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8.660233-34 - ROSSINI: Inganno felice (L') [Opera]
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Gioachino Rossini (1792-1868)
L’inganno felice

 

Unter den fünf Venezianer farse ist L’inganno felice heute die mit Abstand unbekannteste und am seltensten gespielte. Zu Rossinis Lebzeiten hingegen wurde die Oper häufig gespielt und eilte den beiden großen Werken Tancredi und L’Italiana in Algeri auf den europäischen Bühnen voraus.

Über die Entstehung der Oper ist wenig bekannt. Es handelt sich um die zweite farsa, die Rossini für den Impresario des Venezianer Teatro San Moisè, Antonio Cera schrieb und um seine dritte Oper, die zur Aufführung gelangte. Der Erfolg der Cambiale di matrimonio 1810 hatte Cera dazu bewogen, dem jungen, vielversprechenden Komponisten einen weiteren Auftrag zu geben, dieses Mal für die wichtigere Karnevalssaison des Jahres 1811/12. Für die Komposition blieb wenig Zeit, weil die Premiere des zuvor uraufgeführten Zweiakters L’equivoco stravagante (Bologna) nur wenige Wochen zurücklag. Die Uraufführung von L’inganno felice am 8.

Januar 1812 mit sehr guten Sängern - u. a. Teresa Giorgi Belloc, Luigi Raffanelli und Filippo Galli - wurde ein riesiger Erfolg. Cera schrieb einen Tag später einen enthusiastischen Bericht darüber an Rossinis Mutter: “L’inganno felice hat wahre Furore gemacht; das Publikum begeisterte sich daran von der Ouvertüre bis zum Ende des Finales, indem es fortwährend rief oh che bella musica!” Der junge Komponist wurde nach dem Ende der Vorstellung stürmisch auf die Bühne gerufen. Cera prophezeite Anna Guidarini Rossini, dass ihr Sohn in nur wenigen Jahren eine Zierde Italiens sein werde, der wiedergeborene Cimarosa. Entsprechend positiv fielen die Zeitungsberichte in Venedig aus. Der Impresario bot noch am selben Abend Rossini einen Kontrakt über weitere drei farse an. Die Uraufführung beendete auf das schönste die stagione di Carnevale. Die letzte, die 14. Aufführung in der ersten Serie fand am 11. Februar statt.

Rossinis Librettist Giuseppe Foppa (1760-1845) gehört zu den bekanntesten Verfassern von Opernbüchern in Venedig. Sein Haupttätigkeitsfeld lag im Bereich der farsa. Für Rossini schrieb er noch die Libretti zu La scala di seta und Il Signor Bruschino, darüberhinaus noch zahlreiche Texte für andere Komponisten. Die Behauptung, Foppa habe bei seinem Libretto auf ein älteres Werk gleichen Titels von Giuseppe Palomba für Paisiello zurückgegriffen, hat einer Überprüfung nicht standgehalten. Die zweiaktige komische Oper Paisiellos weist keinerlei inhaltlichen Übereinstimmungen mit dem Werk Rossinis auf.

Bei der Gattungsbezeichnung farsa darf nicht an eine komische Oper (Farce) gedacht werden. Vielmehr ist damit nur die einaktige Form gemeint, die ursprünglich als Füllung (farsa) zwischen den Akten einer ernsten Oper diente. Diese Herkunft hatte sich allerdings zu Rossinis Zeit schon völlig verloren. Das auf farse spezialisierte Teatro San Moisè spielte in aller Regel zwei davon an einem Abend.

L’inganno felice ist jedenfalls keine komische Oper, sondern eine einaktige semiseria, in Rossinis Schaffen die Vorläuferin von Torvaldo e Dorliska, Matilde di Shabran sowie seiner bekanntesten semiseria La gazza ladra. Semiseria ist nicht als halbernst beziehungsweise halbkomisch zu verstehen, sondern stellt eine eigene Gattung dar, das bürgerliche Rührstück oder die Rettungsoper, deren Inhalt sich auf die Aussage reduzieren lässt: Die verfolgte Unschuld wird in letzter Minute gerettet. Das gilt auch für die vorliegende Oper, die im weiteren Sinne dem Genoveva-Stoffkreis angehört. Die treue Ehegattin wird zu Unrecht der Untreue bezichtigt, daraufhin verstoßen, aber vom Ehemann wieder aufgenommen, nachdem sich alles aufgeklärt hat. Der Librettist Foppa und Rossini nahmen sich gemeinsam dieses Stoffes noch einmal in der Oper Sigismondo an, allerdings mit weitaus geringerem Erfolg.

