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8.660185-86 - GLUCK: Orphee et Euridice
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Christoph Willibald Gluck (1714–1787)
Orphée et Euridice (1774 Paris Fassung)

Nachdem Glucks Orfeo 1762 erstmals veröffentlicht wurde, hat es drei signifikant sich voneinander unterscheidende Fassungen des Werkes gegeben. Die erste, italienische Fassung komponierte Gluck in Wien. Die zweite, französische Fassung revidierte und erweiterte Gluck dann 1774 für Paris, und bei der dritten Fassung handelt es sich um die von Glucks Bewunderer Hector Berlioz 1859 in Paris revidierte. Unter den vielen Unterschieden zwischen den verschiedenen Fassungen sticht vor allem die Wahl des Stimmtypus für die Rolle des Orpheus hervor: 1762 legte Gluck die Rolle für einen Kastraten an, 1774 schrieb er sie für Tenor um, und 1859 schrieb Berlioz die Rolle für eine weibliche Altstimme. Im letzten Jahrhundert konnte man in den Opernhäusern vor allem die Fassung von Berlioz hören, wenn auch zurückübersetzt ins Italienische. Und die Fassung von 1762, mit einem Counter-Tenor in der Titelrolle, ist erst in der jüngeren Vergangenheit allmählich wiederentdeckt worden. Der Pariser Fassung von 1774 aber, die im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert am beliebtesten war, widerfährt erst jetzt Gerechtigkeit.

Beim Hohen Tenor oder Haut-Contre handelte es sich um einen Stimmtypus, den französische Komponisten im achtzehnten Jahrhundert kultivierten und oft in Anspruch nahmen und den auch Gluck in dieser Version des Orphée in ganz bemerkenswerter Weise einsetzt. Die relativ tiefe Stimmung des Orchesters der Pariser Oper im achtzehnten Jahrhundert und seine offensichtliche Flexibilität ermöglichten dabei erst die hohe Tessitura des Tenors. Rousseau und andere haben darauf hingewiesen, dass das Opernorchester tatsächlich sogar seine Stimmung den jeweiligen Bedürfnissen der Solisten angepasst hat. Der historischen Aufführungspraxis verpflichtete Orchester spielen heute wieder in diesen tieferen Stimmungen (wir spielen mit A=392) und kommen so zu einer anderen, angenehmer gelegenen Klanglichkeit und Artikulation, mit der sie gerade diese Stimmlage begleiten können.

Abgesehen vom Umschreiben der Titelrolle für Tenor ergänzte Gluck die 1774er Fassung von Orphée et Euridice für die Pariser Bühne um einige neue Tänze und Arien. Das Flötensolo aus dem Ballet des Ombres Heureuses ist dabei sicherlich die bekannteste Ergänzung. Darüber hinaus überarbeitete und orchestrierte Gluck auch die Rezitative der Oper.

Unsere Aufnahme fußt auf der ersten Pariser Aufführung des Werkes vom 2. August 1774. Als Ergänzung zu den Fragmenten einer autographen Partitur zogen wir das Aufführungsmaterial des Pariser Debüts heran, das sich in der Bibliothèque National befindet und das neben der Dirigenten-Partitur auch die Chor- Partitur und das sogenannte Livret – das für das Publikum vorbereitete Textheft – umfasst. Jede dieser Quellen verglichen wir dann mit der Bärenreiter- Edition, die eine Art von Kompendium der verschiedenen Pariser Aufführungen im späten achtzehnten Jahrhundert darstellt. Die Dirigenten- Partitur erwies sich dabei nicht nur als sehr aufschlussreich, was interpretatorische Fragen anging, sondern deutete auch darauf hin, dass die Aufführung vom 2. August 1774 kürzer als nachfolgende Fassungen aus dem achtzehnten Jahrhundert war. So geht aus dem ursprünglichen Aufführungsmaterial beispielsweise hervor, dass am Ende des 1. Bildes des 1. Aktes das Rezitativ Eloignez-vous direkt auf die Pantomime folgt, die dann wiederum direkt in den Choeur weiterführt – ohne ein Ritournelle. Auch deutet das Material darauf hin, dass der mit der Titelpartie seinerzeit betraute Tenor, Jospeh Legros, offensichtlich nicht die Ariette L’espoir renait am Ende des 1. Aktes singen wollte. Legros war zwar für seine wunderschönen hohen Töne bekannt, anscheinend aber weniger für seine Agilität. Wir allerdings haben uns dazu entschlossen, diese Ariette beizubehalten, zumal Jean-Paul Fouchécourt sie mit Leichtigkeit bewältigt. Für das 2. Bild des 3. Aktes sieht es dann in der Dirigenten-Partitur so aus, als münde das Rezitativ von Amor, Orphée und Eurydice ohne zusätzliches Trio direkt in den Schlusschor, worant der Chor das Werk mit einem zusätzlichen Ballett be- schließt. So belegen diese Eintragungen einen recht unmittelbaren und dramatischen Schluss – zumindest innerhalb der im späten achtzehnten Jahrhundert in der Oper üblichen Konventionen. Die größte Abweichung von der herkömmlichen Handlung ist natürlich die, die im Inhalt des Livrets beschrieben wird. Dort heißt es: „Um diese Fabel für unsere Bühne zu adaptieren, war es notwendig, die Katastrophe abzuändern und jene Episode zu ergänzen, in der Mann und Frau durch die Liebe wiedervereint werden.“

Schon bald nach dem Debüt von 1774 wurden für andere Pariser Aufführungen weitere Tänze ergänzt, wobei Gluck die meisten dieser Tänze aus seinen früheren Werken rekrutierte. 1776 wurde Orphée et Euridice vom legendären Jean-Georges Noverre choreographiert. Für unsere öffentliche Aufführung der Oper haben wir die Choreographin Catherine Turocy von der New York Baroque Dance Company gewinnen können und dem Werk ein Schluss-Ballett, beziehungsweise ein Divertissement angefügt.

Und so sind wir stolz, mit dieser Aufnahme die 1774er Fassung des Orphée mit einem mit den wichtigen Partien der französischen Oper im achtzehnten Jahrhundert vertrauten Tenor in der Hauptrolle präsentieren zu können und hoffen, dass es uns gelingt, neues Leben in Glucks großartige Umsetzung eines Mythos zu hauchen, der nun schon über viele Jahrhunderte hinweg von so zentraler Bedeutung für unsere kollektive Imagination ist.

Ryan Brown
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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