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8.660128 - ROSSINI: Signor Bruschino (Il)
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Gioachino Rossini (1792-1868)

Gioachino Rossini (1792-1868)

Il Signor Bruschino

 

Geboren 1792 in Pesaro als Sohn eines Hornisten und einer Sopranistin, machte Rossini bereits in jungem Alter Bekanntschaft mit dem Theater, sowohl als Instrumentalist als auch als Sänger. Seinen ersten Erfolg als Opernkomponist hatte er 1810 mit La cambiale del matrimonio (Der Ehetausch), der ersten von fünf komischen Opern für das Teatro San Moisè in Venedig. Il Signor Bruschino ist der letzte dieser Einakter und weist stilistisch bereits auf spätere Werke voraus.

 

Innerhalb weniger Jahre machte sich Rossini in Italien mit einer Reihe von Buffo- und Seria-Opern einen Namen. Auch im Ausland wurde er schnell berühmt: 1822 erschien er persönlich in Wien zu einer Serie von Aufführungen seiner Opern. Im folgenden Jahr wurde seine Semiramide im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt. Danach verließ er Italien, um seine Karriere als Opernkomponist im Ausland fortzusetzen. Inzwischen mit der Sopranistin Isabella Colbrán verheiratet, deren illustre Karriere sich dem Ende zuneigte, ging er nach Paris – in die Stadt, für die er fortan seine Bühnenwerke komponieren sollte. Den Beginn machte Il viaggio a Reims (Die Reise nach Reims) für das Théâtre Italien, gefolgt von Bearbeitungen von zwei früheren Werken für die Opéra, danach Il Comte Ory (Graf Ory) und schließlich 1829 die große vieraktige Oper Guillaume Tell (Wilhelm Tell). Es gab sogar Verhandlungen über eine Oper nach Goethes Faust, aber das Ende der Bourbonenherrschaft und die Sparpläne der neuen Regierung unter dem Bürgerkönig Louis-Philippe verhinderten weitere Aufträge, und für die Dauer von sechs Jahren musste Rossini sogar um die ihm zugesicherte jährliche Pension kämpfen. Physich und psychisch erschöpft von den Strapazen einer unvergleichlich erfolgreichen Karriere (mit der Komposition von 39 Opern in weniger als zwanzig Jahren), die ihn in musikalischen Kreisen zu einer geradezu vergötterten Persönlichkeit gemacht hatte, fasste Rossini den für einen erst 37-Jährigen unglaublichen Entschluss, seine Opernkarriere zu beenden. Er lebte fortan abwechselnd in Paris und in Bologna und heiratete nach dem Tod von Isabella Colbrán, von der er 1837 geschieden worden war, seine langjährige Geliebte Olympe Pélissier.

 

In der Folgezeit betätigte sich Rossini auf musikalischem Gebiet u.a. als „consulente onorario” des Bologneser Liceo Musicale. Im Revolutionsjahr 1848 siedelte er nach Florenz über, bevor er sich 1855 endgültig in Frankreich niederließ. Dort bezog er eine Stadtwohnung in Paris und ein Landhaus in Passy und beschäftigte sich in seinen letzten Lebensjahren neben seinen kulinarischen Aktivitäten als Gastgeber berühmter Zeitgenossen und mit der Komposition kleinerer Stücke, die er selbst als „péchés de viellesse” (Alterssünden) bezeichnete. Trotz neuer Strömungen im Bereich der Opernkomposition war sein Lebenswerk gesichert, seine historische Reputation unbestritten. Nachfolgende Generationen erlebten fast ausschließlich Aufführungen seiner Buffa-Opern. So ist z.B. Il barbiere di Sivigla (Der Barbier von Sevilla) aus dem Repertoire der Opernhäuser nicht mehr wegzudenken. Erst in jüngerer Zeit sind auch seine Werke aus der Gattung der Opera seria erneut in den Blickpunkt des Interesses gerückt.

 

Das Libretto von Il Signor Bruschino, einer ‚farsa giocosa’ in einem Akt, basiert auf dem französischen Schauspiel Le fils par hazard, ou Ruse et folie von Alissan de Chazet und E.-T. Maurice Ourry. Der Verfasser war Giuseppe Maria Foppa, ein vielseitiger Autor, der Komponisten mit einigen hundert Libretti versorgte. Für Rossini schrieb er die Texte für drei der damals in Venedig populären ‚farse giocose’ und für das im Teatro La Fenice uraufgeführte ‚dramma’ Sigismondo.

