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8.660107-08 - BRITTEN: Albert Herring
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Benjamin Britten (1913-1976)
Albert Herring

 

1945 überraschte Benjamin Britten die Opernwelt mit der triumphalen Uraufführung seiner Oper Peter Grimes, der Geschichte eines Mannes, dessen Versuch, in einer fremden, ihm feindlich gesinnten Welt Fuß zu fassen, auf tragische Weise scheitert. Mit diesem dramatischen, mit großem Chor und Orchester besetzten Werk meldete sich England, ganze zweieinhalb Jahrhunderte nach dem Tod von Henry Purcell im Jahre 1695, als Opernland zurück. Die Verbindung von äußerer Handlung und Charakterpsychologie in Peter Grimes, das Eindringen dunkler Kräfte in das alltägliche Leben, sollte zu einem Kennzeichen von Brittens Opernschaffen werden. Es gelang ihm in genialer Weise, diese Geschichten in musikalisch überzeugende Meisterwerke zu verwandeln und mit ihnen die oft provinziellen Handlungsorte zu transzendieren.

Wie Peter Grimes spielt auch Albert Herring in Brittens Heimat in der Grafschaft Suffolk und reflektiert die Gefühle einer ländlichen Bevölkerung. Albert Herring, komponiert und uraufgeführt 1947, unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von seinem großen Vorgänger. Der Librettist war Eric Crozier, der als mögliche Vorlage eine Novelle von Guy de Maupassant, Le rosier de Madame Husson, vorschlug. Crozier bearbeitete die Geschichte, die ursprünglich in der Normandie spielt, und schuf zusammen mit Britten eine Reihe von individuell charakterisierten Figuren für das Szenarium einer Kammeroper. Albert Herring entstand für ihre neugegründete English Opera Group, deren Funktion es war, mit kleindimensionierten Werken auf Tournee zu gehen. Die Oper hat keinen Chor und anstelle eines großen Orchesters ein aus nur zwölf Spielern bestehendes Instrumentalensemble. Das Stück ist eine Kömodie über die Maifeiern in dem fiktiven Dorf Luxford in der Grafschaft Suffolk, wobei die Wahl der Maikönigin mangels moralisch geeigneter Kandidatinnen auf einen männlichen Dorfbewohner fällt. Die Handlung könnte kaum weiter entfernt sein von der mysteriösen Geschichte des verschwundenen Fischerlehrlings in Peter Grimes.

Albert Herring ist mit seiner klaren Trennung der Bevölkerung in Ober, Mittel- und Unterschicht zudem eine Studie der Dorfmentalität, wobei die größten Sympathien der einfachen Bevölkerung gehören. Britten und Crozier sind keine Unbekannten in dieser Gegend, und selbst die einzelnen Namen, die aus Romanen von Charles Dickens stammen könnten, sind die von echten Personen und Orten. Albert Herring selbst ist nach einem Ladenbesitzer benannt, dessen Geschäft sich in der Nähe von Brittens eigenem Haus in Suffolk befand; Harold Wood ist eine Bahnstation auf der Strecke Ipswich-Liverpool; und bei Cissie Woodger handelt es sich um ein Mädchen aus Snape, einem Dorf, das in der Musikwelt durch seinen Konzertsaal „The Maltings" berühmt geworden ist.

Aber die Opr hat auch eine dunklere Seite: exemplifiziert in der „Threnodie", dem ergreifenden Lamento des Schlussakts, das aus Anlass des vermeintlichen Unglücks des Maikönigs gesungen wird. Hinzu kommt das psychologische Moment des Dilemmas eines pflichtbewussten jungen Sohnes, der im Alter von 22 Jahren mehr als reif für ein Abenteuer ist, der aber unter der Fuchtel seiner Mutter steht, in deren Gemüseladen er arbeitet.

Mit den reduzierten Mitteln einer Kammeroper hat Britten aus diesem Stoff ein geistsprühendes, ungemein amüsantes, dabei aber keineswegs oberflächliches Werk geschaffen. Jede Figur der Handlung besitzt eine eigene musikalische Persönlichkeit, die der jeweiligen Bühnenaktion entspricht, sei es in heiterem Dialog, in lyrischer Melodik oder in parodistischem Monolog, wie z.B. in den Maiansprachen der Dorfhonoratioren: die rechtschaffene Moralhüterin Lady Billows; die flatterhafte, von einer zwitschernden Flöte begleitete Miss Wordsworth; oder die triefende Monotonie des pompösen Bürgermeisters. Im Gegensatz dazu strahlt die Musik des Dorfliebespaars Nancy und Sid gefühlvolle Wärme und Erotik aus.

