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8.660227-28 - STRAUSS II, J.: Furstin Ninetta [Operetta] (Aberg, Eliasson, Stockholm Strauss Orchestra, Csanyi)
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Johann Strauss II (1825–1899)
Fürstin Ninetta

 

Zu Beginn des Jahres 1892 erlebte Johann Strauß eine arge Enttäuschung, als seine einzige Oper Ritter Pásmán einen nur sehr mäßigen Erfolg erringen konnte: Ganze neun Mal wurde das Werk an der Wiener Hofopfer gegeben und anschließend von nur wenigen auswärtigen Theatern auf den Spielplan gesetzt. Der Komponist war also gezwungen, sich mit der Operette und fantasielosen Operettentexten auseinanderzusetzen.

Damals hatten zwei Autoren in Wien große Erfolge zu verzeichnen—Hugo Wittmann und Julius Bauer. Mit der Bitte um ein Operettenlibretto nahm Johann Strauß Kontakt zu den beiden auf, und er erhielt Fürstin Ninetta—allerdings nur die Handlung und die Gesangstexte, nicht die Dialoge, um deren Details Julius Bauer ein großes Geheimnis machte.

Im Herbst 1892 schloss Strauß die Komposition ab, und unter der Leitung des Kapellmeisters Adolf Müller jr. begannen die Proben im Theater an der Wien. Strauß selbst kam zur ersten Kostümprobe und war überrascht, als er die gesprochenen Dialoge hörte, die so gar nicht mit seiner musikalischen Konzeption im Einklang schienen: Dieses Libretto, meinte er, habe gar keine Musik nötig gehabt. Strauß saß dann im Publikum, als am 10. Januar 1893 die Premiere stattfand, bei der sogar Kaiser Franz Joseph zugegen war und erstmals in dem Theater elektrisches Licht verwendet wurde. Fürstin Ninetta war die zwölfte der fünfzehn Operetten, die Strauß komponieren sollte, und es war die erste, die er nicht selbst dirigierte.

Das Stück hatte Erfolg und erlebte an dem Theater 76 Vorstellungen. Der überwiegende Teil des Publikums und der Presse war davon sehr angetan, und ein Dutzend anderer österreichischer Bühnen spielten das Werk nach, das aber seit 1905 anscheinend nicht mehr aufgeführt wurde: Dornröschen schlief hundert Jahre, Fürstin Ninetta sogar einhundertundzwei.

Johann Strauß wird oft vorgeworfen, schlechte Libretti verwendet und sich weder mit den Worten noch mit dem Zusammenhang gehörig befasst zu haben. Im Falle der Fürstin Ninetta mag das auch so gewesen sein, doch bei den meisten seiner Operetten hat er immer auf die Atmosphäre der Handlung geachtet und die Musik sehr genau danach ausgerichtet. All seine Operetten haben ihren eigenen Charakter und sind eindeutig mehr als die bloße Abfolge sprühender Melodien. In der Partitur der Fürstin Ninetta finden sich freilich Gemeinsamkeiten mit anderen Werken: Der Carneval in Rom, Die Fledermaus, Prinz Methusalem, Das Spitzentuch der Königin, Der lustige Krieg, Eine Nacht in Venedig und Simplicius. Es handelt sich bei der Musik also mit andern Worten um echten Strauß in einem neuen Gewand.

Für die hier vorliegende Aufnahme hat das Stockholmer Strauß-Orchester die Cranz-Partitur mit der Nr. 8 sowie das Stimmenmaterial mit dem Datum 7. April 1893 verwendet. Es gibt nur eine Abweichung von der Partitur, und zwar im ersten Finale, wo Strauß in acht Takten eine Drehorgel verwendet, während wir ein Akkordeon einsetzen. Der Dialog wurde natürlich nicht aufgenommen, womit wir also zu dem ursprünglichen Punkt der musikalischen Konzeption zurückgekehrt sind.

