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8.660196-97 - SACCHINI: Oedipe a Colone
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Antonio Sacchini (1730–1786)
Oedipe à Colone

Antonio Sacchini wurde in Florenz als Sohn eines Kochs geboren, der im Gefolge des Infanten Don Carlos nach Neapel ging. Der Knabe kam mit vier Jahren dorthin und wurde als Zehnjähriger am Conservatorio S. Maria di Loreto Schüler von Francesco Durante. Fra Donato, sein erstes Intermezzo, wurde 1756 am Konservatorium erfolgreich aufgeführt, und noch im selben Jahr folgte ein zweites Werk dieser Gattung, mit dem er sich einen Namen am Orte machte. 1758 übertrug ihm das Konservatorium die unbesoldete Position eines maestro di cappella straordinario (“außerordentlicher Kapellmeister”). 1761 wurde er secondo maestro (“Vize-Kapellmeister”), und in diesem Jahr kam auch Andromaca, seine erste Oper für das Teatro San Carlo, auf die Bühne. Im folgenden Jahr ging Sacchini zunächst nach Venedig und dann nach Padua, wo er mit neuen Opern immer größere Erfolge errang, die es ihm schließlich erlaubten, seine Posten in Neapel aufzugeben. 1768 wurde er zum Direktor des venezianischen Conservatorio dell’Ospedaletto ernannt, wo er sich auch als Gesangslehrer einen Namen machte (Nancy Storace, Mozarts erste Susanna, gehörte zu seinen Schülern). Aufgrund seines immer größeren internationalen Ansehens konnte er auch in Stuttgart und München eigene Opern inszenieren. 1772 übersiedelte er nach London, wo er während der nächsten zehn Jahre lebte. Charles Burney meinte, er sei zu lange in England geblieben, was seinem Ruhm und seinem Wohlstand geschadet habe: “Ersterer ward durch Kabalen versehrt ... letzterer durch Untätigkeit und Mangel an Sparsamkeit.” Tatsächlich geriet Sacchini in London in finanzielle Schwierigkeiten, obwohl er zunächst wiederum beträchtliche Erfolge hatte verzeichnen können. 1781 zog es ihn nach Paris, wo er zum Günstling der Königin wurde. Jedoch bekam er die Intrigen und den Widerstand des musikalischen Establishments zu spüren, und er geriet zwischen die Fronten der Gluckisten und Piccinnisten. Sacchini konnte es anscheinend keiner Seite recht machen. Dass er durch Marie Antoinette gefördert wurde, sorgte für weitere Vorurteile – denn Ihre Majestät bevorzugten bekanntermaßen ausländische Werke. Sacchini versuchte die Ansprüche des französischen Geschmacks zu befriedigen und erlebte 1785 in Fontainebleau eine erfolgreiche Inszenierung seiner Oper Dardanus. 1786 wollte die Königin eigentlich Oedipe à Colone geben lassen, doch diese Aufführung kam nicht zustande – womöglich, weil Sacchini im Oktober desselben Jahres verstorben war. Die neue Oper, die als Sacchinis Meisterwerk gilt, erlebte ihre Premiere schließlich 1787 an der Opéra, die sie viele Jahre im Repertoire behielt. Während seiner rund dreißigjährigen Laufbahn war Sacchini sehr berühmt gewesen, insonderheit als Komponist italienischer opere serie. Der allmähliche Verlust seines Ansehens ist sicher zum Teil auf den Niedergang einer Form zurückzuführen, in der er Glänzendes geleistet hatte. Besonders bemerkenswert zeigt sich sein Können in Oedipe à Colone, einem Werk, das die rivalisierenden Strömungen der zeitgenössischen Oper im strukturellen Rahmen eines französischen Dramas vereint.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac
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Kommentar zu Oper

