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8.660207-08 - ROSSINI: Le Comte Ory
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Gioachino Rossini (1792-1868)
Comte Ory — Sein und Schein in einer Welt der (Selbst-)Täuschungen und Verkleidungen

 

Als Gioachino Rossini, inzwischen ein anerkannter Künstler und wohl der berühmteste Komponist seiner Zeit, 1828 die Komposition des Comte Ory in Erwägung zog, hatte er sich gerade in Paris etabliert. Die Jahre seiner Erfolge in Italien lagen hinter ihm, der mehrjährige Vertrag mit Domenico Barbaja, dem einflussreichen Impresario des Teatro San Carlo in Neapel, war gelöst. Nachdem Rossini sich sowohl in der Form der opera seria als auch der opera buffa versucht und beide Formen zu neuen Höhepunkten geführt hatte, suchte er nach neuen Wegen.

Paris sollte ihm ein neues Wirkungsfeld bieten. Zur Zeit seiner Ankunft 1823 war Rossini dort bereits wohlbekannt: Viele seiner Opern waren im Théâtre Italien aufgeführt worden, wenn auch nur in Bruchstücken und verfälscht, so dass Stendhal, ein glühender Bewunderer Rossinis, dem Direktor Ferdinando Paër vorwarf, dessen Ruf in Frankreich sabotieren zu wollen. Nach ersten Verhandlungen über zukünftige Projekte in Paris reisten Rossini und seine Frau, die Sopranistin Isabella Colbran, zunächst jedoch nach London weiter. Am King‘s Theatre wurde eine Rossini-Saison organisiert, aber viele der Opern fielen durch.

Nach Paris zurückgekehrt, übernahm Rossini am 1. August 1824 dort die Leitung des Théâtre Italien. Seine vertraglichen Verpflichtungen umfassten neben der Einstudierung seiner eigenen italienischen Opern und der anderer italienischer Komponisten auch die Komposition neuer Werke — für das Théâtre Italien, aber auch für die Opéra. Rossini konzentrierte sich zuerst auf das Théâtre Italien, an dem er mit sorgfältig ausgewählten Sängern erstklassige Aufführungen seiner reifsten neapolitanischen Opern herausbrachte. Sein Ziel, französische Opern für die Académie Royale de la Musique zu komponieren, verlor er dabei nie aus den Augen. Im Oktober 1826 unterzeichnete er dann einen neuen Vertrag, der ihn von den Alltagspflichten am Théâtre Italien entband und ihm erlaubte, seine ganze Energie auf die Komposition neuer Werke für die Opéra zu konzentrieren. Die Stellung, die er sich in Paris erobert hatte, wurde dokumentiert durch das Ehrenamt eines Premier compositeur du roi und Inspecteur général de chant en France, das eigens für Rossini geschaffen worden war.

Bevor er sich jedoch an die Komposition einer französischen Oper wagte, befasste er sich eingehend mit den Feinheiten der französischen Deklamation und überarbeitete zwei seiner neapolitanischen Opern grundlegend: Maometto II wurde am 9. Oktober 1826 unter dem Titel Le siège de Corinthe in Paris aufgeführt, Mosé in Egitto am 26. März 1827 als Moise et Pharaon. Charakteristische Neuerungen resultierten aus Rossinis Experiment, den italienischen Stil mit den Traditionen der französischen tragédie lyrique und opéra comique zu einem homogenen Ganzen zu vereinen auf der Suche nach einer Form, die bestimmten dramatischen Situationen den ihnen gemäßen musikalischen Ausdruck verleihen sollte. Die extrem verzierte italienische Gesangslinie wird dem deklamatorischen französischen Vortragsstil angenähert unter Beibehaltung ihrer melodischen Ausdruckskraft, die Arien verlieren weiter an Bedeutung zugunsten größerer szenischer wie musikalischer Einheiten, in denen Solostimmen und Chor als gleichberechtigte Handlungsträger ineinander greifen. Die so erreichte Steigerung des dramatischen Ausdrucks, die ihren Höhepunkt in den tableaux vivants der späteren Grand opéra finden sollte, wird unterstützt und verstärkt durch Rossinis neue instrumentale und harmonische Behandlung des Orchestersatzes, die z.B. durch Klangfarben neuartige musikalische Charakterisierungen erlaubt, welche die Tonsprache der Romantik bereits ahnen lassen.

