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8.660268-69 - STRAUSS II, J.: Nacht in Venedig (Eine) (Buckard, Gylbert, Stockholm Strauss Orchestra, Eichenholz)
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Johann Strauss (1825–1899)
Eine Nacht in Venedig

 

Nach dem großen Erfolg seiner achten Operette Der lustige Krieg im Jahre 1881 wünschte sich Johann Strauß einen italienischen Stoff, der auf dem Markusplatz von Venedig seinen Abschluss finden sollte. Die Librettisten Camillo Walzel (Pseudonym: F. Zell) und Richard Genée erfüllten diesen Wunsch mit einem Libretto namens Venezianische Nächte, das um die Mitte des 18. Jahrhunderts spielte und in seiner Handlung der Freude des Komponisten an witzigen Situationen entgegenkam. Die Botschaft der Aktion lautete: dass Männer zwar versuchen können, das schönere Geschlecht hinters Licht zu führen, deren Vertreterinnen am Ende aber mindestens ebenso gerissen sind. Strauß begann sofort mit der Vertonung und schuf eine Operette, die sich zu einem seiner vier größten Erfolge entwickelte. Was er freilich nicht wusste, war, dass es sich bei der Geschichte um die Kopie eines französischen Schauspiels handelte, und so wäre es beinahe noch vor der Uraufführung des Stückes zu einem Skandal gekommen. Den ersten Theaterskandal seiner Karriere erlebte Johann Strauß dann allerdings während der eigentlichen Premiere.

Gerade erst hatte ihn seine zweite Ehefrau Lili verlassen. Sie lebte nun mit Franz Steiner zusammen, dem Direktor des Theater an der Wien, für den Strauß mit Ausnahme seines Prinz Methusalem alle bisherigen Operetten geschrieben hatte. Nach der Trennung von seiner Gattin hatte er allerdings den Entschluss gefasst, die Uraufführung dem Neuen Friedrich-Wilhelm- Städtischen Theater von Berlin zu übertragen, das ihm freundlich gesonnen war. Dort ging das Stück am 3. Oktober 1883 unter der Leitung des Komponisten selbst über die Bühne, und alles lief perfekt—bis zum dritten Akt, wo es im Lagunenwalzer des Herzogs heißt: „Nachts sind die Katzen ja grau, / nachts tönt es zärtlich Miau.“ Einige Besucher fielen in das „Miauen“ ein, was den Komponisten vorübergehend aus der Fassung brachte.

Sechs Tage später kam die Operette auch im Theater an der Wien heraus. Strauß strich für diese Aufführung einige Takte der Ouvertüre, während der Komponist und Schriftsteller Franz Edler von Gernerth gemeinsam mit Richard Genée den Lagunenwalzer neu textierte. Diese Zeilen, die jetzt von Caramello, des Herzogs Leibbarbier, gesungen werden, waren zwar auch nicht viel besser, doch kam darin wenigstens kein „miau“ mehr vor. Der zweite Librettist Camillo Walzel kürzte außerdem die Dialoge, und seit dem 9. Oktober 1883 wurde Eine Nacht in Venedig ein weltweiter Bühnenerfolg.

Im Jahre 1929 verlor die Musik von Johann Strauß ihr Copyright. Doch die Verlage hatten schon längst nicht mehr die Originalfassung seiner Werke verkauft. Eine Nacht in Venedig wurde, wie viele andere Operetten, von Erich Wolfgang Korngold (1923) arrangiert, enthielt nunmehr ein Stück aus der Operette Simplicius und erschien in dieser Version mit erneuertem Copyright im Verlagshaus von August Cranz. Mehr als ein halbes Jahrhundert wurde fast durchweg Korngolds erweiterte Orchestration verwendet. Die autographe Partitur des Originals befindet sich derzeit im Besitz der kalifornischen Stanford University. Auf der ersten Seite steht die handschriftliche Widmung des Komponisten: „Meinem lieben Schwager Josef Simon als gebundenes Closette-Papier. Wünsch guten Appetit!“

Wir spielen hier die Originalfassung des Werkes, die 1883 in Wien zu hören war. Die Partitur dieser Version wurde 1970 von Doblinger veröffentlicht. Wir haben allerdings ein paar kleine Kürzungen vorgenommen und beispielsweise auf jene Wiederholungen bzw. Takte verzichtet, die den Akteuren Zeit für den Abgang von der Bühne ließen: Nr. 6b (Streicherbegleitung des Dialogs), 29 Takte des Melodrams Nr. 8a, Nr. 8b, die erste Wiederholung des Aufzugsmarsches Nr. 17a sowie 58 Takte des Melodrams im Finale des dritten Aktes. Bei der Orchestration haben wir die Gitarre (73 Takte im Finale I) sowie die beiden Zithern (16 Takte im Finale III) weggelassen. Die Aufführung fand in Zusammenarbeit mit dem Opernkollegium der Stockholmer Universität statt, wobei die weiblichen Solisten ihre Couplets nicht genau den Bühnenrollen entsprechend singen. Unter Verzicht auf die gesprochenen Dialoge ist hier die von Anfang bis Ende zündende Musik der Operette zu hören.

Die Handlung

Erster Akt. Ein Platz mit einer Makkaroni-Bude bei der Rialto-Brücke.

