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8.660280-81 - STRAUSS II, J.: Gottin der Vernunft (Die) (Groiss, Ma-Zach, Kumpfmuller, Equiluz, Cortes, Fodinger, Slovak Sinfonietta, Zilina, Pollack)
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Johann Strauss II (1825–1899)
Die Göttin der Vernunft

 

Geschichte einer Operette: Die Göttin der Vernunft

Am 3. und 4. Dezember 2009 war der Fatra-Kunstpalast der slowakischen Stadt Zilina der Schauplatz einer musikalischen Auferstehung—als nämlich nach 111 Jahren Die Göttin der Vernunft, die letzte Operette von Johann Strauß Sohn, erstmals wieder aufgeführt wurde. Die Freunde des Genres werden gewiss beipflichten, dass dieses Stück die Operettenentdeckung des 21. Jahrhunderts ist. Ganz ohne Frage werden alle Autoren, die sich mit Johann Strauß’ Bühnenwerken auseinandersetzen, nach den beiden großartigen konzertanten Aufführungen von Zilina und der identisch besetzten Naxos-Produktion nicht umhin können, ihre Ansichten über das szenische OEuvre des Komponisten zu revidieren. Unbestreitbar gehört Die Göttin der Vernunft an die Seite der allerbesten Strauß-Operetten, indessen sie gegenüber ihren unmittelbaren Vorgängerinnen eine bemerkenswerte künstlerische Entwicklung erkennen lässt. Außergewöhnlich an dieser letzten und strahlenden Blüte aus der Operettenkarriere des Komponisten sind freilich die unglückseligen Umstände ihrer Entstehung.

In seiner Ausgabe vom 11. Juli 1896 meldete das Illustrirtes Wiener Extrablatt seinen Lesern: „Johann Strauß, welcher derzeit […] zum Sommeraufenthalt in Ischl weilt, hat daselbst die Composition einer neuen dreiactigen Operette in Angriff genommen. Das Textbuch zu derselben verfassen A. M. Willner und Bernhard Buchbinder. Meister Strauß, der mit großer Schaffensfreudigkeit an das Werk gegangen ist, gedenkt dasselbe für Herbst 1897 fertigzustellen.“ Doch die „große Schaffensfreudigkeit“ des Komponisten war schließlich von kurzer Dauer, da es zwischen ihm und seinen Librettisten schon bald zu einer Reihe von Misshelligkeiten kam. Die Göttin der Vernunft, wie die Operette heißen sollte, hatte es wirklich gegeben—und zwar während der Schreckensherrschaft Robespierres, die im Zuge der französischen Revolution (1789–1799) begonnen hatte und im Laufe der Jahre mehr als eine Million Menschen das Leben kostete. Der französische Politiker Pierre Chaumelle (1763–94) war damals die treibende Kraft bei der Einführung eines anti-christlichen und atheistischen „Kultes der Vernunft“ gewesen, der Wahrheit und Freiheit durch die Übung des logischen Verstands zu erreichen trachtete. Am 10. November 1793 veranstaltete Chaumelle ein „Fest der Vernunft“, den Berichten zufolge eine schrille und unzüchtige Weihefeier, deren Hauptattraktion die „Göttin der Vernunft“ war, eine Schauspielerin „im Costüm der Eva“, die man im Triumphzug in die Kathedrale von Notre Dame geleitete. Strauß hatte zwar bereits um den 12. Juli 1896 herum die drei ersten Nummern der Operette erhalten, doch ihr komplettes Szenario lieferten ihm Willner und Buchbinder erst Anfang des nächsten Monats. Jetzt sah Strauß also erstmals die gesamte Handlung vor sich, und offenbar widerstrebte es ihm, das gottlose Thema im katholischen Österreich aufzugreifen—insbesondere eine Handlung, die eine Burleske à la Offenbach mit den antiklerikalen, grausamen Tagen der französischen Revolution zu verbinden suchte. Strauß bemühte sich sogleich, das Abkommen mit den beiden Librettisten zu lösen. Willner jedoch war Rechtsanwalt und ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass sich Strauß, falls er sich weigern sollte, die Operette zu schreiben, eines Vertragsbruchs schuldig machte und vom Gericht energisch verfolgt werden würde. Schweren Herzens brachte ein entzauberter und übellauniger Strauß die Sache in ganzen acht Monaten zum Abschluss. Trotz Willners aufbauenden Worten („Am Tage nach der Premiere werden Sie Ihr großes Unrecht einsehen“) zweifelte der Komponist an den Erfolgsaussichten des Werkes: „Lieber Herr Berté, endlich fertig! Sollte das Duett durchfallen, so hätte wohl die Hälfte davon auch genügt,“ bemerkte er gegenüber seinem Verleger in einer beinahe verächtlichen Notiz am Ende des Walzerduetts aus dem zweiten Akt (Nr. 9). Er blieb, angeblich wegen seines „harmlosen bronchialen Katarrh[s]“, sogar der Premiere der Operette fern, die am 13. März 1897 vor einem illustren Publikum im Theater an der Wien stattfand. Das Orchester des Hauses spielte vielmehr unter der Leitung von Adolf Müller junior, und Strauß ließ sich telefonisch über die Reaktion auf die einzelnen Akte informieren.

Einige Kritiker wetterten zwar gegen den fragwürdigen Gegenstand des Librettos („Läßt sich eine blutrothe Guillotine mit Blumen verkleiden?“ fragte die Neue Freie Presse), doch aus heutiger Sicht erscheint die Geschichte, die sich über Religion, Aristokratie, Moral und Militär lustig macht, recht unschuldig. Selbst die drei Jakobiner sind als harmlose Komiker dargestellt und parodieren so die blutrünstigen Repräsentanten des Schreckensregimes. Überdies ist das Libretti, verglichen mit einigem, was Strauß früher an dürren Texten erhalten hatte, erstaunlich gut, und sein Humor ist vielfach zeitlos. Natürlich machte der Zensor, wie nicht anders zu erwarten war, in der ursprünglichen Textvorlage zahlreiche Striche; außerdem wurde genau vorgeschrieben, was das Kostüm der Titelfigur enthüllen und wie „bloßfüßig bis zum Halse empor“ die entzückende Julie Kopácsy-Karczag, die die Titelpartie kreierte, sich zeigen dürfe.