Ungeachtet der Kritik konservativer Musiker an der neuen Orchesterbehandlung, die vor allem den verstärkten Einsatz verschiedener Schlagzeuge und Blechbläser in mehreren Stimmungen als »Lärm« beanstandeten, fand dieser Stil in Paris großen Anklang: Die Erstaufführung von Le siège de Corinthe in der Salle Peletier, wohin die Opéra 1822 ihre Tätigkeit aus der Salle Favart verlegt hatte, wurde ein großer Erfolg. Vor allem die großartig entworfenen Akt-Finales begeisterten das Publikum, wie Léon Escudier schildert: »Der Saal saß wie versteinert während der Aufführung dieser Nummer, die ebenso neuartig in ihrer Form wie erhaben in der Idee war; nach den letzten Noten des Chores sprangen alle wie ein Mann auf und gaben ihrer Bewunderung mit einem langanhaltenden Aufschrei Ausdruck.«

Nach diesem Erfolg seines Experiments entschloss sich Rossini zur Komposition einer neuen Oper für Paris. Obwohl ihn der Tod seiner Mutter am 20. Februar 1827 zutiefst getroffen hatte, fiel seine Wahl nach langer Zeit erstmalig wieder auf einen komischen Stoff — Le Comte Ory nach einem Libretto von Eugène Scribe und Charles Gaspard Delestre-Poirson. Hier sah Rossini die Möglichkeit, etwa die Hälfte der Nummern seiner früheren Oper Il viaggio a Reims, die er 1825 anlässlich der Krönung des Bourbonen Charles X. komponiert hatte, verwerten zu können. Ungeachtet des Erfolges von Il viaggio erwartete er keine weitere Verbreitung der Oper, da die Handlung zu eng mit diesem historischen Ereignis verbunden war, und behielt deshalb nach einigen Aufführungen die Partitur ein. Auch Scribe und Delestre-Poirson konzipierten für Rossini keinen völlig neuen Text, sondern überarbeiteten ein von ihnen zehn Jahre zuvor verfasstes einaktiges Vaudeville, das am 16. Dezember 1816 im Pariser Théâtre du Vaudeville uraufgeführt worden war.

Die Abenteuer des Grafen Ory sind Thema einer mittelalterlichen Ballade aus der Picardie, die zusammen mit ihrer überlieferten Melodie erstmals 1785 in einer Bearbeitung von Pierre-Antoine de la Place im Druck erschien. Dort bedrängen Graf Ory und seine Männer Nonnen in einem Kloster. Der sichtbare Erfolg des Grafen und seiner Gefährten wird in deftigkomischer Manier, die an den Stil François Rabelais‘ erinnert, am Ende der Ballade durch den Hinweis auf den sich neun Monate nach dem Besuch des Grafen einstellenden Kindersegen der frommen Damen geschildert. Als Scribe und Delestre-Poirson diesen Stoff zum ersten Mal bearbeiteten, empfanden sie ihn denn doch als allzu prekär und entschärften ihn, indem sie die Nonnen zu Damen umfunktionierten, deren Gatten als Kreuzritter ins Heilige Land gezogen sind. Sie haben sich geschworen, bis zu deren Rückkehr jeglichen Kontakt mit Männern zu meiden und sich zu diesem Zweck im Schloss der jungen Gräfin de Formoutiers von der Welt zurückgezogen und »verschanzt«. Auch der Schluss ist entschärft: Die Kreuzritter kehren zurück, bevor Ory und seine Kumpane ihr Ziel erreichen. Die Handlung des Vaudevilles stimmt im Wesentlichen mit der des zweiten Aktes von Rossinis Oper überein. Die Ereignisse des ersten Aktes werden im Vaudeville in einer Arie angedeutet, die Ragonde, eine Zofe der Gräfin, singt und in der sie die früheren Abenteuer des verrufenen Grafen Ory erzählt: Einmal habe er sich als Eremit verkleidet und jungen Frauen aus einem Dorf seinen Rat (und eine noch tatkräftigere Hilfe) angeboten. Wie in Vaudevilles üblich, waren auch die Arien dieses frühen Comte Ory nicht auf eine eigens für dieses Werk komponierte Musik gesungen worden, sondern auf Melodien, die aus verschiedenen Quellen stammen: französischen Volksliedern und Opemarien von Méhul, Boieldieu und sogar Mozarts Don Giovanni. Am 25. April 1828 wurde das Textbuch dann der Jury der Opéra vorgelegt, die es unter der Auflage genehmigte, Anspielungen gegen die Kirche zu unterlassen.

