About this Recording
8.660093-95 - ROSSINI: Pietra del paragone (La)
English  German 

Gioachino Rossini (1792-1868)

Gioachino Rossini (1792-1868)

La pietra del paragone

 

Wohl keine zweite Oper Rossinis wurde in der Literatur so hochgelobt, aber nur vergleichsweise selten gespielt wie La pietra del paragone. Wie viele andere Mißverständnisse über den Komponisten geht auch dieses auf Stendhal zurück, der die Oper für Rossinis “Hauptwerk in der Gattung der Opera buffa” hielt. Diese Einschätzung des geistreichen Franzosen spiegelt sich in den Spielplänen der Opernhäuser indessen leider nicht wider.

            Bei La pietra del paragone handelt es sich um das erste Bühnenwerk, das Rossini für die Mailänder Scala schrieb. Damit verließ der junge Komponist erstmals den geographisch engen Raum Bologna-Ferrara-Venedig, in dem sich sein bisheriges Leben abgespielt hatte. Nach allgemeiner Ansicht verhalf die Sängerin Marietta Marcolini, die zuvor schon an zwei Uraufführungen von Opern Rossinis (L’equivoco stravagante; Ciro in Babilonia) mitgewirkt hatte, dem Komponisten zu seinem Mailänder Engagement.

            Wann Rossini genau nach Mailand kam, ist nicht überliefert. Bereits am 11. Juli 1812 hatte er die beiden ersten Nummern komponiert. Am 21. August hatte Luigi Romanelli fast das ganze Libretto abgeliefert und Rossini dem Kopisten schon einige Musikstücke ausgehändigt. Zwei Tage später wurde das Libretto von den Theaterbehörden genehmigt. In der Folge führte eine fiebrige Erkrankung Rossinis zu terminlichen Problemen. Am 10. September fehlten noch sechs Nummern ganz oder teilweise. Vier weitere Stücke waren noch nicht instrumentiert. Auf Grund dieser Tatsache und des vermuteten Konvaleszenzverlaufes wurde mit einem Uraufführungstermin in frühestens einem Monat gerechnet.

            Wir wissen nicht, ob der Krankheitsverlauf sich günstiger gestaltete oder ob Rossini sein Arbeitstempo zu steigern vermochte: Die Uraufführung konnte schon nach der Hälfte der vorgesehenen Zeit am 26. September 1812 stattfinden. Sie wurde einer der größten Triumphe des Komponisten, der an diesem Abend einen geradezu rauschenden Erfolg feiern konnte. Dieser Erfolg blieb ihm in Mailand treu, wo die Oper 53mal en suite gespielt wurde. Noch in der letzten Aufführung mußten auf Wunsch des Publikums sieben Nummern wiederholt werden.

            Hiller berichtet in seinen Plaudereien mit Rossini noch von einem weiteren Erfolg der Oper: “Ich sollte Soldat werden, und es war an kein Loskommen zu denken, weil ich Hauseigenthümer war. ... Aber der Erfolg jener Oper stimmte den befehlshabenden General in Mailand günstig für mich - er wandte sich an den ViceKönig Eugen, der gerade abwesend, und ich wurde friedlicheren Beschäftigungen erhalten”. Zudem erwarb Rossini sich mit dieser Oper das Wohlwollen des Staatsministers Luigi Vaccari, der sich im Oktober 1812 außerordentlich positiv über ihn äußerte: “Es handelt sich um einen jungen Mann von großer Bildung ..., der über viel Geschmack, viel Wissen verfügt” und der zu den schönsten Hoffnungen berechtige.

            Setzte der Barbiere nach einem beispiellosen Premierenskandal zu einem Siegeszug ohnegleichen über die Bühnen der Welt an, so gestaltete sich das Schicksal der Pietra eher spiegelbildlich dazu. Entscheidend dafür war, daß gleich der ersten Aufführung außerhalb Mailands 1813 am Teatro San Benedetto in Venedig der Erfolg versagt blieb. Der Venezianer Mißerfolg bedeutete nun allerdings nicht das Ende für diese Oper. In die erste Reihe der Rossini-Opern konnte sie sich indes nicht spielen, behauptete

allerdings durch nahezu 2 Jahrhunderte einen, wenn auch bescheidenen, Platz auf den Bühnen. In den Jahren nach 1962 bis in die Mitte der 80er Jahre erlebte die Oper - stark bearbeitet durch Günther Rennert - unter dem Titel Die Liebesprobe eine gewisse Renaissance in

Deutschland.

