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8.660225-26 - WOLF-FERRARI, E.: Vedova Scaltra (La) (La Fenice, 2007)
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Ermanno Wolf-Ferrari (1876–1948)
La vedova scaltra (Die schalkhafte Witwe)

 

In Venedig wurde Ermanno Wolf-Ferrari geboren, und in Venedig, das ihm den Hintergrund für so viele Opern lieferte, ist er auch gestorben. Den größten Teil seines Berufslebens verbrachte er jedoch im deutschsprachigen Raum, während er mit seiner Musik in der italienischen Heimat erst recht spät einen Eindruck machen konnte. Er war der Sohn eines deutschen Vaters und einer venezianischen Mutter. Viel hatte er mit dem älteren Zeitgenossen Ferruccio Busoni gemein, der sich in Berlin daheim fühlte, obwohl er nur zu einem Viertel Deutscher war. Die Zeit des Ersten Weltkrieges verbrachten beide Komponisten in Zürich (wie auch Lenin, James Joyce und Tristan Tzara).

Ermanno Wolf wurde 1876 als eines von sieben Kindern und ältester der fünf Söhne des Malers August Wolf geboren, der vor allem durch seine für den Grafen Adolf Friedrich von Schack entstandenen Kopien altitalienischer Gemälde bekannt wurde. Ermannos Mutter Emilia Ferrari stammte aus einer kleinen Kaufmannsfamilie. Der Vater hätte es gern gesehen, wenn sein Sohn denselben Beruf ergriffen hätte, weshalb der Jüngling zunächst auch in Rom und München Kunst studierte; bald aber wandte er sich von dieser Disziplin ab, um Schüler von Joseph Rheinberger an der Münchner Musikakademie zu werden. Inzwischen hatte er bereits die ersten Opernaufführungen erlebt, wobei Rossini und Wagner auf hübsche Weise die kontrapunktischen Stimmen seiner eigenen Abstammung darstellten. Etwa zu der Zeit, als er die Akademie verließ, fügte er dem väterlichen Nachnamen den Mädchennamen der Mutter an, um diese Dualität noch zu unterstreichen.

Im Winter 1895 hielt sich Wolf-Ferrari in Mailand auf, wo er einen Verleger für seine erste Oper Irene suchte. Zwar war ihm diesbezüglich kein Erfolg beschieden, doch konnte er – nicht einmal drei Jahre nach der Premiere des Werkes – eine Aufführung des Falstaff von Giuseppe Verdi sehen. Man stellte ihn sogar dem Meister vor, der ihn freundlich empfing. Wolf-Ferrari war aber zu gehemmt, als dass eine wirkliche Konversation zustande gekommen wäre. Allerdings profitierte er außerordentlich von Verdis letztem Bühnenwerk, insbesondere von der Art des leichten parlando, das dann seine eigenen Komödien prägen sollte. 1897 heiratete Ermanno Wolf-Ferrari die Sängerin Clara Kilian, die ein Jahr später den Sohn Federico zur Welt brachte, der ein bekannter Opernregisseur wurde.

Mit seiner zweiten Oper La Cenerentola, der ersten, die auf die Bühne kam, erlebte Wolf-Ferrari Anfang 1900 in Venedig einen völligen Fehlschlag (der sich aber nach einer gehörigen Revision bei der deutschen Erstaufführung in Bremen 1902 in einen Triumph verwandelte). Im Anschluss an die italienische Enttäuschung ging der Komponist wieder nach München, wo Ende März 1903 seine Kantate La vita nuova viel Beachtung fand. Mitte desselben Jahres übernahm Wolf-Ferrari die Leitung des Liceo Musicale von Venedig. In dieser Zeit schrieb er die ersten beiden von fünf Opern nach Stoffen des bekannten venezianischen Schauspieldichters und Librettisten Carlo Goldoni (1707- 1793), der in der Mitte des 18. Jahrhunderts gemeinsam mit dem Komponisten Baldassare Galuppi einige der populärsten Opern der damaligen Zeit geschaffen hatte. Wolf-Ferrari verwandte nun nicht Goldonis Originaltextbücher, sondern richtete sich die jeweiligen Vorlagen selbst ein. Le donne curiose („Die neugierigen Frauen“), die 1903 in München uraufgeführt wurden, bezeichnete Hans Pfitzner als die beste komische Oper seit Lortzing. Am selben Orte wurde 1906 mit I quattro rusteghi („Die vier Grobiane“) ein weiterer Erfolg geboren.