Die zumeist schmeichelhaften Premieren-Kritiken reichten in ihren Ansichten von übermäßiger Begeisterung bis zu völliger Geringschätzung. Angesichts solch überaus fesselnder Walzerlieder wie „Schöne, wilde Jugendzeit“ (CD 1/[11]) und „O Nachtigall, es ist die Liebe!“ (CD 1/[10]) ist es heute völlig unbegreiflich, wie der Kritiker der Wiener Rundschau zu der Auffassung kam, dass „der vom Premièrepublicum sehnlichst erlauerte Schlager in Walzerform vergeblich auf sich warten liess“, oder dass der Korrespondent der Deutschen Zeitung glaubte beobachten zu dürfen: „Erfindung und Kraft der Durchführung haben den greisen Componisten gleichmäßig verlassen; was übrig bleibt, erhebt sich nur an wenig Stellen über die Banalität.“ Demgegenüber war der Journalist des Deutschen Volksblatts des Lobes voll für diese Göttin der Vernunft und meinte treffend, dass das Werk „abermals von der großen geistigen Frische, der unerschöpflichen Erfindungsgabe und dem Melodienreichthum [zeugte], der heute noch dem Meister Strauß, trotz seiner 72 Jahre, eigen ist. […] Strauß ist hier augenscheinlich bemüht, noch mehr als in seinen letzteren Werken (,Waldmeister‘ und mehreren anderen), die Operette in die Arme der komischen Oper auszuliefern, und es finden sich da so manche Wendungen, die in gerader Linie auf den Vater der deutschen komischen Oper, den unsterblichen Mozart, zurückweilen. […] Die Partitur ist sorgfältig gearbeitet, was bei früheren Werken des Componisten nicht immer der Fall war; zahlreiche instrumentale und harmonische Feinheiten, hübsch gearbeitete Ensemblesätze und effectvolle Finale zeigen, dass Strauß die Sache ernst genommen und die Absicht gehabt hat, mehr als bloße seichte Operettenmusik zu machen. […] Die ,Göttin der Vernunft‘ dürfte längere Zeit den Spielplan des Theaters an der Wien beherrschen.“ Insgesamt 36 Aufführungen brachte das Theater im Jahre 1897, bevor die Operette aus dem Repertoire verschwand.

Wenn Der Carneval in Rom (1873) nach Strauß’ eigenen Worten seine „Polka-Oper“ ist, so stellt Die Göttin der Vernunft zweifelsohne seine „Marsch-Oper“ dar. Gewiss, es gibt darin auch reife, ergreifend schöne Walzerlieder, die die Gefühle wecken und zum Schunkeln anregen, doch die wahre Antriebskraft der Göttin der Vernunft ist der Marsch. Und was für Märsche sind das! „Im Kriege ist das Leben voll Reiz und wunderschön“ (CD 1/[4]), „Der Schöpfung Meisterstück ist der Husar“ (CD 1/[4]) und „Wo uns’re Fahne weht“ (CD 1/[13]) gehören zu den überschwenglichsten und begeisterndsten Melodien, die Strauß im Marschtempo komponiert hat, während sich das kesse Marschquartett des dritten Aktes „Vorwärts, greifet zu“ (CD 2/[5]) mit aufreizender Unmittelbarkeit im Gedächtnis einnistet. Auch Ernestines Carmagnole (Nr. 13) aus dem zweiten Akt „Gavott’, Musett’ und die Bourée“ (CD 1/[15]) ist ein äußerst ansteckender Marsch, der den Hamburgischen Correspondent „an die flotteste Jugendzeit des Maestro“ gemahnte.

Die Serie von Zufälligkeiten, dank derer wir Die Göttin der Vernunft heute genießen dürfen, ist eine Geschichte mühevoller Arbeiten. Professor Christian Pollack entdeckte die handschriftliche Partitur und Stimmen der Göttin der Vernunft im Archiv des Theater an der Wien, das heute in einem Kellerraum der Österreichischen Nationalbibliothek liegt. Das gesamte Material war in sehr schlechtem, völlig unspielbarem Zustand. In den nächsten sechs Monaten war Pollack dann intensiv mit der Sichtung und Sortierung der Noten beschäftigt, aus denen verschiedene Teile entfernt werden mussten, die Ferdinand Stollberg 1909 bei seiner Überarbeitung des Werkes—es hieß jetzt Reiche Mädchen— eingefügt hatte. Schließlich mussten die Noten aus den 2.000 Photographien, die Pollack gemacht hatte, herausgeschrieben werden. Er schätzt, dass ein Drittel der vielen Stücke, die Strauß für Die Göttin der Vernunft komponiert hatte, noch vor der Premiere verworfen wurde, worauf man weitere Nummern direkt im Anschluss gestrichen habe. (Nach der Generalprobe flehte der Kritiker und Komponist Richard Heuberger den Dirigenten Adolf Müller junior an: „Streichen, streichen, streichen! Der 1. Akt ist um reichlich 20–25 min. zu lang, der 2te mindestens um 1/4 Stunde.“)

Die Ouvertüre lieferte Strauß zur 25. Vorstellung des Stückes am 6. April 1897 (inzwischen hatten Emil Berté & Cie den Klavierauszug bereits veröffentlicht). Weiterhin brachte er für den zweiten Akt das Marschquartett „Vorwärts, greifet zu“ (CD 2/[5]) und die Walzerarie „Schöne, gold’ne Lieutenantszeit“ des Oberst Furieux, die später zu dem Text „Schöne, wilde Jugendzeit“ (CD 1/[11]) dem Bonhomme übertragen wurde. Für die vorliegende Naxos-Aufnahme hat Christian Pollack die Partitur so rekonstruiert, wie sie vermutlich bei der Premiere verwendet wurde, ferner aber auch berücksichtigt, was Strauß zur 25. Aufführung geschrieben hatte. In einer Zeit, wo wir bedauerlicherweise an neue „Musicals“ gewohnt sind, die bestenfalls zwei oder drei denkwürdige Nummern enthalten, können wir nur darüber staunen, wie erfindungsreich Johann Strauß Sohn auch dann war, wenn er nicht mit dem Herzen bei der Sache war.