            Die Bearbeitung nahm der Oper indessen viel von dem Reiz des Originals und degradierte sie zu einem Operettenersatz. Erst eine originale Einspielung wie die vorliegende ermöglicht es, die Vielschichtigkeit der Oper zu erkennen. Das zeigt nicht zuletzt der Titel. Dessen wörtliche Übersetzung lautet “Probierstein”, ein Begriff, den moderne Lexika gar nicht mehr nennen. Auf dem Probierstein wurde zu Rossinis Zeiten der Gold- und Silberanteil einer Legierung festgestellt. Im übertragenen Sinne wird in der Oper der Probierstein zweimal eingesetzt, zum einen um den charakterlichen Gehalt der Freunde, nicht nur der Frauen, und zum anderen den des Grafen festzustellen. Der “Edelmetallanteil” der Legierungen fällt dabei durchaus sehr unterschiedlich aus. Um eine “Liebesprobe” im engeren Sinne handelt es sich also nicht.

            Der Handlung wird oft eine noch größere Unwahrscheinlichkeit nachgesagt als anderen Operntexten. Die Konstellation, daß die drei Frauen, die um den Grafen werben, mit je einem Verehrer versehen sind, dürfte indessen der sozialen Wirklichkeit Italiens um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entsprochen haben. Unverheiratete Frauen hatten nur ein Ziel, die Eheschließung. Nach der Hochzeit war durchaus auch an andere Verhältnisse zu denken. Eine verheiratete Frau konnte sich vieles erlauben, eine ledige gar nichts.

            Von besonderem Interesse ist aber, daß die Oper nicht nur die vordergründige Handlung aufweist, sondern als Teil einer aktuellen literarisch-musikalischen Auseinandersetzung anzusehen ist. Nicht zufällig sind alle drei Verehrer Literaten. Die beiden in unterschiedlicher Weise negativ Gezeichneten tragen zudem die Namen zweier römischer Schriftsteller: Macrobius (400 n. Chr.) und Pacuvius (220 - 130 v. Chr.). Beide sind allerdings Karikaturen ihrer Namensgeber, was auch für den dritten, Giocondo gilt, der einen Namen trägt, der so gar nicht zu ihm paßt, denn er ist alles andere als heiter.

            Anlaß des Streites dürfte die Oper Le bestie in uomini von Giuseppe Mosca sein. Moscas Oper kam unmittelbar vor La pietra del paragone am 17. August 1812 an der Mailänder Scala in derselben Besetzung wie Rossinis Oper zur Uraufführung. Ohne nähere Kenntnis des Textes der Mosca-Oper ist der Grund des Streites schwer auszumachen. Zwei Parallelen zwischen den beiden Opern seien indessen angeführt. Textlich weist Rossinis Oper - jedenfalls in der Grundkonstellation - Ähnlichkeiten mit dem Werk Moscas auf. Bemühen sich hier drei Frauen um einen Mann, so sind es bei Mosca drei Männer, die die Zauberin Alcina gewinnen wollen. Bemerkenswert ist zudem, daß zumindest einer der Protagonisten bei Mosca ebenfalls einen römischen Namen trägt: Pasquino. Der Schneider Pasquino heftete im 16. Jahrhundert Schmähschriften und Epigramme an ein Marmorbild in Rom, das seitdem Pasquino genannt wird. Eine weitere Person heißt Marforio. Ihm läßt sich eine historische Persönlichkeit nicht mit letzter Sicherheit zuordnen (zu denken ist an Mavortius, 527 n. Chr., literarisch interessierter Konsul), aber jedenfalls ist die Ähnlichkeit beider Namen Pasquino/Pacuvio und Marforio/Macrobio so frappant, daß von Zufall keine Rede sein kann, zumal sie von den gleichen Sängern gesungen wurden.

            Weitere Andeutungen kommen hinzu. In seinem Bericht über einen ausgefüllten Tag im Büro merkt Macrobio an, daß im Vorraum ein Geräusch zu vernehmen sei, come di mosche o pecchie. Das kann einfach übersetzt “wie von Fliegen oder Bienen” heißen, aber mit mosche können auch die Brüder Mosca gemeint sein. Die Doppelbödigkeit der Aussage war den Zeitgenossen deutlich. Weiterhin muß Pacuvios Nonsens-Arie Ombretta sdegnosa genannt werden, die mindestens zwei Interpretationen zuläßt, als Gespräch zwischen Fischen (Karikatur auf die Bestien Moscas?) und als solches zwischen Spielkarten. Möglich ist aber auch eine Unterhaltung zwischen dem Schatten eines Zauberers und einem Fisch. Der Schatten eines Zauberers kann dabei auch ein solcher der Zauberin Alcina aus Moscas Oper sein.