Als Il segreto di Susanna („Susannens Geheimnis“) im Dezember 1909 aus der Taufe gehoben wurde, hatte Wolf- Ferrari seinen venezianischen Direktorenposten bereits aufgegeben und sich im Münchner Stadtteil Schwabing niedergelassen. Il segreto basiert nun ebensowenig auf Goldoni wie die nächsten Werke: I gioielli della Madonna („Der Schmuck der Madonna“) präsentierte sich in Berlin 1911 als ein Ausflug auf das Gebiet des verismo, und bei dem 1913 in Dresden uraufgeführten L’amore medico („Der Liebhaber als Arzt“) handelt es sich um eine Molière- Adaption. Als Deutschland und Italien während des Ersten Weltkrieges einander feindlich gegenüberstanden, war Wolf-Ferrari im freiwilligen Schweizer Exil so deprimiert, dass er nicht komponieren konnte. Nachdem seine erste Ehe geschieden worden war und er 1921 wieder geheiratet hatte, vollendete er in den zwanziger Jahren mit Gli amanti sposi („Das Liebesband der Marchesa“) ein weiteres Bühnenwerk nach Goldoni. Diese wurde 1925 in Venedig uraufgeführt und war seit La Cenerentola das erste Stück, dessen Premiere wieder in der Heimat des Komponisten stattfand. Das Himmelskleid hingegen kam 1927 wieder in München heraus. Mailand brachte dafür im selben Jahr die tragische, nur sehr frei mit Der Widerspenstigen Zähmung verbundene Oper Sly.

In den dreißiger Jahren wandte sich Wolf-Ferrari noch einmal Goldoni zu, und zwar mit La vedova scaltra (Rom 1931) und Il campiello (Milan 1936). Seine beiden letzten Opern waren La dama boba (Mailand 1939) sowie Gli dei a Tebe („Der Kuckuck von Theben“), die 1943 in Hannover erschien. 1939 hatte ihm das Salzburger Mozarteum eine Kompositionsprofessur übertragen, deretwegen er an zwei Tagen in der Woche sein Haus in Planegg bei München verließ. Von Planegg zog er nach München, bevor er mit seiner Frau vor den alliierten Bombenangriffen nach Alt- Aussee im Salzkammergut flüchtete, wo dem Ehepaar ein einziges Zimmer zur Verfügung stand. Nach dem Krieg brachten Schweizer Freunde die beiden nach Zürich, und im April 1947 ging Wolf-Ferrari wieder in seine Geburtstadt Venedig, wo er im Januar 1948 starb.

La vedova scaltra („Die schalkhafte Witwe“) ist eine einfache Komödie über Rosaura und ihre vier Verehrer aus Frankreich, England, Italien und Spanien. Von den Dienern ist Arlecchino ein Charakter aus der commedia dell’arte, der eine Mischung aus venezianischem Dialekt und verständlichem Italienisch spricht.

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Die Handlung

CD 1

Die Handlung spielt in Venedig

Erster Akt

Erste Szene

[1] Milord Runebif, Monsieur Le Bleau, Don Alvaro und Conte di Bosco Nero nehmen das Diner ein. Der Franzose stimmt ein Trinklied „alla francese“ an, in das die andern einfallen. Darauf unterhält man sich über die schöne Rosaura. Milord Runebif reicht dem Bedienten Arlecchino einen Ring, den dieser der jungen Witwe als Vorspiel zu dem geplanten Besuch überbringen soll. Der italienische Graf behauptet, Rosaura werde keine Besucher empfangen, wohingegen Don Alvaro an die Überzeugungskraft seiner spanischen Dublonen glaubt.

Zweite Szene

[2] Rosauras französische Zofe Marionette nimmt die letzten kosmetischen Korrekturen an ihrer Herrin vor. Obwohl diese erst seit kurzem Witwe ist, sieht sie den Conte nicht ungern. Marionette rät zu einem Franzosen, da die bekanntermaßen nicht eifersüchtig seien. Den Lobgesang erwidert Rosaura zu einer Walzermelodie, dass sie sich nach nichts als Liebe und Treue sehne.

[3] Arlecchino bringt den Ring herein. Er ist erstaunt, dass Rosaura ihn nicht haben will. Als dann Milord Runebif kommt, äußert Rosaura, dieser sei als Engländer womöglich zu ernst. Doch wer weiß? Marionette kredenzt die Schokolade. Im Laufe des Gesprächs gesteht Milord Runebif, dass er Rosaura nur als Geliebte, nicht aber als seine Ehefrau haben möchte. Marionette meldet den Conte …

[4] … der wütend eifersüchtig ist, als er sieht, dass Rosaura einen anderen Mann bewirten lässt. Runebif hat dafür nur Verachtung übrig und verabschiedet sich würdevoll. Jetzt kann der Graf seinen Liebesbeteuerungen freien Lauf lassen. Rosaura gibt ihrerseits zu, ihn zu lieben, will sich aber nach eigenem Gefallen entscheiden und verhalten können.