Historische Juwelen werden heute allenthalben ausgegraben, da ist die Wiederbelebung eines Werkes mit einer Erfolgsgeschichte wie Sacchinis Oedipe à Colone schon eine Besonderheit. Zwischen 1787 und 1830 wurde die Oper an der Pariser Opéra regelmäßig aufgeführt – mit einer Wiederbelegung 1843 –, fiel aber danach nahezu der Vergessenheit anheim. Es gibt nicht sehr viele Opern nach den drei Oedipus-Stücken von Sophokles; deren zweites, Oedipe à Colone, erfuhr nur eine Hand voll Vertonungen. Doch der Plot dieser Oper fand beim Pariser Publikum viele Jahre lang großen Anklang und vermag auch heute noch anzusprechen. Die Erstausgabe der Partitur, erschienen 1787 kurz nach dem Tod des Komponisten, und die zweite Edition, wohl kurz nach 1800 herausgekommen, sind in Bezug auf das musikalische Material und seine Anordnung identisch. Eine im späteren 19. Jahrhundert publizierte Vokalpartitur und das Pariser Aufführungsmaterial ähneln den ersten beiden Ausgaben. Jedoch lassen die Stimmen die Vermutung zu, dass mitunter vieles vom Divertissement im 1. Akt und die Chaconne am Ende der Oper weggelassen oder durch Tänze ersetzt wurde. Das exquisite Trio aus dem 3. Akt hingegen erlebte eine ganz eigene Aufführungsgeschichte, wie die vielen verschiedenen Vokal- und Orchesterstimmen in der Opéra zeigen.

Die Opera Lafayette hat für diese Aufnahme eine eigene Fassung auf Basis der zweiten Ausgabe geschaffen. Diese zweite Edition ist klarer als die erste, hat viele der Druckfehler der ersten bereinigt und enthält ein breiteres Spektrum an Ausdrucksanweisungen. Neben den erwähnten Schnitten gibt es kleinere Änderungen, die sich im Verlaufe der 583 Aufführungen ergeben haben; sie spiegeln sich in den Stimmen wieder. Obwohl wir sie im Allgemeinen nicht in unsere Aufführung übernommen haben, sind einige doch interessant genug, um kurz erwähnt zu werden. Die Aufführungsmaterialien enthalten zum Beispiel Trompetenund Posaunenstimmen für die Ouvertüre, den choeur des soldats, und die letzte große Szene des 1. Aktes wie auch für Oedipes Halluzinationen in Rezitativ und Arie des 2. Aktes. Im Blick auf die Änderungen im Libretto ist es reizvoll zu spekulieren, warum Guillard die peuple téméraire und ses cris factieux beschreibenden vorrevolutionären Formulierungen erst in späteren Quellen durch harmlosere ersetzt hat und nicht schon in der zweiten Ausgabe. Unsere einzige Abweichung vom Text der zweiten Ausgabe besteht darin, dass wir Polyneikes Fier ennemi singen lassen, wie es späteres Aufführungsmaterial nahe legt, und nicht Faible ennemi wie bei Guillard, weil wir meinen, dass dies eine wirkungsvollere Evokation seines Bruders, des Usurpators Eteokles, ist.

Hector Berlioz war ein scharfsinniger Kritiker des Werkes, über das er 1843 schrieb. Er war von Oedipe à Colone begeistert und gab sehr genau an, welche Teile der Oper er für inspiriert, ja sublim hielt. Sein Lob für eine bestimmte Modulation oder die geschickte Orchestrierung einer Passage steht immer in engem Bezug zu der betreffenden Textstelle. Er betont, dass die recht zurückhaltende Orchestrierung den Vorzug hat, niemals die Worte zu verdecken: … mérite réel pour un opéra quand les paroles sont dignes d’être entendues (Eine bedeutende Qualität für eine Oper, deren Worte des Zuhörens wert sind). Berlioz kann dem Vergnügen nicht widerstehen, die kompletten Worte der 3. Szene des 3. Aktes zu zitieren, die folgendermaßen beginnen:

Qui? Moi!, que j’applaudisse à ton zèle inhumain! (Wer, ich? Ich sollte Ihren schrecklichen Enthusiasmus billigen!) Diese Zeilen hat Sacchini tatsächlich in besonders dramatischer und bewundernswerter Weise vertont. Die kraftvolle rhetorische Freiheit und der zarte Lyrismus, die François Loup als Oedipe diesen Passagen angedeihen lässt, tragen dem Genius des Komponisten vollkommen Rechnung.

Die Oper besticht zum Teil auch durch ihre ausgedehnten begleiteten Rezitative sowie das Fließen und die Vielfalt der Formen, die stets den Vorgaben des Dramas folgen. Die Art und Weise, wie Sacchini inmitten einer Melodie den Charakter völlig ändert – so in Filles du Styx im 2. Akt – ist wunderbar. Erfindungsreich und kraftvoll geschrieben sind auch die dramatischen Dialoge zwischen Einzelnen und Chor – sie lassen vermuten, dass die Oper nicht nur musikalisch, sondern auch visuell ein Ereignis war. Unsere Einspielung resultiert aus einer konzertanten Aufführung und ergänzenden Aufnahmen. Wir hoffen, dass Oedipe bald eine moderne Inszenierung erfährt. Sacchini vermochte es wie der von ihm so bewunderte Gluck, sich die französische Sprache und Oper auf außergewöhnlich authentische Weise anzueignen. So konnte er am Ende seines Lebens ein Werk von erstaunlicher Originalität schaffen, das 43 Jahre in den Herzen des Pariser Musikpublikums lebendig blieb. Man hätte ihm gewünscht, dies noch selbst zu erleben.

