, für sie zu sorgen und das Haus mit Schlössern zu versehen - wohl doch nur, um die Verwandten und anderen Ärger fern zu halten, und um seine Frau zu schützen. Suzuki sagt, sie habe noch nie von einem fremden Ehemann gehört, der zurückgekehrt ist. Butterfly gebietet ihr zu schweigen; er habe versprochen wiederzukommen, wenn die Rosen blühen und die Rotkehlchen ihr Nest bauen. Suzuki bleibt skeptisch, ihre Herrin jedoch ist überzeugt. Suzuki bricht in Tränen aus, Butterfly fragt sie nach dem Grund.

™ Butterfly sagt ihr, eines schönen Tages würden sie Rauch am Horizont sehen, und sein weißes Schiff werde sich dem Hafen nähern. Sie werde auf ihn warten, und sie werde eine kleine weiße Gestalt sehen, die von der Stadt aus den Hügel hinaufsteigt und immer größer wird - Pinkerton. Eine Weile werde sie ihn necken, sich verbergen, ehe sie sich ihm zu erkennen gibt, und dann werde alles wie früher sein.

 

CD 2

1 Goro und Sharpless kommen in den Garten. Goro betrachtet das Haus und sagt Sharpless dann, er solle hineingehen; er selbst verschwindet im Garten. Der Konsul klopft leise und ruft ihren Namen, Madame Butterfly. Sie korrigiert ihn: Madame Pinkerton. Sie wendet sich um, erkennt Sharpless und heißt ihn willkommen in einem amerikanischen Haus. Suzuki macht einen Tisch mit Rauchzeug fertig. Der Konsul setzt sich unbeholfen auf ein Kissen, Butterfly betrachtet ihn amüsiert. Höflich fragt sie ihn nach seinen Ahnen und gibt Suzuki ein Zeichen, ihm eine Pfeife zurechtzumachen. Er will zum eigentlichen Zweck seines Besuchs kommen und holt einen Brief aus seiner Tasche, Butterfly jedoch zündet die Pfeife an und reicht sie ihm. Er lehnt ab, sie bietet ihm amerikanische Zigaretten an; etwas unwillig nimmt er eine, sie reicht ihm Feuer. Plötzlich legt er die Zigarette weg, um endlich zum Punkt kommen zu können - er habe einen Brief von Pinkerton. Sie unterbricht ihn mit Freudenrufen und fragt, ob es Pinkerton gut gehe. Während Suzuki Tee zubereitet, fragt Butterfly Sharpless, ob er wisse, wann in Amerika die Rotkehlchen nisten. Der Konsul ist verblüfft über diese Frage.

2 Sie erklärt, das sei die Zeit, wenn Pinkerton zurückkehren wolle, so habe er gesagt. Goro hat sich inzwischen heimlich genähert und lauscht Butterflys Worten. Er bricht in Gelächter aus über dieses unglaubliche Vertrauen Butterflys in ihren Ehemann. Damit verrät er sich, Butterfly erblickt ihn und verbittet sich, dass er das Gespräch mit anhört. Sharpless erklärt verlegen, er kenne sich nicht mit den Nistgewohnheiten der Rotkehlchen aus, werde ihr also die Bedeutung dieses Versprechens nicht erklären können. Butterfly erzählt ihm nun, dass Goro sie seit langem mit Heiratsanträgen von verschiedenen Freiern belästige, vor allem mit demjenigen eines Gecken. Hier tritt Goro dazwischen und erklärt dem Konsul, der besagte Freier sei der reiche Yamadori - Butterfly sei von ihrer Familie verstoßen worden, und sie sei arm. In diesem Augenblick sieht man Yamadori kommen. Er ist nach europäischer Mode gekleidet und wird von zwei Dienern begleitet, die Blumen tragen. Er reicht dem Konsul die Hände und verneigt sich vor Butterfly. Untertänig bringt ihm Goro einen Stuhl, den er zwischen Sharpless und Butterfly stellt. Sie spottet über ihren Freier, dessen zahlreiche Scheidungen ihn immer noch frei sein lassen; er aber versichert, ihr werde er ewig treu sein. Sharpless scheut sich nun, den Inhalt des Briefes zu offenbaren, was er eigentlich die ganze Zeit vorhatte. Goro verstärkt die Werbung für Yamadori, Butterfly jedoch erklärt, sie sei nach amerikanischem Recht verheiratet, nicht nach japanischem, worüber Sharpless sichtlich in Bestürzung gerät. Sie erklärt weiter, das amerikanische Recht sei anders, dort würde der Richter den Ehemann bestrafen, wenn er seine Frau verlassen will. Um das Thema abzubrechen, befiehlt sie Suzuki, Tee zu machen. Die Männer können nichts tun: Sharpless macht sich Sorgen über die Leichtgläubigkeit Butterflys, Goro sagt, Pinkertons Schiff sei bereits im Hafen gemeldet. Der Konsul erklärt ihnen, er selbst sei gekommen, um Butterfly die Augen zu öffnen. Sie brechen das Gespräch ab, als Butterfly mit Teetassen hereinkommt. Nachdem sie Sharpless Tee eingegossen hat, öffnet sie ihren Fächer und deutet spöttisch auf die beiden anderen Männer, die sich nun zum Gehen wenden. Yamadori hofft noch immer auf ihr Jawort, er verabschiedet sich von Sharpless und geht, gefolgt von seinen Dienern.

