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8.660205-06 - MEYERBEER: Semiramide
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Giacomo Meyerbeer (1791-1864)
Semiramide

 

Wenn man gegenüber einem Opernfreund von heute den Namen Semiramide erwähnt, wird der sofort an eine Partitur denken, und zwar diejenige von Rossini. Ende des 18. Jahrhunderts war das ganz anders. Damals erinnerte man sich an ein Libretto – an das Textbuch von Metastasio.

Damals hatte man noch nicht die Vorstellung von einem festen Opernrepertoire, das Jahr für Jahr auf den Bühnen der Welt aufgeführt wird. Dafür gab es einen Vorrat an erfolgreichen Libretti, die im Laufe der Jahrzehnte von verschiedenen Komponisten immer wieder vertont wurden. Der einflussreichste Librettist der Zeit war Pietro Metastasio (1698–1782), dessen bekannteste Werke (von Didone abbandonata bis zu L’Olimpiade, von Artaserse bis La clemenza di Tito) Dutzende Komponisten bis ins 19. Jahrhundert hinein, weit über den Tod des Dichters hinaus, vertonten. Oft wurden dabei die Arientexte verändert und die musikalischen Strukturen modernisiert, um Platz für immer mehr Ensemblestücke zu bieten, die in den Originalen des frühen 18. Jahrhunderts fast gänzlich fehlten; von gelegentlichen Strichen abgesehen, blieben die Rezitative ebenso intakt wie die Handlung der Oper mit ihren kunstvollen dialektischen Beziehungen, die Metastasio durch seine Dialoge zwischen den Charakteren schuf und die die einzelnen Arien voneinander trennen.

Das Libretto der Semiramide entstand 1729 und wurde im 18. Jahrhundert rund vierzig Mal vertont, bevor es am Ende des Jahrhunderts durch Voltaires beliebte Tragödie Sémiramis (1748) überflügelt wurde. Diese handelt von den letzten Stunden und nicht – wie bei Metastasio – von den glorreichen Augenblicken im Leben der assyrischen Königin. Rossinis Oper beruht auf Voltaire, unterscheidet sich also deutlich von früheren Versionen Hasses, Vivaldis, Glucks oder Salieris, die allesamt nach Metastasios Libretto entstanden.

Genau vier Jahre vor der Uraufführung der Rossinischen Semiramide arbeitete 1819 ein junger deutscher Komponist, der über die Alpen gezogen war, um die Feinheiten der italienischen Oper zu studieren, an einem Werk, das schließlich die letzte Vertonung des inzwischen neunzig Jahre alten Librettos von Metastasio werden sollte. Giacomo Meyerbeer hieß dieser junge Mann, dem es bestimmt war, einer der bekanntesten Komponisten des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiete der großen französischen Oper zu werden. Damals stand er freilich noch am Beginn seiner Laufbahn, war aber angeblich so reich, dass er den Opernhäusern seine Werke kostenfrei zur Verfügung stellen konnte.

In Turin dominierte damals, im Jahre 1819, derselbe politische Geist der Restauration wie auf dem gesamten europäischen Festland. Eben erst war der Wiener Kongress in dem Bemühen zu Ende gegangen, im postnapoleonischen Europa ein neues Machtgleichgewicht herzustellen. Infolgedessen konnten etliche gestürzte Herrscherfamilien auf ihren jeweiligen Thron zurückkehren. Dass man im Zuge dieser Bemühungen wieder die Werke Metastasios inszenierte, der viele Jahre als Kaiserlicher Hofdichter in Wien gewirkt hatte, war die künstlerische Reflexion das damaligen politischen Konservatismus, der so tat, als habe es die Französische Revolution nie gegeben. In Turin fanden denn auch während der nächsten Jahre eine Reihe bedeutender Metastasio-Wiederaufführungen statt: 1824 gab es eine Produktion des Demetrio mit der Musik von Simon Mayr, und Vincenzo Bellini erinnerte sich, dass die „Turiner Libretti von einem gewissen Grafen stammen, dessen Namen ich zwar nicht kenne, der sich aber für Mercadante an den Werken Metastasios – Didone oder Ezio beispielsweise – zu schaffen macht.“ Bei diesem Librettisten Mercadantes handelte es sich um Graf Lodovico Piossasco Feys, und trotz des Fehlens historischer Dokumente ist anzunehmen, dass er es war, der für Meyerbeer die Semiramide lieferte – und nicht, wie heutige Enzyklopädien behaupten, Gaëtano Rossi.