Ryan Brown
Deutsche Fassung: Thomas Theise
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Die Handlung
[1/1] Die Oper beginnt mit einer Ouvertüre in Sonatenform.

Erster Akt
Szene 1

[1/2] Theseus, der König von Athen und Kolonos, verspricht Polynikes, einem der beiden Söhne des Oedipus, ihm zur Herrschaft über Theben zu verhelfen, die ihm rechtmäßig zusteht. Außerdem will er ihm seine Tochter Heryphile zur Frau geben.

[1/3] Polynikes lobt Heryphiles Schönheit; er erwartet, dass ihm des Theseus Beistand Kraft im Kampf gegen seinen Zwillingsbruder Eteokles geben wird, den er herausfordert.

Szene 2

[1/4] Theseus teilt dem Volk von Kolonos und Athen mit, dass er Polynikes zu seinem Schwiegersohn und Freund erkoren habe. Die Soldaten geloben ihrerseits, Theben zu erobern, und ein Herold fordert sie auf, Polynikes zu folgen.

Szene 3

[1/5] Die Frauen wünschen Heryphile eine glückliche
Ehe.

[1/6] Sie tanzen zur Feier der bevorstehenden Hochzeit.

[1/7] Eine Athenerin bedauert, dass Heryphile weggehen wird, meint aber, dass sie ihre neuen Untertanen mit ihrer Schönheit bezwingen werde.

[1/8] Die Frauen tanzen erneut den festlichen Tanz.

[1/9] Heryphile äußert ihre Trauer über den Abschied und gelobt ihre dauernde Freundschaft.

Szene 4

[1/10] Theseus fordert Polynikes auf, er solle mit ihm in den Tempel gehen, auf dass die Töchter des Styx ihre Schwüre billigen. Polynikes ist nicht wohl dabei, doch Theseus drängt ihn, den Segen der Götter zu erbitten. Heryphile bemerkt Polynikes’ Unbehagen. Dieser gibt zu, dass er gesündigt habe, als er seinen Vater in die Verbannung schickte. Theseus will wissen, was aus Oedipus geworden ist, doch Polynikes kann es nicht sagen: Seit ihm sein Bruder Eteokles den thebanischen Thron verweigert hat, ist er selbst ein Verbannter; er hat seine Tat bereut und schließlich am Hofe des Theseus und in der Tugend Heryphiles eine Bleibe gefunden.

[1/11] Theseus versichert ihn, dass Reue zur Entsühnung führe, und Heryphile sagt ihm, dass er seinen Vater sehen und Vergebung erlangen werde. Alle bitten gemeinsam um die Gnade der Schutzgöttinnen sowie um eine glückliche Ehe und um Frieden.

Szene 5

[1/12] Der Hohepriester und das Volk fallen in einen Bittgesang ein – ein Gebet des Theseus und des Polynikes zur Beschwichtigung der Göttinnen. Zur allgemeinen Bestürzung meldet der Hohepriester deren Missfallen.

Zweiter Akt
Szene 1

[1/13] Polynikes ist inzwischen allein und beklagt seine Lage. Seine Untertanen haben ihn verraten, sein Vater hat ihn verflucht – der Schrecken des Himmels und der Erde. Er wollte wohl seinen Vater besänftigen, der ihm sicherlich vergeben würde. In diesem Augenblick sieht er Oedipus kommen, anscheinend in Begleitung einer Sklavin.

Szene 2

[1/14] Oedipus tritt näher, blind und schwach, und wird von seiner Tochter Antigone geführt. Er meint, dass all sein Ungemach über sie komme, doch sie macht ihm Mut: Die Götter lenkten seine Schritte. Er aber wettert gegen seine treulosen Söhne, gegen den grausamen Polynikes. Sie versucht ihn auf andere Gedanken zu bringen, Oedipus jedoch meint, der Tod sei ihm nahe, und bedauert, was die Tochter um seinetwillen leiden muss. Antigone versetzt, ihr Glück sei darin begründet, ihm zu dienen.