© 2011 Peter Kemp, The Johann Strauss Society of Great Britain
Peter Kemp möchte Professor Christian Pollack, Tomas Jelinowicz und Peter Eustace für die wertvolle Hilfe danken, die sie bei der Abfassung des obigen Textes geleistet haben.

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Inhaltsangabe unter Verwendung des von Christian Pollack herausgegebenen Librettos

Die Operette spielt in Chalons nahe der deutschen Grenze. Wir schreiben das Jahr 1794, das letzte der Robespierre’schen Schreckensherrschaft.

CD 1

[1] Ouvertüre

Erster Akt

Hauptquartier der Armee, ganz in der Nähe des Mädchenpensionats Zu den tugendhaften Schwestern. Auf einer Veranda sitzen Offiziere, die amüsiert die Szene im Vordergrunde beobachten.

[2] Nr. 1 Introduktion: Frauenchor
Bitte sehr, Herr Offizier

Verschiedene Mädchen und Frauen des Ortes wollen sich als Marketenderinnen verdingen. Man wolle in allem das militärische Reglement erfüllen und sei ansonsten auch recht kulant. Sergeant Pandore verfährt mit den Bewerberinnen nicht eben zimperlich, während er die Namen in eine Liste einträgt. Der Tradition zufolge wird der Hauptmann über die geeignete Person entscheiden.

Oberst Furieux tritt auf, ein chronischer Wüterich ohne jeden Anflug von Humor, dafür aber recht- und befehlshaberisch wie nur einer.

[3] Nr. 2 Auftrittslied: Furieux
Soeben hab’ ich inspiziert die Mannschaft

Bei seiner Inspektion hat er nichts, aber auch gar nichts gefunden: Kein lockerer Knopf, sämtliche Waffen ohne Rost, selbst das Essen annehmbar, kein Rapport, keine Vorkommnisse…Es ist zum Auswachsen! Seine Erfolge beim schönen Geschlecht haben allerdings mit eben diesem cholerischen Temperament und nicht nur mit der Uniform zu tun: Glühende Lava ist sein Blut, seine Zärtlichkeiten gleichen vulkanischen Eruptionen.

Zeuge der Szene wird der junge Karikaturist Jacquelin, der sich mit seinen politischen Zeichnungen so sehr in Schwierigkeiten gebracht hat, dass er aus Paris hat fliehen müssen, wo er mit der Chansonette Ernestine gelebt hatte. Jetzt wartet er auf die Liebste, die, wie der Oberst und die anderen Offiziere erfahren, gegenwärtig noch von einem Theaterdirektor der Hauptstadt als „Göttin der Vernunft“ engagiert worden sei. Den Soldaten ist langweilig, und sie freuen sich auf den Besuch der „Primadonna“. Furieux freilich fackelt nicht lange: Sollte sie bis zum Abend nicht eintreffen, wird Jacquelin keine Pässe, sondern das Standgericht bekommen.

[4] Nr. 3: Damenchor und Offiziere
Kommt her, kommt her! Frohe Klänge, Militär!

Die Mädchen des Pensionats vergessen ihre „Tugendhaftigkeit“ und singen: „Kommt her, kommt her! Frohe Klänge, Militär! Rasch ans Fenster, eilet her! Weg die Bücher…“ Die Offiziere: „Wo wir geh’n, wo wir steh’n, schöne Mädchen nach uns seh’n…Was kann es Schön’res geben, [denn] als Helden da zu steh’n! …Der Feind ist blond, der Feind ist braun, gefährlich ist’s, ihn anzuschau’n. Getroffen fällt besiegt auf’s Knie durch Amor’s Pfeil die Kompagnie.“

Nr. 3a Auftrittslied: Hauptmann Robert
„Den Säbel an der Seite, das Herz am rechten Fleck“

„Den Säbel an der Seite, das Herz am rechten Fleck, das Glück hat zum Geleite, wer stets galant und keck!…Der Schöpfung Meisterstück ist der Husar: Er schreckt vor nichts zurück verlacht Gefahr…. Husar bricht niemals Treue, weil er nie Treue schwört…Der Schöpfung Meisterstück ist der Husar“

[5] Nr. 4 Auftrittslied: Bonhomme
In meinem Schloss behaglich saß ich

„In meinem Schloss behaglich saß ich, wie sich der Has’ im Kohlfeld duckt, nie schrieb ich Briefe, niemals las ich, was in der Zeitung stand gedruckt. Ich scher mich nicht um Hoch und Nieder, der Politik blieb ich entrückt, nur keine Meinung für und wider nur keinen Lärm…mich macht’s verrückt.“

Doch jetzt ist ihm was Unerhörtes widerfahren: Eine betrunken johlende Menge habe einen Karren umringt, auf dem die Chansonette Ernestine als Göttin der Vernunft gestanden habe—„bloßfüßig bis zum Halse empor“. Einer der Betrunkenen schrie: „Jeder wahre Patriot nimmt Ernestine zur Frau!“ Und als man ihn, Bonhomme, fragte, wer und was er sei, habe er versetzt: „Ein wahrer Patriot!“—worauf er von der Meute sofort zum Schein mit Ernestine verheiratet worden sei. Schließlich habe er die Flucht ergriffen, und jetzt hoffe er nur, dass sie ihn nicht finden werde.

Die drei jakobinischen Geheimpolizisten Chalais, Balais und Calais suchen Jacquelin.

[6] Nr. 5 Terzettino: Die Jakobiner
Wir sind die Jakobiner!