Venedig erwartet die Ankunft des Herzogs Guido von Urbino, der zum Karneval kommt und für seinen hiesigen Palast einen neuen Verwalter bestellen will. Darüber hinaus hat er sich vorgenommen, die schönste Frau der Stadt zu erobern—Barbara, die Frau des Senators Delaqua. Er hat sie im Vorjahr bei einem Maskenball kennengelernt, ohne allerdings ihr Gesicht gesehen zu haben. Natürlich will er seine Heldentat bei einem prächtigen Feste in seinem Palast ausführen.

Herzog Guido sendet also seinen Leibbarbier Caramello voraus, auf dass er die Einladungen verteile und eine Gondel bestelle, mit der sich Signora Barbara, falls nötig, entführen ließe. Caramello hat jedoch eine alte Freundin in der Stadt, das Fischermädchen Annina. Er verbringt die Zeit mit ihr und überlässt die Einladungen einem Freund, dem Makkaronikoch Pappacoda: So werden anstelle der feinen Leute Schneider, Bäcker, Lastenträger, Wäscherinnen und Zofen zu dem Fest eingeladen. Man beschließt, sich nicht zu verkleiden, weil jedermann annehmen wird, dass die Gäste ja kostümiert seien. Auch Pappacoda hat eine Liebste—Ciboletta, eine Zofe bei Delaqua und seiner jungen Gemahlin Barbara. Ciboletta ist zugleich wiederum mit Annina befreundet. Pappacoda ist gleichwohl mit seinem Junggesellendasein zufrieden und gibt als Grund für seinen Wunsch, auch weiterhin unverheiratet zu bleiben, das Fehlen regelmäßiger Einkünfte an.

Ganz Venedig weiß, wie es um das Verhältnis des Herzogs zu den Frauen bestellt ist. Als er nunmehr eintrifft, gibt er den Senatoren Delaqua, Barbaruccio und Testaccio zu verstehen, dass er sie bei seinem Fest mitsamt ihren Gemahlinnen erwarte. Seltsamerweise aber fühlen sich alle drei Damen auf einmal kränklich, worauf der Herzog seinem Barbier befiehlt, Barbara in der nächtlichen Finsternis zu ergreifen. Der Ehemann hat sie prophylaktisch bereits in einer Gondel zu ihrer Tante auf die Insel Murano geschickt, indessen er sich um einen zufriedenen Herzog bemüht, damit dieser ihn zum Verwalter seines Palastes ernenne: Er bittet also Ciboletta, ihn in der Rolle seiner Ehefrau zu dem Feste des Herzogs zu begleiten, sich dort des hohen Herrn anzunehmen und ihn womöglich gar zu bitten, ihm, Delaqua, die vakante Stelle zu geben.

Zufälligerweise hat der vorsichtige Senator just am Tag des Festes Geburtstag. Die andern Gäste scharen sich singend um ihn, so dass er nicht gewahr wird, was seine Frau treibt. Natürlich bemerkt er nichts: Er ist gerührt von der Musik der Leute. Die Damen haben ihrerseits andere Pläne für den Abend: Barbara denkt gar nicht daran, zu ihrer Tante zu gehen. Sie hat ein Stelldichein mit dem jungen Marineoffizier Enrico und bittet ihre Freundin und Milchschwester Annina, statt ihrer in die Gondel zu steigen, die Caramello beschaffen wird.

Zweiter Akt. Im Palast des Herzogs.

Die abendlichen Geschehnisse haben dazu geführt, dass Caramello unwissend seine eigene Liebste im Palaste des Herzogs abgeliefert hat. Als er seinen Fehler bemerkt, ist es zu spät—und Annina vergnügt sich damit, ihn eifersüchtig zu machen. Der Herzog heißt die Schönheit willkommen und geleitet sie zum Souper in sein Gemach, fest davon überzeugt, dass es sich bei seinem Gast um die ersehnte Barbara handelt. Da erscheint Delaqua und stellt Ciboletta als seine Frau vor. Der irritierte Herzog sitzt plötzlich mit zwei Barbaras am Tisch. Er bemüht sich zu entdecken, wer von beiden die echte ist.

Ciboletta bittet den Herzog um eine Anstellung, nicht aber für den hoffnungsfrohen Delaqua, sondern als Köchin, wobei sie an ihre Zukunft mit Pappacoda denkt.

Caramello und Pappacoda finden in ihrer Eifersucht verschiedene Gelegenheiten, den Herzog in seinem Gemach zu stören. In der Zwischenzeit unterhalten sich die andern Gäste des Herzogs mit Essen, Tanzen und Feiern. Agricola, die Gattin des Senators Barbaruccio, und eine Horde dunkelhäutiger, hässlicher Damen erscheinen, um dem Herzog ihre Aufwartung zu machen. Ihnen, so singen sie, machten die Gerüchte, wonach der Gastgeber ein Frauenheld sei, keinerlei Sorgen.

Da läuten die Glocken des Markusdoms. Es ist an der Zeit, dass man auf den Platz vor der Kathedrale hinaustritt und sich demaskiert.

Dritter Akt. Auf dem Markusplatz.

Der Herzog hat nichts erreicht, amüsiert sich aber über den Schabernack: Er macht Pappacoda zu seinem Hofkoch und Caramello zu seinem Palastverwalter.

Die turbulente Nacht ist vorbei, und ganz zum Schluss haben die Frauen erreicht, was sie wollten.


Berth Vestergård
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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