  Ob es allerdings Rossini vorrangig um die literarische Fehde ging, oder nicht doch nur um eine mit Andeutungen und Zweideutigkeiten gespickte Lustspielhandlung, ist fraglich. Ein ernstes Sonett Giocondos im 2. Akt, das von Rossini nicht in Musik gesetzt wurde, war jedenfalls nur für die ersten drei Aufführungen vorgesehen und sollte dann gestrichen werden.

            Einmalig in Rossinis Schaffen ist das Liebespaar der Altistin und dem Baß anvertraut. Der Tenor hat nur eine, wenn auch musikalisch sehr ansprechende Nebenrolle zu gestalten. Das entsprach der Mailänder Übung dieser Jahre. Eine halbwegs vergleichbare Konstellation findet sich auch noch in Rossinis Turco in Italia (Scala, 1814).

            Das Unglück, das Rossini durch seine Erkrankung widerfuhr, erweist sich für uns als einmaliger Glücksfall. Wir können zumindest partiell die Arbeitsweise des Komponisten nachvollziehen. Nahezu alle am 10. September 1812 noch fehlenden und nicht instrumentierten Nummern sind Arien (Nrn. 3, 8, 14, 16, 18, 19). Das Quintett Nr. 15 und die Ouvertüre waren noch zu instrumentieren. Nur ein Ensemblestück fehlte völlig, das Terzett des 1. Finale. Fast alles schon fertig Komponierte waren Ensemblestücke. Rossini komponierte seine Opern also von den Ensembles her, wofür es auch bei der L’Italiana in Algeri einige Anhaltspunkte gibt. Und die ständig wiederholte “Anleitung” Rossinis zum Ouvertürenkomponieren erweist sich als unrichtig. Die Sinfonia wurde keinesfalls als letztes Stück geschrieben, sondern wartete nur noch auf die Instrumentation.

            Wie nun ist die bemerkenswerte Diskrepanz zwischen dem Urteil Stendhals und der bis heute unbefriedigend verlaufenden Rezeptionsgeschichte zu erklären? Auszugehen ist dabei von dem Musikgeschmack Stendhals, der ja keineswegs der große Verehrer Rossinis war, als der er heute gerne dargestellt wird. Seine Liebe galt vielmehr der Musik Cimarosas. Je dichter Rossini an diesem Stil blieb, desto größeren Gefallen fand der Franzose daran. Das heißt, daß Stendhal für die spätere Musik Rossinis eigentlich kein Verständnis mehr hatte. Für ihn hört die Musik Rossinis 1813 auf. Das erklärt leicht die Bewertung Stendhals, der ja noch nicht einmal alle frühen Einakter kannte.

            Für uns ist die Pietra del Paragone die zweiaktige Buffa zwischen L’equivoco stravagante und L’Italiana in Algeri. Die drei Opern, im Jahresabstand geschrieben, belegen die Entwicklung von der jugendfrischen Oper bis zum reifen Meisterwerk. In dieser Entwicklung steht die Pietra dichter an

L’equivoco, von der ja auch einiges an Musik übernommen wurde, als an der Italiana. Im 19. Jahrhundert setzten sich im Bereich der Buffa Rossinis drei Meisterwerke durch, nicht die Jugendwerke, die er selbst stilistisch blitzesschnell überholt hatte. Das erklärt vieles, wenn nicht alles an Besonderheiten der Rezeptionsgeschichte. Wir heutigen Hörer haben ein ganz anderes Verhältnis zu den Jugendwerken gewonnen als die Zeitgenossen und wünschen daher frei nach Lessing, die Oper möge weniger gelobt und häufiger gespielt werden.

 

Bernd-Rüdiger Kern

 

Inhalt der Oper

 

Die Handlung spielt in einem wohlhabenden Dorf, unweit einer der großen Städte Italiens, in der Nachbarschaft desselben Dorfes und in Graf Asdrubales dortigem Landhaus.

 

CD 1

 

[1]       Sinfonia

 

Akt I

Der Garten.

 

Szene 1

Ein gemischter Chor von Graf Asdrubales Gästen und Gärtnern. Erst Pacuvio, dann auf der einen Seite Fabrizio, auf der anderen die Baronin Aspasia, schließlich Donna Fulvia.

 

[2]       Gäste und Gärtner preisen Graf Asdrubales Reichtum und Adel, doch noch hat er keine passende Frau gefunden. Pacuvio tritt auf; er hält ein Manuskript in der Hand und bittet um Aufmerksamkeit. Er will sein neues Gedicht vorlesen, in dem Alkestis mit dem Schatten Arbaces redet. Keiner will ihm zuhören, aber als er Fabrizio gewahrt, hofft er, ihn mit seinen Versen zu beglücken. Fabrizio versucht ihm auszuweichen. Er wird von der Baronin gerufen, welcher sich nun Pacuvio zuwendet. Sie weigert sich, ihm zuzuhören, und so versucht er sein Glück bei anderen Gästen, entschlossen, sein Gedicht vorzutragen. Donna Fulvia tritt auf.