Im Mittelpunkt aber steht die Titelfigur selbst. Britten schrieb sie für seinen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears. Die Musik reflektiert die ehrliche Natur des Jungen, seine zunehmende Frustration als Müttersöhnchen und seine schließliche Befreiung. Diese musikalische Charakterzeichnung ist typisch für eine von Brittens besonderen Fähigkeiten — eine Gabe, die es ihm ermöglicht, die dramatischen und vokalen Attribute einer Figur genau auf die Darsteller zuzuschneiden, für die die Partie geschrieben wurde. Bis zum heutigen Tag ist die Rolle des Albert Herring (oder auch des Peter Grimes) für viele gleichbedeutend mit der Stimme und dem Vortrag von Peter Pears — eine Herausforderung für alle nachfolgenden Sänger, diese in ihrer Individualität so einzigartige Partie zu ihrer eigenen zu machen.

Akt I

In einem Städtchen in der englischen Grafschaft Suffolk unterhält sich Lady Billows mit anderen Honoratioren über den bevorstehenden Maifeiertag; es herrscht nämlich dort der Brauch, die tugendhafteste Jungfrau zur Maikönigin zu wählen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass eine geeignete Kandidatin dieses Mal nur schwer zu finden ist, denn die Haushälterin der Lady Billows, Florence Pike, weiß von fast jeder eine „schmutzige" Geschichte zu erzählen. Lady Billows ist besorgt um den guten Ruf ihres Dorfs: „Ein Sodom und Gomorrha / Eine Brutstätte des Lasters!"

Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: ein Maikönig! Albert Herring, der im Gemüseladen seiner Mutter arbeitet, gilt als Muster der Anständigkeit, obwohl er „natürlich nur ein einfacher Bursche" ist. Widerstrebend willigt Lady Billows ein, den Mädchen eine Lehre zu erteilen. Die Szene endet mit einem Lob auf die von einem einfachen Dorfjungen personifizierte Tugendhaftigkeit, die über Laster und Unmoral triumphiert.

Der tüchtige Albert Herring wird inzwischen vom Metzgergesellen Sid als Muttersöhnchen gehänselt, der die Freuden des Lebens noch nicht kennt. Als Sids Freundin, die Bäckerstochter Nancy, erscheint und mit ihm zu flirten beginnt, zieht sich Albert schüchtern zurück; es verdrießt ihn, dass er für die anderen nur der folgsame Sohn und Ladengehilfe seiner Mutter ist. Umso argwöhnischer reagiert er, als das Festkomitee erscheint, um ihm seine Wahl zum Maikönig mitzuteilen.

Akt II

Während man Vorbereitungen für die Maifeierlichkeiten trifft, beschließen Nancy und Sid, Alberts Limonade mit Alkohol zu vermischen, um ihn in die rechte Stimmung zu versetzen. Es werden Reden geschwungen, und man gratuliert Albert zu seiner Wahl. Auch er soll etwas sagen, aber der Alkohol beginnt zu wirken, sodass er einen Schluckauf bekommt und nur noch stammeln kann. Alles macht sich über ihn lustig.

Der noch immer beschwipste Albert ist in den Gemüseladen zurückgekehrt. Durchs Fenster sieht er, wie Nancy und Sid sich zum Stelldichein treffen. Er weiß, dass er sich bei der Maifeier zum Gespött der Leute gemacht hat und beschließt, mit dem Tugendpreis nun selbst auf Abenteuer zu gehen. Vergnügt verlässt er den Laden.

Akt III

Das Dorf ist in Aufregung, denn Albert ist verschwunden. Man befürchtet das Schlimmste. Die Wehklagen erreichen den Höhepunkt, als der Bürgermeister mit Sid und dem Chef der Ortspolizei erscheint, denn er Kranz, mit dem er zum Maikönig gekrönt wurde, ist zerdrückt gefunden worden. Der in diesem Moment heimkehrende Albert wird mit einer Mischung aus Ärger und Erleichterung empfangen. Der erstaunten Menge gesteht er, dass auch er einmal ausprobieren wollte, was als unmoralisch gelte: „Meine Mutter hat mich mit solcher Hingabe beschützt, dass mein einziger Ausweg eine wilde Explosion war." Mrs. Herring ist entsetzt, Sid und Nancy aber freuen sich über Alberts Selbstbefreiung.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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