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8.660158-59 - SCHOENBERG: Moses und Aron
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Arnold Schönberg (1874-1951)
Moses und Aron

 

„Vor ihren Ohren wirst du Wunder tun“

Wie viele jüdische Künstler sah sich auch Arnold Schönberg angesichts des zunehmenden Antisemitismus im Deutschland und Österreich der zwanziger und dreißiger Jahre zu einer Klärung seines Verhältnisses zum Judentum veranlasst. Im Sommer 1921 hatte ein anonymes Schreiben den damals 46jährigen Komponisten aufgefordert, seinen Urlaubsort Mattsee zu verlassen – eine Drohung, die sich in der systematischen Zerstörung seiner Stellung im Musikleben und seiner Vertreibung ins amerikanische Exil vollenden sollte. Diese Zäsur markiert auch den Beginn seiner Beschäftigung mit der Moses-Thematik, die seit 1922 nachzuweisen ist. Er selbst trat 1933 wieder in die mosaische Glaubensgemeinschaft ein, von der er sich 1898 zugunsten des Lutherischen Bekenntnisses abgewandt hatte.

Die in diesen Jahren des Umbruchs von 1928 bis 1932 entstandene Oper Moses und Aron blieb unvollendet: Von drei geplanten Akten (I. Berufung, II. Das goldene Kalb, III. Arons Tod) wurden die ersten beiden komponiert, vom dritten existieren lediglich mehrere unabgeschlossene Textentwürfe Schönbergs, der hier – wie schon bei dem ›Drama mit Musik‹ Die glückliche Hand und dem Oratorium Die Jakobsleiter – sein eigener Librettist war. Dennoch gilt sie als das „fragmentarische Hauptwerk“ des Komponisten. Diese Stellung kommt der Oper nicht nur auf Grund der Tatsache zu, dass sie seine umfangreichste Partitur ist, sondern auch, weil sie den Höhepunkt seines Umgangs mit der „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“ darstellt. Schönberg selbst äußerte nicht ohne Stolz: „Ich konnte sogar eine ganze Oper, Moses und Aron, auf einer einzigen Reihe basieren lassen.“ (Komposition mit zwölf Tönen)

Das Prinzip der integralen musikalischen Konstruktion, die Tatsache, dass alle musikalischen Gestalten der Oper aus ein und derselben Grundreihe generiert sind, bedingt ihre sehr spezifische Dramaturgie. Sie bezieht ihre Figuren und Motive aus dem biblischen Buch Exodus, dem Gründungsmythos des jüdischen Volkes, vermeidet jedoch geradezu programmatisch eine Darstellung des Antagonismus, der diese Erzählung strukturiert: die Befreiung von Gottes auserwähltem Volk aus seiner Knechtung durch die ägyptischen Götzenanbeter. Ein Vergleich mit anderen zeitgenössischen Adaptationen macht dies deutlich. Zu erinnern ist an Paul Dessaus Oratorium Haggadah (1936) nach einem Text von Max Brod und an Kurt Weills Weg der Verheißung (Text von Franz Werfel, 1934/35, 1937 in New York uraufgeführt als The Eternal Road). Diese Werke zeigen im Bild der ägyptischen Knechtschaft ein Gleichnis für die beispiellose Unterdrückung und Verfolgung der Juden in Hitler-Deutschland. In der Erinnerung an den biblischen Aufbruch ins Land der Verheißung suchen sie Hoffnung für die Gegenwart. Schönberg hingegen blendet das „Drama“ des Exodus und mit ihm das Verhältnis der Juden zu den Unterdrückern aus. Diese Themen, sowie deren realpolitische Implikationen hat Schönberg in dem Schauspiel Der biblische Weg (1922- 27) gesondert bearbeitet. In der Oper sind die internen Differenzen zwischen Moses, Aron und dem Volk Gegenstand der Darstellung. Zugunsten einer religionsphilosophischen Fragestellung wird von jedem unmittelbaren Bezug auf die historische Gegenwart abstrahiert.