Formal hingegen entspricht L’inganno felice den übrigen farse Rossinis. Einschließlich der Ouvertüre besteht die Oper aus neun Nummern. Das Pseudofinale I steht als Nr. 4 genau in der Mitte des Werkes, fällt aber als Terzett etwas mager aus. Aber selbst das entspricht der Struktur von La cambiale di matrimonio und Il Signor Bruschino, während La scala di seta und L’occasione fa il ladro hier größere Formen aufweisen. Typisch semiseria ist dann das Duett Tarabotto-Batone (“Va taluno mormorando”) zwischen dem komischen Helfer der verfolgten Unschuld und dem seriösen Bösewicht. In den zweiaktigen semiserie Rossinis weitet sich die Situation zum Terzett (Torvaldo e Dorliska) und zu größeren Formen (Matilde di Shabran) und gewinnt auch musikalisch eine andere Statur. Während es sich in L’inganno felice musikalisch um eine reine Buffonummer handelt, werden in den späteren Werken die seriösen Stimmen getragener behandelt, gegen die der Buffo “plappert”. La gazza ladra hingegen ist zwar von der Geschichte her eine typische semiseria, nicht aber von der musikalischen Struktur. Das liegt an dem sehr unkonventionellen Textbuch und der daraus resultierenden größeren Personenzahl, die etwa dazu führt, dass der komische Helfer (Giorgio in Torvaldo e Dorliska) in mehrere Personen aufgeteilt wird (Pippo, Giorgio).

Der überwältigende Erfolg der Oper hatte zeittypisch zahlreichen Überarbeitungen zur Folge. Die Venezianer Aufführung des Jahres 1821 ist die einzige dokumentierte Aufführung, die fast vollständig mit der Fassung der Uraufführung übereinstimmt. Ansonsten wurde häufig ein Chor der Minenarbeiter eingeführt, der die Statisten ersetzte. Die mehr oder weniger starken Eingriffe in die Musik erfolgten erstmals 1817 in Lissabon. Als Filippo Galli von der Rolle des Batone zum Tarabotto wechselte, nahm er dessen Arie mit, was weitere Anpassungen zur Folge hatte. Am stärksten fallen hingegen die Veränderungen bei der Arie der Isabella aus, die häufig ausgetauscht, aber auch weggelassen wurde. Rossinis Teilnahme an einigen Veränderungen ist wahrscheinlich, aber nicht gesichert. Es sind aber, insbesondere auch für die Arie der Isabella, Einfügungen von fremden Kompositionen bekannt.

Noch im Jahr der Uraufführung wurde die Oper am Teatro San Moisè wieder aufgenommen und gelangte nach Bologna und nach Florenz. 1813 behauptete sie den ersten Platz in der Aufführungshäufigkeit vor der vom Start weg erfolgreichen L’Italiana in Algeri. Es kam zu weiteren Aufführungen in Norditalien. 1814 wurde die Oper lediglich durch den Tancredi überholt. 1815 nahm L’inganno felice mit Aufführungen an 8 Theatern Platz 3 der meistgespielten Opern Rossinis ein. In diesem Jahr wurde sie erstmals im Ausland gespielt (Barcelona), 1816 erstmals in Deutschland (München, Wien Hofoper). 1817 wurde die Oper an 9 Theatern aufgeführt. In Deutschland hielt sie sich auf dem Spielplan (Dresden, München, Wien), weitere Aufführungen fanden in Lissabon, Lucca und Siena statt. 1818 spielten noch 7 Theater die Oper, nunmehr mit dem Schwerpunkt in Deutschland. 1819 stieg die Zahl der Theater nochmals auf 12 an. Im ersten Jahrzehnt ihrer Rezeption behauptete die Oper hinter Tancredi und L’Italiana in Algeri mit 61 Nennungen (Theater/Jahr) den dritten Platz noch vor Barbiere und Otello.

Diese starke Stellung konnte die Oper im folgenden Jahrzehnt nicht halten, es kam aber immerhin noch zu mehr als 100 Aufführungen in italienischen und ausländischen Theatern. Von den Nennungen entfällt ein knappes Viertel auf Deutschland, wo die Oper unter dem Titel “Die Getäuschten” häufig gespielt wurde. Für diesen Zeitraum vermochte die Oper sogar - schwachen - literarischen Ruhm zu gewinnen. In seinem Roman “Der Congreß von Verona” erwähnt Julius Mosen, wenn auch widerwillig dieses Werk: “Jetzt begann die Oper: l’inganno felice” von Rossini und die Crivelli, Passerini und Galli boten ihre äußersten Triller auf, sich den Beifall der erlauchten Versammlung zu erwerben.”

