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8.660300-01 - PETITGIRARD, L.: Guru [Opera] (Claessens, Petrovna, Do, Wierzba, Kahn, Vidal, Budapest Studio Choir, Hungarian Symphony, Petitgirard)
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Laurent Petitgirard (geb. 1950)

 

Laurent Petitgirard wurde 1950 geboren. Er studierte Klavier bei Serge Petitgirard und Komposition bei Alain Kremski. Er ist ein vielseitiger Musiker, der sowohl symphonische Musik (bisher über zwanzig Werke, darunter zwei Opern) als auch Filmmusik (bisher 160 Werke) komponiert, und auch als Dirigent in der ganzen Welt gastiert (Orchestre de l’Opéra National de Paris, Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, Orchestre National de France, Orchestre National de Lyon, Orchestre National de Bordeaux Aquitaine, Orchestre National de Lille, Bamberger Symphoniker, Berliner Symphoniker, Tonhalle-Orchester Zürich, Orchestra del Gran Teatro de la Fenice, BBC Symphony Orchestra, Utah Symphony Orchestra, Philharmonisches Orchester Seoul, Symphonieorchester des Koreanischen Rundfunks, Orchestre de la Suisse Romande, Orquesta Nacional de España, Staatliches Moskauer Symphonieorchester, Chinesisches Nationalorchester…)

1989 bis 1996 war er Chefdirigent des Orchestre Symphonique Français. Im Dezember 2004 wurde er von den Musikern zum Chefdirigent des Orchestre Colonne gewählt, sein Vertrag wurde später bis Juni 2014 verlängert.

Laurent Petitgirard hat über 30 CDs aufgenommen, darunter Honeggers Jeanne d’Arc au bûcher und die von ihm selbst geleitete Uraufführung der Orchesterfassung von Ravels Gaspard de la Nuit (Bearbeitung: Maurice Constant). Seine erste Oper, Joseph Merrick der Elephant Man (Libretto von Eric Nonn) wurde mit dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo und Nathalie Stutzmann aufgenommen (Naxos 8.557608–09). Das im Februar 2002 an der Prager Staatsoper uraufgeführte Werk (Regie: Daniel Mesguisch) wurde im Dezember 2002 auch an der Oper von Nizza aufgeführt (Marco Polo DVD 2.220001). Im Mai 2006 wurde an der Minnesota Opera in Minneapolis eine neue Produktion dieser Oper aufgeführt (Regie: Doug Varone) .

Ende April 2003 nahm Laurent Petitgirard mit dem Orchestre National de France sein Poème pour grand orchestre à cordes auf, welches er im November 2003 im Rahmen einer Tournee in den Niederlanden mit dem Brabant Orchestra auch selbst dirigierte. Im April 2004 leitete er zwei Konzerte in der Opéra Bastille mit dem Orchestre de l’Opéra de Paris (Napoléon, Gance-Honegger-Constant).

Nach Le Fou d’Elsa, für Altstimme und Orchester sind seine letzten Werke Le Plus Ardent à Vivre (Septett mit Harfe), Poème pour grand orchestre à cordes und Les Douze Gardiens du Temple (Auftragswerk von Radio-France), das im Februar 2006 unter seiner Leitung von den Straßburger Philharmonikern im Rahmen des Festivals „Présences“ uraufgeführt wurde.

Im Februar 2009 hat Laurent Petitgirard Berlioz’ L’Enfance du Christ an der Oper von Toulon dirigiert und im März–April 2009 Philippe Hersants Oper Le Château de Carpathes, die er im Mai 2009 auch konzertant im Pariser Salle Pleyel zur Aufführung brachte.

Im Laufe der Spielzeit 2009–2010 leitete Laurent Petitgirard unter anderem den Napoléon (Gance-Honegger-Constant) in der Cité de la musique sowie Konzerte in Budapest (MAV Orchester), Moskau (MSSO) und Peking (Chinesisches Nationalorchester).

