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8.660087-88 - ROSSINI: Equivoco stravagante (L')
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Gioachino Rossini (1792-1868)

L’equivoco stravagante

Es ist nicht eindeutig dokumentiert, in welchem Jahr die Rossini-Familie sich in Bologna niederließ. Gesichert ist jedoch, dass der dreizehnjährige Gioachino bereits im Frühjahr 1805 ein Cello-, Klavier- und Kontrapunktstudium am neugegründeten Liceo Filarmonico begann. Im Herbst fand sein Bühnendebüt als Sänger statt, und zwar als Knabensopran in einer Oper von Paër; im folgenden Jahr wurde er Mitglied der Accademia Filarmonica und begann eine rege Tätigkeit als Cembalist an verschiedenen Instituten der Stadt. 1810 fand in Venedig mit der einaktigen „farsa" La cambiale di matrimonio sein Debüt als Opernkomponist statt, dessen Erfolg ihm auch die letzten Türen in Bologna öffnete; man übertrug ihm die Leitung der folgenden Spielzeit am Teatro del Corso, wo er zwei Opern von anderen Komponisten sowie eine neue von eigener Hand aufführte. Am 26. Oktober 1811 fand die Uraufführung von L’equivoco stravagante statt, der ersten von sieben großen Buffa-Opern, den Höhepunkten seiner zwei Jahrzehnte überspannenden Opernkarriere.

Trotz der günstigen Aufnahme des Stücks beim Publikum wurde die Oper das Opfer der Zensur, die den Stoff zu anrüchig fand. Der Librettist Gaetano Gasbarri hatte zu viele zweideutige Situationen in den Handlungsablauf eingefügt, während zahlreiche Wortspiele zu offensichtlich waren. Der Zensurbeamte ließ eine Reihe von Kürzungen und Änderungen vornehmen, ohne jedoch gewisse Anspielungen zu berücksichtigen, die man beim Lesen leicht übersehen konnte, welche aber erst durch Rossinis Musik deutlich wurden, die sie eher unterstrich als verdeckte. So geschah es, dass die Oper nach drei Vorstellungen verboten wurde, und es gibt keine Hinweise auf weitere Aufführungen während des gesamten 19. Jahrhunderts (bei der 1825 in Triest aufgeführten Oper mit demselben Titel handelte es sich in Wahrheit um ein aus anderen Rossini-Stücken zusammengestelltes Werk mit anderer Handlung, ein sog. Pasticcio. Rossini begann später damit, seine eigene Partitur zu zerpflücken und verschiedene Ideen und selbst ganze Stücke in seine späteren Opern zu überenehmen, von La pietra del paragone und Tancredi zu La scala di seta und Elisabetta, regina d’Inghilterra.

Dabei war das Libretto keinesfalls so schlecht, wie man es mehr als ein Jahrhundert zuvor beurteilt hatte. Zugestandenermaßen war es in moralischer Hinsicht freizügig, dafür aber von hohem sprachlichem Niveau — das Werk eines gebildeten und belesenen Autors, der sich auf eine Art von Wortspielerei verstand, die den Text wesentlich moderner erscheinen lässt, als es das Entstehungsdatum vermuten ließe. Es handelt sich um eine Metastasio-Parodie, wobei stellenweise ganze Zeilen ironisch zitiert werden. ‚Dal dono impara il donator qual sia’ (am Geschenk erkennt man den Charakter des Gebers) im Rezitativ nach dem Duett von Ernestina und Buralicchio stammt direkt aus Metastasios Didone; und Rossini akzentuiert es, wie es seine Art ist, mit einer charakteristischen Figuration im Basso continuo während der ganzen Oper. Hier macht er sich lustig über seine Neureichen, die von der Landarbeit zur Philosophie „aufgestiegen" sind aus sich Meister eines gelehrten, aber falsch verstandenen Vokabulars gemacht haben — mit unausbleiblichen Übertreibungen wie etwa ‚enti’ (Wesen) oder ‚mortali’ (Sterbliche), statt einfach ‚persone’, aus den arkadischen ‚pupille tenere’ (zärtliche Augen) werden ‚pupille elastiche’, usw. Sie reduzieren die Anstandsregeln auf ihr eigenes Niveau, und zwar mit amüsanten Resultaten (so wird aus einem Kompliment etwa ‚Der Acker hat keine Rüben / der Garten hat keine Kürbisse / so groß wie der Respekt, mit dem ich Euch meinen respektvollen Respekt bezeuge.’