Dritte Szene

[5] Monsieur Le Bleau und Marionette kennen sich noch aus Paris und freuen sich sehr, als sie einander plötzlich über den Weg laufen. Le Bleau sucht nach Rosaura, was deren Zofe zunächst ärgert. Doch als ihr der alte Freund anbietet, sie für die Auskunft zu bezahlen, ist sie gern bereit, den Aufenthaltsort ihrer Herrin preiszugeben. Allerdings dauert es ein wenig, bis das Geld auf dem Tisch liegt, und Marionette zieht einen unvorteilhaften Vergleich mit der englischen Sitte, jede Schuld sofort zu begleichen.

Vierte Szene

[6] Rosaura weilt im Garten. Zur Begleitung einer Flöte macht ihr Monsieur Le Bleau in erlesenen Worten den Hof. Er schadet sich aber mit der Bemerkung, dass Rosaura bedauerlicherweise nicht in Paris geboren wurde.

[7] Gitarren und der hinter der Bühne singende Chor der Diener verraten, dass sich Don Alvaro in einer Gondel naht. Rosaura schickt Marionette, ihn zu begrüßen. Der Grande ist so grandios, dass er nicht einmal die goldene Uhr suchen lässt, die ihm versehentlich entfallen ist. Marionette holt ihre Herrin herbei.

Zweiter Akt

Erste Szene

[8] Monsieur Le Bleau weist Arlecchino an, Rosaura sein Portrait und ein Sonett zu bringen. Nacheinander sorgen auch die anderen Verehrer dafür, dass der Witwe wertvolle Geschenke zugestellt werden. Die Gabe des Conte besteht in einer schriftlichen Entschuldigung, die er seinem Lakaien Folletto übergibt. Milord Runebif lässt der Dame durch seinen Diener Birif Juwelen zukommen, wohingegen Arlecchinos zweite Aufgabe darin besteht, Rosaura die Ahnentafel und ein Gedicht von Don Alvaro zu bringen.

Zweite Szene

[9] Zur Begleitung eines Klaviers singt Rosaura ein Versatzstück, in dem es um das voneinander getrennte Liebespaar Daphne und Amaryllis geht.

[10] Arlecchino liefert Monsieur Le Bleaus Portrait und Sonett ab. Obwohl er als französischer Diener gekleidet ist, wird er von Marionette sofort an seinem venezianischen Dialekt erkannt. Während Rosaura ihre Antwort abfasst, kokettieren die beiden Bedienten herzhaft miteinander. Nachdem Arlecchino wieder abgegangen ist, tritt Folletto mit dem Brief des Conte ein. Der Ablauf wiederholt sich: Folletto will sich mit Marionette verabreden, derweil Rosaura ihre Antwort auf den Brief formuliert, von dem sie sich angesprochen fühlt, ohne dass sie dabei vergäße, wie heuchlerisch Liebhaber sein können.

[11] Als nächstes bringt Milord Runebifs Diener Birif die Juwelen, die förmlich im Orchester funkeln. Edelsteine sind nach Ansicht der beiden jungen Frauen zwar besser als Liebesbriefe und Portraits, doch Rosaura lässt sich nicht kaufen. Inzwischen kommt Arlecchino zurück. Dieses Mal ist er als Spanier gekleidet und überreicht Don Alvaros Gaben: die Ahnentafel und das Gedicht. Rosaura schreibt noch einen weiteren Brief, den sie Arlecchino in die Hand drückt. Nachdem sie nun wieder mit ihrer Zofe allein ist, gibt sie zu, alle vier Verehrer zu mögen, dass ihr die Entscheidung aber keine Probleme bereite. Am Ende der Szene wird die Walzermelodie wiederholt, die bereits in der ersten Szene des ersten Aktes zu hören war.


CD 2

Dritte Szene

[1] Wir sehen einen campiello, einen kleinen Platz. Milord Runebif weigert sich, mit dem Conte ein Gespräch zu beginnen. Birif und Folletto kommen von Rosauras Haus herbeigelaufen. Der Italiener erhält seinen Antwortbrief, den er vergnügt liest. Er besingt sein Glück: Rosaura liebt ihn, und das Leben ist herrlich.

[2] Don Alvaro wartet auf Arlecchino. Dieser versichert seinem Auftraggeber, er habe Rosaura das Gedicht „wie ein Schwan“ vorgesungen (der Spanier scheint nicht zu wissen, dass Schwäne stumm sind). Als er dann einen Brief hervorzieht, ist es derjenige an Monsieur Le Bleau. Diese Verwechslung zwingt ihn zu behenden Improvisationen, mit denen sich Don Alvaro schließlich zufrieden gibt. Als Lohn bekommt der Diener freilich nur eine Urkunde. Arlecchino macht sich rar, als der Franzose auftritt.