Das literarische und musikalische Puzzlespiel schlägt sich im episodenhaften Aufbau der beiden spiegelbildlich aufeinander bezogenen Akte der Oper nieder. Doch trotz der völlig unterschiedlichen Handlung beider Opern erreicht Rossini in Le Comte Ory eine einheitliche Dramaturgie, weil er die aus I1 viaggio übernommenen Nummern in strukturell und gefühlsmäßig vergleichbare Situationen der neuen Oper übernahm und diese ursprünglich in der Tradition der italienischen Arien stehenden emotional-expressiven Momentaufnahmen durch gesungene Rezitative und Dialoge so aufeinander bezog, dass neue, musikdramaturgisch stimmige Tableaux und Ensembles entstanden. Eine wichtige integrative Funktion übernahm dabei vor allem der Chor, der den lyrischen Stimmungsbildern eine novellistische Struktur unterlegt; aber auch die gleichbleibende Orchesterführung, die die Trennung zwischen Rezitativ und Arie weiter einebnete und in ihren farbigen Ausschattierungen musikalische Momente von ungeheurer atmosphärischer Dichte schuf. Dazu zählen die Gewitterszene in der Introduktion des zweiten Aktes oder das Terzett der Liebenden. Die Orchesterfarben entstehen durch die Aufwertung von Soloinstrumenten wie Flöten, Oboen und Klarinetten zu orchestralen Protagonisten und werden durch den Bezug auf traditionell bereits bestehende Instrumentenkonnotationen — Blechbläser z.B. erinnern an Krieg — verstärkt.

So ist z.B. das Finale des ersten Aktes von Comte Ory genauso motiviert wie das Gran pezzo concertato von Il viaggio, aus dem Rossini es entwickelt: Eine Enthüllung — nämlich dass die Reisenden gar nicht nach Reims fahren können beziehungsweise dass der Eremit niemand anderer ist als Graf Ory — löst in der jeweiligen Gesellschaft einen Schock aus, der durch das Vorlesen eines Briefes gemildert wird. Der Gatte der Contessa schreibt, dass die Krönungsfeierlichkeiten statt in Reims eben in Paris stattfinden werden; Comtesse Adèle erfährt von ihrem Bruder, dass die Kreuzfahrer bald zurückkehren werden. Diese Wendung löst die aufgebaute Spannung vorerst auf; und die neue Situation wird in einem Ensemble sistiert und musikalisch amplifiziert, in dem widersprüchliche, zum Teil völlig gegensätzliche äußere wie innere Affekte synchron korrespondieren beziehungsweise sich überlagern.

Sobald die dramatische Situation oder die Charaktere allzu krass voneinander abweichen, wie z.B. in der Arie des Lord Sidney in Il viaggio, die der Arie von Orys Erzieher im ersten Akt zugrunde liegt, nahm Rossini umfangreichere Eingriffe vor. Das Cantabile, dessen Sentimentalität psychologisch die Klagen des Erziehers ins Lächerliche gezogen hätte, gestaltete er von Grund auf neu und variierte die Orchesterführung in der Wiederholung des Themas der Cabaletta. Die Komik liegt nicht mehr in der Figur begründet, wie wir es aus Rossinis italienischen Buffas, z.B. dem Barbiere di Siviglia, kennen, sondern resultiert aus der Situation, in der sich die Personen befinden. An die Stelle der Buffa-Figuren, die sich im Gästehaus »Giglio d'oro« in ihren Arien und ihrem Zusammenspiel persiflieren, sind Charaktere wie der verkleidete Weiberheld Ory, Gräfin Adèle, der Page Isolier, der Vertraute Raimbaud und der Erzieher getreten, die in der Intrige wie in ihrem Scheitern nur durch die Konstellation, nicht aber durch ihre Eigenschaften zur komischen Figur werden, während sie sonst aus gleicher Gesinnung im gleichen Spiel der Täuschung und Verführung mitmischen.