Sprachliche Feinheiten werden zwecks komischer Effekte eingesetzt, nicht zuletzt als kritischer Hinweis auf ein brennendes Gesellschaftsproblem der Zeit, jedoch abgemildert durch das Element der Komik, um das die gesamte Handlung kreist: die bizarre Täuschung des Titels. Die Ankunft der napoleonischen Truppen in Italien hatte zu einer Reihe von neuen Gesetzen geführt, unter anderem zu dem Verbot der Knabenkastration — einer Praxis, die über ein Jahrhundert lang im Interesse von Sängerkarrieren geduldet worden war. Als Künstler in Misskredit geraten und mittlerweile zum Spott der Öffentlichkeit geworden, gerieten diese jungen bzw. nicht mehr so jungen Männer, die trotz der Verstümmelung keine Beschäftigung in der Musik gefunden hatten, an den Rand der Gesellschaft und fristeten ihr Leben nicht selten in Frauenkleidern. Die Protagonisten unserer Oper spielen das im Scherz, wenngleich der offensichtliche Witz zahlreiche wirkliche Personen verletzt haben muss. Bedenkt man, dass die komische Wendung der Handlung die weibliche Hauptperson (gesungen von einem Eunuchen oder ‚Musiker’, wie man euphemistisch zu sagen pflegte) dazu bringt, in Männerkleidern aufzutreten, so bedeutet dies eine auf die Spitze getriebene sexuelle Ambiguität des Texts.

Rossinis Musik, der kaum neunzehn Jahre alt war, besitzt bereits die volle Reife, besonders in den Ensembles, so dass diese Oper keineswegs minderwertiger ist als vergleichbare spätere Werke aus seiner Feder: die Fähigkeit, die Handlung in der Musik voranzutreiben, ohne dass die Musik sie verlangsamt, bzw. die Kunst, den Fluss der Musik nicht durch die Bühnenaktion und die geforderte Textverständlichkeit aufzuhalten, sind bereits ein deutliches Kennzeichen von Rossinis Stil, der so komplex sein kann wie im Quartett (Nr. 6, CD 1 [12], im Quintett (Nr. 15, CD 2 [8] oder im Finale I und II (Nr. 10, CD 1 [20] & [21], und Nr. 19, CD 2 [15]. In Ensemblepassagen wie ‚Mi brilla l’anima — Per il contento’ aus dem Finale I zeigt sich bereits die uhrwerkhafte Präzision der rhythmischen und melodischen Erfindung späterer Arbeiten.

Die gesamte Oper ist auf die Sängerin Marietta Marcolini zugeschnitten, die während des ersten Teils von Rossinis Karriere zu einer unentbehrlichen Stütze wurde. Sie sang führende Rollen in La pietra del paragone, Ciro in Babilonia, L’italiana in Algeri und Sigismondo, bevor sie — auf der Bühne wie in Rossinis Herz — ihre Nachfolgerin in Isabella Colbran fand, der späteren Frau des Komponisten. Die typischen Opera buffa-Rollen der Zeit fallen in das Fach der Alt-Primadonna und des jugendlichen Tenors, der die Hand des Mädchens begehrt, kontrastierend mit den Plänen der beiden Buffo-Bässe (hier der Vater und der versprochene Gatte). Ein Happy-End ist vorprogrammiert.

Marco Beghelli

Gioachino Rossini (1792-1868)

L’equivoco stravagante

Trotz der Tatsache, dass die Oper mehr oder weniger eine Totgeburt war, finden sich zeitgenössische Partiturhandschriften heute in mehreren Bibliotheken Europas und Amerikas, während Rossinis Autograph-Niederschrift als verschollen gilt. Aus den erhaltenen Quellen gehen zwei Fassungen hervor, die in ihrer Substanz durchaus unterschiedlich sind: bei der vollständigeren, die die Verse und Abschnitte enthält, die der Zensor entweder streichen oder bearbeiten ließ, handelt es sich wahrscheinlich um die Originalfassung. In der anderen Fassung sind die entsprechenden Verse durch neue ersetzt; weiterhin enthält sie typische, der Kürze dienende Striche sowie im Vergleich zur anderen Fassung vereinfachte Instrumentalpassagen. Diese Fassung wurde vermutlich in Bologna bei den drei einzigen Aufführungen gespielt.

