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8.660152-54 - WAGNER, R.: Tristan und Isolde
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Richard Wagner (1813–1883)
Tristan und Isolde

Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig als Sohn des Polizeiamtsaktuars Karl Friedrich Wagner und seiner Frau Johanna geboren. Bis heute ist allerdings das Gerücht nicht verstummt, er sei in Wahrheit der Sohn des Portraitmalers, Schauspielers und Dichters Ludwig Geyer (1779-1821) gewesen, den Johanna Wagner im August 1814 heiratete, nachdem ihr Ehemann ein halbes Jahr nach Richards Geburt verstorben war. Wagners Erziehung war nicht gerade ebenmäßig. Nach der Wiederverheiratung seiner Mutter zog die Familie nach Dresden, wo der Knabe dem Zauber Carl Maria von Webers und seiner Oper Der Freischütz erlag, dem ersten musikalischen Bühnenwerk der deutschen Romantik. Nach dem Tode des Stiefvaters kehrte man wieder nach Leipzig zurück, wo Richard nun besonders von seinem Onkel Adolf Wagner profitierte, einem ungemein belesenen Gelehrten, der sich in der griechischen Tragödie ebenso auskannte wie bei den italienischen Klassikern, den Werken Shakespeares und natürlich in der deutschen Literatur. In Leipzig vertiefte Richard Wagner sein wachsendes musikalisches Interesse, das durch Konzerte des berühmten Gewandhausorchesters und Beethovens Fidelio, den er 1829 mit Wilhelmine Schröder-Devrient in der Titelrolle hörte, besonders entfacht wurde. Er lieh sich Bücher aus der Musikbibliothek von Friedrich Wieck, Robert Schumanns späterem Lehrer und Schwiegervater, und er nahm privaten Musikunterricht bei Christian Theodor Weinlig, dem damaligen Nachfolger von Johann Sebastian Bach, der hundert Jahre früher als Thomaskantor in Leipzig gewirkt hatte.

Wagners weitere Laufbahn verlief äußerst turbulent. Sein Einkommen entsprach nie seinem Ehrgeiz, und er war unablässig von seiner Suche nach neuen musikalischen Formen getrieben – nach jener „Zukunftsmusik”, die sich besonders in einer synästhetischen Verbindung aller Künste niederschlug. Zunächst arbeitete er als Dirigent an dem quasi provinziellen Theater von Magdeburg. Er ging nach Königsberg, wo er am 24. November 1836 die Sängerin Minna Planer heiratete, und schließlich kam er im Sommer 1837 nach Riga. Von dort musste er ein Jahr später vor seinen Gläubigern nach England und weiter nach Frankreich fliehen, wo er vergeblich um Erfolg rang. Anerkennung fand er schließlich in seiner sächsischen Heimat: Am 20. Oktober 1842 wurde die Uraufführung seiner großen Oper Rienzi in Dresden zu einem wahren Triumph. Einige Monate später – kurz nach der Premiere des Fliegenden Holländers – wurde Richard Wagner Königlich Sächsischer Hofkapellmeister. Sein ungeschicktes Eintreten für die Ideen der Revolution zwang ihn 1849 zur Flucht aus Sachsen. Zunächst ging er zu Liszt nach Weimar, dann weiter in die Schweiz.

Weitere Probleme ergaben sich infolge seines politisch verdächtigen Verhaltens, durch seine stets aufmerksamen Gläubiger und durch seinen egoistischen Umgang mit Frauen und Gönnern. Erleichterung verschaffte ihm seit 1864 der bayerische König Ludwig II., der ihn nach München berief und für all seine Schulden aufkam. Seine Liaison mit Liszts Tochter Cosima, der Frau des bayerischen Hofdirigenten Hans von Bülow, und seine Unbeliebtheit in München zwangen ihn erneut ins Schweizer Exil. Der Unterstützung Ludwigs II. war schließlich auch die Gründung und der Erfolg der Bayreuther Festspiele zu verdanken, wo fortan einzig seine Werke aufgeführt wurden. Die ersten Festspiele fanden 1876 statt, das finanzielle Resultat bestand allerdings in einem erheblichen Defizit.