Feys spielte hier also genau dieselbe Rolle wie etwa Caterino Mazzolà, der seinerzeit für Mozart Metastasios Clemenza di Tito eingerichtet hatte. Als Leonardo Vinci und Nicola Porpora im Jahre 1729 die beiden ersten Semiramiden schufen, bestand die Oper aus rund dreißig Arien, die von langen Dialogen unterbrochen wurden. Zu Meyerbeers Zeit musste man die Soloarien durch Duette und Ensembles (mit Chor) ergänzen – jene dienten der musikalischen Konfrontation der Protagonisten, diese zur Bezeichnung der Schlüsselszenen, wozu besonders die Einleitung und das Finale des ersten Aktes gehörten, die traditionellerweise die zwei längsten und komplexesten Abschnitte der Opernpartitur waren. Die langen Rezitative Metastasios mussten also auf ein Minimum reduziert und die ursprünglichen Arien durch solche ersetzt werden, die dem neuen Trend entsprachen; außerdem galt es, geeignete Stellen zu finden, an denen sich Ensemblenummern und Chorpartien einfügen ließen.

Im Verlaufe dieser Arbeit entstand eine Oper, die sich nach klassischem Muster in geschlossene Nummern gliedert. Getrennt werden diese durch secco- Rezitative, mithin solche, die lediglich vom Cembalo und nicht vom Orchester begleitet werden; fast alle musikalischen Nummern werden jedoch von unterschiedlich langen Rezitativen eingeleitet, deren Begleitung den Streichern obliegt. Der Chor hat keine selbständige Nummer, spielt aber in allen Ensemblestücken und vielen Arien des Werkes eine Rolle. (Der Chor besteht, nebenbei bemerkt, nur aus Männerstimmen, wie es damals in vielen italienischen Opernhäusern immer noch der Brauch war.)

Es gibt drei Hauptrollen: die assyrische Königin Semiramis (Sopran; durchweg als Mann verkleidet, da sie sich als ihr Sohn Nino ausgibt); der indische Prinz Scitalce (eine Hosenrolle für Alt; Scitalce war einst der Liebhaber der Semiramis und wirbt jetzt um die baktrische Prinzessin Tamiri); sowie der skythische Prinz Ircano (Tenor; ein weiterer Bewerber um die Hand Tamiris). Dazu kommen drei Nebenrollen: der ägyptische Prinz Mirteo (Bass; Semiramis’ jüngerer Bruder, der Tamiri gleichfalls liebt); Tamiri selbst (Sopran; verliebt in Scitalce); und Sibari (Tenor; Semiramis’ Vertrauter und heimlich in diese verliebt).

Die Hauptrollen sind durch eine große stimmliche Virtuosität gekennzeichnet, da sie für drei der fähigsten Sänger(innen) der Zeit geschrieben waren: für Carolina Bassi, Adelaide Dalmani Naldi und Claudio Bonoldi. Alle hatten große Erfahrungen mit Rossinis Repertoire und waren für ihre dunkel getönten Stimmen bekannt. Bonoldi war in der Hauptsache Bariton, während die Bassi gleichermaßen Alt und Sopran sang. Was Meyerbeer für sie komponierte, ist in der Hauptsache eine Mezzo-Partie, die nur im Rondo-Finale höhere Töne (Spitzen-A und -B) enthält – dort nämlich, wo die Figur ihre männliche Verkleidung ablegt und sich als Frau zu erkennen gibt. Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Beziehung zu der zweiten weiblichen Hauptdarstellerin (traditionellerweise ein Mezzo-Alt), die die Hosenrolle des Scitalce gibt: Über lange Strecken wird das Publikum optisch und akustisch in dem Glauben gelassen, man habe hier eine Oper mit zwei Hosenrollen vor sich. Die beiden Partien sind einander stimmlich ähnlich, und in den beiden Duetten verdeutlicht Meyerbeer ihre Austauschbarkeit: Während im ersten Semiramis die höhere Linie singt, ist diese im zweiten Scitalce zugedacht.