3 Sharpless setzt sich wieder und bittet Butterfly höflich, sich ebenfalls zu setzen, dann zieht er Pinkertons Brief aus seiner Tasche. Sie ergreift den Brief, küsst ihn und drückt ihn an ihr Herz: Pinkerton sei der beste Mann auf der Welt. Sie gibt den Brief zurück und hört zu, wie der Konsul vorliest. Pinkerton bittet Sharpless in dem Brief, diese wunderschöne Blume von Mädchen aufzusuchen - hat er das wirklich geschrieben, fragt Butterfly dazwischen. Der Konsul liest weiter, es seien nun drei Jahre vergangen - Butterfly unterbricht wieder, erfreut, dass das Pinkerton noch so genau weiß - und Butterfly würde sich sicherlich nicht mehr an ihn erinnern. Hier unterbricht Butterfly nochmals, verwundert, und ruft Suzuki zum Zeugen für ihre Treue an. Es heißt weiter im Brief, wenn sie ihn aber noch immer liebt und auf ihn wartet - süße Worte, ruft sie aus - dann solle Sharpless Butterfly behutsam auf den Schlag vorbereiten. Butterfly versteht den Sinn der Worte nicht; sie versteht nur, Pinkerton kommt zurück, und sie ist überglücklich. Sharpless murmelt einen Fluch auf Pinkerton und steckt den Brief wieder ein, dann fragt er Butterfly, was sie tun würde, wenn Pinkerton nicht wiederkommt.

4 Sie hält betroffen inne und antwortet dann mit kindlicher Unschuld, dass sie nur zwei Dinge tun könne, entweder zu ihrem früheren Leben zurückkehren und für die Leute singen, oder - besser - sterben. Sharpless, tief bewegt, geht auf sie zu, nimmt ihre Hände und bittet sie in väterlichem Ton, Yamadori zu nehmen. Sie zieht ihre Hände zurück - wie könne er ihr nur einen solchen Rat geben? Sharpless ist in Verlegenheit, Butterfly klatscht in die Hände und befiehlt Suzuki, den Konsul hinaus zu geleiten. Sie bereut aber sofort ihre überstürzte Reaktion, sie schickt Suzuki weg, Sharpless bittet um Verzeihung, dass er so grausam gewesen ist. Butterfly sagt ihm, er habe ihr unsägliche Schmerzen bereitet. Sie wankt einen Augenblick, fasst sich aber gleich wieder - sie glaubte sich dem Tod nahe, aber er sei vorübergezogen, wie eine Wolke über dem Meer. Sie fragt Sharpless, ob er ihr verziehen habe.

5 Plötzlich einen Entschluss fassend, eilt sie in das linke Zimmer und kehrt triumphierend zurück - mit ihrem Kind; davor könne Pinkerton nicht die Augen verschließen. Sie setzt den Jungen auf den Boden und fragt Sharpless, ob er jemals ein japanisches Kind mit blauen Augen, solchen Lippen und goldenen Haaren gesehen habe. Pinkerton, fügt sie hinzu, wisse nichts von dem Kind, es sei erst nach seiner Abreise geboren - der Konsul solle ihm schreiben, dass sein Sohn auf ihn warte und dass er nach Hause eilen müsse. Sie kniet sich zu ihrem Kind hin und küsst es zärtlich: Pinkerton werde gewiss keinen Augenblick zögern.