Richard Wagner starb am 13. Februar 1883 in Venedig. Im Laufe seines Lebens hatten sich an seiner Person und seinem Schaffen fanatische Hingabe und ebenso fanatischer Hass entzündet – und beides war mit seinem Tode nicht vorbei. Seine hauptsächliche Leistung besteht in der Komposition gewaltiger, meisterhafter Bühnenwerke wie des epischen Zyklus Der Ring des Nibelungen sowie in der Erweiterung der traditionellen Harmonik und der musikalischen Bauprinzipien.

In seinem musikalischen Drama Tristan und Isolde hat Richard Wagner eine alte Legende transformiert. Als direkte Vorlage diente ihm dabei das große Versepos, das der Dichter Gottfried von Straßburg (ca. 1200/1220) in Anlehnung an den Roman de la rose verfasste. Wagners Werk trägt gewisse autobiographische Züge. Drei Jahre nachdem Wagner 1849 ins schweizerische Exil gegangen war, hatte er den Kaufmann Otto Wesendonck und dessen Ehefrau Mathilde kennengelernt. Wesendonck war für den Komponisten, der andere immer wieder um finanzielle Unterstützung bitten musste, eine große materielle Hilfe. 1857 stellte er ihm ein Haus auf dem Grundstück der neuen Wesendonck-Villa am Stadtrand von Zürich zur Verfügung. Indessen war zwischen Wagner und Mathilde Wesendonck eine Liebesbeziehung entstanden, die der Komponist immer wieder glaubte erklären und rechtfertigen zu müssen – vor allem gegenüber seiner Frau Minna, nachdem diese einen in glühenden Worten verfassten Brief sowie die Bleistiftskizze des Vorspiels zu dem neuen Bühnenwerk abgefangen hatte. Mathilde hatte zuvor bereits die eben abgeschlossene Dichtung Tristan und Isolde erhalten und begeistert darauf reagiert. Minna war wütend und suchte die Auseinandersetzung mit Mathilde, deren Ehemann schon von der Beziehung wusste, diese aber geduldig tolerierte und Wagner auch weiterhin unterstützte. Wagner glaubte, dass man nach Minnas Aktion nicht mehr in Wesendoncks Gartenhaus, seinem „Asyl”, wie er sagte, würde bleiben können. Er schickte Minna zur Kur nach Brestenberg, derweil er selbst im August 1858 den „Grünen Hügel” in Richtung Venedig verließ, wo er an der Musik zu seinem neuen Drama weiterarbeitete. Im nächsten Jahr fand er dann in Luzern die geeigneten Bedingungen, um die Partitur abzuschließen. Tristan und Isolde wurde erst 1865 in München uraufgeführt, wohin der damals erst 19jährige König Ludwig II. Wagner berufen hatte. Zwei Monate vor der Premiere brachte Cosima die Tochter Isolde zur Welt, das erste der Kinder, die sie mit Wagner hatte. (1857 hatte Liszts jüngere Tochter noch einen Teil ihrer Flitterwochen mit ihrem Ehemann Hans von Bülow bei den Wagners verbracht.)

Die Uraufführung von Tristan und Isolde unter der Leitung von Hans von Bülow wurde unterschiedlich aufgenommen. Während die einen mit größter Begeisterung reagierten, fanden andere das Werk anstößig und unverständlich. Dabei hat die für diese Partitur so typische Chromatik, die beispielsweise in dem berühmten „Tristan-Akkord” im zweiten Takt des Vorspiels und an andern Stellen zu hören ist und als Schlüsselereignis für die weitere musikalische Entwicklung angesehen wird, durchaus ihre Vorläufer bei verschiedenen älteren Komponisten. Die aufsteigende chromatische Linie, die im zweiten und dritten Takt des Vorspiels erklingt, soll, wie es heißt, aus Hans von Bülows Oper Nirwana herrühren. Die Partitur verwendet Leitmotive, Phrasen und Figuren, die sich auf die verschiedenen dramatischen Elemente des Werkes beziehen, dabei aber in ihrem Bezug oft abstrakter sind als die deutlich konkreteren Assoziationen, die man in einigen früheren Werken von Wagner findet. Die Musik durchzieht tatsächlich die Sehnsucht nach einer Liebe, die sich nur in einem frühen Tod erfüllt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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