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8.660222-23 - DONIZETTI, G.: Roberto Devereux [Opera] (Bergamo Musica Festival, 2006)
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Gaëtano Donizetti (1797–1848)
Roberto Devereux

 

Auf die Frage, ob es wohl möglich sei, dass Rossini den Barbiere di Siviglia tatsächlich in dreizehn Tagen geschrieben habe, soll Gaëtano Donizetti erwidert haben: „Warum nicht? Er ist so faul!“ Ob die Geschichte nun stimmt oder nicht, sie liefert einen Hinweis auf Donizettis erstaunlichen Fleiß. Rossini hat es auf insgesamt 39 Opern gebracht, die Revisionen und Adaptionen mitgerechnet; Bellini, Donizettis großer Rivale, schuf gerade einmal deren zehn. Doch Donizetti schrieb zwischen 1816 und 1843 nicht weniger als 65 Opern, und dazu noch unvollendete Werke wie Le duc d’Albe, der nach dem Tode des Komponisten unter dem Titel Il duca d’Alba von fremder Hand abgeschlossen wurde.

Gaëtano Donizetti wurde 1797 als fünftes von sechs Kindern in Bergamo geboren. Glücklicherweise weckte er schon früh das Interesse des Komponisten Simon Mayr, eines Bayern, der an der Kirche Santa Maria Maggiore als maestro di cappella tätig war. Mayr hatte eine freie Musikschule in Bergamo gegründet, in die der achtjährige Donizetti als einer der ersten aufgenommen wurde. So kam er zu guten Grundlagen in Theorie und Komposition. Außerdem wurde er ein vorzüglicher Pianist – und wäre doch beinahe der Schule verwiesen worden, weil er beim Singen nichts rechtes vermochte.

Als Donizetti beinahe achtzehn war, sorgte Mayr dafür, dass sein Schützling bei dem älteren Padre Mattei in Bologna studieren konnte. Mattei war ein ausgezeichneter Pädagoge, zu dessen Schülern auch Rossini gehörte, und Donizetti hat sicherlich von seinen Instruktionen profitiert. Zuneigung und Hochachtung jedoch empfand er für Mayr.

Diese Empfindungen waren wechselseitige und lebenslange. Mayr war es auch, der seinen Schüler mit dem Librettisten und späteren Impresario Bartolomeo Merelli zusammenbrachte. Nach der vierten erfolgreichen Kooperation der beiden wurde Donizetti von dem Impresario Domenico Barbaia engagiert, der die Opernhäuser von Neapel führte. Als Donizetti 1822 eintraf, überlappte sich seine Tätigkeit noch kurz mit derjenigen Rossinis; nach dessen Fortgang wurde die Stadt seine hauptsächliche Heimat als Opernkomponist, bis er 1838 schließlich nach Paris ging. Die beiden meisterhaften, heute sehr bekannten Komödien L’elisir d’amore (1832) und Don Pasquale (1843) entstanden für Mailand bzw. für Paris. Doch die Geschmäcker wechseln: Es ist noch nicht zu lange her, dass man Donizetti vor allem wegen seiner Tragödien schätzte, deren berühmteste, Lucia di Lammermoor, 1835 in Neapel herauskam.

Donizetti starb 1848. Seine letzten Lebensjahre waren verdüstert von körperlicher und geistiger Krankheit. Roberto Devereux, der seine Uraufführung im Oktober 1837 in Neapel erlebte, entstand während einer schrecklichen Lebensphase: Im Juli desselben Jahres war Donizettis Frau Virginia gestorben – man vermutet an Cholera (die wiederum wahrscheinlich dadurch verursacht worden war, dass ihr Mann sie mit Syphilis angesteckt hatte). Der verzweifelte Donizetti kam nie über ihren Tod hinweg, vermochte sich aber doch immerhin so weit aufzuraffen, dass er ein älteres Werk revidieren und die Proben zu seiner neuen Oper leiten konnte.