 

[3]       Pacuvio wendet sich zunächst an Fabrizio, dann an die Baronin, die ihn aber mit Donna Fulvia allein zurücklassen, die eher geneigt zu sein scheint, ihm zuzuhören.

 

Szene 2

Pacuvio und Donna Fulvia.

 

Pacuvio nennt Donna Fulvia seinen Schatz, doch sie bedeutet ihm, dass sie auf die Hand des Grafen hofft – nicht etwa aus Liebe, sondern wegen seines Reichtums. Wenn sie einmal seine Frau sei, werde sie sich um Pacuvio kümmern. Sie gehen ab, als Macrobio und Giocondo erscheinen.

 

Szene 3

Macrobio und Giocondo treten streitend auf.

 

[4]       Macrobio und Giocondo argumentieren aufgebracht über die jeweiligen Vor- und Nachteile von Journalismus und Dichtkunst.

 

[5]       Macrobio wechselt das Thema. Er will wissen, welche Frau bessere Aussichten bei Giocondos Freund, dem Grafen, hat, und schlägt die Marquise Clarice vor, auf die Giocondo ein Auge geworfen hat. Macrobio versichert ihn seines Mitgfühls angesichts der bevorstehenden Enttäuschung. Beide gehen ab.

 

Szene 4

Die Marquise Clarice, deren Worte der Graf, ein Echo vortäuschend, wiederholt.

 

[6]       Es dauert nicht lange, bis Clarice die Anwesenheit des Grafen bemerkt. Seine Echos scheinen zu verraten, dass er in sie verliebt ist. Derweil gesteht sie ihre eigene Liebe.

 

[7]       Sie gibt vor, dass das das Echo ihr einziger Trost sei.

 

Clarice wiederholt die Worte, die der Graf scheinbar als Liebeserklärung beantwortet hat und glaubt, dass ihre Rivalinnen keine Chance haben, obwohl sie an den wahren Absichten des Grafen zweifelt. Sie beschließt, sich im Garten zu verstecken und die Situation zu beobachten.

 

Szene 5

Der Graf tritt allein auf; er sieht sich um, ob die Marquise gegangen ist.

 

[8]       Wüsste er nicht, so sagt er, dass alle Frauen Betrügerinnen sind, so hätte er Mitleid mit Clarice. Er empört sich über die Vorstellungen von Liebe und Mitleid.

 

[9]       Alle seien überrascht, so meint er, dass er trotz seines Reichtums mit dreißig Jahren noch nicht geheiratet habe. Und doch sei gerade sein Reichtum das Problem; er wüsste zu gerne, welche der Frauen, die ihn begehren, es auf sein Geld abgesehen hätten und welche ihn wirklich liebten.

 

Szene 6

Clarice tritt auf.

 

[10]     Clarice neckt den Graf mit der Frage, ob das Echo weiblich oder männlich ist, und ob es ihn in Versuchung bringt. Sie deutet die wahre Eigenschaft des Echos an und erinnert ihn an sein eigenes. Als sie sich trennen, gesteht er ihr, dass Echos manchmal auch scherzen.

 

[Szene 7]

 

 

Szene 8

Donna Fulvia, dann Pacuvio.

 

[11]     Fulvia sucht den Grafen. Sie will ihm eine Rose zu schenken. Pacuvio tritt hinzu.

 

Endlich hat er die Gelegenheit, seine lächerlichen Verse vorzulesen. Danach wendet er sich zum Abgehen.

 

[12]     Fulvia beglückwünscht ihn; dann erblickt sie den Grafen.

 

Szene 9

Langsam und in Gedanken versunken tritt der Graf hinzu.

 

Der Graf gesteht sich ein, dass sein Herz Clarice gehört. Fulvia gibt ihm die Rose.

 

Szene 10

Fabrizio und der Graf.

 

Der Graf weiht Fabrizio in seinen Plan ein, die Frauen auf die Probe zu stellen, indem er sich als Afrikaner verkleidet. Fabrizio soll ihm dabei behilflich sein.

 

[Szene 11]

Zimmer mit Blick auf den Garten.

 

Szene 12

Giocondo und Clarice, dann Macrobio und der Graf.

