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8.660111 - Essential Puccini: Gianni Schicchi
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Giacomo Puccini (1858-1924)

Giacomo Puccini (1858-1924)

Gianni Schicchi

 

Giacomo Puccini, 1858 auf die Vornamen Antonio Domenico Michele Secondo getauft, erbte mit seinem Namen eine lange musikalische Familientradition. Sein Ururgroßvater Giacomo Puccini wurde 1712 in Lucca geboren, wo er das Organistenamt an der Kirche San Martino versah und bis zu seinem Tod im Jahr 1781 die Capella Palatina leitete. Sein Nachfolger, Sohn Antonio, geboren 1747, hatte ihm bereits an San Martino assistiert und wurde wie er Mitglied der ehrwürdigen Bologneser Accademia Filarmonica. Antonios Sohn Domenico, geboren 1772, leitete ab 1806 die Cappella di Camera, nachdem Elise Baciocchi, Napoleons Schwester, die 1805 die Regentschaft von Lucca übernahm, die Cappella Palatina aufgelöst hatte. Domenico Puccini starb bereits 1815; sein Vater überlebte ihn um fast zwanzig Jahre. Domenicos 1813 geborener Sohn Michele wurde von seinem Großvater Antonio unterrichtet und ergriff zunächst den Lehrerberuf, bevor er zum Direktor des Istituto Musicale Pacini und zum Organisten an San Martino bestellt wurde. Sein Sohn Giacomo sollte das berühmteste Mitglied dieser musikalischen Familie werden.

 

Frühere Generationen der Puccinis hatten sich hauptsächlich mit Kirchenmusik beschäftigt, obwohl sie auch Stücke für die dramatischen, aus Chor- und Instrumentalmusik bestehenden tasche für die alle zwei Jahre stattfindenden Wahlen in Lucca schrieben. Während Domenico die Tradition der geistlichen Musik und der tasche fortsetzte, richtete er sein Augenmerk auch auf die Oper, eine Gattung, mit der sich sein Sohn Michele nur kurzfristig beschäftigte. Der Familientradition gemäß hätte sich auch Giacomo Puccinis Laufbahn in der engen musikalischen Welt Luccas abspielen müssen, aber seine Karriere sollte eine andere Richtung einschlagen: Er ging nach Mailand, um dort seine Ambitionen als Opernkomponist zu verwirklichen.

 

Die Position des Organisten an San Martino galt allgemein als vererbtes Recht der Puccini-Familie. 1864, nach dem Tod seines Vaters, verfügten die Stadtväter, dass Puccinis Onkel Fortunato Magi, ein Schüler Michele Puccinis, den Posten übernehmen sollte, bis Giacomo alt genug sei, um ihn selbst auszuüben. Seinen ersten Unterricht hatte er von Magi erhalten, bevor er am Istituto Musicale Pacini in Carlo Angeloni, einem ehemaligen Schüler seines Vaters, einen geeigneten Lehrer fand. Puccini sang seit seinem zehnten Lebensjahr im Chor von San Martino und San Michele und begann im Alter von vierzehn Jahren die Pflichten des Organisten zu übernehmen. In dieser Eigenschaft begann er Musik für die Orgel zu komponieren, aber nachdem er 1876 in Pisa einer Aufführung von Verdis Oper Aida beigewohnt hatte, sollte sein Leben eine neue Wendung nehmen. 1880 schloss er mit der Komposition der Messa di Gloria seine Ausbildung in Lucca ab, und im Herbst des Jahres begann er ein dreijähriges Studium am Mailänder Konservatorium.

 

Mit seiner Oper Le Villi war er 1884 erfolgreich, aber erst Manon Lescaut (1893) begründete seinen Ruf als Opernkomponist. Es folgte eine Reihe großartiger Bühnenwerke: La Bohème (1896), Tosca (1900), Madama Butterfly (1904), La fanciulla del West (1910) und Il trittico (1918) – Werke, die bis heute zum zentralen Bestandteil des italienischen Opernrepertoires gehören. Seine letzte Oper, Turandot, mit der er eine neue Herausforderung suchte, hinterließ Puccini bei seinem Tod im Jahre 1824 unvollendet. Die Arbeit war jedoch so weit gediehen, dass das Werk von Franco Alfano vollendet werden konnte. Die Uraufführung der Turandot fand 1926 in Mailand statt.