Roberto Devereux war Donizettis dritte und letzte Oper über Königin Elizabeth I. Voraufgegangen waren Elisabetta al castello di Kenilworth (Neapel 1829) und Maria Stuarda (Mailand 1835). Das Libretto stammte von Salvatore Cammarano, dem festen Textdichter und Regisseur der neapolitanischen Opernhäuser. Während seiner Zeit in Neapel hat Donizetti nie mit einem anderen zusammengearbeitet, nicht einmal bei Aufträgen aus Venedig. Cammarano war zwar ein geschickter Dramatiker, doch mit der englischen Geschichte hat er Schindluder getrieben. Wie es uns in Lucia überrascht, dass William III. vor Königin Maria gestorben ist, so wirkt es seltsam, dass Königin Elizabeth in Roberto Devereux zugunsten „Giacomos“ abdanken will (aus James VI. von Schottland wurde erst nach dem Tode der Königin James I. von England).

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Die Handlung

CD 1

Erster Akt

Erste Szene: Der große Saal im Palast von Westminster

[1] Es gibt keine Ouvertüre (eine solche schrieb Donizetti erst für die Pariser Produktion von 1838, in der er anachronistisch das „God save the Queen” verwandte). Die Damen des Hofes reden über die unglückliche Sarah, die Herzogin von Nottingham. Sarah behauptet, ihre Trauer käme von dem Buch über Rosamond, die Geliebte Heinrichs II., das sie eben läse.

[2] In ihrer Romanza vergleicht sie ihr eigenes Los mit Rosamonds Schicksal.

[3] Königin Elizabeth tritt ein, und die Damen ziehen sich zurück. Robert Devereux, der Earl of Essex, ist unter dem Vorwurf des Hochverrats aus Irland zurückbefohlen worden. Elizabeth fürchtet jedoch einen ganz anderen Verrat: dass Essex nämlich eine andere Frau lieben könnte. Sarah zittert vor Furcht.

[4] Elizabeth singt von Roberts Liebe und über den Kummer, den ihr der Verlust des Geliebten bereiten würde.

[5] Lord Cecil, Sir Walter Raleigh und andere treten ein. Als Cecil daran erinnert, dass das Parlament über Essex das Urteil fällen könne, weicht Ihre Majestät aus, gewährt letzterem aber auf dessen Ersuchen eine Audienz: Wenn er sie liebe, könne ihn kein Vorwurf treffen, sagt sie sich.

[6] Essex tritt ein. Vielsagend grüßt ihn Elizabeth zunächst als „Roberto”, dann als „Conte”. Sie entlässt die Höflinge und will von dem Grafen wissen, was es mit dem Vorwurf auf sich habe. Von der Antwort beruhigt, erinnert sie ihn an den Ring, den sie ihm gegeben hat und den er ihr schicken solle, wenn er in Schwierigkeiten stecke.

[7] Elizabeth denkt über ihr früheres Glück nach; dann will sie Essex zu dem Geständnis zwingen, dass er eine andere Frau liebe. Er bestreitet das …

[8] … und leugnet auch ein zweites Mal. Elizabeth geht ab.

[9] Der Herzog von Nottingham erscheint. Er ist mit Essex befreundet und der Ehemann von Sarah. Bald schon kommen sie darauf zu sprechen, dass er unglücklich ist: Er hat am Vortag heimlich beobachtet, wie Sarah weinte und um den Tod betete, während sie eine blaue Schärpe bestickte.

[10] Die Eifersucht peinigt ihn, doch eigentlich meint er, ein Engel wie Sarah könne nicht sündigen.

[11] Im Namen der Königin ruft Lord Cecil den Herzog von Nottingham zu einem Treffen des Rates. Leise Akkorde in einer entfernten Tonart begleiten die finstere Begründung: „Ein Urteil, zu lang schon aufgeschoben.” Nach einer einfachen Holzbläserphrase beteuert Nottingham, seinem Freunde Essex die Freundschaft wahren und Unterstützung gewähren zu wollen. Zweite Szene: Die Gemächer der Herzogin in Nottingham House

[12] Sarah ist allein. Essex tritt ein und macht ihr Vorwürfe, weil sie Nottingham geheiratet habe. Schmerzlich setzt sie ihm auseinander, dass sie nach dem Tode ihres Vaters, während der Geliebte in der Ferne weilte, von der Königin zu der Ehe gezwungen wurde. Essex beteuert, sie zu lieben und schleudert den Ring der Königin auf den Tisch: eine unkluge Aktion, wie sich zeigen wird.

[13] Auf Sarahs Drängen hin erklärt sich Essex zur Flucht ins Ausland bereit.

[14] Es ist ein Abschied für immer, bei dem ihm Sarah die blaue Schärpe übergibt: ein weiterer schlechter Zug.