 

Giocondo fragt Clarice nach dem Grund ihrer Traurigkeit; sie gibt vor, in Gedanken bei ihrem verstorbenen Zwillingsbruder Lucindo zu sein. Giocondo missbilligt ihre Absichten auf den Grafen, seinen Freund und Rivalen; er möchte lieber, dass sie sich ihm zuwendet. Als Macrobio hinzukommt, heitert sich Clarices Miene auf. Macrobio wünscht sich, dass Journalisten in der Lage wären, ihre Ansichten mit Argumenten zu beweisen. Es droht ein Streit, doch Clarice schlichtet, indem sie alle drei für gleichermaßen unvernünftig erklärt.

 

[13]     Der Graf, sagt sie, wolle oder wolle nicht, Giocondo schweigt oder seufzt, Macrobio lobt oder kritisiert, und jeder hat seine Gründe. Alle behaupten, dass sie im Recht sind. Clarice wirft ihnen vor, Narren zu sein.

 

Fabrizio tritt auf und gibt dem Grafen einen Zettel. Der Graf liest und scheint beunruhigt.

 

Während die anderen über die Reaktion des Grafen auf die Nachricht spekulieren, gibt er vor, verwirrt zu sein, um ihre Neugier zu wecken. Alle gehen ab.

 

Szene 13

Pacuvio und Donna Fulvia, dann die Baronin.

 

[14]     Pacuvio kann es kaum erwarten, Macrobio seine neuen Verse zu zeigen, an deren Wert Donna Fulvia jedoch ihre Zweifel hat; sie kann nicht verstehen, warum der Graf lacht. Pacuvio meint, es sei aus Freude. Die Baronin tritt auf und würdigt beide keines Blicks. Sie sucht Macrobio, den Pacuvio holen geht.

 

Szene 14

Die Baronin und Donna Fulvia, später Pacuvio, der mit Macrobio zurückkommt.

 

Die Baronin meint, dass Fulvia traurig sei, was diese verneint. Beide geben vor, mit dem Grafen intim zu sein. Pacuvio bringt Macrobio und versucht, ihn mit seinem neuen Gedicht zu beeindrucken, doch Macrobio erwidert, er habe selbst genug Literatur.

 

[15]     Macrobio stöhnt über das Los des Journalisten. Eine Primaballerina zahle dafür, dass man von ihrem Erfolg in Solimano berichte, und der Mutter einer Primadonna habe er einen Artikel über den Erfolg ihrer Tochter am Teatro La Fenice versprechen müssen. Er zählt eine ganze Liste von Virtuosen aller Art auf, die Aufmerksamkeit heischen, Dirigenten, Dichter und andere mehr. Er geht mit der Baronin ab.

 

Der Garten, wie zuvor.

Szene 15

Chor der Gärtner, die wenig später wieder abgehen.

 

[16]     Die Gärtner berichten, dass der Graf traurig und unglücklich in seinem Zimmer sitzt, getroffen von einem grausamen Schicksalsschlag.

 

CD 2

 

Clarice betritt den Garten; sie entfernt sich ein wenig von Giocondo. Danach Macrobio und schließlich die Baronin und Donna Fulvia.

 

[1]       Giocondo fragt Clarice, warum sie gehen will und was sie fürchtet. Sie antwortet ihm, dass sie fürchtet, zu stolz zu werden, wenn sie hört, wie er sie lobt. Sie werden von Macrobio beobachtet, der vorgibt, sie nicht zu bemerken und an die verbotene Liebe von Medoro und Angelica erinnert. Er kündigt den Grafen an, was die beiden erschreckt, aber natürlich meint er den Grafen Orlando aus der Geschichte der Liebhaber.

 

[2]       Macrobio nimmt keine Notiz von den Anderen. Er gibt vor, von Angelica und Medoro und dem armen, hintergangenen Grafen zu sprechen.

 

Macrobio geht ab; auch die anderen wollen gehen, als die Baronin und Fulvia auftreten.

 

[3]       Die Baronin und Fulvia haben zu ihrem Erstaunen erfahren, dass der Graf alles verloren hat; sie haben also Glück gehabt, ihn nicht geheiratet zu haben. Clarice und Giocondo wollen sich nach den Ereignissen erkundigen, aber die Baronin und Fulvia eilen fort, um selbst Näheres in Erfahrung zu bringen.

 

Szene 16

Macrobio kommt zurück, dann Pacuvio von der anderen Seite. Clarice und Giocondo stoßen auf Macrobio.

 

Macrobio macht literarische Anspielungen auf große Verluste, die jedoch bei Clarice und Giocondo auf taube Ohren stoßen. Pacuvio behauptet, der Graf habe nicht einmal mehr einen Tisch, geschweige denn einen Koch. Sein Gläubiger werde ihn einladen müssen, meint Macrobio. Clarice und Giocondo wollen mehr wissen. Aus Japan sei er, sagt Pacuvio. Nein, aus Kanada, erwidert Macrobio. Ein Türke aus England, sagt Ersterer. Ein Deutscher, geboren in Säuferland. Ohne klüger geworden zu sein, eilen Clarice und Giocondo fort.