„Wir sind die Jakobiner! Reizt Einer uns, muss flieh’n er; wir schonen weder Freund noch Feind, wenn Jemand uns verdächtig scheint. Zwar haben wir noch nicht entdeckt, wo hier ein Hochverräter steckt; doch trau’n wir Eins dem Andern nicht, so will’s des Amtes Pflicht. Weil gar so schaurig unser Stand, und grauenvoll ist, wie bekannt, erheitert uns oft insgeheim ein Tapper [Kartenspiel] still zu drei’n! Wir sind die Jakobiner der wahren Freiheit Diener; was man jetzt Freiheit nennt…“

Nachdem sie abgegangen sind, erscheinen Comtesse Mathilde und ihre Zofe Susette. Sergeant Pandore fragt nach den Pässen, doch die beiden haben keine. Die Menge schreit: „Sie ist eine Adlige!“ Bonhomme erkennt in der Comtesse die Tochter seines einstigen Dienstherrn. Jacquelin ist enttäuscht: Er hatte gehofft, dass Ernestine gekommen sei, da ihm für den nächsten Tag die Hinrichtung droht. Die Comtesse verrät Bonhomme, über die Grenze gehen zu wollen. Bonhomme gibt sie daraufhin als die sehnlichst erwartete Primadonna Ernestine aus.

Oberst Furieux kommt herbei. Er meldet, dass man in Chalons eine erwarte, die in Verhaft zu nehmen sei. Jacquelin präsentiert die Gesuchte als seine Ernestine. Furieux ist argwöhnisch: Die Comtesse wirkt für eine Göttin der Vernunft zu intelligent und zu anständig. Bonhomme fordert sie auf, einen ordinairen Revolutionsschlager zu singen, auf dass sie ihre gute republikanische Gesinnung beweise.

[7] Nr. 6 Auftrittslied: Die Comtesse
Ein Lied? Ein Lied?

Nervös beginnt die Dame: „Nur in der Schule sang ich Lieder fromm und lang bei ernstem Orgelklang, und kein profaner Ton stört’ jemals die Lektion!“ Susette und Bonhomme fordern sie auf, etwas Überzeugenderes zu singen, worauf die Comtesse von ihrem Hündchen Bibi erzählt: „Bibi ist in Paris, man sieht’s ihm an gewiss auf Ehr, sehr populär! Wenn wir spazieren geh’n, bleibt alle Welt gleich steh’n. Das gilt nur ihm allein. Wie könnt’ es anders sein? Die Damen und die Herrn, die hätten ihn gar gern, doch ist er treu nur mir!“ Die Offiziere lachen: „Ach, Bibi, du schönes Tier, gern tauschten wir mit dir.“ Auch Furieux amüsiert sich, ohne jedoch seinen Argwohn aufzugeben. Jacquelin setzt auseinander, wozu Robespierre die Göttin der Vernunft benutzt.

[8] Nr. 7 Erzählung Jacquelin
Robespierre, der lose Schäker durch Vernunft regiert allein

„Die Vernunft dem Volk zu zeigen, dass sie jeden gleich gewinnt und sich ihr die Herzen neigen, ward ein seltnes Fest bestimmt. Eine Dame von Chantant, Virtuosin in Cancan wird als Göttin ausstaffiert im Triumph herumgeführt…Das Kostüm [ist] nicht zu eng und nicht zu weit, bleibt in Mode alle Zeit. Keine Knöpfe, keine Falten, keine Nähte, die es halten. Nur die Grazien zu dritt geben ihm den rechten Schnitt.“ Allgemeiner Beifall. Furieux lädt die Comtesse zum Abendessen mit den Offizieren ein.

[9] Nr. 8 Finale I: Tutti
O glaube uns, charmantes Kind

„O glaube uns, charmantes Kind, dass ganz entzückt von Dir wir sind, und gern bereit zu opfern Dir, wenn Du als Göttin zeigst Dich hier.“ Doch die Comtesse ist zu schüchtern, um sich im transparenten Gewand zu zeigen. Susette, Bonhomme und Jacquelin bitten sie, auf der Hut zu sein: Wenn sie weiterhin so zimperlich sei, könne sie sich leicht verraten. Darauf erklärt sie, sich einen Kavalier wählen zu wollen. Jeder der anwesenden Offiziere ist davon überzeugt, dass die Wahl auf ihn fallen werde, und sie alle nehmen in Linie Aufstellung—mit Ausnahme des Hauptmanns Robert, für den sich die Comtesse dann aber prompt entscheidet. Furieux läuft puterrot an und befiehlt dem Auserwählten, sich sofort auf den Wall zu begeben, um während der Nacht die Wache zu übernehmen. —Mit einem eleganten Cabriolet trifft jetzt auch die echte Ernestine ein. Sie lässt den zunächst überaus beglückten Jacquelin links liegen und erkundigt sich nach dem Pensionat. Die Offiziere weisen ihr den Weg und hören dann, dass sie die neue Leiterin des Instituts vor sich haben.

Nr. 8a Auftrittslied: Ernestine
Als Direktrice ward ich ernannt soeben vom Konvent

„Als Direktice ward ich ernannt soeben vom Konvent, weil für das Pädagogenfach man fand ich hätt’ Talent. Ganz neu ist mein Erziehungsplan, auf Praxis nur fundiert, das wird bei mir von heute an mit Eifer einstudiert. Mathematik, Dogmatik, Pragmatik, nur Plunder! …Die Bücher, die Karten, die Mappen, die Theken für immer vorbei! Schulfexerei! …Als Bürgerinnen braucht Ihr nie von Wissenschaft so viel. Mit andrer Bildungstheorie kommt rascher Ihr ans Ziel. Das Weib muss verstehen, dem Mann Schlingen drehen, ins Eh’joch ihn zwingen.“

Die neue Direktorin hat überdies ein Schreiben dabei, das sie berechtigt, für die Volksversammlung einen Delegierten aus Chalons zu berufen. Sie entscheidet sich für den „Bürger Bonhomme“, der darob alles andere als begeistert ist. Als Ernestine erfährt, dass angeblich die Comtesse die Göttin der Vernunft sei, protestiert sie lautstark. Im allgemeinen Durcheinander von Worten und Widerworten vermag Bonhomme die Situation wenigstens so weit zu retten, dass am Ende des Aufzugs alle noch einmal „der Schöpfung Meisterstück“ besingen—den Husaren!

Zweiter Akt

Der Park des Pensionats „Zu den tugendhaften Schwestern“. Rechts die Rückfront des Hauptgebäudes, links eine Grotte, die von einer dichten Rosenhecke überwuchert ist. Rechts im Hintergrund ein befestigter Wall, auf dem gelegentlich ein Wachposten patrouilliert. Ganz von ferne hört man ein Lied aus dem Lager. Im Rosenbusch schlägt eine Nachtigall. Hauptmann Robert erblickt die schlafende Comtesse unter den Rosenbüschen und küsst sie.