„Titelheld“ dieses Ideendramas ist das ungleiche Brüderpaar Moses und Aron. Deren Auseinandersetzung artikuliert die zugleich notwendige und unmögliche Vermittlung des Gedankens vom „einzigen, ewigen und unvorstellbaren Gott“, dem kein Bild gerecht werden kann. Dabei entspringt die Tragik Moses’ seinem Absolutheitsanspruch im Denken des Gedankens einerseits und dem Auftrag zur Vermittlung, die für ihn durch genau diesen Absolutheitsanspruch unmöglich wird, andererseits. Der Chor der „Kinder Israels“ leistet – als dritter Protagonist der Oper – eine Darstellung von Massenverhalten. Einzelne Figuren, die als Solistenquartett von Zeit zu Zeit aus der Masse hervortreten, treten nicht als Individuen in Erscheinung, sondern verleihen – neben weiteren kleineren Solopartien – den verschiedenen Stimmungen im Volk Ausdruck. Dadurch dass dieses Volk dem Wandel verschiedener Meinungsbildungsprozesse unterworfen ist, wird eine ihm innewohnende eigene Dynamik freigesetzt.

Die Position, die Aron als Interpret und Kommunikator zwischen Moses und dem Volk einnimmt, wird oft als die eines demagogischen Agitators abqualifiziert. Tatsächlich ist er ein Vermittler, der Moses’ Gedanken teilt und zugleich um die Bedürfnisse des Volkes nach konkreten Bildern weiß. Die Stimme aus dem Dornbusch, die Moses in der ersten Szene der Oper ankündigt „vor ihren Ohren wirst du Wunder tun“, definiert die Beglaubigungswunder – Moses’ Stab, der zur Schlange wird, seine von Aussatz gezeichnete und wieder geheilte Hand, die Verwandlung von Wasser in Blut – nicht als eine Form von Magie, sondern zielt auf das Wunder der sprachlichen Vermittlung, auf das – in Schönbergs Terminologie – „gesprochene Wunder“, das Moses „ungelenke Zunge“ nicht wirken kann. Arons Sprachvermögen ist die Fähigkeit, Metaphern zu finden und zu interpretieren. Er ist in der Lage, die Menschen mit Denkbildern zu erreichen und ihnen zu ermöglichen, sich in einem bestimmten biblischen Bild selbst zu erkennen. Die vermittelnde Redegabe Arons und die göttlichen Wunderzeichen, die Moses’ Auftrag legitimieren sollen – zwei unterschiedliche Motive des biblischen Berichts – begreift Schönberg als identisch. In seinen Entwürfen expliziert er: „Aron wird zu ihren Augen sprechen: d.h. Aron wird ihnen Dinge in so beredter Sprache vor die Augen führen, daß sie glauben die Wunder zu sehen.“ Schönberg löst sich also deutlich von einer Nacherzählung der biblischen Geschichte; vielmehr legt er ihre Bilder in Arons Worten aus. Hiermit stellt er sich in eine spezifisch jüdische Tradition der Schrift-Exegese – ein Aspekt, der durch die offenkundige Selbstidentifikation des Komponisten mit der Gestalt des Moses oft übersehen wurde. „Vor ihren Ohren wirst du Wunder tun...“ – diese Formulierung birgt auch den Schlüssel zu Schönbergs vielfach angefochtener Entscheidung, Arons Beredsamkeit dem sinnlichen Klang einer lyrischdramatischen Tenorstimme zu übertragen und Moses’ „ungelenke Zunge“ in eine Sprechpartie zu bannen: „Gesang“ nicht als belcanteskes Schwelgen sondern als Metapher sprachlich luzider Vermittlung.