Für die Wiederaufführung der Oper beim Rossini-Festival in Wildbad im Juli 2000 ließ die Deutsche Rossini-Gesellschaft eine neue Ausgabe vorbereiten. Sie folgt einem früheren Rekonstruktionsversuch aus dem Jahre 1965, der jedoch eine Reihe von unbeholfenen Revisionen enthielt, die heute als unakzabel gelten müssen. Bei der neuen Ausgabe handelt es sich um eine Rekonstruktion der eigentlichen Aufführungsfassung, einschließlich der in letzter Minute vorgenommenen Striche und Änderungen. Eine Ausnahme bildet die Hereinnahme eines kurzen Abschnitts im Finale I (die ‚Fußszene’), die Rossini offensichtlich nicht aus künstlerischen Erwägungen, sondern auf Druck der Zensur wegen des guten Geschmacks strich. Man täte Rossini keinen Gefallen, wollte man heute auf die ausgesprochene Komik einer solchen Passage verzichten, die Rossini selbst akzeptierte und vertonte.

Marco Beghelli und Stefano Piana

 

Die Handlung

CD 1

Die Geschichte spielt, ohne Orts- und Zeitangabe, auf dem Hof des neureichen Bauern Gamberotto. Ernestina, seine Tochter, hat sich den neuen Familienverhältnissen angepasst und verbringt ihre Zeit damit, in die Rollen ehrwürdiger literarischer Größen zu schlüpfen, deren Sprache und Haltung sie auf törichte Weise imitiert. Noch weiß sie nicht, dass Ermanno sie liebt, ein mittelloser junger Mann, der sich ständig in der Nähe ihres Hauses aufhält, in der Hoffnung, sie mit der Hilfe von Frontino und Rosalia, Gamberottos gewitzten Bedienten, zu treffen (Nr. 1 Introduktion zum 1. Akt) [2]. Die Verabredung wird durch eine Gruppe lärmender Bauern unterbrochen, denen der Herr des Hauses folgt, der wieder einmal seine Überheblichkeit zur Schau stellt. Frontino ergreift die Gelegenheit, Ermanno als Ernestinas neuen Hauslehrer vorzustellen. Gamberotto begrüßt ihn freundlich [3] nicht so sehr wegen seines Wissens, sondern wegen seiner angenehmen Erscheinung, die seiner Tochter gefallen werde.

Der erste Schritt, die beiden jungen Leute zusammenzubringen, ist also getan. Jetzt gilt es, Buralicchio aus dem Wege zu räumen, Ernestinas ebenso reichen wie eingebildeten Zukünftigen. Dieser stellt sich als unwiderstehlicher Don Juan vor (Nr. 2 Kavatine) [4], strotzend vor Selbstbewusstsein [5]. Er macht dem zukünftigen Schwiegervater seine Aufwartung [6], wobei sich beide an gespreizten Komplimenten und geschwollener Affektiertheit nicht nachstehen. [7].

Ernestina, die sich in der Bibliothek langweilt, gesteht ihren literarischen Freunden, dass sie eine unbegreifliche Leere in sich spürt (Nr. 4 Kavatine) [8]: vielleicht fehle es ihr an Liebe [9]; sie machen sich daran, in ihren Büchern ein Mittel gegen ihre Hypochondrie zu finden (Nr. 5 Chor) [10]. Das unerwartete Erscheinen von Ermanno und Buralicchio [11], die gleichzeitig von Gamberotto hereingeführt werden (Nr. 6 Quartett) [12], versetzt Ernestina sofort in eine bessere Stimmung. Sie fühlt sich zu beiden Männern hingezogen: Ihr Körper werde ihrem Verlobten gehören, ihre Seele aber dem Hauslehrer. Ermanno ist überwältigt durch die plötzlichen Nähe zu seiner Angebeteten und küsst ihr stürmisch die Hand, was ihren Zukünftigen in Wut versetzt. Nur mit Mühe kann Gamberotto ihn zurückhalten (Nr. 7 Arie) [14].

In der folgenden Szene unterhalten sich Frontino und Rosalia über Ermannos Erfolgsaussichten [15] und über die Launenhaftigkeit der Liebe (Nr. 8 Arie) [16]. [17] Endlich hat es Ermanno geschafft, allein mit Ernestina zu sein (Nr. 9 Duett) [18], die, noch immer vertieft in ihre literarischen Fantasien, Mühe hat, seine wahren Gefühle zu verstehen, die sie zutiefst bewegen.

Gamberotto ist wieder Herr der Lage: er weist Buralicchio wegen seiner unbegründeten Eifersucht zurecht und wirft seiner Tochter vor, sie habe ihren Zukünftigen nicht gebührend beachtet [19]. Das offizielle Werben beginnt nun in seiner Anwesenheit, zunächst mit der Bestrafung des Fußes, danach langsam weiter aufwärts steigend. Zutiefst getroffen, will Ermanno sich das Leben nehmen, worauf Ernestina mit größter Besorgnis reagiert. Die Wut Gamberottos und Buralicchios, die Ermanno aus dem Haus jagen, überzeugt alle davon, dass es das Beste sei, angesichts einer derartigen Unruhe die Hüter von Gesetz und Ordnung zu rufen [21].