[10] Nr. 9. Duett: Hauptmann Robert und die Comtesse
Wo bin ich? Ach, ist es ein Traum?

Die Comtesse erwacht und glaubt zu träumen: „Dornröschen bin ich in der Rosenhecke!“ Worauf Robert sie, wie im Märchen, mit einem weiteren Kusse erwecken möchte. Die Bitte wird ihm nicht gewährt. Indessen besingt das junge Paar aber die Nachtigall und ihr Lied von Liebe und Glück.

Bonhomme hat die ganze Nacht kein Auge zugetan. Jetzt ist er doch in die Politik und in eine „Weibergeschichte“ mit Ernestine hineingeraten, und auch die schöne Comtesse macht ihm Sorgen. Wo er doch so zufrieden war in seinem Schlosse.

[11] Nr. 9a Solowalzer: Bonhomme
Schöne wilde Jugendzeit

Bonhomme erinnert sich an die schönen, wilden, jungen Jahre: „Flott und schneidig, keinem neidig, allbekannt, stets galant“ war er damals, und die Wahl fiel ihm schwer bei der Riesenzahl aparter Mädchen… „O Jugendglück, ach, du kehrst nicht mehr zurück!“ —Ernestine tritt auf und sieht Bonhomme mit der Comtesse. Sie gerät zunächst in Rage und dann mit ihrer vermeintlichen Konkurrentin in Streit.

[12] Nr. 10 Zankduett: Ernestine und die Comtesse
Sie sind in meinem Garten

habe, so die Comtesse, kein Nachtquartier gefunden und sich daher in der Grotte des Pensionats zur Ruhe begeben. Ausgerechnet bei den „tugendhaften Schwestern“? Ernestine mag’s nicht glauben, wie ihre Kontrahentin umgekehrt Anlass genug findet, an der Moral der neuen Direktrice zu zweifeln. Nicht viel, und sie lägen sich in den Haaren: „Doch nein, Sie sind’s nicht wert!“ meint diese zu jener und jene zu dieser.

Furieux sucht die Göttin, findet die Comtesse und macht ihr amouröse Avancen. Robert stellt sich auf ihre Seite. Die beiden Offiziere streiten heftig, und Furieux nutzt erneut seinen höheren Rang: „Capitain Robert“, befiehlt er, „Ihre Schwadron rückt noch heute nach Verdun ab!“ Doch „das Fräulein Göttin behalten wir hier, für uns!“ Robert ist verzweifelt, glaubt er doch, die Liebe seines Lebens verloren zu haben. Da legt man ihm—gemäß der bereits erwähnten Gepflogenheit—die Namensliste der potentiellen Marketenderinnen zum Entscheid vor, und er wählt, wie auch anders, die Comtesse. Furieux sieht wieder rot, doch selbst er muss sich der militärischen Regel beugen. Die Comtesse gelobt der Kompanie ihre Treue.

[13] Nr. 11 Angelobung: Comtesse, Robert, Alle
Bitte sehr, Herr Offizier

Vereint will man „in Reih und Glied marschieren“, auch wenn’s gegen den Feind geht—immer „der Fahne nach und niemals retirieren, und selbst im Kugelregen vorwärts geh’n!“

Furieux sucht einen Blitzableiter für seine Wut und findet ihn in Jacquelin, dem allmählich der Schweiß auf die Stirn tritt. Als er sich mit seinem Schneuztuch trocknen will, fällt ihm sein Skizzenbuch aus der Tasche. Furieux liest den Namen und weiß sofort, dass er den gesuchten Karikaturisten vor sich hat. Um sich selbst zu retten, verrät dieser, dass die Comtesse nicht seine Primadonna sei. Furieux wirft einen Blick auf seine Steckbriefe, und richtig: „Das Signalement stimmt! …Es ist die Comtesse Nevers!“ Vermöge einer List will er sie festsetzen: „Wir zechen ihr ein Räuschchen an, dann haben wir sie.“ —Jacquelin plagt, nachdem die akute Gefahr vorbei ist, das schlechte Gewissen. Ob Ernestine ihn wohl noch mag? Die beiden erinnern sich an die glückliche Zeit von Paris.

[14] Nr. 12 Duett: Jacquelin und Ernestine
Als ich noch war Grisette

„Unser Bodenstübchen—im Quartier Latin, dem lustigen Studentenviertel…wir sorglosen Kinder der Bohème.“ Arm, aber glücklich waren sie, und jeder Tag war ein Fest.

[15] Nr. 13 Finale II: Tutti
Nun denn—ich bin’s—ich leugne nicht!

Furieux zerrt die Comtesse aus dem Wirtshaus. Sie soll den Aristokraten den Tod wünschen. Als sie sich weigert, konfrontiert er sie mit seiner Entdeckung: dass sie selbst nämlich die gesuchte Comtesse sei! Den Verhaftungsversuch vereitelt Hauptmann Robert mit gezogenem Degen, worauf ihn Furieux ebenfalls entlarvt: Er ist der Marquis von Larinière, der sich in die Reihen der Armee geschlichen habe. Ernestine gibt dem verdatterten Bonhomme mehrere Rippenstöße, worauf der begreift, dass er als Deputierter etwas tun kann: Er befiehlt allen Anwesenden, das Maul zu halten und sich als verhaftet zu betrachten—Robert, Comtesse, Susette, Sergeant Pandore, Furieux, alle sind festgenommen. Das Volk erhebt sogleich ein erhebliches Geschrei, da es sich für den Höchsten Gerichtshof hält. Doch Bonhomme hat nach einigen Momenten noch einen rettenden Einfall: Er nimmt Ernestine bei der Hand und präsentiert sie als „die Göttin der Vernunft“. Die springt auch sogleich auf einen Tisch, reißt sich mit einem Ruck ihr Kleid herab, „zeigt sich nun in dem sehr pikant durchsichtigen Kostüm“, das ihr von der Revolution angemessen wurde und singt, damit jeder an sie glaube, die revolutionäre Carmagnole: „Gavott’, Musett’ und die Bourrée, mit Compliment zuletzt, das Tour de main und das Pliéz sind aus der Mode jetzt! Der Teufel pfeift dem ganzen Chor zum Tanz die Melodei, er spielt derzeit ein Liedel vor, das ist gar keck und neu…Die Zeit ist groß, die Zeit ist toll, sie duldet keinen Zopf! Drum Freundchen, tanz die Carmagnole, sonst geht´s um deinen Kopf!“

CD 2

[1] Nr. 14 Entr’acte

Dritter Akt

In der Villa des Bonhomme in der Nähe von Chalons. Ein altertümlicher Saal, hinten eine breite, offene Terrasse, die nach einem alten, baumbestandenen Parke führt. An kleinen Tischen oder auf bequemen Sitzmöbeln zahlreiche Damen und Herren, die zechen und plaudern.