„Dass die Bedeutung der Ereignisse von ihrem biblischen Sinn völlig verschieden ist“, hat Fedele d’Amico präzise festgehalten: „Für die Bibel ist die Zuflucht Arons zum goldenen Kalb ein Rückfall in die Götzenanbetung, etwas, was sich als heidnische Vielgötterei dem mosaischen Monotheismus entgegenstellt. Für Schönbergs Aron ist das goldene Kalb einfach ein weiteres Symbol für denselben Gott Moses’, ein sichtbares Zeichen, unerlässlich für das Volk, um auf irgendeine Weise in Kontakt mit dessen unsichtbaren Sein zu kommen, und ihn, wenn auch in unvollkommenen und begrenzten Formen, fühlen und lieben zu können. [...] Für Moses hingegen ist jedes ›Zeichen‹ nur Herabwürdigung: und zwar nicht nur die Wunder und die materiellen Verheißungen sondern sogar die Gesetzestafeln, die er deshalb als triviale Materialisierung der göttlichen Ethik zerschlägt.“ (Berlin 1959) Die Gesetzestafeln und das Goldene Kalb: in der radikalen Interpretation Schönbergs sind diese – in Analogie zur kompositorischen Materialebene – nichts kategorial Verschiedenes: Emanationen ein und derselben abstrakten Grundreihe, als der ästhetischen Chiffre des unnennbaren göttlichen Namens. So gipfelt diese aufs Höchste sublimierte Partitur in einer Sequenz von einzigartiger illustrativer Suggestion: im Tanz ums goldene Kalb. Die Eskalation in diesem Bildersturm des zweiten Aktes scheint somit Teil des Problems des abstrakten ›Gottesgedankens‹ selber: Moses hat das Volk in den bilderlosen Raum der Wüste geführt. Die Wüste aber ist der Nicht-Ort der Fata Morgana und der Phantasmagorie, einer gleichsam wahnhaft-entfesselten Bilderproduktion.

In dem unauflösbaren Double Bind zwischen Moses und Aron, an dem alle Anläufe Schönbergs zur Bewältigung des dritten Aktes scheiterten, spiegelt sich die Frage nach Abwehr und Notwendigkeit, nach Chance und Scheitern vermittelnder Interpretation wider. Damit aber thematisiert die Oper die zentrale Frage, der sich jede Kunst, die interpretierend tätig ist, zu stellen hat – also ganz zentral auch die Theaterkunst Oper. Selten ist bei der Realisation einer Opernpartitur die Frage nach dem Selbstverständnis des eigenen Metiers so radikal betroffen wie hier.

Sergio Morabito

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Die Handlung

Erster Akt

Szene 1: Moses Berufung

[CD 1 / Track 1] Sechs Solostimmen singen im Orchester geheimnisvolle Akkorde, die das Göttliche darstellen sollen. Der Vorhang geht auf. Moses betet zu dem einen, ewigen, allgegenwärtigen und unvorstellbaren Gott. Die Stimme aus dem Brennenden Dornbusch (vier, später sechs Sänger) wird von den sechs Solostimmen im Orchester reflektiert: Sie befiehlt ihm, seine Schuhe auszuziehen, da der Ort, auf dem er steht, heiliges Land sei. Moses fleht den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs an, ihn nicht in die Rolle des Propheten zu zwingen; vielmehr möchte er ihm gewähren, seine Schafe in Frieden zu hüten. Die Stimme antwortet, dass er seinem Volk zur Freiheit verhelfen müsse. Moses zögert, doch die Stimme sagt, er habe – mit Gott vereinigt – sein Volk dem Pharao zu entreißen. Verzweifelt fragt Moses, wie er denn seine Mission beweisen könne, da ihm doch niemand glauben werde. Und er erfährt, dass er vor ihren Ohren Wunder vollbringen werde: Bei seinem Stab werden sie ihn hören und über sein Wissen staunen; an den Fluten des Nils werden sie erkennen, was ihnen ihr eigenes Blut befiehlt. Moses erhebt den Einwand, er habe eine schwere Zunge; denken könne er wohl, nicht aber reden. Darauf hört er, dass er in allem Gottes Stimme fühlen werde: Aron solle sein Sprachrohr sein und er ihm seine Worte in den Mund legen. Sein Volk sei von allen andern erwählt als Volk des einen Gottes, auserwählt, ihn zu erkennen und anzubeten. Moses erhält das Versprechen, dorthin zu kommen, wo er mit dem Ewigen vereint sein werde – ein Vorbild für sein Volk. Die Stimme sagt ihm, dass Aron sich nahe und die göttliche Botschaft erfahren müssen.

Szene 2: Moses begegnet Aron in der Wüste

[1/2] Aron kommt herbei, begrüßt seinen Bruder und weiß, welche Aufgabe vor ihm liegt. Während sich Moses darüber im klaren ist, dass sein Volk auserwählt wurde, den unsichtbaren, unvorstellbaren Gott anzuerkennen, drückt Aron sein Verstehen in greifbareren Bildern aus. Er fragt, wie es denn möglich sei, etwas zu verehren, das man sich nicht vorstellen könne. Gott bestraft die Sünden des Vaters an seinen Kindern und Kindeskindern und belohnt den Getreuen. Moses fordert seinen Bruder zu reinerem Denken auf: Die Rechtschaffenheit solle ihm Lohn an sich sein. Aron staunt, dass Gott ein so schwaches, unterdrücktes Volk erwählt hat, und betet darum, dass es aus den Fesseln des Pharao entlassen werde.