 

Il trittico (Das Triptychon) besteht, wie der Titel besagt, aus drei (kurzen) Opern. Die erste, Il tabarro (Der Mantel) basiert auf dem Schauspiel Le houppelande des Franzosen Didier Gold, das Puccini in Paris gesehen hatte – eine tragische Geschichte von Liebe, Eifersucht und Mord. Das Intermezzo des Triptychons, Suor Angelica (Schwester Angelica), ist die sentimentale Geschichte einer armen Nonne, die erfährt, dass ihr uneheliches Kind – der Grund ihrer Schande und ihres Eintritts ins Kloster – gestorben ist. Sie bereitet sich einen Gifttrank, doch im Tod wird ihre Bitte um Gnade erhört. Das Schlussstück der Trilogie ist Gianni Schicchi, ein burleskes florentinisches Genrebild, das wiederum den Tod zum Thema hat, allerdings in einem komischen, Ben Jonsons Volpone verwandten Kontext. Die Uraufführung der drei Opern fand 1918 an der New Yorker Metropolitan Opera statt. Kurz darauf folgte in Rom die italienische Erstaufführung.

 

Die Handlung

 

[1] Schlafzimmer des Buoso Donati. Es ist neun Uhr morgens. Mit geheucheltem Schmerz und scheinheiligen Gebetslitaneien umgibt die habgierige Verwandtschaft das Bett des soeben Verstorbenen. Da flüstert Betto, Buosos Schwager, seiner Nichte Nella etwas ins Ohr: In der Stadt gehe das Gerücht um, der alte Buoso habe sein ganzes Hab und Gut dem Kloster hinterlassen.             

 

[2] Die Verwandten sehen einander entsetzt an, dann wenden sie sich Rat suchend an Simon, den Ältesten der Sippschaft. Falls Buosos Testament beim Notar aufbewahrt sei, meint er nach langem Grübeln, lasse sich nichts machen, befinde sich das Schriftstück aber noch im Hause, sehe die Sache schon ganz anders aus. Fieberhaft beginnt man nun in allen Ecken, Schränken und Schubfächern, ja sogar unter dem Bett des Toten nach dem Testament zu suchen. Betto nutzt indes die Gelegenheit, um heimlich einen silbernen Teller verschwinden zu lassen. Endlich findet der junge Rinuccio, der Neffe von Buosos Base Zita, das ersehnte Dokument; zur Belohnug erhält er von seiner Tante, die ein ansehnliches Erbschaftsvermögen wittert, die Erlaubnis, Gianni Schicchis Tochter Lauretta zu heiraten. Während Zita umständlich das Testament öffnet, schickt Rinuccio den kleinen Gherardino fort, um Gianni Schicchi zu holen.

 

[3] Zita beginnt das Testament vorzulesen: „Meinen Verwandten Zita und Simon“ … „Armer Buoso“, unterbricht sie schluchzend die Lektüre, während Simon mit geheuchelter Pietät noch ein paar zusätzliche Kerzen entzündet. Alle hoffen heimlich, dass der Alte ihnen seinen wertvollsten Besitz, das Haus, den Maulesel oder die Mühle vermacht hat. Aber die Mienen verfinstern sich, als die bittere Wahrheit ans Licht kommt: Sein gesamtes Vermögen hat Buoso der Kirche hinterlassen! Als erstes löscht Simon die Kerzen am Bett des Toten.

 

[4] „Dann ist es also wahr“, sagt Simon, nachdem es scheint, dass die Klosterbrüder das ganze Vermögen erben. Nun sind die Tränen der Verwandten plötzlich echt: La Ciesca beklagt den Verlust des Bargelds, Marco den der Landgüter, und Betto sieht die Mönche bereits die Weinfässer leeren. Nach und nach wird aus Niedergeschlagenheit helle Empörung.