 

Die Handlung

 

[1] Die Oper beginnt mit einer (vor allem aus dem Konzertsaal bekannten) spritzigen Ouvertüre; sie erhält ihren besonderen Akzent durch das rhythmische Klopfen der Geigenbögen gegen die Notenpulte. [2] Der Schauplatz des einzigen Akts ist ein ebenerdiges Zimmer eines Landhauses mit angrenzendem Garten. Florville, der Sofia liebt, trifft sich im Garten mit deren Zofe Marianna. Sie versichert ihm, dass sich sein Schicksal bald entscheiden werde. Als Sofia aus dem Haus tritt, besingen die beiden das Glück ihres Zusammenseins. [3] Gaudenzio Strappapuppole, Sofias Vormund, war mit Florvilles Vater verfeindet. Obwohl letzterer inzwischen verstorben ist, warnt Sofia ihren Geliebten vor allzu großen Hoffnungen, da sie dem Sohn eines gewissen Signor Bruschino versprochen ist, den sie – ebenso wie Gaudenzio selbst – jedoch noch nie gesehen hat. Sofort schmiedet Florville einen Plan, in den er Sofia jedoch nicht einweihen kann, da Marianna jemanden kommen hört. Es ist der Gastwirt Filiberto, der im Selbstgespräch das Geld erwähnt, das ihm Signor Bruschino schuldet. Als er Florville gewahrt, fragt er ihn, ob er zum Haus gehöre, worauf Florville entgegnet, er sei Signor Gaudenzios Verwalter. Filiberto teilt ihm mit, dass ein junger Mann namens Bruschino, der einen an Gicht leidenden Vater habe, sich drei Tage lang in seinem Gasthaus aufgehalten, aber seine Rechnung von vierhundert Franken nicht beglichen habe. Man halte ihn deshalb dort fest, bis er seine Schulden bezahlt habe. Der junge Mann habe ihm einen Brief mitgegeben, den Gaudenzio an seinen Vater weiterleiten solle. Florville stellt sich als Vetter des jungen Bruschino vor und scheint darauf bedacht zu sein, die Geschichte vor Gaudenzio geheim zu halten. [4] Er erklärt sich bereit, einen Teil der Schulden des jungen Mannes zu übernehmen, knüpft daran aber die Bedingung, dass jener weiterhin festgehalten werde. Filiberto übergibt Florville den besagten Brief und geht ab. [5] Florville will sich nun selbst als Bruschino junior ausgeben.

 

[6] Gaudenzio empfindet Genugtuung über seinen Plan: [7] er hat für Sofia eine gute Partie gefunden, und Florville geht leer aus. Da bringt Marianna einen Brief, den ihr Florville gegeben hat, und den Gaudenzio nun liest. Offensichtlich stammt er vom alten Bruschino, der ihn warnt, dass sein Sohn sich als Nichtsnutz aufgeführt habe, und dass Gaudenzio ihn festnehmen lassen solle. Da Gaudenzio ihm noch nie begegnet sei, lege er eine Beschreibung gewisser Merkmale bei, an denen man den jungen Mann erkennen könne. Gaudenzio schickt seine Diener los, um den vermeintlichen Bruschino anhand des „Steckbriefs“ zu ergreifen. Marianna nimmt er das Versprechen ab, Sofia nichts zu erzählen, was sie gehört habe. Kurz darauf bringen die Diener Florville herein, den sie anhand der falschen Beschreibung als den jungen Bruschino identifiziert haben. Florville gibt vor, der Gesuchte zu sein und übergibt in vorgetäuschter Reue Gaudenzio den Brief des jungen Bruschino an seinen Vater – den Brief, den er, wie er Marianna zuflüstert, von Filiberto erhalten habe. Gaudenzio versichert dem Dankbarkeit Heuchelnden, dass sein Vater ihm verzeihen werde. Danach begibt er sich mit Marianna und den Dienern ins Haus.

 

Im selben Augenblick erscheint der gichtgeplagte alte Bruschino. Von Gaudenzio erfährt er, dass sein Sohn im Haus in Gewahrsam sei. Die Diener werden heibeigerufen, um ihn zu holen. Bruschino solle dem Jungen verzeihen, schließlich sei man selbst einmal jung gewesen. [8] Florville wird hereingebracht und beobachtet, von den Anderen zunächst unbemerkt, die Szene. Danach ermutigt ihn Gaudenzio, seinen vermeintlichen Vater um Verzeihung zu bitten. Als Florville Bruschino als Vater anspricht, wird er von ihm schroff zurückgewiesen, was Gaudenzio als unnatürliche, allzu nachtragende Reaktion empfindet. Florville kniet vor Bruschino, der aber bleibt unerbittlich, geplagt gleichermaßen von der peinlichen Situation wie von einem neuerlichen Gichtanfall. Man beschließt, die Angelegenheit von der Polizei klären zu lassen.