Szene 3: Moses und Aron verkünden dem Volk die Botschaft Gottes

[1/3] Ein junges Mädchen hat Aron auf seinem Weg zu Moses wie eine lodernde Flamme gesehen. Sie erzählt, wie er sich auf die Knie geworfen und sein Gesicht im Sand verborgen habe. Ein Jüngling weiß zu berichten, dass Aron wie eine Wolke aus Licht an seinem Haus vorübergegangen sei, die bald nicht mehr zu sehen war. Ein anderer Mann hatte ihn angerufen, aber keine Antwort erhalten; dann habe er gehört, dass ihm Gott befohlen habe, seinen Bruder in der Wüste aufzusuchen. Ein Priester erinnert daran, dass Moses einen Aufseher erschlagen habe und entflohen sei, was den Zorn des Pharao über sie gebracht habe. Ein Mann meint, Moses werde zu ihrem Schutz einen neuen Gott mitbringen; der Priester ist hingegen der Meinung, dass der alte Gott dafür gesorgt habe. Die Männer glauben, gegen den Pharao könne ihnen nur der neueste Gott helfen; andere widersprechen und fordern ein Blutopfer. Der Priester besteht auf der Verehrung der alten Götter, indessen sich das Volk in opponierende Gruppen spaltet. Das Mädchen glaubt, dass Moses sie befreien wird, und das Volk sieht Moses und Aron herbeikommen – in zunehmend aufgeregterer Stimmung.

Szene 4

[1/4] Das Volk will erfahren, ob Moses eine hoffnungsfrohe Botschaft des neuen Gottes habe, und ist begierig, Opfer zu bringen. Moses verkündet, dass der eine, ewige, allmächtige, allgegenwärtige, unsichtbare und unvorstellbare Gott nicht einen Teil, sondern sämtliche Opfer wolle. Aron kleidet die göttliche Forderung in eigene Worte und befiehlt dem Volk, anbetend niederzuknien. Man fragt, wer denn angebetet werden solle, wo doch nichts zu sehen sei, und ob dieser Gott zu lieben oder zu fürchten sei? Aron antwortet, sie sollten ihre Augen schließen und ihre Ohren verstopfen; so allein könnten sie sehen und hören, was kein anderer, der da lebt, zu sehen und hören vermag. Moses hat, während Aron sprach, im Hintergrund gestanden und tritt jetzt an seine Seite; Aron verheißt, dass die Rechtschaffenen Gott sehen werden. Das Mädchen, der Jüngling und der andere Mann sind durch die Menge nach vorn gekommen und erzählen von ihren eigenen Visionen, während der Priester der Meinung ist, dass man einen Mörder fürchten müsse. Das Volk verspottet Aron und will nichts mit dem unsichtbaren Gott zu tun haben, ob er nun zu lieben oder zu fürchten sei.

[1/5] Moses ist am Ende seiner Kraft; Aron hingegen tritt voller Wut zu ihm hin und nimmt ihm seinen Stab ab, schmettert diesen auf die Erde und verwandelt ihn so zu allgemeinem Entsetzen in eine Schlange. Als er die Schlange packt, wird sie wieder zu dem Stab, den er seinem Bruder zurückgibt. Das Volk bestaunt das Wunder: Möglicherweise ist Aron der Diener Moses’ und dieser der Diener seines Gottes. Das Mädchen, der Jüngling und der andere Mann sehen darin ein Zeichen, dass Moses sie befreien wird und sind bereit, ihm zu dienen. Der Priester glaubt, dieses Wunder werde den Pharao nicht überzeugen; Aron hingegen ruft dazu auf, dem Unterdrücker mutig entgegenzutreten. Er lenkt die Blicke auf Moses’ Hand, die stark und gesund ist. Moses legt sie auf sein Herz, und sie wird wie die Hand eines Aussätzigen. Das Volk weicht zurück. Aron bedeutet der Menge, es sei dies ein Zeichen ihres eigenen geistigen Zustands; Moses steckt die Hand dann in seinen Busen, und als er sie wieder hervorbringt, ist sie geheilt – ein zweites Wunder.