Zwar erzählt Meyerbeers Semiramide eine ganz andere Geschichte als die gleichnamige Oper von Rossini; unter stilistischen Gesichtspunkten ist es aber eher möglich, diese beiden Werke miteinander zu vergleichen als etwa die Otellos von Rossini und Verdi. Beide Partituren charakterisiert jene Art von Schwülstigkeit, wie ihn das Sujet und die königlichen Gestalten erfordern, die hier Szene für Szene auftreten. Diese Großartigkeit zeigt sich sowohl in der überspannten musikalischen Sprache der Protagonisten, die durch die Virtuosität des Vokalsatzes noch erhöht wird, als auch durch die puren Abmessungen der Nummern, die hier wie dort mit dem ungewöhnlich dimensionierten ersten Finale einen Höhepunkt erreichen.

Betrachten wir nun aber die ersten Szenen beider Werke, so finden wir Ähnlichkeiten im Übermaß. Als der Librettist Gaëtano Rossi 1822 mit Rossini in dessen Landhaus vor den Toren Bolognas am Libretto der neuen Semiramide arbeitete, beschrieb er seinem Freunde Meyerbeer in einem Brief den Fortgang der Arbeit. Unter anderem heißt es: „Ich habe eine Introduktion à la Meyerbeer geschrieben: selbst die Colbran [Isabella Colbran, die die Titelrolle sang] tritt in der Introduktion auf: Es ist eine imposante, pomphafte Szene.“ Dass sich Rossi hier auf Meyerbeers Introduktion bezieht, scheint auf etliche Gemeinsamkeiten hinzuweisen – vom dramatischen Material bis zur formalen Gestaltung: Beide Opern beginnen mit einer grandiosen Hofszene, in der verschiedene königliche Gestalten benachbarter Länder auftreten und um die Hand einer königlichen Braut anhalten; dieser Auftritt wird durch ein übernatürliches Ereignis unterbrochen (in Gestalt von Donner und Blitz), das jedermann in Panik versetzt; hier wie dort gibt es zudem, wie aus dem oben zitierten Briefe Rossis hervorgeht, die ungewöhnliche Situation, dass der zentrale Charakter des Werkes schon am Anfang auf der Bühne erscheint. Die sonst an dieser Stelle übliche Cavatine wird in beiden Opern aufgeschoben und muss in beiden Fällen als Charakterstück bezeichnet werden: die Canzonetta con variazioni bei Meyerbeer und das ganz ähnliche „Bel raggio lusinghier“ bei Rossini.

Als Semiramide am 30. Januar 1819 am Turiner Teatro Regio herauskam, war sie kein großer Erfolg. Enthusiastischer als die italienische Presse reagierten die deutschen Blätter, in denen es gute Besprechungen gab. Meyerbeer widmete seine Partitur Carolina Bassi und machte sie ihr zum Geschenk, nachdem er mit ihrer Interpretation offensichtlich besonders glücklich gewesen war. In den nächsten Jahren wurde die Oper in Bologna und Senigallia inszeniert. Jetzt hieß sie Semiramide riconosciuta, wobei einige Teile in Zusammenarbeit mit Rossi umgeschrieben worden waren. Die Musik dieser Revision ist jedoch restlos verschollen. Die Originalfassung hingegen hat in Gestalt einer zeitgenössischen Abschrift überlebt. Meyerbeers Autograph kam im Zweiten Weltkrieg in Berlin abhanden.

Nach den oben erwähnten Inszenierungen sind keine weiteren Aufführungen der Semiramide belegt. Ihre erste moderne Inszenierung erlebte sie im Juli 2005 beim Festival Rossini in Wildbad, wo auch die vorliegende Aufnahme entstand. Diese Fassung enthält eine Reihe von Strichen und Revisionen, die im Hinblick auf die stimmlichen Fähigkeiten der Sänger vorgenommen wurden.

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Die Handlung

Die Vorgeschichte

Semiramis, die Tochter des ägyptischen Königs Vessore, hat sich in den indischen Prinzen Scitalce verliebt, seit dieser unter dem falschen Namen Idreno an den Hof des Pharaos kam. Vessore verbietet den beiden die Heirat, worauf Semiramis mit Scitalce entfliehen will. Just in der Nacht der geplanten Flucht erhält Scitalce einen Brief seines angeblichen Freundes und tatsächlichen Rivalen Sibari, in dem dieser jenen darüber aufklärt, dass die Geliebte ihm untreu gewesen sei. Blind vor Eifersucht, sticht Scitalce Semiramis nieder. Sie treibt auf dem Nil davon.