Was am Tag misslang, wird noch einmal im Schutz der Nacht versucht, wobei sich unmerklich die Grenzen zwischen Spiel und Ernst, Schein und Sein verwischen. Die Eroberung Adèles, ursprünglich auf Orys Abenteuerlust und Selbstbestätigungsdrang zurückzuführen, wird ihm plötzlich als echtes Ziel seines Handelns bewusst. Die Musik Rossinis enthüllt im meisterhaften Terzett des zweiten Aktes dieses nächtliche Verwirrspiel der Empfindungen, in der doch jeder in der Selbstbespiegelung seines Gefühls befangen bleibt und die Erfüllung ausgespart wird.

Komik mit den Mitteln des Tragischen? Trotz des insgesamt komisch-burlesken Inhalts verweigert sich Rossinis Werk einer eindeutigen Gattungszuordnung. Italienische Melodik und Gesangskunst sind mit den durchkomponierten Szenen und Ensembles der tragédie lyrique und der Situationskomik der opéra comique, die trotz des Verzichts auf gesprochene Dialoge deren pointierten Witz in den Gesangsnummem entfaltet, eine Symbiose eingegangen, die echte Gefühle in einer »abstrakten Komik« (Claudio Abbado) parodiert und gerade in ihrer stilistischen Ambivalenz den hybriden Charme dieses musikdramatischen Meisterwerks ausmacht.

Konstanze Führlbeck

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Die Handlung

Der Graf von Formoutiers und Orys Vater sind als Kreuzritter ins Heilige Land gezogen. In ihrer Abwesenheit versucht Graf Ory die schöne Schwester des Grafen von Formoutiers, Adèle, zu erobern, und hat sich deshalb in der Nähe ihres Schlosses als Eremit niedergelassen.

[CD 1 / Track 1] Die Ouvertüre der Oper ist eher von getragenem Charakter: Ein vornehmlich im heimlichen piano spielendes Andante wird nach den zeremoniösen Punktierungen eines Moderato wiederholt, bevor die letzten Takte des Moderato das Vorspiel beenden.

Erster Akt

[1/2] Der Vorhang hebt sich, und wir befinden uns vor dem Schlosse Formoutiers in der Touraine. Im Hintergrund links liegt das Château mit seiner Zugbrücke, rechts dehnen sich Wälder. Dort sieht man den Eingang zur Klause eines Einsiedlers. Raimbaud, der Freund des Grafen Ory, verlässt eben die Klause. In einen einfachen Umhang gekleidet, der sein Rittergewand verbirgt, tritt er vor die versammelten Dorfbewohner: Er drängt die Anwesenden, unter ihnen das Bauernmädchen Alice, die Spenden für den Eremiten bereit zu halten – schließlich werde dieser ihnen alle Tage manchen guten Rat erteilen und den Mädchen verraten, wen sie einst heiraten werden. Deshalb sollten sie es auch an einigen Flaschen guten Weines nicht fehlen lassen. Ragonde, die Beschließerin von Formoutiers, naht und will wissen, was es hier zu feiern gäbe, wo doch die verwitwete Gräfin so unglücklich sei. Allerdings hat auch ihre Herrin vor, den Einsiedler an diesem Tage zu besuchen, auf dass er sie von ihrem Kummer befreie. Alice hält das für eine himmlische Eingebung, und als Ragonde fragt, ob er auch ihre Probleme lösen könne, versichert Raimbaud, dass so manche Witwe durch den Eremiten den Richtigen gefunden hätte. Ragonde ist entzückt.