6 Butterfly nimmt ihren Jungen wieder auf den Arm: Sollte ihn seine Mutter nun bei Regen und Sturm durch die Stadt tragen müssen, um Brot und Kleidung bettelnd, um Barmherzigkeit flehend? Wenn der Kaiser mit seiner Armee vorbei kommen und ihren Sohn sehen würde, würde er ihn sicher zum schönsten Prinzen im ganzen Königreich machen.

7 Sharpless muss nun aufbrechen, da es bereits dunkel wird. Butterfly steht auf und reicht ihm die Hand, dann legt sie das Händchen ihres Kindes in die seinige. Entzückt fragt er, wie es denn heiße. Sie antwortet ihm, heute heiße es Dolore (Kummer), und sie bittet ihn, Pinkerton zu schreiben, dass es am Tage seiner Rückkehr Gioia (Freude) heißen werde. Sharpless verspricht es und eilt hinweg.

8 Draußen hört man Suzuki wüste Beschimpfungen ausstoßen, sie kommt ins Zimmer herein und zerrt Goro hinter sich her, der sich vergebens versucht loszureißen. Sie berichtet Butterfly, dieser Schurke würde das Gerücht ausstreuen, man kennt den Vater des Kindes nicht. Goro verteidigt sich, er habe nur gesagt, dass ein solches Kind in Amerika sein Leben lang ein Ausgestoßener sein würde. Mit einem Schrei nimmt Butterfly ein Messer vom Reliquienschrein und droht ihm mit dem Tod, wenn er eine solche Lüge noch einmal wiederholen würde. Goro stürzt aufschreiend zu Boden, Butterfly stößt ihn mit dem Fuß weg; er ergreift die Flucht. Regungslos verharrt sie einen Moment, dann bringt sie das Messer zurück an seinen Platz. Sie denkt nun an ihr Kind, das ihr Kummer und Trost zugleich ist - sein Vater und Beschützer wird kommen und sie beide mitnehmen, in ein fernes Land. In diesem Augenblick hört man einen Kanonenschuss.

9 Suzuki sieht ein Kriegsschiff im Hafen; Butterfly, die ihr auf die Terrasse gefolgt ist, erkennt, dass das Schiff weiß ist und die amerikanische Flagge führt. Sie holt ein Fernglas vom Tisch und eilt zurück auf die Terrasse, vor Erregung zitternd. Sie versucht den Namen des Schiffes zu entziffern - Abraham Lincoln. Jubelnd gibt sie Suzuki das Fernglas und geht ins Zimmer zurück - ihr Vertrauen in Pinkerton hat sich als gerechtfertigt erwiesen, nun da ihre Liebe zu ihr zurück gekommen ist. Sie nimmt ihren Sohn auf den Arm und gibt ihm eine Spielzeugfahne, die amerikanische. Sie sagt Suzuki, sie solle Kirschblüten sammeln. Wie lange werden sie noch warten müssen? Eine Stunde? Länger, denkt Suzuki. Vielleicht zwei Stunden? Das ganze Haus solle voller Blumen sein, wie die Nacht voller leuchtender Sterne, befiehlt Butterfly und schickt Suzuki hinaus in den Garten.

10 Ob sie denn alle Blumen pflücken solle, fragt Suzuki; ihre Herrin will sie alle - Pfirsich, Veilchen, Jasmin. Der Garten werde wie im Winter aussehen, klagt Suzuki; im Haus aber, entgegnet Butterfly, werde es Frühling sein. Nun sei die lange, traurige Zeit des Wartens und Ausschau Haltens vorbei. Suzuki hat nun alle Blumen gepflückt, die sie im Garten finden konnte, gemeinsam schmücken sie das Haus mit Kränzen aus Lilien und Rosen und mit ausgestreuten Blütenblättern. Butterfly setzt ihr Kind zum Spielen nieder und bittet Suzuki, ihr bei der Toilette zu helfen.

11 Sie betrachtet sich im Spiegel, sieht, dass ihre Schönheit vergeht. Sie trägt Rouge auf ihre Wangen auf, auch auf die ihres Kindes, während sich Suzuki um die Frisur kümmert. Bonzes Fluch ist nun nichtig geworden, Yamadori kann sie jetzt ebenfalls loswerden. Butterfly bittet Suzuki, ihr das Hochzeitskleid zu bringen. Sie holt ihr Kind zu sich und singt ihm etwas vor. Suzuki kehrt mit dem Obi (Gürtel) und mit dem Kleid zurück, Butterfly zieht es an: Pinkerton wird sich freuen, sie so zu sehen, wie sie am ersten Tag vor ihm stand. Sie bittet Suzuki, ihr roten Mohn ins Haar zu stecken.