Semiramis hat überlebt, wird aber fortan allenthalben für tot gehalten. Sie verlässt Ägypten und macht sich auf die lange, beschwerliche Reise nach Babylon, wo sie König Nino kennenlernt. Sie wird seine Frau und bringt ihm einen Sohn zur Welt, der gleichfalls Nino genannt wird. Nach dem Tode ihres Gemahls beschließt Semiramis, im Gewande eines Mannes die Macht zu übernehmen und sich selbst als Erbe des Throns auszugeben. Indessen wird ihr Sohn im Palast verborgen, in Weiberkleider gesteckt und zu einem Weichling ohne jeden Regierungswillen erzogen.

Derweil ist Semiramis’ jüngerer Bruder Mirteo am Hofe des baktrischen Königs Zoroastro aufgewachsen, wo er sich in Tamiri, die Tochter und Erbin des Königs, verliebt hat. Da Baktrien Babylon tributpflichtig ist, muss Tamiris Ehemann an Ninos Hof erwählt werden. Die Oper beginnt, nachdem die inzwischen im heiratsfähigen Alter befindliche Prinzessin in Babylon eingetroffen ist, wo Freier aus dem ganzen Orient darauf warten, um ihre Hand anzuhalten.

[CD 1 / Track 1] Ouvertüre

Erster Akt

[1/2] Schauplatz ist die Säulenhalle im Königspalast am Ufer des Euphrat. Auf einer Seite ein Thron, daneben eine Sitzgelegenheit für Tamiri. Auf dem Altar in der Mitte eine Statue des chaldäischen Gottes Baal. Man sieht eine große Brücke, Schiffe auf dem Fluss und ein Militärlager. Babylonische Priester und Magnaten versammeln sich; Sibari tritt auf, der einstige Vertraute der Semiramis, der diese insgeheim liebt, und schließlich erscheint auch die Königin selbst. Es ist der Tag, an dem für Tamiri ein Gemahl ausgewählt werden soll. Semiramis, von allen für ihren Sohn Nino gehalten, führt den Vorsitz, während man drei Prinzen vor sie führt.

[1/3] Reiter überqueren die Brücke, indessen die verschiedenen Garden einen Marsch spielen. Der Skythe Ircano, der Ägypter Mirteo und der Inder Scitalce verlassen ihre Schiffe.

[1/4] Semiramis und Scitalce, den Tamiri anscheinend zu ihrem Gemahl erkoren hat, erkennen einander wieder und erbleichen. Gewitterwolken verdüstern den Himmel und versetzen alle in Panik.

[1/5] Semiramis nutzt diese Gelegenheit, um die Wahl bis nach dem abendlichen Bankett zu verschieben. Nachdem die Gäste gegangen sind, ist sie mit Sibari allein, ihrem Vertrauten aus der ägyptischen Zeit, der ebenfalls an den Hof gekommen war, um sich unter die Edlen Babylons zu mischen. Beide erkennen einander. Semiramis bittet ihn, ihr Geheimnis nicht zu enthüllen und erzählt ihm von den tragischen Ereignissen, die sich fünfzehn Jahre früher zugetragen haben, als Idreno sie aus Gründen umzubringen versuchte, die herauszufinden ihr nie gelungen sei. Sibari weiß natürlich genau, was damals und warum es geschah und wartet jetzt auf die günstigste Gelegenheit, ihr seine wahren Gefühle zu enthüllen.

[1/6] Nach einem Szenenwechsel befinden wir uns im Freien. Man sieht die berühmten Hängenden Gärten der Stadt. Scitalce ist unglücklich: Er ist in der Hoffnung nach Babylon gekommen, mit Tamiri glücklich zu werden, doch jetzt hat die unerwartete Begegnung mit der totgeglaubten Geliebten die alten Wunden wieder aufgerissen.

[1/7] Sibari tritt hinzu, und beide erinnern sich der Jahre ihrer Freundschaft in Ägypten. Scitalce gesteht Sibari, in Nino Semiramis erkannt zu haben – die Geliebte, die er, nachdem er in einem Brief über ihre Untreue aufgeklärt worden war, glaubte getötet zu haben. Durch diesen Brief, den Scitalce noch immer besitzt, könnte Mirteo, Semiramis’ jüngerer Bruder, von Sibaris Verbrechen erfahren, weshalb dieser mit Scitalce übereinkommt, die jeweiligen Geheimnisse zu wahren.