[1/3] Langsam und würdevoll tritt Graf Ory, mit langem Barte und im Gewande eines Eremiten, vor die Menge. Er wünscht, dass die Gebete der Versammelten recht bald sich erfüllen mögen. Die Mädchen und jungen Frauen könnten auf seine Hilfe bauen, diesen würde sich der Kinderwunsch, jenen der Traum vom richtigen Mann erfüllen. Einigermaßen zurückhaltend begrüßt der Graf allerdings Ragonde, die dann – als die Dörfler auf ihn einreden – für Ordnung sorgt und verlangt, dass alle hübsch nacheinander sprechen. Raimbaud bringt ein schwaches Männchen, das sich wünscht, seine „Holde“ wäre weniger „begehrlich“; Alice ist zwischen Jean und Jules hin- und hergerissen; und Ragonde möchte, dass ihr Mann bald ruhmreich heimkehrte. Ory bittet die anwesende Weiblichkeit, ihm im Falle diskreterer Fragen in seine Klause zu folgen. Der männliche Teil der Bittsteller wundert sich darüber, wird dann aber von Raimbaud aufgefordert, die Wünsche nach Liebe, Jugend und Wohlstand vorzutragen. Ragonde erklärt, dass die Ehefrauen trotz der Blüte ihrer Jahre Treue gelobt hätten und ihre Strohwitwenschaft im Château Formoutiers zubringen wollten, während die Ehemänner in den Ländern des Islam den Siegeslorbeer ernten.

[1/4] Auch der Bruder der Gräfin hat den Kreuzzug mitgemacht, weshalb sie den Einsiedler um seinen Rat ersuchen möchte. Der Graf ist insgeheim erfreut; laut erklärt er, es sei seine Pflicht, ihr beizustehen. Der Menge verspricht er noch einmal die Erfüllung ihrer Wünsche. Die Leute gehen ab. Nachdem sie verschwunden sind, tritt Isolier, der Page des Grafen, auf – mit dem erschöpften Erzieher seiner Erlaucht im Gefolge. Dieser protestiert gegen den Verlauf, den ihre Reise genommen hat, worauf ihn sein Begleiter aufklärt, dass er gute Gründe habe: Er möchte seine liebreiche Cousine, die Gräfin, dort in ihrem Schloss besuchen; diese erwidert jedoch seine Empfindungen nicht, sondern hat Tor und Herz verriegelt. Der Erzieher setzt sich erschöpft hin: Ihm wurde befohlen, den Grafen Ory zu finden und den fleischgewordenen Dämon, der den väterlichen Hof ohne Erlaubnis verlassen hat, wieder heimzubringen. Isolier denkt bei sich, dass das wohl ein neues Abenteuer wäre.

[1/5] Der Erzieher beschreibt seine Stellung als wenig vorteilhaft: Immer muss er achtgeben, immer hat er Angst, immer muss er mittun, was für Schwierigkeiten es auch gibt.

[1/6] Die Besucher kommen aus der Klause zurück und preisen den heiligen Mann. Als der Erzieher die Mädchen und Frauen sieht, kommt ihm gleich der Verdacht, dass der Graf in der Nähe sein müsse. Als er hört, dass der Einsiedler seit einer Woche hier sei, erhärtet sich sein Verdacht – denn ebenso lange wird der Graf vermisst.

[1/7] Alice hat als letzte den Eremiten verlassen. Der Erzieher fragt sie, wo er ihn sehen könne, und sie erwidert, er käme gleich, da ihn die Gräfin sehen wolle. Diese Nachricht ist Isolier sehr lieb, da er nunmehr seiner Cousine begegnen wird. Der Erzieher verschwindet in der Richtung, aus der er gekommen ist, um die Eskorte zu suchen, mit der man unterwegs ist. Isolier überlegt inzwischen, wie es anzustellen sei, dass ihn die Gräfin mit ins Schloss nimmt, und er kommt zu dem Schluss, dass ihm der Eremit wird helfen können, den Stolz der geliebten, allzu tugendhaften Frau zu überwinden. Der vermeintliche Klausner tritt vor seine Tür und nennt, als sein Page ihn begrüßt, diesen sogleich beim Namen – worin dieser ein Zeichen für die Weisheit des Mannes sieht, die er sogleich mit Gold belohnt. Der Graf will hören, was ihm am Herzen liegt.