 

[5] Also zermartert man sich den Kopf, was zu tun sei. Zunächst wird Simon um Rat gefragt, aber es ist Rinuccio, der einen Ausweg zu wissen scheint: man müsse Gianni Schicchi fragen, den schlauesten Mann in ganz Florenz. Zita verbietet ihm, diesen Namen zu nennen und weiterhin an eine Heirat mit Lauretta zu denken. Ein Donati und die Tochter eines zugewanderten Habenichts – ausgeschlossen. Doch da kommt auch schon Gherardino zurück und meldet, dass Gianni Schicchi bereits auf dem Weg zu ihnen ist. Keiner will etwas von ihm wissen, nur Rinuccio setzt sich für ihn ein: er sei ein gewitzter Kerl, der sich hervorragend in Rechtsangelegenheiten auskenne.

 

[6] Rinuccio fährt fort, seinen Freund Gianni Schicchi zu verteidigen und preist die Stadt Florenz, die ihren Ruhm nicht zuletzt den zugewanderten Künstlern und Gelehrten verdanke.

 

[7] Schon erscheint Gianni Schicchi mit seiner Tochter Lauretta. Er sieht die niedergeschlagenen Mienen der Anwesenden. Lauretta begrüßt Rinuccio, der ihr seinen Kummer mitteilt. Gianni Schicchi spricht den Verwandten sein Beileid aus, bemerkt aber, dass ein Unglück stets auch eine gute Seite habe: Zwar sei ein Mensch gestorben, aber schließlich gebe es etwas zu erben. „Ja, für die Klosterbrüder“, fällt Zita ihm ins Wort; alle anderen seien nämlich enterbt. Niemals werde sie der Heirat ihres Neffen mit einem Mädchen ohne Mitgift zustimmen. Gekränkt will sich Gianni Schicchi mit  Lauretta wieder entfernen. Rinuccio bittet ihn, sich das Testament anzusehen, doch Gianni Schicchi weigert sich, etwas für diese Leute zu zun.

 

[8] Nun ist es an Lauretta, den Vater inständig anzuflehen, um ihrer Liebe willlen das Vermögen der Donatis zu retten und ihre eigene Verbindung mit Rinuccio zu ermöglichen.

 

[9] Gianni Schicchi gibt nach und lässt sich von Rinuccio das Testament geben. Immer wieder liest er es durch, ängstlich von den Verwandten beäugt, bis er schließlich bemerkt, dass nichts zu machen sei. Doch das Liebespaar hofft weiter auf seine Hilfe, und plötzlich scheint Gianni Schicchi ein rettender Gedanke zu kommen. Zunächst schickt er Lauretta unter einem Vorwand aus dem Zimmer.

 

[10] Nachdem sie gegangen ist, fragt Gianni Schicchi die Verwandten, ob außer ihnen jemand vom Ableben Buosos wisse. Als dies verneint wird, lässt er den Toten ins Nebenzimmer bringen und das Bett machen. Da klopft es an der Tür. Es ist der Arzt! Doch Gianni Schicchi reagiert prompt: Man solle ihm ausrichten, dass es Buoso besser gehe und er sich zur Ruhe begeben habe. Die Familie fängt den Arzt an der Tür ab, während Gianni Schicchi sich hinter dem Bettvorhang versteckt. Der Arzt wünscht den Patienten zu sehen, was die Verwandten jedoch ablehnen. Als hinter dem Vorhang die täuschend echt nachgeahmte Stimme Buosos erklingt, lässt Betto vor Schreck den Teller fallen, den er entwendet hat. Gianni Schicchi bittet den Doktor, erst am Abend wieder nach ihm zu sehen, worauf sich dieser zum Erfolg der Bologneser Medizin gratuliert und das Haus verlässt.

 

[11] Die Verwandten sind verblüfft, wie täuschend echt Gianni Schicchi die Stimme des verstorbenen Buoso imitiert, ahnen aber nicht, was er im Schilde führt. Er will, dass sie sofort den Notar kommen lassen, da Buoso im Sterben liege und sein Testament machen wolle; inwischen werde er sich an Buosos Stelle in dessen Nachtzeug ins Bett legen und dem Notar ein neues Testament diktieren. Sofort reden die Verwandten auf ihn ein, wie er die einzelnen Güter verteilen soll. Es dauert nicht lange, bis sie sich dabei in die Haare geraten. Da ertönt plötzlich die Sterbeglocke, und Schicchi glaubt für einen Augenblick, alles sei verloren, aber Gherardo kann in Erfahrung bringen, dass das Läuten dem verunglückten Diener eines Nachbarn gegolten hat. Simon erteilt allen den Rat, auf Gianni Schicchis Ehrlichkeit beim Verteilen der Güter zu vertrauen.