[1/8] Endlich stehen Scitalce und Semiramis einander gegenüber. Es kommt zu einem erbitterten Wortwechsel.

[1/9] Allmählich gewinnen die wirklichen Gefühle der beiden die Vorherrschaft, ohne dass sie es wagten, diese offen einzugestehen.

[1/10] Inzwischen kursiert im Palast das Gerücht, Tamiri werde sich für Scitalce entscheiden …

[1/11] … worauf sich Mirteo und der Skythe Ircano verbünden, um den Widersacher zu bekämpfen.

[1/12] Doch auch Sibari hat einen Plan ausgeheckt, um Semiramis’ einstigen Liebhaber zu töten und ans Ziel seiner Wünsche zu kommen. Es wird Abend. In einem strahlend erleuchteten Saal wird das Bankett bereitet. Unbemerkt schüttet Sibari Gift in den Kelch, den der erwählte Freier leeren wird; inzwischen erscheint Ircano auf der Bühne und lässt der Eifersucht, die er gegenüber Scitalce fühlt, freien Lauf. Sibari beschwichtigt ihn, dabei seine eigenen Gefühle verbergend: Es werde nicht nötig sein, das Schwert zu schwingen – das Gift, das Scitalce schlucken werde, nachdem ihn Tamiri erwählt hat, sei genug.

[1/13] Der Saal füllt sich mit Höflingen. Das Fest beginnt mit einem Tanz und einem Lied der Semiramis auf die zukünftige Braut und ihren Bräutigam.

[1/14] Dann bittet sie Tamiri, ihrem Favoriten den Kelch zu reichen, und sie gibt ihn Scitalce. Dieser zögert, bevor er trinkt, weil er sehen will, wie Semiramis reagiert, und schließlich weist er die Ehre zurück, die ihm zuteil wurde. Alle sind bestürzt und verlangen eine Erklärung, Semiramis jedoch fordert Tamiri einfach auf, eine neue Wahl zu treffen, worauf diese den Kelch vor Ircano stellt. Dieser weiß nun aber, welch tödliches Gebräu darin enthalten ist, und schleudert das Gefäß auf den Boden mit der Begründung, er wolle sich nicht erniedrigen, eine Frau zu nehmen, die von einem Rivalen abgewiesen wurde.

[1/15] Diese Geste entfacht erneut den allgemeinen Zorn auf Scitalce, bis Tamiri erklärt, sie werde jeden zum Manne nehmen, der die ihr zugefügte Schmach rächen werde. Ircano bietet sich als ihr Kämpe an, derweil Semiramis für sich das Recht einer angemessenen Strafe beansprucht, da die Prinzessin unter ihrem Schutze stehe.

[1/16] Der Akt endet in einer angstvollen Stimmung, nachdem der Abend, der so fröhlich hätte sein sollen, diesen schrecklichen Ausgang genommen hat.

Zweiter Akt

[2/1] In einem Raum im Innern des Palastes gesteht Tamiri Mirteo, dass sie ihn zwar sehr schätze …

[2/2] … ihr Herz aber noch immer Scitalce gehöre.

[2/3] An anderer Stelle bietet Sibari Ircano an, bei der Entführung Tamiris zu helfen. Semiramis will herausfinden, ob Tamiri wirklich Scitalce liebt, beschließt dann aber mit diesem allein zu sprechen. Sie zeigt ihm erneut ihre Liebe.

[2/4] Scitalce aber bezichtigt sie wiederum des alten Verrats, ohne dass Semiramis wüsste, was er meint.

[2/5] An den Ufern des Euphrat hat Ircano seine Flotte versammelt, um die geplante Entführung auszuführen. Die skythischen Soldaten verlassen ihre Schiffe und greifen die assyrischen Wachen an, werden aber geschlagen. Dabei tritt Mirteo dem Empörer entgegen, besiegt und entwaffnet ihn.

[2/6] Ircano will seine Niederlage jedoch nicht eingestehen und schwört Rache, während man ihn ins Gefängnis bringt.