[1/8] Isolier erzählt also, dass er eine Dame liebe, es ihm aber nie gelungen sei, ihre Neigung zu erringen. So lange ihr Bruder nicht von dem Kreuzzug zurück sei, werde sie kein männliches Wesen ins Schloss lassen. Ob er sich vielleicht als Pilger verkleiden solle, fragt er nun den Eremiten – womit er einen Gedankengang vorbringt, den Ory sich aneignen will: Ursache ihres Leidens, wird er der Gräfin erläutern, sei ihr Gelöbnis ewiger Witwenschaft, sie müsse wieder lieben (dass Ory sich damit selbst meint, versteht sich).

[1/9] Die Gräfin kommt vom Schlosse her, begleitet von Ragonde und ihren Damen. Bauern und Vasallen versammeln sich, um die Szene zu betrachten, im Hintergrund. Mademoiselle la Comtesse ist überrascht, Isolier zu sehen. Dieser berichtet, dass er den Eremiten konsultieren wolle, indessen dieser allen Unglücklichen verspricht, zu raten und für sie zu beten.

[1/10] Die Gräfin nähert sich Ory und spricht von ihrem stillen Leiden, das wohl erst im Grabe enden werde. Sie bittet um ein Heilmittel für ihre seltsame Krankheit; Isolier und die Menge wiederholen diese Bitte. Helfen werde ihr, so der Einsiedler, wenn sie sich für eine neue Liebe entscheiden könnte. Er nimmt den Eid von ihr, den sie geleistet und mit dem sie ewige Witwenschaft gelobt hatte. Darauf erklärt sie, Isolier lieben zu können. Sehr zur Freude Isoliers und der Dorfbewohner dankt sie dem Eremiten.

[1/11] Der nutzt die Gelegenheit und warnt sie vor Isolier: Dieser sei der Page des berüchtigten Grafen Ory. Sie bittet den Einsiedler, ihr ins Schloss zu folgen, und nimmt ihn bei der Hand. Die Damen schreiten hinterdrein. Da erscheint der Erzieher des Grafen mitsamt dem ritterlichen Gefolge. Man sieht und erkennt Raimbaud, und der Erzieher erkennt sofort den Grafen. Die Frauen sind entsetzt, die Bauern entrüstet, als der Eremit zugibt, selbst Ory zu sein.

[1/12] Im Finale des ersten Aktes singen die Bauern von ihrem Zorn, derweil der Graf wütend ist, dass sein Erzieher seinen Plan vereitelt hat. Dieser bringt einen Brief des Fürsten hervor, aus dem hervorgeht, dass die Kreuzfahrer bald heimkehren werden. Die Frauen sind beglückt. Dem Grafen wird in dem Schreiben befohlen, sofort nach Hause zu kommen. Mit den unterschiedlichsten Empfindungen wird das Schriftstück kommentiert; der Graf hat jedoch noch einen Trumpf im Ärmel – und Isolier beobachtet aufmerksam, was er als nächstes plant.

Zweiter Akt

[2/1] In einem ihrer Gemächer sitzt die Gräfin mit ihren Damen. Alle sind mit Handarbeiten und ähnlichem beschäftigt. Sie fühlen sich sicher in dem Gemäuer, das ihnen Schutz vor allen Übeltätern bietet. Die Gräfin, die einen Schal bestickt, zittert noch immer, wenn sie an den furchtbaren Grafen Ory denkt, den rücksichtslosen Feind der Unschuld. Ragonde empört sich über die Frechheit, mit der sich Ory als heiliger Mann ausgegeben hat. Inzwischen hört man, wie sich ein Unwetter naht, das schließlich mit großer Gewalt losbricht. Die Frauen fürchten die Donnerschläge. Schrecklich seien die Blitze, so die Gräfin, und der Hagel, der die Fenster klirren lässt. Ragonde dankt dem Himmel, dass man in Sicherheit ist, die Gräfin indes gedenkt der armen Menschen, die womöglich schutzlos dem Gewitter ausgeliefert sind. In diesem Augenblick hört man hinter der Szene Stimmen von Menschen, die im Schloss Zuflucht suchen.