[2] Nr. 15 Introduktion und Solowalzer: Comtesse, Chor
Hoch, dreimal hoch des Hauses Herr!

„Heut ist heut, drum seid ohne Sorg! Alles Glück ist ja nur auf Borg! Heut ist heut, was uns morgen bringt, weiß man, weiß man nicht…Lebe! Liebe! Das ist genug,“ singt die Comtesse.

[3] Nr. 16 Lied: Ernestine
Über Felder, über Hecken, en carrière halbtodt gehetzt

Ernestine stürzt herein. Ihr Kleid ist zerrissen. Sie ist abgesetzt: Weil der „Pepperl Robespierre jetzt wackelt und die ganze Zunft, brauchen in Chalons die Leute keine Göttin der Vernunft. Doch ich wollte sie begeistern, griff noch einmal zum Kostüm, wollte die Philistern meistern, zeigte mich am Markte kühn. Meine Rede stante pede machte alle Männer toll, nur die Weiber, diese Neider, rächen sich mit wildem Groll.“ Es gab eine allgemeine Prügelei, aber sie, Ernestine, habe doch bis zum Schluss „Vive la patrie!“ geschrieen. Noch schlimmer: Auch ihre Schutzbefohlenen, die Mädchen aus dem „tugendhaften“ Pensionat, tanzten unter Absingung der Carmagnole im ganzen Land umher. Die Eltern beschwerten sich. Doch Ernestine blieb tapfer: „Vive la patrie!“

Bonhomme ist derzeit auf den Adel nicht gut zu sprechen. All seine Lebensmittel haben die Emigranten aufgefuttert, mit seinem Wein den ganzen Tag auf ihn angestoßen. Es sei wirklich erstaunlich, so der gute Mann, was sich auf einmal so alles an Aristokraten in Frankreich tummle. Furieux tritt ein und sucht nach Aristokraten. Er begegnet Susette. Man beginnt ein liebevolles Gespräch. Der Oberst meint, „dass man in der Liebe und der Ehe eine Art Beschwerdebuch führt, in das man gegenseitig Beschwerden verzeichnet.“

[4] Nr. 17 Duett: Susette und Furieux
Sind jung die Gatten noch an Jahren

Anfangs gibt es noch nicht viel zu schreiben: „Es wird in dieser Zeit verfahren meist mündlich indiskret.“ Später aber: „O welches Glück an Deiner Seite, zu ruh’n mein süßer, süßer Schatz! Doch war ich schlaflos wieder heute…Du schnarchst, verzeih mir, wie ein Ratz!“ Sie schreibt drunter: „Du auch!“ Wenn dann „der lieben Kinderchen erst vier“ gekommen sind, meint der Mann: „Ich dächt’, wir machen eine Pause…!“ Sie aber ist der Ansicht: „Noch eins!“ Gegen Ende des Lebens dann fragt sie: „Wenn eine Fee Dir Jugend brächte…wen würdest Du…für’s Leben wählen zum Geleit?“—Und er: „Doch wieder dich!“

Ernestine überlässt Marquis Robert und seiner Liebsten die Pässe, die Jacquelin organisiert hatte. Daraufhin die Comtesse: „Nun mein Freud, vorwärts. Wir riskieren es, über die Grenze zu gelangen.“

[5] Nr. 18 Quartett: Comtesse, Ernestine, Bonhomme, Robert
Vorwärts, greifet zu, nur immer frisch gewagt!

„Winkt der Augenblick, so folg ihm unverzagt! Launisch ist das Glück, hält kaum ein Weilchen stand, drum schlag ein, sag nicht nein, reicht es gnädig dir die Hand! …naht die Lieb’ still wie ein Dieb, mach ihr dein Herz nur auf und lass ihr freien Lauf.“

Noch einmal kommt es durch Furieux zu großem Tumult. Der nämlich will Bonhomme und die beiden nunmehr fluchtbereiten Aristokraten festnehmen und pumpt sich gehörig auf. Da wird der Vormarsch feindlicher Truppen auf das Schloss gemeldet: Der Herzog von Braunschweig, der Oheim der Comtesse, verschiebt ganz offenbar die deutsch-französische Grenze. Als sich der erste patriotische Trubel legt, geht alles gut aus: Robert heiratet die Comtesse, Ernestine heiratet Jacquelin, und Susette heiratet Bonhomme. Die Comtesse zu ihrem Robert: „Siehst du, wie schön alles ausgegangen ist?“ Ernestine: „Der Gott der Liebe hat euch geführt.“ Doch Robert hat das letzte Wort: „O nein, das Husarenglück!“

[6] Nr. 19 Schlussmusik (Finale III): Alle
Der Schöpfung Meisterstück ist der Husar

Deutsche Fassung: Cris Posslac

NB: Wir möchten der Johann Strauss Society of Great Britain (www.johann-strauss.org.uk) für ihre Förderung und ihre finanzielle Unterstützung dieser Aufnahme danken.