 

[12] Zita und La Ciesca helfen Gianni Schicchi in Buosos Nachthemd und setzen ihm die Haube auf. Nacheinander machen nun die Verwandten dem eben noch verachteten Schicchi die verlockendsten Angebote: So verspricht Zita ihm dreißig Florinen, wenn er ihr das Haus, den Maulesel und die Mühle vermacht, Simon kann fütr dieselben Objekte gar einhundert florinen entbehren, und auch Betto, Nella und La Ciesca versuchen Gianni Schicchi zu bestechen. Indessen wartet man gespannt auf die Ankunft des Notars.  

 

[13] Vorsichtshalber erinnert Schicchi die Verwandten an ein florentinisches Gesetz, das nicht nur den Testamentsfälscher, sondern auch seine Mitwisser mit dem Verlust einer Hand und Verbannung aus der Stadt bestraft. In sein „Leb wohl, Florenz“ stimmen die Verwandten ein. Als an der Tür geklopft wird, schlüpft Gianni Schicchi flugs ins Bett, während die anderen mit dem Schließen der Vorhänge Trauerstimmung simulieren.

 

[14] Rinuccio kommt mit dem Notar und zwei Zeugen, dem Schuster Pinellino und dem Färber Guccio, die den vermeintlichen Buoso begrüßen. Gianni Schicchi dankt ihnen für ihr Kommen und erklärt, dass er gelähmt sei und nicht mehr schreiben könne und daher einen Notar benötige, um ein rechtsgültiges Testament zu diktieren. Zum Beweis seiner Lähmung streckt er zitternd die Hand aus. Der Notar liest die lateinische Präambel vor, zu der Gianni Schicchi mit ersterbender Stimme alle zuvor gemachten Testamente für null und nichtig erklärt. Als er vom Notar gefragt wird, ob er ein teures Begräbnis oder etwas Schlichtes wünsche, entscheidet sich Gianni Schicchi für die billigste Lösung: zwei Florinen. Den Brüdern des Klosters Santa Reparata vermacht er ganze fünf Lire, was die Umstehenden ebenfalls mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Inzwischen ist die Spannung aufs höchste gestiegen, und nun beginnt der ‚Sterbende’ mit der Verteilung kleinster Geldsummen und geringer Werte unter die Verwandten. Die fettesten Happen jedoch, den dreihundert Florinen werten Maulesel, den besten in der ganzen Toskana, und das Haus in Florenz vermacht er seinem „lieben Freund Gianni Schicchi“. Als die Empörung der Verwandten, die inzwischen ahnen, dass sie so gut wie leer ausgehen, immer lauter wird, erinnert Schicchi mit leiser Stimme und dem Anstimmen der Melodie „Leb wohl, Florenz“ noch einmal an die drohende Strafe, um sodann die Mühle seinem „treuen Freund Gianni Schicchi“ zu vermachen. Nachdem er aus Zitas Tasche die Zeugen und den Notar entlohnt hat, verabschieden sich die Amtspersonen mit Beileidsbekundungen von der Familie. 

 

[15] Kaum sind sie gegangen, als die geprellten Erben wutschnaubend über Schicchi herfallen und ihn als Dieb, Schurken und Verräter beschimpfen. Während Rinuccio auf den Balkon hinausgeht, springt Schicchi aus seinem Bett, bewaffnet sich mit Buosos Stock und droht allen, sie zum Teufel zu jagen. In Eile versucht jeder noch zu raffen, was nicht niet- und nagelfest ist, bevor die gesamte Sippschaft von Gianni Schicchi in die Flucht geschlagen wird.

 

[16] Durch die geöffnete Balkontür treten nun Rinuccio und Lauretta in inniger Umarmung ins Zimmer. Gerührt betrachtet Gianni Schicchi das traute Paar. Dann wendet er sich ans Publikum. Wegen Testamentsfälschung sei er in die Hölle verbannt worden, aber verdiene er mit der Erlaubnis des großen Dante nicht mildernde Umstände, da er das Ganze zu einem guten Ende geführt und das Publikum auf Beste unterhalten habe?

 

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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