[2/2] Die Gräfin schickt Ragonde, nachzusehen: Nie würde sie ihre Hilfe verweigern, wenn jemand in Not ist. Das Unwetter wird wieder stärker, entsprechend begleitet von den Gebeten der Damen. Erneut hört man hinter den Kulissen die Stimmen der Schutzflehenden – bei denen es sich in Wirklichkeit um den Grafen Ory, seine Ritter, den Erzieher und Raimbaud handelt. Diese haben sich als Pilgerinnen verkleidet und bitten mit verstellten Stimmen um Einlass. Aufgeregt kommt Ragonde zurück: Vor dem Grafen und seinen Spießgesellen seien die Pilgerinnen auf der Flucht. Vierzehn an der Zahl, um die vierzig Jahre alt, keine besonders anziehenden Erscheinungen – ein weiteres Indiz für die Verworfenheit des Grafen. Ragonde hat die Unglücklichen ins Empfangszimmer geführt, eine jedoch habe um ein Gespräch mit der Gräfin ersucht. Die „Pilgerin“ wird hereingeführt: Es ist Graf Ory.

[2/3] Mit artigen Knicksen nähert sich dieser der Gräfin, die froh ist, die Pläne des Grafen so offensichtlich durchkreuzt zu haben. Mit Befremden reagiert sie, als ihr Gast stürmisch ihre Hände küsst, um sich zu bedanken: Das ist doch zu viel. Andererseits ist sie glücklich, Schutz vor dem Wüstling gewähren zu können – es wäre dem Wurm nicht zu raten, sich ins Schloss zu verirren und von Liebe zu sprechen.

[2/4] Einen aufrichtigen Liebhaber zöge sie jederzeit dem kühnsten Verführer vor. Der Graf hegt jedoch die Hoffnung, ihren Widerstand zu brechen.

[2/5] Die anderen „Pilgerinnen“ kommen hinzu. Der Graf will sie unbedacht als „Brüder“ vorstellen und kann seinen Versprecher gerade noch berichtigen. Die Gräfin bietet ihnen Milch und Obst an, worauf sich Ory mit einem weiteren Handkuss bedankt. Dann bleiben die Gäste mit ihrem bescheidenen Mahl allein.

[2/6] Die Männer achten jetzt kaum noch auf ihre Verkleidung. Sie freuen sich über den geglückten Streich. Der Erzieher mahnt freilich zur Vorsicht, derweil der Graf den eigentlichen Urheber des Plans würdigt, den Pagen Isolier. Er hat vor, die Gräfin zu entführen, wofür ihn, so sein Erzieher, der Himmel strafen wird. Man setzt sich zum Essen nieder und beklagt, dass es keinen Wein gibt. Da kommt Raimbaud mit einem Korb herein.

[2/7] Er hat sich durchs Schloss geschlichen und den Weinkeller des Besitzers gefunden. Nach erfolgreicher Durchsuchung desselben habe er jemanden kommen hören; es sei ihm aber gelungen, seine Beute mitzubringen, die nunmehr unter den Freunden aufgeteilt wird.

[2/8] Der Graf fordert seine Männer auf, zu trinken.

[2/9] Die Ritter freuen sich an dem guten Wein und schwelgen in vergnügten Liebesgedanken; sie erheben die Gläser auf die Gesundheit des Schlossherrn, den Bruder der Gräfin, der in der Ferne gegen Türken und Sarazenen kämpft.