 

Szene 17

Zu den beiden anderen kommen die Baronin und Donna Fulvia, dann der Graf in Verkleidung, begleitet von ebenfalls verkleideten Dienern und Matrosen. Ein Notar tritt mit vermeintlichen Gerichtsdienern auf, danach Fabrizio.

 

Die Baronin und Fulvia beruhigen Pacuvio und Macrobio, die sich wieder einmal streiten. Der verkleidete Graf nähert sich und spricht mit Fabrizio in gebrochenem Italienisch; dabei hält er ein altes Stück Papier, einen Schuldschein über sechs Millionen. Sofort zeigen sich gierige Blicke, die der Graf für sich kommentiert. Macrobio behauptet, der Mann spreche Etruskisch, aber es ist deutlich, dass der Fremde vorhat, den Besitz des Grafen zu versiegeln, einschließlich der Habe der Baronin und Donna Fulvias, dazu Macrobios Manuskripte und Pacuvios Dramen. Sie haben nichts dagegen, das Eigentum des Grafen gepfändet zu sehen, wenn sie nur ihr eigenes behalten können.

 

Ein Innenhof im Haus des Grafen.

 

Szene 18

Clarice, dann der Graf und Giocondo. Danach Macrobio, Pacuvio, die Baronin und Donna Fulvia.

 

[4]       Clarice denkt über ihre Standhaftigkeit und Aufrichtigkeit nach. Der Graf tritt in seiner eigenen Kleidung auf und gibt vor, traurig über sein Unglück zu sein. Giocondo versucht ihn zu trösten. Sie einigen sich darauf, dass Unglück auch als Prüfstein dienen kann.

 

[5]       Beobachtet vom Grafen und Giocondo teilen Macrobio, Pacuvio, die Baronin und Donna Fulvia Clarice mit, dass sie die Auserwählte des Grafen ist. Der Graf fragt die Anwesenden, welche Unterstützung er von seinen vermeintlichen Freunden erwarten könne. Macrobio will ihm einen seiner Artikel geben, Pacuvio eine Elegie. Die Baronin und Fulvia haben nichts zu verschenken, Giocondo hingegen bietet ihm sein Haus, Clarice ihre Hand.

 

Letzte Szene

Fabrizio tritt fröhlich auf; in der Hand hält er ein Schriftstück. Der Chor der Gäste und Gärtner ist ebenfalls heiterer Stimmung.

 

[6]       Fabrizio berichtet, er habe unter dem Staub eines ausgedienten Schranks ein Dokument gefunden, das dem Grafen aus seinen Schwierigkeiten helfen werde. Die anderen reagieren erwartungsgemäß: Clarice und Giocondo mit ehrlicher Freude, die anderen mit geheuchelter Begeisterung.

 

 

CD 3

 

Akt II

Ein Innenhof wie im ersten Akt.

 

Szene 1

Die Baronin, Donna Fulvia und die Gäste des Grafen, dann Macrobio und der Graf auf der einen Seite, Giocondo und Pacuvio auf der anderen.

 

[1]       Der Chor berichtet, der Fremde sei mit leeren Händen gegangen. Die Baronin und Fulvia, entlarvt durch die Aufdeckung der List, wollen sich rächen, entweder an dem Grafen oder an Clarice und Giocondo. Macrobio gesteht dem Grafen, dass er sich einen Scherz erlaubt habe, um ihn zu schonen, während Pacuvio gegenber Giocondo auf dichterische Freiheit plädiert.

 

[2]       Giocondo und der Graf unterhalten sich über das Benehmen ihrer vermeintlichen Freunde. Macrobio verspricht der Baronin, die Sache anzufechten und eine Entschuldigung zu bewirken, einem in China praktizierten Verfahren, das er in seiner Zeitung besprechen wolle. Fulvia hört von Pacuvio, dass Giocondo sich heimlich entschuldigt haben soll. Der Graf und Giocondo reagieren auf die Anmaßungen der anderen. Der Graf schlägt allen eine Jagdpartie vor und schickt einen Diener nach Clarice.

 

Szene 2

Macrobio und die Baronin wollen gehen, werden aber von Donna Fulvia aufgehalten.

 

Fulvia flüstert der Baronin im Abgehen etwas zu. Letztere berichtet Macrobio, dass Pacuvio von Giocondo Genugtuung empfangen habe, was Macrobio allerdings bezweifelt. Er besteht darauf, seinerseits ihre Ehre zu retten.