[1/6] Aufgrund dieser sichtbaren Zeichen beginnen die Menschen zu glauben. Es drängt sie, um ihre Freiheit zu kämpfen, die Aufseher und die ägyptischen Priester zu erschlagen und in die Wüste aufzubrechen. Der Priester weiß nicht, wie man in der Wildnis überleben soll; Moses verspricht die Reinheit der Gedanken. Aron erklärt den Leuten, sie seien wie die Kinder, würden aber größeres Wissen erlangen; in der Wüste werde Gott, der den Stab des Moses und seine aussätzige Hand verwandelt habe, für sie sorgen. Er zeigt ihnen ein Gefäß mit Nilwasser, das sich in Blut verwandelt hat – in ihr eigenes Blut, das sie in derselben Weise nähren werde wie der Nil das Land. Er verspricht dem Volk seine Freiheit in einem neuen Land, in dem Milch und Honig fließen, und er prophezeit das Schicksal des Pharao. Das erwählte Volk vereinigt sich zu einem Marsch, lobt den Gott, der stärker ist als die Götter Ägyptens und ist erpicht, das gelobte Land zu erreichen.

Zwischenspiel

[2/1] Vor dem Vorhang steht ein kleiner Chor. Dieser flüstert zunächst die Worte „Wo ist Moses?“ Denn dieser ist seit langem verschwunden. Auch fragt man sich, wo der unendliche Eine, sein Gott, sei. Moses ist seit vierzig Tagen nicht mehr bei seinem Volk, das befürchtet, er könnte vielleicht nie mehr zurückkommen.

Zweiter Akt

Szene 1

[2/2] Aron und die siebzig Ältesten vor dem Berg der Offenbarung

Die Ältesten und der Priester beschweren sich darüber, dass sie vierzig Tage auf das Gesetz warten mussten – eine verwirrende Vorstellung von einem unvorstellbaren Gott. Ihre Situation ist ärger als in Ägypten, die Gesetzlosigkeit nimmt zu. Aron versucht sie zu beruhigen, doch man hört wütende Rufe.

Szene 2

[2/3] Die Menge drängt heran und stößt Rufe gegen Moses und seinen Gott aus. Die Leute verlangen nach andern Göttern und scharen sich um Aron und die Ältesten. Diese bitten Aron, ihnen zu helfen. Aron wendet sich an das Volk und meint, Moses könne auf dem Gipfel des Berges von seinem Gott vielleicht vernichtet worden sein. Der Gedanke springt auf das Volk über. Die Ältesten bitten Aron erneut um Hilfe. Er ergreift wieder das Wort und verspricht bei allgemeinem Jubel, ihnen ihre Götter zurückzugeben. Er befiehlt, Gold herbeizubringen; sie sollen ihre alten Götter zurückbekommen.

Szene 3: Das Goldene Kalb und der Altar

[2/4] Nach Arons Worten bezeugt das Bildnis des Goldenen Kalbes, dass Gott in allem lebt, was da ist. Als Prinzip ist das Gold unveränderlich, wie alles andere scheinbar veränderlich; die Gestalt, die er dem Gold gegeben hat, sei von geringerer Bedeutung, und sie sollten sich selbst in dem Symbol verehren. Während er spricht, werden Kamele, Esel, Pferde, Träger und Karren mit Opfergaben von Gold, Getreide, Wein, Öl, Tieren usw. herbeigebracht. Die Gaben werden entladen und aufgehäuft. Man bereitet die Opferhandlung vor und schmückt die Opfertiere mit Girlanden. Die Tiere werden getötet, die Fleischstücke in die Menge geworfen. Die Leute kämpfen darum oder verschlingen sie roh. Man bringt Kochkessel herbei, die aufs Feuer gesetzt werden, und bringt Brandopfer dar. Es gibt einen Tanz der Schlächter. Eine kranke Frau berührt das Goldene Kalb und ist geheilt. Das Fleisch wird in den Kesseln gekocht bzw. über dem Feuer gebraten; es gibt Wein und Öl, und die Opferung der Tiere geht weiter. Bettler reißen sich ihre Lumpen herunter, einige alte Männer bieten sich selbst als Opfer dar.