CD 2

Zweiter Akt

Der Palast von Westminster

[1] Der Morgen dämmert. Essex ist die Flucht nicht gelungen. Damen und Herren diskutieren den Prozess und die bevorstehende Hinrichtung.

[2] Lord Cecil informiert Elizabeth, dass Essex zum Tode verurteilt wurde, obwohl ihn Nottingham eifrig verteidigt habe. Unter vier Augen verrät ihr Raleigh, dass Essex bis zum Morgen nicht heimgekehrt sei. Man habe bei ihm die blaue Schärpe gefunden, die Raleigh hervorzieht. Sofort wird Elizabeth argwöhnisch.

[3] Als Raleigh geht, kommt Nottingham mit dem Todesurteil. Er bittet um Gnade für seinen Freund. Elizabeth ist unnachgiebig: Essex soll sterben.

[4] Essex wird unter Bewachung hereingebracht. Elizabeth zeigt ihm die Schärpe als Beweis seiner Untreue. Nottingham erkennt sie und ist entsetzt. Die Handlung steht still, während alle drei die Situation erwägen …

[5] … und explodiert, als Nottingham ein Schwert verlangt, um Rache zu nehmen. Elizabeth missversteht den Grund seiner Wut und verlangt von Essex den Namen der Rivalin, wenn er sich retten wolle. Als dieser sich weigert, winkt sie die Höflinge herein und unterzeichnet das Todesurteil. Sie entlässt Essex zu einer raketengleich aufschießenden Phrase, deren Intensität mit dem Wechsel von Moll nach Dur noch zunimmt.

Dritter Akt

Erste Szene: Die Gemächer der Herzogin

[6] Der Akt beginnt mit einer orchestralen Erinnerung an die „Freundschafts-Arie”, die Nottingham im ersten Akt gesungen hat (CD 1, 11). Ein Soldat bringt Sarah einen Brief von Essex: Sie solle, um ihn zu retten, der Königin den Ring übermitteln. Bevor sie das tun kann, tritt Nottingham ein und verlangt den Brief zu sehen.

[7] Während er wütet, beteuert sie ihre Unschuld. Die Klänge eines Trauermarsches verkünden, dass Essex in den Tower gebracht wird. Nottingham jubelt. Um zu verhindern, dass Sarah zur Königin läuft, befiehlt er, sie nicht aus dem Haus zu lassen.

[8] Vergebens fleht Sarah ihren Ehemann an. Zweite Szene: Die Todeszelle im Tower von London.

[9] Eine düstere Orchestereinleitung umreißt die Szene. Essex ist im einen Augenblick pessimistisch, im nächsten optimistisch: Nichts anderes will er, als Sarahs Ruf wieder herzustellen.

[10] Essex schwört dem abwesenden Nottingham, dass seine Frau ihm treu gewesen sei.

[11] Man hört Fußtritte. Ein Schlüssel wird im Schloss gedreht – und Essex glaubt, er werde begnadigt. Doch die Wachen sind gekommen, ihn zur Hinrichtung zu führen. Tränennass und blutbefleckt will Essex im Himmel den Höchsten anflehen, seiner Geliebten beizustehen. Die Wachen verheißen ihm den grausamsten Tod. Dritte Szene: Der Palast von Westminster

[12] Elizabeth befindet sich im Kreise ihrer Damen. Sie hat nach Sarah geschickt, dass diese sie tröste, während sie, nachdem ihre Wut längst verraucht ist, verzweifelt darauf wartet, dass ihr Essex den Ring schickt.

[13] Unter Tränen stellt sich Elizabeth vor, wie Essex mit ihrer Rivalin leben werde, wenn er sie selbst verlassen hat.

[14] Cecil berichtet, Essex sei auf dem Wege zum Schafott. Da stürzt Sarah mit dem Ring herein. Jetzt endlich erkennt Elizabeth, wer es ist, den Essex liebt. Doch zur Rettung ist es zu spät. Ein Kanonenschuss ertönt. Nottingham meldet „mit boshafter Freude” den Tod des Delinquenten. Er gibt zu, dass Sarah seines Befehles wegen nicht rechtzeitig zur Königin habe kommen können.

[15] Während man Nottingham und Sarah wegführt, sieht Elizabeth in einer Vision den enthaupteten Essex vor sich. Sie will nicht mehr regieren: James ist jetzt der König von England.

© Richard Lawrence, 2008
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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