 

Der Wald

 

Szene 3

Pacuvio mit einem Gewehr, dazu der Chor der Jäger.

 

[3]       Die Jäger fordern Pacuvio spöttisch zum Handeln auf; danach entfernen sie sich.

 

Pacuvio hat noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt und weiß nicht, wie und wo er es anlegen soll.

 

[4]       Der Wind nimmt zu und der Wald verdunkelt sich. Aus der Ferne hört man Schüsse, Vögel flattern auf. Pacuvio unternimmt einen erfolglosen Schießversuch und läuft dann davon. Blitze zucken durch die Luft. Pacuvio kommt auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf erschrocken zurück. Er hat sein Gewehr und seine Gedichte verloren. Als der Sturm sich legt, sucht er das Weite.

 

Szene 4

Giocondo allein.

[5]       Giocondo spricht vom Sturm in seinem eigenen Herzen; er stellt sich vor, wie seine geliebte Clarice in den Armen seines Freundes und Rivalen liegt.

 

[6]       Er gedenkt ihrer Schönheit und wundert sich, warum sie ihm kaum Aufmerksamkeit schenkt.

 

Szene 5

Clarice tritt hinzu, später Macrobio, der Graf und die Baronin.

 

[7]       Clarice ruft Giocondo; er ist überrascht, sie nicht in Begleitung des Grafen zu finden, der mit einigen seiner Leute im Wald verschwunden ist. Giocondo wendet sich an Clarice mit hochgestochenen dichterischen Worten. Sie versucht ihn zum Schweigen zu bringen, doch er erzählt ihr von den drei widerstreitenden Gefühlen, die ihn beunruhigen: ihr Glück, seine Liebe und seine Freundschaft. Letztere möge er ihr bewahren, entgegnet sie.

 

Clarice bedeutet Giocondo, er möge schweigend hoffen; eines Tages werde sie ihn von seinen Fesseln befreien.

 

Macrobio belauscht heimlich die Szene und ruft den Grafen herbei. Die Baronin kommt hinzu.

 

Macrobio nennt die Marquise ironisch die erste aller Witwen, die sich der Treue rühmt. Der Graf, unbeobachtet von Giocondo und Clarice, bemerkt, dass Frauen immer Frauen bleiben. Er sieht den scheinbaren Flirt von Giocondo und Clarice, die ihm Liebe zu versprechen scheint, aber es sind nur Worte, wie sie sagt, um ihm Hoffnung zu machen. Der Graf tritt vor und beschuldigt Clarice, ein Doppelspiel zu betreiben.

 

Szene 6

Die Jäger treten auf.

 

Die Jäger beklagen die mäßige Beute, obwohl der Graf anscheinend zwei Kuckucks im Sack habe – eine Anspielung, an der Clarice Anstoß nimmt. Das Gewitter beginnt erneut.

 

Szene 7

Zimmer wie im ersten Akt.

Donna Fulvia und Fabrizio, dann Pacuvio; er ist außer Atem.

 

[8]       Pacuvio versichert Donna Fulvia, dass er eine Menge Wild erlegt hätte, wenn nicht das Gewitter hereingebrochen wäre. Als Beweis zieht er einen winzigen toten Vogel aus der Tasche. Als er sie damit nicht beeindrucken kann, gibt er im Abgehen kleinlaut zu, der Vogel sei aus Furcht gestorben.

 

Szene 8

Der Graf und Giocondo.

 

Giocondo hat dem Grafen Clarices Unschuld mitgeteilt, aber bevor dieser Anstalten zur Hochzeit treffen kann, will er sich amüsieren, indem er sich über Macrobio lustig macht.

 

Szene 9

Clarice kommt mit einem geöffneten Brief. Sie strahlt vor Freude.

 

Clarice kündigt die unerwartete Rückkehr ihres geliebten Zwillingsbruders, des Hauptmanns Lucindo an. Er sei wohl aus dem Elysium zurückgekehrt, meint der Graf, aber Clarice versichert allen, dass er lebt und ihr geschrieben hat. Beiseite bittet sie ihren toten Bruder um Vergebung, dass sie seinen Namen in dieser Weise missbraucht.

 

[Szene 10]

 

Szene 11

Sie wollen gehen, als Donna Fulvia und Pacuvio auftreten.

 

Laut Pacuvio hat Donna Fulvia die Nachricht von seiner vermeintlichen geheimen Erniedrigung Giocondos verbreitet. Sie habe es nur der Baronin unter dem Siegel der Verschwiegenheit zugeflüstert, diese habe es dann im Vertrauen Macrobio erzählt, der den Vorfall in seiner Zeitung veröffentlicht habe, woraus man schließen könne, dass er wortbrüchig geworden sei und sich nun in Gefahr begeben habe.