12 Nachdem Suzuki auf ihr Geheiß hin die Türwand heruntergelassen hat, macht Butterfly drei Löcher hinein, damit sie wie kleine Mäuse hindurch schauen können, ohne dass man sie bemerkt. Es wird immer dunkler, Suzuki schließt die Türwand. Die drei bleiben dahinter; Butterfly setzt ihr Kind auf ein Kissen, gibt ihm seine Spielzeugfahne in die Hand und lässt es durch das untere Loch schauen, während sie sich selbst hinter das oberste stellt.

13 Es ist Nacht; sie warten geduldig auf Pinkertons Ankunft, begleitet von dem fernen Gemurmel unsichtbarer Stimmen. Suzuki holt Laternen, da der Raum völlig dunkel geworden ist, zündet sie an und begibt sich wieder auf ihre Position. Der Kleine schläft ein, ebenso Suzuki; Butterfly aber hält weiterhin Ausschau.

14 Früh am Morgen sind die Lampen nach und nach verloschen. Vom Hafen her hört man die Stimmen der Matrosen.

15 Der Morgen graut, im Garten erwachen die Vögel. Butterfly verlässt ihren Posten, weckt Suzuki und trägt ihr schlafendes Kind in ein anderes Zimmer.

16 Aus dem angrenzenden Zimmer hört man Butterfly, sie wiegt ihr Kind in den Armen. Suzuki bedauert ihre Herrin und kniet vor einer Buddha-Statue nieder, dann steht sie auf, um die Türwand zu öffnen.

17 Man hört ein leises Klopfen, Suzuki fragt, wer da sei. Pinkerton bedeutet ihr, still zu sein, während er und Sharpless auf Zehenspitzen hereinkommen. Suzuki flüstert ihnen zu, dass Butterfly die ganze Nacht gewartet hätte und nun erschöpft sei. Auf Pinkertons Frage antwortet sie, sie hätten gewusst, dass er kommt, da ihre Herrin seit drei Jahren jedes Schiff, das in den Hafen einläuft, auf Anzeichen für seine Rückkehr untersucht hätte; und gestern hätten sie das ganze Haus mit Blumen geschmückt. Tief bewegt erinnert Sharpless Pinkerton daran, was er ihm immer über Butterflys Liebe und Treue gesagt hat. Suzuki bemerkt im Garteneine fremde Frau und fragt, in wachsender Erregung, wer sie sei. Pinkerton erklärt verlegen, sie sei mit ihm gekommen; Sharpless aber will es nicht länger verheimlichen - die Frau ist Pinkertons Gattin. Entsetzt hebt Suzuki die Arme zum Himmel, dann wirft sie sich zu Boden und ruft die Seelen ihrer Ahnen an - nun sei Butterflys Sonne auf ewig versunken. Sharpless versucht Suzuki zu erklären, sie hätten sie zu dieser frühen Stunde aufgesucht, um ihren Beistand zu erbitten bei all dem, was Butterfly nun erwartet.

18 Sharpless kann wenig Trost bieten, wenigstens aber könne er versichern, dass sich Pinkertons Frau dem Kinde mit aller Liebe annehmen und für dessen Zukunft sorgen werde. Er sagt Suzuki, sie solle in den Garten gehen und Pinkertons amerikanische Frau hereinbringen - besser, Butterfly erfährt die Wahrheit. Pinkerton geht erregt im Zimmer auf und ab, er sieht die Blumen, atmet ihren bitteren Duft und erinnert sich an die Vergangenheit. Suzuki zeigt sich entsetzt darüber, was der Konsul von ihr verlangt, unterdessen hat Pinkerton sein Porträt im Zimmer entdeckt. Reue quält ihn, er bringt es nicht über sich, Butterfly in die Augen zu sehen - er sagt zu Sharpless, er werde draußen auf ihn warten.

19 Sharpless erinnert ihn nochmals an seine früheren Warnungen, die sich nun bewahrheitet hätten. Pinkerton gibt dem Konsul Geld, er solle es Butterfly überreichen und mit ihr über das Kind verhandeln. Er eilt hinaus, Suzuki kommt mit Kate herein. Kate bittet Suzuki, Butterfly davon zu überzeugen, dass sie wie eine Mutter zu deren Kind sein werde. Suzuki sagt ihr, das müsse sie allein mit Butterfly besprechen, sie selbst würde zu sehr weinen müssen.