[1/15] Oedipus ist für den Moment getröstet und fragt Antigone, wo sie seien. In der Nähe eines alten Tempels, sagt sie, doch er sieht sofort die rachsüchtigen Eumeniden mit ihren zischenden Schlangen vor sich; hier war’s, wo er den eignen Vater Laios erschlug. Er sieht seine tote Gemahlin und Mutter Iokaste; seine Augen hatte er sich ausgestochen, um, von allen verstoßen, allein und elend umherzuziehen. Er bittet die Eumeniden, ihn zu sich zu holen, während Antigone sie um Gnade anfleht. Oedipus wähnt Polynikes in seiner Nähe und befiehlt ihm, zu verschwinden. Endlich erkennt er seine Tochter Antigone wieder, die jemanden kommen hört.

Szene 3

[1/16] Das Volk naht und will herausfinden, welcher Sterbliche den heiligen Ort entweiht hat, während andere den Fremden beschuldigen, den Zorn der Götter über sie gebracht zu haben. Einer tritt vor und fragt den alten Mann, warum er einen Ort betreten habe, der den Furien heilig sei. Antigone antwortet, dass der Alte mit ihr auf der Suche nach einer Bleibe versehentlich die Übertretung begangen habe. Bei der Befragung stellt sich heraus, dass es sich um Oedipus handelt, den Feind der Menschen und Götter, den man sofort vertreiben muss.

Szene 4

[1/17] Theseus erscheint und tritt dazwischen, als das Volk Oedipus wegschaffen will. Er bietet dem Mann seine Hilfe. Antigone freut sich über diesen Akt der Barmherzigkeit, durch den ihrem Vater ein Ort des Friedens geschenkt wird.

Dritter Akt
Szene 1

[2/1] Während Oedipus und Theseus zusammen sind, spricht Polynikes mit Antigone: Er fürchtet um den Vater, denn das Volk von Kolonos leidet unter der Pest und will die Stadt dadurch reinigen, dass Oedipus geopfert wird. Antigone erinnert daran, dass Theseus ihn beschützen will, doch Polynikes hat Angst vor dem Volk.

[2/2] Oedipus werde, so sagt Antigone, von Alter und Gram niedergedrückt; sie werde ihm auch weiterhin dienen und ihn so gut schützen, wie sie nur kann.

[2/3] Polynikes bereut seine Sünde und macht sich erbötig, auf Thron und Braut zu verzichten, wenn er damit seine Schuld sühnen und seinem Vater dienen könne. Seine Schwester verspricht, sich für ihn zu verwenden. Polynikes sieht, wie Theseus und Oedipus herbeikommen.

Szene 2

[2/4] Theseus bietet Oedipus seine ständige Unterstützung an und will mit seinen unzufriedenen Untertanen reden. Von Antigone erwartet er eine Antwort auf seine Bitte.

Szene 3

[2/5] Oedipus fragt, was Theseus von ihr wolle. Er spürt die Nähe von Polynikes und sieht darin ein Zeichen für Antigones Verrat. Polynikes bittet seinen Vater, ihm, den der Bruder und Thronräuber Eteokles vertrieben hat, Gehör zu schenken. Er sucht die Hilfe des Vaters, um Theben zurückzuerobern und Oedipus wieder einzusetzen. Oedipus verstößt beide Söhne; er hat nur Platz für seine Tochter Antigone.

[2/6] Oedipus ruft die Rache der Götter auf Polynikes und Eteokles herab, denen er wünscht, sie mögen vor den Mauern Thebens sterben. Polynikes beteuert seine Reue und will mit dem Tod bestraft werden. Antigone verwendet sich für den gramgebeugten Bruder.

[2/7] Oedipus erklärt, nur die Götter könnten sagen, ob Polynikes es ehrlich meine; er akzeptiert die Reue seines Sohnes und umarmt beide Kinder.

[2/8] Oedipus ist voller Freude, dass sein Sohn zu ihm zurückgekehrt ist; nicht minder erfreut sind seine Kinder Polynikes und Antigone.

Szene 4

[2/9] Der Hohepriester verkündet nun, dass der Zorn der Götter besänftigt sei und es kein Hindernis mehr für die Heirat von Polynikes und Heryphile gebe. Polynikes bittet den Vater um seinen Segen, nachdem ihn seine Braut zur Reue bewegt hatte. Auch Theseus und Heryphiles wünschen sich für alle den Segen des Oedipus, der am Ende Frieden gefunden hat. Die Pest hat das Land verlassen.

[2/10] Das Volk feiert in einem Schlusstanz.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Die Libretto mit englischen übersetzungen sind online unter http://www.naxos.com/libretti/oedipeacolone.htm


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