[3] Monsieur Le Bleau fühlt sich unmustern in der Perücke und den Schuhen nach venezianischer Art, vergisst aber sein Leid, als ihm der inzwischen nicht mehr spanisch gekleidete Arlecchino seinen Brief aushändigt. Dabei handelt es sich nun freilich um das für Don Alvaro bestimmte Schreiben, und wieder muss der Überbringer seinen Kopf aus der Schlinge reden. Dafür erhält er als Belohnung ein Stückchen von dem „kostbarsten Ding der Welt“ – von Rosauras Brief.

[4] Nunmehr beansprucht Marionette ihren Anteil an Monsieur Le Beaus Trinkgeld, worauf ihr der Diener folgerichtig den Papierschnipsel in die Hand drückt und die Worte des Franzosen wiederholt. Marionette ist wütend: Arlecchino verspottet sie vom Küchendach aus. Dann ergreift er die Flucht.

Dritter Akt

Erste Szene

[5] Rosaura erzählt Marionette, dass sie vorhat, sich an jeden ihrer Verehrer heranzumachen, indem sie sich als Schönheit seines Landes verkleidet, und den zum Manne zu nehmen, der ihren Verführungskünsten widersteht. Sie verfasst Einladungen zu einem Ball, der freilich nur der Vorwand ist, die vier zusammenzubringen.

Zweite Szene

Monsieur Le Bleau und Don Alvaro sind inzwischen Zweifel an Rosauras Antwortschreiben gekommen. Als Arlecchino die Briefe vertauscht, verstehen sie die Situation und bereiten sich auf ein Duell vor; doch bevor sie die Klingen kreuzen, lässt sich Monsieur Le Bleau von Rosauras hübschen Dienerinnen ablenken.

[6] Milord Runebif und der Conte kämpfen. Dabei wird der letztere verwundet. Runebif bleibt allein und lässt sich von den Avancen einer maskierten englischen Schönheit beeindrucken. Sie meint, man werde sich beim Ball begegnen, und bittet um ein Erkennungszeichen, damit er sie auch ohne Maske wiederfindet.

[7] Don Alvaro, der sich bereits über Monsieur Le Bleaus Verschwinden echauffiert hat, gerät nun durch Arlecchino vollends in Wut. Als der Franzose zurückkommt, zieht der Spanier sofort blank – doch eine maskierte französische Schönheit hindert sie am Kampf. Le Bleau fällt sofort auf die Avancen herein und überreicht das erbetene Erkennungszeichen. Nachdem die Maskierte gegangen ist, überdenkt er die Sache noch einmal und meint zu Don Alvaro, dass er Rosaura nicht aufgeben werde. Man schlägt sich, bis eine maskierte spanische Schönheit erscheint. Sie tadelt Le Bleau und wendet sich Don Alvaro zu. Dieser kapituliert und überlässt ihr seinerseits ein Zeichen.

[8] Arlecchino und der Conte treten auf, in ein Gespräch vertieft: Rosaura hat die Gäste der Wirtschaft zum Ball geladen. Der Conte sieht eine maskierte venezianische Schönheit, die ihn verliebt betrachtet. Er macht ihr klar, dass seine Liebe „Madama Rosaura“ gehöre. Als er sie verlässt, bittet sie um ein Erinnerungsstück, und er gibt ihr sein Taschentuch. Mit ihrer Walzermelodie freut sich Rosaura, dass sie Liebe und Treue gefunden hat.

Letzte Szene

[9] Die Gäste versammeln sich zum Ball. Marionette hat sich als Eros kostümiert und nennt Rosaura die Rose von Arkadien.

[10] Rosaura erklärt, ihren Gemahl vor aller Öffentlichkeit wählen zu wollen. Nacheinander werden Milord Runebif, Monsieur Le Bleau und Don Alvaro mit den verräterischen Gegenständen konfrontiert, die sie der geheimnisvollen Maske gegeben hatten – keiner anderen als Rosaura natürlich, die den Grafen heiraten wird, der allein die Prüfung bestanden hat. Im venezianischen Dialekt kommen alle Anwesenden überein, dass die Liebe eines Landsmanns – und Goldonis – etwas besonders Schönes sei und dass sich Gefühle nicht befehlen lassen. Mit einem letzten Aufschwung des Walzerthemas im Orchester geht die Oper zu Ende.

© Richard Lawrence, 2008
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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