20 Man hört Butterflys Stimme, sie ruft Suzuki, und erscheint an der Tür. Suzuki versichert, sie sei immer noch am Beten, und versucht Butterfly zurückzuhalten, allerdings ohne Erfolg. Butterfly jubelt - Pinkerton ist da, aber wo versteckt er sich? Sie bemerkt Sharpless, kann aber Pinkerton nirgendwo entdecken. Sie erblickt Kate, fragt, wer diese Frau sei, und wendet sich dann zu Suzuki, sie solle nicht weinen, sondern ihr sagen, ob Pinkerton lebt.

21 Ärgerlich über ihr Schweigen, verlangt Butterfly von Suzuki eine Erklärung; die blonde Frau mache ihr Angst. Kate bedauert, die unschuldige Ursache für das Leid Butterflys zu sein, und versucht sich ihr zu nähern, Butterfly aber bedeutet ihr, wegzubleiben und sie nicht anzurühren. Butterfly fragt Kate, wie lange sie schon verheiratet seien, sie antwortet, seit einem Jahr. Kate sagt ihr, sie wolle sich um ihr Kind kümmern, und bittet sie um Verzeihung. Butterfly wünscht ihr Glück, nimmt aber nicht ihre Hand. Kate fragt Sharpless, ob Butterfly nun zugestimmt hätte, auf ihr Kind zu verzichten. Butterfly hört dies und erklärt, sie wolle ihr Einverständnis geben, wenn Pinkerton selbst sein Kind holen kommt, in einer halben Stunde. Suzuki begleitet Kate hinaus und geht anschließend in ein anderes Zimmer.

22 Sharpless, tief bewegt, bietet Butterfly das Geld an, das ihm Pinkerton für sie gegeben hat. Sie lehnt ab, sie brauche es nicht. Er versucht sie zu überreden, sie aber bleibt bei ihrer Weigerung. Er wendet sich zum Gehen, sie sagt ihm, er solle in einer halben Stunde wiederkommmen; mit Mühe hält sie sich aufrecht.

23 Suzuki eilt ihr zu Hilfe und legt ihre Hand an Butterflys Herz; es schlage wie die Flügel einer gefangenen Fliege. Butterfly wird gewahr, dass es voller Tag ist; viel zu hell, zu viel Frühling, wie sie sagt; sie bittet Suzuki, die Türwand zu schließen, sodass das Zimmer im Halbdunkel liegt. Sie fragt, wo ihr Sohn sei; Suzuki sagt ihr, dass er spielt. Butterfly möchte, dass ihm Suzuki beim Spielen Gesellschaft leistet, Suzuki fürchtet sich jedoch, ihre Herrin allein zu lassen. Butterfly erinnert sie, Ruhe sei gut für die Schönheit, wie sie bereits gestern gesagt habe; sie wolle nun ruhen, Suzuki solle zu dem Jungen gehen. Suzuki weigert sich dennoch, erst ein Befehl kann sie zum Gehen bewegen. Butterfly entzündet ein Licht vor dem Reliquienschrein, verneigt sich und verharrt regungslos in traurigen Gedanken. Dann steht sie auf und nimmt das Messer heraus, das im Schrein in einem rot lackierten Futteral aufbewahrt wird.

24 Sie küsst die Klinge, indem sie das Messer an Griff und Spitze hält; mit leiser Stimme liest sie die Worte, die auf der Klinge eingraviert sind: „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren". Sie setzt das Messer an ihre Kehle, lässt es aber fallen, als Suzuki an der Tür erscheint und das Kind ins Zimmer schiebt. Butterfly umarmt und küsst ihren Sohn, sie sagt ihm Lebewohl; nun könne er in das andere Land ziehen und müsse sich wegen seiner Mutter keine Sorgen mehr machen. Sie nimmt das Kind, wendet seinen Kopf von ihr ab, gibt ihm eine amerikanische Fahne in die Hand und sagt ihm, er solle damit spielen, während sie ihm vorsichtig die Augen verbindet. Dann hebt sie das Messer auf und geht hinter die Wand. Man hört das Messer zu Boden fallen; Butterfly schleppt sich zu ihrem Kind und umarmt es noch einmal, bevor sie zusammenbricht. In diesem Augenblick hört man Pinkertons Stimme, wie er den Hügel zum Haus hinaufsteigt. Die Tür wird aufgestoßen, Pinkerton stürzt herein. Mit letzter Kraft kann Butterfly noch eine Geste hin zu ihrem Kind machen, bevor sie stirbt.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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