 

[9] Sofia allein, dann Bruschino, der bereit ist, Gaudenzio einen Streich zu spielen, da er sich von ihm übertölpelt fühlt. Sofia zeiht Bruschino der Grausamkeit gegenüber seinem eigenen Sohn und stellt sich selbst als dessen versprochene Braut vor. [10] Inständig bittet sie darum, den Mann zu heiraten, dem ihr Herz gehört, wobei sie sich der Situation durchaus bewusst ist.

 

[11] Nachdem sie gegangen ist, kommt Bruschino in Begleitung eines Polizisten zurück. Man habe von ihm verlangt, so klagt er, jemanden als seinen Sohn zu akzeptieren, der plötzlich aus den Wolken gefallen sei, doch der Polizist will sich zu der Sache nicht äußern, denn er hat den Beweis des Briefs des jungen Bruschino. Gaudenzio und Florville kommen herein, ersterer mit dem Brief, den er von Florville erhalten hat – ein weiterer Beweis für dessen vermeintliche Identität. Bruschino ist rasend, aber ein Vergleich der beiden Briefe erlaubt keinen Zweifel. [12] Bruschino ist ratlos, er fühlt sich von allen guten Geistern verlassen. Der Offizier fordert ihn auf, seinen vermeintlichen Sohn zu akzeptieren: Als er gehen will, hält Sofia ihn zurück und bittet ihn noch einmal, seine harte Haltung aufzugeben. [13] Bruschino ist im Begriff zu gehen, als Filiberto die Szene betritt. Für Bruschino kommt er wie gerufen, weniger aber für Sofia und Florville. Filiberto erklärt, dass der junge Bruschino sich in seinem Gasthaus befinde und dass er gekommen sei, um sein Geld von Florville zu erhalten, der sich ihm gegenüber als ein Bruschino vorgestellt habe. Der alte Bruschino ist außer sich. In großer Verwirrung gehen alle außer Filiberto ab, der noch immer auf sein Geld wartet. Als Bruschino hinzutritt, verlangt er seine zweihundert Franken. Bruschino entgegnet, er solle doch den anderen Bruschino, Florville, fragen, doch Filiberto versichert ihm, dass der junge Bruschino im Gasthaus eingesperrt sei, dass der hiesige junge Mann dessen Vetter sei und dass der ihm geraten habe, ihn dort festzuhalten. Bruschino fordert ihn auf, seinen Sohn unverzüglich zu holen.

 

[14] Gaudenzio glaubt, die Erklärung für Bruschinos Verhalten gefunden zu haben. Als Sofia erscheint, fragt er sie nach ihren Heiratsplänen, und als sie sich als die vollkommene Unschuld präsentiert, [15] schildert er ihr die Freuden einer Liebesheirat und bereitet sie auf ihren Zukünftigen vor. [16] Inzwischen beginnt Bruschino die Situation zu begreifen; allerdings wüsste er gern, wer Florville in Wahrheit ist. Er tritt beiseite, als Florville erscheint, der nun seine wahre Identität als Sohn von Gaudenzios Feind zu erkennen gibt. Bruschino triumphiert: er ist entschlossen zu handeln, bevor Filiberto zurückkommt.

 

[17] Bruschino, von Gaudenzio zur Besinnung aufgefordert, gibt vor, seinen Fehler eingesehen zu haben. Als Florville kommt, umarmt er ihn als seinen Sohn und nimmt Gaudenzio das Versprechen ab, keine Zeit zu verlieren und der Heirat des jungen Paars zuzustimmen. In diesem Augenblick meldet Marianna Filiberto, der berichtet, dass er den Vetter Florvilles mitgebracht habe, da die Schulden beglichen seien. Florville ist, ebenso wie Gaudenzio, verblüfft, als er von Filiberto erfährt, dass der junge Mann seinen Vater, Signor Bruschino, begrüßen möchte. Voller Reue erscheint nun, Entschuldigungen stammelnd, der junge Bruschino. Filiberto erklärt Gaudenzio, dass der junge Mann Signor Bruschinos Sohn ist und der andere dessen Vetter. Nun ist es an Bruschino, Florvilles wahre Identität als Sohn des Senators Florville, Gaudenzios Feind, zu enthüllen. Die jungen Leute bitten um Verzeihung, und Gaudenzio bleibt nichts anderes übrig, als in die Heirat Sofias mit Florville einzustimmen.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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