[2/10] Ragonde schaut herein, um zu sehen, ob es den „Pilgerinnen“ an nichts mangelt. Diese verstecken hurtig die Flaschen unter ihren Umhängen und geben sich wieder das Aussehen dankbarer, frommer Frauen. Noch einmal beginnt das Gelage. Bis die Gräfin, Ragonde und mehrere Dienerinnen Fackeln bringen, auf dass sich die Besucherinnen in ihre Schlafgemächer begeben können. Die Gastgeberin ist beeindruckt von der frommen Dankbarkeit, und der Graf hofft, diese Dankbarkeit richtig zeigen zu können. Die „Pilgerinnen“ nehmen die Fackeln, die Damen der Gräfin ziehen sich zurück. In dem kaum mehr erleuchteten Raum will die Gräfin gerade ihren Schleier ablegen, als man jemanden am Tor hört: einen Pagen, wie Ragonde durch einen Blick aus dem Fenster sieht. Die Gräfin ist zunächst außer sich, einen Mann im Schloss zu haben, und fährt Isolier, denn kein anderer ist es, hart an. Er aber hat die Nachricht, dass die Kreuzritter um Mitternacht heimkehren und ihre Frauen überraschen wollen. Der Herzog jedoch habe ihm befohlen, rechtzeitig Bescheid zu sagen, damit es nicht zu plötzlichen Schocks kommt. Als Ragonde das auch den Gästen mitteilen will – den vierzehn guten Frauen, die den Nachstellungen des Grafen Ory entgangen seien –, fragt sie der Page, ob das etwa Pilgerinnen seien, und er klärt über die Identität der Betreffenden auf. Die Damen sind entsetzt, und das desto mehr, als die Heimkehr ihrer Gatten unmittelbar bevorsteht. Sie rennen auseinander. Inzwischen löscht Isolier das Licht und legt den Schleier der Gräfin an. Er nimmt auf dem Sofa Platz und bedeutet der Gräfin, zu ihm hinzutreten.

[2/11] Der liebeshungrige Graf verlässt sein Gemach. Die entgeisterte Gräfin steht beim Sofa und bemerkt mit Isolier, wie der verwirrte Mann umhertappt. Die Gräfin fragt, wer da sei: „Schwester Colette“, lautet die Antwort. Sie könne nicht schlafen und möchte gern der Gastgeberin Gesellschaft leisten. Ory tritt zu Isolier, nimmt dessen Hand und presst sie an sein Herz. Die Gräfin scheint nichts dagegen zu haben... In dem Trio klingt das freilich anders: Die Gräfin hat Angst, ihr nächtlicher Besucher wünscht sich Erhörung, und Isolier ist zwischen Hoffen und Bangen hin- und hergerissen. Die Gräfin meint, „Schwester Colette“ solle wieder in ihre Kammer gehen, diese ist aber fest entschlossen, zu bleiben, fällt mit einer Liebeserklärung auf die Knie und umarmt Isolier. Just in diesem Augenblick wird eine Glocke angeschlagen. Trompetenfanfaren ertönen vor dem Schlosstor. Die Damen stürzen mit Fackeln in den Raum. Da sieht der Graf, mit wem er es eben zu tun hatte: Er bedroht Isolier. Der weiß aber, dass auch sein Vater zurückgekehrt ist und droht seinerseits mit dessen Zorn. Der Erzieher, Raimbaud und die Ritter des Grafen Ory werden hinter Gittern landen.

[2/12] Zu Beginn des Finales meint die Gräfin, man solle nur die Siegesrufe hören, die um der Liebe und Ehre willen ertönten. Isolier öffnet eine Geheimtür und ermöglicht so dem Grafen und seinen Kumpanen, sich ungeschoren zu entfernen. Da treten der Herzog und die Kreuzfahrer aus Palästina ein, ihnen voran die Knappen mit Bannern und Waffen. Ragonde und die andern stürzen ihren Ehemännern in die Arme, die Gräfin auf ihren Bruder zu. Isolier küsst die Hand des Grafen von Formoutiers, der ihn umarmt. Ein allgemeines Loblied auf die stattlichen Ritter, ein weiterer Hymnus auf den Ruhm, den Sieg und die Macht der Liebe beendet die Oper.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die Libretto (französisch) sind online unter www.naxos.com/libretti/660207.htm

 


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