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts ließ die Aufführungshäufigkeit erkennbar nach. Nun gelangte die Oper aber auch nach Übersee: Santiago de Chile (1830), Vera Cruz (1831), New York (1833) und New Orleans (1837). Für 1838 sind noch 3 Aufführungsorte genannt, für 1839 erstmals keiner. Im folgenden Jahrzehnt wurde die Oper kaum noch gespielt, danach nur noch sporadisch aufgeführt: 1850 am Königstädtischen Theater in Berlin, 1865 in Mailand, 1872 in Neapel, 1876 in Florenz und 1878 in Madrid.

Das 20. Jahrhundert behandelte L’inganno felice ausgesprochen stiefmütterlich. Die im 19. Jahrhundert mit Abstand meistgespielte farsa Rossinis wurde nun die mit entsprechendem Abstand wenigstgespielte. Das ist vom musikalischen Wert her nicht zu begründen. Eher mag es etwas mit der unverständlichen Abstinenz der Jetztzeit mit der semiseria zu tun haben. Die erste Wiederaufführung fand 1952/53 in Rom statt. Es folgten 1954 Bologna, 1963/64 Neapel (RAI), 1968 Palermo, 1969 Buenos Aires, 1970 Wexford und Birmingham, 1972 Neapel (RAI), 1980 Pesaro, 1991 Menton, 1992 Narni und 1994 Verona und Pesaro. In den 90er Jahren kam es zu einer Aufführungsserie in Norditalien. In Deutschland ist sie nur 2002 in Karlsruhe und 2005 in Bad Wildbad zur Wiedereröffnung des Kurtheaters gespielt worden.

Bernd-Rüdiger Kern

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Der Inhalt

Weil Isabella, die Gattin des Herzogs Bertrando, die Nachstellungen von dessen skrupellosem Minister Ormondo zurückgewiesen hat, wurde sie von diesem verleumdet. Bertrando glaubt Ormondo und Isabella wird auf einem brüchigen Boot in den sicheren Tod geschickt. Isbaella strandet jedoch in der Nähe einer abgelegenen Bergwerkssiedlung und findet unter falschem Namen beim Aufseher Tarabotto Schutz.

Tarabotto treibt seine Arbeiter mit neuen Nachrichten an. Der Herzog Bertrando plant einen Besuch, da er sein Reich gegen Angreifer verteidigen muss. Isabella betrachtet Betrandos Porträt, wird dabei aber von Tarabotto überrascht, der auf diese Weise ihre wahre Geschichte und Identität erfährt. Obwohl Bertrando soeben seine zweite Frau verloren hat, hegt er, sobald er sich dem Bergwerk nähert, sentimentale Erinnerungen an seine erste Frau Isabella. Batone, der Gefolgsmann Ormondos, erschrickt, als er Isabella sieht, ebenso wie diese selbst, da er es war, der sie im Auftrag Ormondos auf dem Boot den Wellen überließ. Die Frau, die ihm als Nisa, Tarabottos Nichte vorgestellt wird, gleicht der tot geglaubten Herzogin aufs Haar. Inzwischen ist Tarabotto entschlossen, Isabella und Bertrando wieder zu vereinen. Er ruft Isabella, damit sie dem Herzog persönlich die strategisch wichtigen Wege durch das Gebirge erklärt.

Das Zusammentreffen des Paars ist von widersprüchlichen Gefühlen geprägt. Betrando ist aufgewühlt versucht, von Ormondo zu erfahren, ob Isabella wirklich ums Leben gekommen sei. Auch Ormondo wird unruhig und schickt Batone zu Tarabotto, um die Wahrheit über dessen vorgebliche Nichte zu erfahren. Beide versuchen, einander auszuspionieren. Inzwischen erzählt Isabella Bertrando ihre eigene Geschichte unter falschem Namen. Bertrando ist von der Geschichte so aufgewühlt, dass Ormondo sofort zu handeln beschließt: Nisa/Isabella soll entführt werden, doch Tarabotto erkennt die Gefahr und beschwört Bertrando, seine Nichte Nisa vor einem Überfall zu beschützen. Bertrando versichert ihn seiner Unterstützung und beide verstecken sich nachts beim Bergwerk, um den Verbrechern aufzulauern. Zu Bertrandos Überraschung kommen Batone und Ormondo, deren Unterhaltung dem lauschenden Bertrando die Wahrheit enthüllt: Ormondo wird gefangen genommen und abgeführt. Bertrando wird von Schuldgefühlen überwältigt, doch Isabella, der Tarabotto jenes Kleid zurückgegeben hat, in dem er sie seinerzeit am Ufer vorfand, verzeiht ihm und so steht einer Wiedervereinigung der Liebenden nichts mehr im Wege.


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