CD 2

Beim Öffnen des Vorhangs sinnt Frontino darüber nach, was aus dem Landvolk der Gegend geworden sei (Nr. 11 Introduktion zum 2. Akt) [1] und entdeckt Rosalia, dass er einen neuen Plan entworfen habe, der Ermanno ans Ziel bringen werde (Nr. 12 Arie) [2]. Mittels eines gefälschten Briefes, den er Buralicchio zuzuspielen gedenkt, werde er Buralicchio vortäuschen, dass Ernestina in Wahrheit Ernesto sei, der Sohn, den Gamberotto als Jüngling kastrieren ließ, um sich an seinem Erfolg als Sänger zu bereichern, den er nun aber, nachdem er auf andere Weise zu Reichtum gelangt sei, in Frauenkleider gesteckt habe, damit er nicht zum Dienst an der Waffe eingezogen werde [3]. Der Plan gelingt: Entrüstet trifft Buralicchio seine Verlobte, die nun bereit zur Ehe ist, und ist entsetzt über die männlichen Züge, die er plötzlich an ihr zu entdecken scheint (Nr. 13 Duett) [4]. Entschlossen, sich für die Täuschung zu rächen, geht er zum Armeekommandanten, um den vermeintlichen Dienstverweigerer anzuzeigen [5].

Inzwischen beklagt sich Ermanno bei Gamberotto über die Unhöflichkeit, mit der man ihn aus dem Haus gejagt hat. Gamberotto versichert ihm, dass seiner Rückkehr als Hauslehrer nichts im Wege stehe, sobald die Verlobung beschlossen sei. Ermanno bleibt verzweifelt zurück (Nr. 14 Szene und Arie) [6]. Ernestina sieht ihn fortgehen und befiehlt Rosalia, ihn zurückzuholen 7. Das Gespräch beginnt in düsterer Stimmung, wird aber immer vertraulicher, bis Gamberotto und Buralicchio hinzutreten. Gamberotto ist außer sich ob der Anschuldigungen gegen seine Tochter, während Buralicchio aus Angst vor drohender Rache geneigt ist, auf seine Bewerbung zu verzichten (Nr. 15 Quintett) [8]. Unmittelbar darauf treffen die Soldaten ein und nehmen Ernestina fest, ohne den Grund zu nennen. Nachdem sie gegangen sind, müssen Frontino und Rosalia erkennen, dass ihr schlau eingefädelter Plan Ermanno und Ernestina nur geschadet hat [9]. Gamberotto beschimpft Buralicchio wegen der Gleichgültigkeit, mit der er die schändliche Behandlung seiner zukünftigen Frau hingenommen habe (Nr. 16 Arie) [10].

Im Gefängnis vermisst Ernestina ihre Bücher, und noch immer weiss sie nicht, warum sie eingesperrt wurde [11]. Da kommt Ermanno mit einer Soldatenuniform, um ihr in Verkleidung zur Flucht zu verhelfen (Nr. 17 Kavatine) [12]. Kurz darauf ist sie in Freiheit, versteckt unter einer Schar von Soldaten, die sie mit ihrer zurückgekehrten Lebensfreude zu ruhmreichen Taten anspornt (Nr. 18 Szene und Rondo) [13].

Der Epilog spielt in Gamberottos Haus (Nr. 19 Finale II), wo Frontino Buralicchio als Denunziant bezichtigt und ihm rät, sich so rasch wie möglich davon zu machen, um Gamberottos Zorn zu entgehen, der bereits nach ihm sucht [14]. Ernestina kehrt gemeinsam mit ihrem Retter zurück, und Buralicchio ergreift die Gelegenheit, Ermanno wegen seiner Unkenntnis der Tatsachen zu verspotten. Die Ankunft des Hausherrn, der von mit Stöcken bewaffneten Bauern begleitet wird, zwingt den Beschuldigten, alles zu enthüllen: obwohl er keine Schuld trage, sei er selbst das wahre Opfer und wäre auf die Geschichte mit dem kastrierten Sohn hereingefallen, wenn Frontino ihn nicht rechtzeitig gewarnt hätte [15]. Heiterkeit und Entsetzen wechseln einander ab. Frontino verteidigt sich: er habe nur in bester Absicht gehandelt. Nun gesteht auch Ermanno vor allen Anwesenden Gamberotto seine Liebe zu Ernestina. Buralicchio findet sich damit ab, dass er sich nach einem anderen Mädchen umsehen muss. Alles endet in Frohsinn und Zufriedenheit.

Marco Beghelli

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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