 

[9]       Donna Fulvia will davon nichts wissen. Jeder, der sie öffentlich beleidige, verdiene, auch in aller Öffentlichkeit seinen Lohn zu empfangen.

 

Szene 12

Macrobio und Giocondo, dann der Graf und zwei Diener, jeder mit einem Schwert.

 

[10]     Giocondo überlässt Macrobio hochmütig die Wahl der Pistole, aber Letzterer versucht sich zu entschuldigen. Auch der Graf fordert nun Satisfaktion.

 

[11]     Macrobio schlägt Giocondo und dem Grafen vor, ihre Angelegenheit unter sich zu regeln; er selbst werde es mit dem Überlebenden aufnehmen. Wie zuvor ausgemacht, ergreifen der Graf und Giocondo, zur Erleichterung Macrobios, die Schwerter. Als sie sie jedoch wieder niederlegen, da der Graf als Gastgeber seinem Gast den Vorrang gewähren muss, ist Macrobio entsetzt. Der Graf hat eine Idee, wie man die Affäre beilegen kann: Macrobio soll zugeben, ein Feigling, ein lächerlicher Spassvogel und der größte Ignorant zu sein, was er auch einräumt. Der Graf und Giocondo legen die Schwerter weg, und alle gehen ab.

 

Im Dorf. Man sieht mehrere Häuser, von denen einige dem Grafen gehören. Im Hintergrund ein kleiner Hügel.

 

Szene 13

Pacuvio tritt aus dem Haus des Grafen, danach Donna Fulvia, die Baronin und Macrobio.

 

[12]     Donna Fulvia empört sich über Pacuvio; sie nennt ihn einen Lügner und Hochstapler. Macrobio versichert der Baronin, dass er nicht verwundet ist; aber er wünscht sich, sie hätte das Duell gesehen.

Szene 14

Fabrizio steigt den Hügel herab und gesellt sich zu den anderen, während die Dorfleute voller Neugier in die Ferne blicken.

 

Fabrizio meldet die Ankunft des Hauptmanns Lucindo.

 

Szene 15

Alle treten zur Seite, als Clarice in Uniform und in Begleitung eines Leutnants, eines Sergeanten, zweier Korporale und einiger Soldaten auftritt, beobachtet von den Dorfleuten und den Dienern des Grafen.

 

[13]     Clarice heuchelt Freude beim Wiedersehen ihrer Heimat. Sie wendet sich an ihre Soldaten, die ihr für ihren Mut angesichts der Gefahr danken. Sie verkündet den Sieg von Mars und Cupido.

 

Clarice betritt das Haus des Grafen, begleitet von Fabrizio und den Dienern des Grafen.

 

Szene 16

Die Baronin und Macrobio, Pacuvio und Donna Fulvia.

 

[14]     Indem sie die Ähnlichkeit des schmucken Offiziers mit Clarice feststellen, verschwinden die Baronin und Donna Fulvia im Haus des Grafen, entschlossen, ihr Glück zu versuchen.

 

[Szene 17]

 

Eine Galerie

 

Szene 18

Clarice in Militäruniform, der Graf und Giocondo.

 

Der vermeintliche Hauptmann Lucindo teilt dem Grafen und Giocondo mit, dass er Clarice mitnehmen will. Sie sind entsetzt, aber der Graf gesteht Giocondo, dass er seine frühere Torheit bedauert.

 

[15]     Der Graf bittet den vermeintlichen Lucindo um Nachsicht und gesteht offen seine Liebe zu Clarice, ohne die er nicht leben könne.

 

Der Graf eilt davon, Giocondo folgt ihm.

 

Letzte Szene

Die Baronin, dann Donna Fulvia mit Clarice, zuletzt alle.

 

[16]     Fabrizio bittet um Lucindos Einwilligung, andernfalls werde sich der Graf das Leben nehmen. Die Baronin und Donna Fulvia versuchen ein Gespräch mit dem Hauptmann zu beginnen. Clarice aber hat das Papier, das Fabrizio vom Grafen gebracht hat, mit ihrem echten Namen unterschrieben, so dass er den wahren

Sachverhalt erkennt. Zur allgemeinen Verwunderung entdeckt Clarice ihre wahre Identität.

 

[17]     Alle geben ihre Meinung über die Ereignisse zum Besten. Clarice und der Graf bitten einander um Verzeihung. Macrobio, Pacuvio und Giocondo feiern das zukünftige Ehepaar, während die Baronin und Donna Fulvia geneigt scheinen, sich mit Macrobio und Pacuvio zu begnügen, die beide jedoch Einwände erheben. Der Graf aber ist bereit, seine Meinung über die Frauen zu ändern.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window