[2/5] Der Hufschlag von Pferden ist zu hören: Die Stammesführer und der Ephraimit reiten herbei. Sie steigen vor dem Goldenen Kalb ab und erweisen ihre Reverenz. Ein junger, fiebriger und halb verhungerter Mann will die Götzenanbeter angreifen, wird aber von dem Ephraimiten gepackt und von den Stammesführern getötet. Die Menschen machen sich gegenseitig Geschenke, betrinken sich, als Wein ausgegeben wird, und beginnen einen immer wilderen Tanz. Die Ältesten sehen eine Bedeutung in dem, was sie sehen, da die Sinne dem Geist Sinn geben.

[2/6] Vier nackte Jungfrauen kommen vor das Götzenbild; eine von ihnen ist das Mädchen von vorhin, die jetzt das Goldene Kalb anbetet. Sie bieten sich als Opfer an, werden von den Priestern getötet, ihre Todesschreie gellen; ihr Blut wird auf den Altar gegossen. Die Szene verwandelt sich in eine Orgie der Zerstörung; einige Menschen töten sich selbst, andere tanzen wild. Ein junger, nackter Mann packt ein Mädchen, streift ihr die Kleider herunter und trägt sie zum Altar. Andere Männer folgen seinem Beispiel, bevor sie davonstürmen. Die Szene beruhigt sich, man hört im Hintergrund Musik und Gesang zur Verherrlichung des Goldenen Kalbes. Die Feuer brennen herunter. Alles wird still.

Szene 4: Moses steigt vom Berg herab

[2/7] Im Hintergrund sieht man einen Mann auf einer Erhebung. Er schaut für einen Augenblick auf den Berg der Offenbarung, weckt dann die andern um ihn her und ruft. Das Volk versammelt sich. Moses erscheint und befiehlt dem Goldenen Kalb, zu weichen. Das Idol verschwindet, und das Volk geht ab. Moses und Aron bleiben allein.

Szene 5: Moses und Aron

[2/8] Moses will von Aron wissen, was er getan habe. Aron erklärt, er habe der innern Stimme gehorcht und dem Volk die Wunder verschafft, die es für seine Augen und Ohren gebraucht habe. Er habe geglaubt, dass Moses tot sei. Das Volk habe von Moses Recht und Gesetz erwartet, weshalb er, Aron, ihm beides in einer konkreten Form gegeben und es mit einem Bild versehen habe. Das Wort Moses’ hat das Bild zerstört, doch Aron behauptet, dass sein Wort ein Bild und Wunder brauche, damit das Volk es begreife. Moses antwortet, er trage die Tafeln mit Gottes Geboten bei sich, und reicht sie Aron; der Gedanke hat Macht über Worte und Bilder. Aron behauptet jedoch, er verstände das Volk und wisse um dessen Bedürfnisse; die Gesetzestafeln seien auch ein Bild, Teil einer Idee. Daraufhin zerschmettert Moses die steinernen Gesetzestafeln und bittet Gott, ihn von seiner Pflicht zu entbinden. Aron sieht seine Mission darin, die Ideen seines Bruders in einfachen Bildern zum Ausdruck zu bringen. Man sieht, wie die Menschen zu dem Hymnus des erwählten Volkes hinter einer Feuersäule hermarschieren. Aron schließt sich ihnen an. Während sie in der Ferne verschwinden, bleibt Moses allein und betet zu dem Gott, der über alle Vorstellungen und jeden Ausdruck hinausgeht. Seine Idee war selbst ein Bild. Er beklagt, dass ihm die Worte fehlen, und sinkt verzweifelt zu Boden.

In dem Textentwurf zu dem aus nur einer Szene bestehenden dritten Akt zeigt Schönberg Aron als Gefangenen vor Moses. Die beiden diskutieren den Vorrang des Gedankens über das Bild; wieder behauptet Aron, dass es notwendig sei, dem Volk Bilder in einer ihm verständlichen Sprache zu geben. Moses aber geht als Sieger aus dem Disput hervor. Aron wird freigelassen, bricht aber tot zusammen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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