 

Arrangements nach der Operette Die Göttin der Vernunft

Bis 1897 benutzte Johann Strauß Sohn die Melodienfülle seiner Bühnenwerke zur Einrichtung von Tänzen und Märschen. Auf diese Weise konnte er auch dann noch in der Welt der Ball- und Konzertsäle Flagge zeigen, als er sich voll und ganz der Operette zugewandt hatte. Die Göttin der Vernunft aus dem Jahre 1897 weicht allerdings von dieser Gewohnheit ab. Dass er die Operette zu schreiben gezwungen war, weil man ihm andernfalls mit rechtlichen Konsequenzen drohte (s. die Anmerkungen zur Geschichte des Werkes), hatte Strauß derart ernüchtert, dass sich noch heute nicht mit Sicherheit sagen lässt, ob er sich überhaupt mit dem üblichen Arrangement einzelner Stücke belastet hat. Emil Berté & Cie annoncierten tatsächlich fünf oder sechs Stücke in Klavierfassungen, wozu als einzige Ausnahme der Marsch Wo uns’re Fahne weht! op. 473 auch für volles Orchester herauskam. Bezeichnenderweise wurden drei der vorgesehenen Tänze nie gedruckt: die Polka-Mazurka Da nicken die Giebel, der Galopp Frisch gewagt und die Quadrille Die Göttin der Vernunft. (Diese Werke erscheinen unten mit ihren zugeordneten Opuszahlen.) Allgemein wurde angenommen, dass die Einrichtungen, wofern sie von Johann selbst stammten, von Eduard Strauß vernichtet wurden, als dieser 1907 das Musikarchiv des Strauß-Orchesters verbrannte. 1994 entdeckte Professor Christian Pollack die handschriftlichen Klavierauszüge der drei fehlenden Tanzstücke jedoch in Schweizer Privatbesitz. Die genaue Provenienz derselben ist zwar unbekannt, doch offensichtlich gelangten sie irgendwie in den Besitz des österreichischen Dirigenten Felix Weingartner (1863–1942), der sie ihrem gegenwärtigen Besitzer zum Geschenk machte. Jedes der drei Stücke trägt in Bleistift eine Opuszahl (474, 475 und 476) und ist am Ende mit „RR“ signiert—den Initialien des Arrangeurs und Dirigenten Rudolf Raimann (1861–1913), der ehedem von Emil Berté & Cie den Auftrag erhalten hatte, von der gesamten Göttin der Vernunft einen Klavierauszug zur Publikation herzustellen. Noch aussagekräftiger sind die Anmerkungen von Raimanns Hand am Ende des Stückes Da nicken die Giebel: „Wien, 14. März 1898. Korrekte Abschrift und Ausführung des Entwurfes von A. Müller jun.“ (Rückübersetzung.)

Zwar findet sich diese Notiz nur im ersten der drei Stücke, doch lässt sich daraus eindeutig schließen, dass Adolf Müller junior (1839–1901), der die Uraufführung der Göttin der Vernunft dirigiert hatte, für die Auswahl und Anordnung der Melodien verantwortlich zeichnete.

© 2011 Peter Kemp

 

[7] Heut’ ist heut’, Walzer op. 471 (orch. L. Babinski)
Slovak State Philharmonic Orchestra • Johannes Wildner

Der Walzer Heut’ ist heut’, dessen wichtigste Motive („Schöne, wilde Jugendzeit”) aus den erfolgreichsten Nummern der Operette stammen, dürfte nur in der Klavierausgabe erschienen sein, die dem Maler Leopold Horowitz, dem Schöpfer eines der besten Porträts des Komponisten, gewidmet ist. Anlässlich der Uraufführung des Walzers am 28. März 1897 beim letzten Saisonkonzert der Strauß-Kapelle im Musikverein wurde in den Programmen vermerkt: „Heut’ ist heut’, Walzer aus Joh. Strauß’ Operette ‚Die Göttin der Vernunft’, Orchester-Arrangement von Eduard Strauß.” Leider dürfte Eduard Strauß diese, seine Fassung vernichtet haben, als er im Jahre 1907 das gesamte Archiv der Strauß-Kapelle verbrennen ließ. Für die vorliegende Aufnahme wurde das Werk von Ludwig Babinski neu instrumentiert.

[8] Nur nicht mucken, Polka française op. 472 (arr. E. Peak)
Slovak State Philharmonic Orchestra • Christian Pollack

Natürlich war Johann Strauß trotz der unglücklichen Entstehungsumstände bemüht, die besten Motive der Operette auch als Tanzmusik zu verwerten. Aber Eduard Strauß konstatierte schon am 14. März in einem Brief an seinen Bruder Johann: „Leider ist jetzt für den musikalischen Betrieb der Arrangements keine Zeit mehr, in zwei bis drei Wochen schließen alle Säle. Und bis der Mai kommt, vergisst das Publikum darauf.” Wenig später beklagte sich Eduard, er habe vom Verleger Berté nichts erhalten und sei froh, dass er sich den Walzer (= Heut’ ist heut’ op. 471) selbst gemacht habe. Von der Polka française Nur nicht mucken, deren Titel sich vom Lied des Bonhomme aus dem ersten Akt herleitet („Nur nicht ducken und zucken, wenn ein scharfes Lüfterl weht, lieber schlucken und nicht mucken, bis es glatt vorüber geht“), ist in der Folge nur die Klavierausgabe veröffentlicht worden. Dennoch erschien die Polka im Sommer 1897 auf den Programmen einiger Militärkapellen, deren Dirigenten wohl selbst für die Orchesterfassung gesorgt hatten. Für unsere Aufnahme wurde das Arrangement des englischen Musikers Edward Peak verwendet, das dieser für die Strauß-Gesellschaft Großbritanniens gemacht hat.