[2/7] Sibari tritt zu Mirteo und bedankt sich bei diesem für die rechtzeitige Warnung vor Ircanos Komplott. Dann erklärt er, Mirteo habe einen noch größeren Widersacher in Gestalt eines Mannes, der nicht nur Absichten auf Tamiri habe, sondern auch jener Verräter sei, der unter dem Namen Idreno vor fünfzehn Jahren die Schwester entführt und ermordet habe.

[2/8] In seiner Wut schwört Mirteo daraufhin, sich an Scitalce zu rächen.

[2/9] In ihren Gemächern gibt Semiramis Ircano den Befehl, Assyrien unverzüglich zu verlassen.

[2/10] Er weigert sich, solange man ihm nicht gestattet, Scitalce gegenüberzutreten.

[2/11] Auch Mirteo sucht Scitalce, doch Semiramis heißt ihn warten. Sie geht selbst ein weiteres Mal zu Scitalce – in der Hoffnung, Frieden und Liebe zu finden und ihm ihre Hand zu bieten. Doch er weist sie ohne Erklärung schroff zurück. Trotzdem befiehlt sie, ihn freizulassen.

[2/12] Mirteo entdeckt Scitalce und ist entschlossen, den Tod seiner Schwester zu rächen: Scitalce verspricht ihm Satisfaktion, weiß aber in seinem Herzen, dass eine unbekannte Angst die Stärke seines Geistes allmählich unterwandert.

[2/13] In einem zu diesem Zwecke bereiteten Amphitheater wird alles für das Duell hergerichtet, dass vor dem Volke Babylons stattfinden soll. Ircano bahnt sich einen Weg durch die Wachen und verlangt, gegen Scitalce kämpfen zu dürfen, um so Tamiris Hand zu gewinnen. Semiramis tadelt ihn, da er nicht, wie ihm geheißen, die Stadt verlassen hat, und will wissen, welches Recht er denn nach der Zurückweisung vom gestrigen Tage jetzt an der Prinzessin habe. Darauf erwidert Ircano, nicht Tamiri, sondern nur den vergifteten Kelch habe er wegstoßen wollen. Dabei verrät er Sibaris Rolle in dem Spiel. Semiramis verzichtet für den Moment auf ein Urteil. Vielmehr gibt sie den Befehl zum Beginn des Duells. Mirteo und Scitalce treten auf. Tamiri fleht Mirteo an, von dem Wettkampf abzustehen: Sie wolle keine Rache mehr für das, was ihr angetan wurde. Mirteo jedoch besteht auf dem Kampf, da es jetzt gilt, die Entführung und Ermordung seiner Schwester zu rächen. Scitalce gibt seine Schuld zu, zieht aber zur Verteidigung Sibaris Brief hervor, in dem dieser ihn seinerzeit warnte, Semiramis habe die gemeinsame Flucht nur als Falle für Scitalce geplant – er solle getötet werden, worauf sie frei für den Mann wäre, den sie wirklich liebte. Angesichts dieser dramatischen Wendung weiß Semiramis nicht, was tun: Sie fürchtet, dass Sibari reden und so ihr Geheimnis verraten könne. Deshalb befiehlt sie, diesen wegzuschaffen, doch alle anderen verlangen, dass er bleibe und rede. Sibari räumt ein, dass der Brief ein Lügengeflecht war.

[2/14] Bevor er jedoch seine Geschichte zu Ende bringen und Semiramis enttarnen kann, erhebt sich diese von ihrem Thron und gibt sich zu erkennen. Zum Besten Assyriens, so ruft sie der Menge zu, habe sie gehandelt, als sie an der Stelle ihres schwachen Sohnes regierte, der das Königreich ruiniert hätte. Sie selbst habe binnen weniger Jahre ihrem Lande Ruhm und Ehre gebracht.

[2/15] Sollten ihre Untertanen sie nicht als den bestmöglichen Herrscher akzeptieren, werde sie auf den Thron verzichten. Das Volk feiert sie als seine Königin. Semiramis umarmt den Bruder und den Geliebten, bevor sie den rachsüchtigen Ircano bittet, Sibari gegenüber Gnade walten zu lassen.

[2/16] Tamiri gewährt ihrerseits Mirteo ihre Hand, auf die dieser so lange gehofft hatte.

[2/17] Die Oper endet in allgemeinem Jubel.

Marco Beghelli
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Die Libretto sind online unter http://www.naxos.com/libretti/semiramide.htm


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