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Die Handlung


CD 1

Erster Akt

Der erste Akt spielt im Foyer eines eleganten Hotels am Strande von Sorrent. An einem Tisch sitzt Baron Mörsburg, an einem anderen haben Adelheid und ihr junger Verlobter Ferdinand Platz genommen. [CD1/2] Der Kellner Emilio und der Hotelier erläutern dem Baron, dass das junge Paar abends im Hotel zu heiraten gedenkt. Ferdinand singt, er wolle nunmehr seine Junggesellenzeit hinter sich lassen [CD1/3]. In einem Duett [CD1/4] fragt er Adelheid nach ihrer Lieblingsfarbe. Er mag besonders gern rote Rosen, doch seine Verlobte bevorzugt blaue Vergissmeinnicht (in früheren Strauß-Operetten wird man nichts finden, das sich mit dem Charakter dieses Duetts vergleichen ließe). Baron Mörsburg erhält ein Telegramm von seiner Freundin, der Fürstin Ninetta Campocasso, die ihn bittet, ihr ein Zimmer in dem Hotel zu reservieren.

Ninetta ist die Witwe eines italienischen Fürsten, stammt aber eigentlich aus Russland. Bei ihrem Eintreffen trägt sie sich wie ein Jüngling und nennt sich Carlino. Ihr Freund, der Baron, erkennt sie natürlich; doch die andern Gäste halten sie tatsächlich für einen jungen Mann. In einem Couplet [CD1/5] behauptet sie, ein Führer zu sein. Die hübsche Erscheinung weckt natürlich sofort das Interesse der weiblichen Gäste. In diesem Moment erscheinen die Eltern von Adelheid und Ferdinand. Ferdinands Mutter Anastasia Knapp ist ebenso verwitwet wie Adelheids Vater Prosper Möbius, dem in Österreich eine Seidenfabrik gehört. Die beiden waren in ihrer Jugend ein Liebespaar gewesen, hatten seinerzeit aber nicht heiraten dürfen. In einem Duett [CD1/6] singen beide ein Loblied auf Italien—sie wegen der Kultur des Landes, er wegen der guten Küche.

Zwei weitere Gäste treten auf—Cassim Pascha und sein Diener Rustan. Sie waren mit einem italienischen Wanderzirkus unterwegs in dem Cassim als Hypnotiseur auftrat und obendrein mit seinem starken Gebiss die Leine einer Trapezkünstlerin halten musste. Vor dieser Karriere war er ägyptischer Finanzminister. Baron Mörsburg erkennt in ihm bald einen alten Freund, den russischen Adligen Tatischeff, der gegenwärtig auf dem Weg nach St. Petersburg ist, um seine Besitztümer zu kontrollieren. Da er Kaftan und Fez trägt, nennen ihn die Gäste des Hotels „den Türken“. Dieser besingt seine wirkliche Heimat [CD1/7], in der Blut und Wodka fließen, und lobt sich als raffinierten Diplomaten, dessen wahre Absichten niemand durchschauen kann.

Im ersten Finale [CD1/8] beginnt die Hochzeitszeremonie. Zur Durchführung der Trauung kommt Herr von Rübke, der deutsche Konsul von Neapel, ins Hotel. Ihn freut die Heirat nicht, da er selbst ein Jahr früher Adelheid einen vergeblichen Antrag gemacht hatte. Bei der Inspektion der erforderlichen Ausweisdokumente sieht er, dass Ferdinands Mutter Anastasia nicht mehr als Knapp, sondern als Möbius eingetragen ist. Prosper erklärt, man habe sich am Vortag in Nizza verehelicht, um das junge Paar mit diesem Geschenk zu überraschen. Sogleich behauptet von Rübke, Ferdinand und Adelheid seien Stiefgeschwister, und eine Eheschließung sei somit unmöglich—außer, die Eltern würden sich wieder scheiden lassen. Doch für eine rechtskräftige Scheidung gibt es nur zwei Gründe: Untreue oder körperliche Gewalt. Die Eheleute wollen nicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geschieden werden und etwas gestehen, das gar nicht geschehen ist.