[9] Wo uns’re Fahne weht, Marsch op. 473
Slovak Radio Symphony Orchestra • Michael Dittrich

Für diesen Marsch verwendete Strauß den Chor der Husaren, Im Kriege ist das Leben voll Reiz und wunderschön Der Schöpfung Meisterstück ist der Husar sowie das Titelstück Wo uns’re Fahne weht. Die flotten Marschmelodien, die jedem Militärkapellmeister der Epoche zur Ehre gereicht hätten, gefielen dem Publikum und den Rezensenten schon während der Uraufführung der Operette und wurden auch in den Berichten über die Premiere hervorgehoben. Es waren dann auch die Militärmusikkapellen, die den Marsch Wo uns’re Fahne weht in ihre Programme aufgenommen haben. Die Banda des zweiten Wiener Hausregiments, der Vierundachtziger, spielte den Marsch zum ersten Male am 5. Mai 1897 im Restaurant Zum wilden Mann, und zwar im Rahmen eines Richard Wagner-Konzerts! Ob der Komponist je eine Aufführung des flotten, schneidigen Marsches gehört hat, ist zweifelhaft. Strauß fand sich ja auch nur bereit, eine der letzten Repertoireaufführungen der Operette Die Göttin der Vernunft zu besuchen. Er hatte nun einmal keine Freude mit seinem letzten Bühnenwerk. Aber gerade der Marsch Wo uns’re Fahne weht beweist in überzeugender Art und Weise, welchen Schwung und Elan der 72-jährige Komponist noch aufbringen konnte!

[10] Da nicken die Giebel, Polka Mazurka (op. 474) (arr. C. Pollack)
Slovak Radio Symphony Orchestra • Christian Pollack

Die Polka Mazurka Da nicken die Giebel ist nach dem Duett „Da nickten die Giebel, die Dächer, so traut“ benannt, das im Trio der Einrichtung erscheint. Die Anfangsmelodie entspricht dem zweiten Teil des Walzers, den Bonhomme singt („Briefchen, duftig, Liebesqual überall”) und der auch als Zwischenaktmusik verwendet wird. Dieses Motiv wird durch das in der Operette mehrfach aufklingende Lied Es ist die Göttin der Vernunft ergänzt.

[11] Frisch gewagt, Galopp (op. 475) (arr. C. Pollack)
Slovak Radio Symphony Orchestra • Christian Pollack

Der Galopp Frisch gewagt erhielt seinen Titel nach der Aufforderung der Comtesse, sich unverzagt in Sicherheit zu bringen. Aber die Melodie des Galopps stammt allerdings aus dem Lied, in dem Ernestine, die „Göttin der Vernunft”, ihre Abenteuer schildert: „Über Felder, über Hecken, en carrière halbtodt gehetzt, denn ich wurde, welcher Schrecken, ach, als Göttin abgesetzt”. Für das Trio wurde das Motiv aktiviert, mit dem auch der Marsch Wo uns’re Fahne weht beginnt: „Im Kriege ist das Leben voll Reiz und wunderschön”.

[12] Die Göttin der Vernunft, Quadrille (op. 476) (arr. C. Pollack)
Slovak Radio Symphony Orchestra • Christian Pollack

Für die Quadrille, der eigentlich die Opuszahl 476 zugeordnet werden müsste, sind die interessantesten Motive der Partitur zusammengefasst. Nr. 1 beginnt gleich mit der Introduktion der Operette („Frisch und nett”), Nr. 2 enthält die beiden markanten Zitate „Nur nicht denken, spekulieren“ aus dem Auftrittslied des Bonhomme sowie „Nur in der Schule sang ich“ aus dem Auftrittslied der Comtesse. Nr. 3 verwendet die Szene „Nur still, ich bring den ganzen Tross in Sicherheit nach meinem Schloss“ und ferner das Zitat „Die Zeit ist groß“ aus der Carmagnole und „Mit Euch vereint“ aus der Angelobung). Der vierte Teil präsentiert das Lied Robespierre, der lose Schäker, in Nummer 5 wird wieder auf das Lied des Bonhomme zurückgegriffen („Der Arzt hat streng mir ordiniert”), und im Finale sorgt das Marschmotiv aus „Halt, wer da“ für einen effektvollen Ausklang.

Franz Mailer
Adaption für die vorliegende Veröffentlichung: Cris Posslac

 

[13] Die Göttin der Vernunft / Reiche Mädchen—Divertissement für volles Orchester op. 160 (arr. O. Fetrás)
Slovak State Philharmonic Orchestra • Christian Pollack

Der Verlag Emil Berté & Cie veröffentlichte zwei Klavierpotpourris nach Melodien der Göttin der Vernunft und annoncierte dieselben am 16. März 1897. Später erschienen auch Potpourris für großes und reduziertes Orchester, ohne dass es jedoch möglich gewesen wäre, irgendeines dieser Exemplare aufzuspüren und für die vorliegende Aufnahme zu nutzen.

Nach Strauß’ Tod im Jahre 1899 erlebte die Partitur eine neue Blüte, als Oscar Stalla (1879–1953) sie zu einem völlig neuen Libretto einrichtete, das Siegmund Salzmann (1869–1945) unter dem Künstlernamen Felix Stollberg (mitunter nannte er sich auch Felix Salten) geschaffen hatte. Das Ergebnis war ein neuer Dreiakter namens Reiche Mädchen, der am 30. Dezember 1909 am Wiener Raimund-Theater in Szene ging und einen beträchtlich größeren Erfolg erzielte als Die Göttin der Vernunft. Die Rechte dieser Operettenfassung lagen bei dem Verlag von W. Karczag & C. Wallner, der anschließend auch unter dem recht grandiosen Titel eines Divertissement für großes Orchester ein Potpourri veröffentlichte. Kompiliert und arrangiert hatte dieses Stück der Hamburger Dirigent, Komponist, Strauß-Enthusiast und Sammler Otto Faster (1854–1931) unter seinem Künstlernamen Oscar Fetrás (von ihm selbst kennt man vor allem seinen Walzer Mondnacht auf der Alster aus dem Jahre 1888). In Fetrás’ geschmackvoller Einrichtung, deren reiche Orchestration deutlich den Einfluss von Franz Lehár verrät, spiegelt sich der unterschiedliche Instrumentalstil der sogenannten „goldenen“ und „silbernen“ Wiener Operette. Da nun Die Göttin der Vernunft und Reiche Mädchen thematisch beinahe identisch sind, eignet sich Fetrás’ Divertissement durchaus, um uns einige Musik aus Johann Strauß’ letzter Operette in Gestalt eines Orchesterpotpourris vorzustellen.

© 2011 Peter Kemp, von ihm selbst bearbeitet nach seinem Originaltext zu der Marco Polo-Serie J. Strauss Jr. Complete Recorded Edition and On Stage with Johann Strauss. Orchestral Potpourris, Folge 2.
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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