Zweiter Akt

Der zweite Akt spielt auf der Dachterrasse des Hotels. Im Hintergrund sieht man den rauchenden und qualmenden Vesuv. Ferdinand sitzt am Tisch und zeichnet. Ein junges Mädchen betrachtet neugierig das Bild und erkennt das Gesicht der Fürstin Ninetta. Ferdinand ist zwar peinlich berührt, doch besingt er in seinem Couplet, welch eine Freude es für einen Künstler ist, eine schöne Frau zu zeichnen [CD1/10].

Bei den Gästen lästert der Kellner Emilio über einen geheimnisvollen Mann, der verschiedene Touristen auf dem Wege zum Vesuv ausgeraubt und umgebracht habe. Konsul von Rübke, der englische Lord Plato und Baron Mörsburg sitzen auf der Terrasse, als Ninetta erscheint—jetzt unschwer als hübsche junge Frau zu erkennen. Die anwesenden Herren bemerken sie. Lord Plato befindet sich in einer besonders prekären Lage, da er aufgrund einer Wette nicht sprechen darf. Als er von Ninettas Verkleidungstalent erfährt, hat er also nichts weiter zu sagen als „Hum“ [CD1/11].


CD 2

Cassim Pascha kommt hinzu. Auch er ist von Ninetta bittet sie, mit ihm eine Wanderung zu dem Vulkan zu unternehmen. Diese Einladung weckt in Emilio den Verdacht, es könne sich bei Cassim um den Räuber Fra Diavolo handeln. Kurz darauf erscheint Ninetta jedoch wieder im Jünglingskostüm und singt (zum Publikum gewandt) von der Tragik, ein Mädchen zu sein [CD2/2]. Ninetta weckt sogleich Anastasias Bewunderung. Cassim erscheint. Er hatte zuvor zwar erklärt, sich überhaupt nichts aus Frauen zu machen; jetzt aber geht er, während er ein liebenswertes und reines Mädchen besingt [CD2/3], zum Strand, um Ninetta zu suchen. (Bei den ersten Aufführungen der Operette fehlte dieses Couplet; statt dessen sang Anastasia seinerzeit ihr „Er soll mich verschmäh’n“.)

Im zweiten Finale [CD2/4] kommt Cassim vom Strand zurück—ohne die Dame, aber mit deren Spazierstöckchen. Die Hotelgäste sind nun fest davon überzeugt, dass er der Räuber ist. Allein die Tatsache, dass er Türke ist, macht ihn verdächtig. Es ist doch nicht zu übersehen, dass er den bösen Blick hat. Als man von Cassim verlangt, das Hotel zu verlassen, erwidert dieser, er habe dasselbe erworben und sei nun der Besitzer. Carlino bietet er die Stelle des Direktors an. Man ruft einen Richter und die Polizei und beschuldigt Cassim, Ninetta, Carlino und die Fürstin Campocasso ermordet zu haben.

Dritter Akt

Der dritte Akt beginnt im Bankettsaal des Hotels. Mit einer Tarantella wird der Ball eröffnet [CD2/5]. Cassim lässt sich in einem Walzer über die Vielweiberei aus [CD2/6]. Danach folgt ein Kinderballett [CD2/7]. Die Pizzicato Polka (Neue Pizzicato Polka op. 449) hatte Strauß schon im Frühjahr 1892 geschrieben, lange vor der Vollendung der Operette.

Vor allen Gästen erklärt Baron Mörsburg [CD2/8], dass die zauberhafte Ninetta, die alle Männer so faszinierte, ein Mann sei, und bei dem hübschen Jüngling, nach dem sich die Damen verzehrten, handle es sich in Wirklichkeit um eine Frau. Anastasia gibt ihrem Ehemann Prosper eine Ohrfeige, und der Baron ruft: „Bravissimo Das ist der Grund für die Scheidung!“ Jetzt kann das junge Paar heiraten. Cassim und Ninetta erkennen, dass sie Cousin und Cousine sind und streiten sich unnötigerweise um den Besitz. Wie in fast jeder Operette leben sie danach glücklich bis ans Ende ihrer Tage [CD2/9].


Berth Vestergård
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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