Laurent Petitgirards Aufnahmen für das Label Naxos, welche er vor allem mit dem Orchestre National de Bordeaux Aquitaine realisierte, beinhalten eine CD seiner drei sinfonischen Dichtungen, eine Gesamtaufnahme von Daphnis et Chloé (Ballett von Maurice Ravel) (8.570075), sowie eine CD mit seinen drei Instrumental-konzerten, Dialogue pour alto et orchestre (Bratsche: Gérard Caussé), Concerto pour violoncelle et orchestre (Cello: Gary Hoffman) und Le Légendaire für Violine, Chor und Orchester (Violine: Augustin Dumay) (Naxos 8.557602).

Vor kurzem hat Laurent Petitgirard seine zweite Oper Guru vollendet, die das Thema mentale Manipulation und sektiererische Entgleisung behandelt. Libretto von Xavier Maurel. Im Oktober 2010 entstand für Naxos eine Aufnahme (Budapest) unter der Leitung des Komponisten.

Seine letzte Partitur für Chor, Schlagwerk und Orchester ist die Originalmusik für die szenische Umsetzung von Le Petit Prince/Der kleine Prinz, Konzept und Regie von Sonia Petrovna, für die Oper von Avignon (16.–21. Mai 2010). Zur Zeit schreibt er ein Konzert für Englischhorn und Orchester. Fürs Kino und Fernsehen hat Laurent Petitgirard unter anderem mit folgenden Regisseuren zusammengearbeitet: Otto Preminger, Jacques Demy, Francis Girod, Peter Kassovitz, Pierre Schoendoerffer, Claude Danna, Jean-Claude Brialy, Jean Larriaga, Patrick Timsit, Laurent Heyneman, Michel Boisrond, Denis Amar, Pierre Granier Deferre, Bernard Queysannes, Alain Tasma, Pierre Joassin, Charles Nemes, Jacques Fansten, Florian Gallenberger, Edouard Niermans…

Die zuletzt erschienenen Filmmusik-CDs widmen sich Musiken für Filme von Francis Girod, der Musik für die Fernsehreihe Maigret (Play-Time EMI) sowie der Musik für den Film John Rabe.

Laurent Petitgirard ist Träger des Grand Prix Lycéen des Compositeurs 2000 und des Prix Musique 2001 der SACD (Société des Auteurs et Compositeurs Dramatiques). Er hat mehrmals dem Vorstand der SACEM (Société des Auteurs, Compositeurs et Editeurs de Musique) vorgestanden und wurde im Dezember 2000 in die Académie des Beaux-Arts gewählt.

Guru (2006–2009)

Oper in 3 Akten, für Symphonieorchester, gemischten Chor, Vokalensemble aus sechs Sängern, fünf Gesangssolisten und einer Schauspielerin (Dauer: 2 Stunden).

“Glauben Sie nicht, daß die Insel des Guru, wo die ‘auserwählten’ Kinder gequält werden, wo die entblößten, geschwächten und erniedrigten Anhänger schließlich den tödlichen Trank trinken, wo die falschen Propheten und Scharlatane in die eigene Falle geraten, eine Kohorte des Unglücks mit sich ziehend, glauben Sie bitte nicht, daß diese Insel sehr weit von Ihnen entfernt liegt.

Mit ihrem meisterhaften Werk appelieren Laurent PETITGIRARD und Xavier MAUREL an das Bewustsein jener Leute, die für Freiheit und Hoffnung kämpfen, damit sie niemals zur Insel des Guru aufbrechen.”

George Fenech
Präsident des Miviludes (Sektenbeauftragter der französischen Regierung)

Guru ist eine charismatische, sehr intelligente Gestalt, ein Verführer und Manipulator voller abwegigem Mystizismus und übersteigerter Sexualität, dessen Verhältnis zu Geld und Macht sehr zwielichtig ist.

Zurückgezogen auf einer Insel, herrscht er über eine „apokalyptische“ Sekte, die aus etwa fünfzig Anhängern besteht.

Die Oper beschreibt das Abgleiten dieser Gestalt in Wahnsinn und schließlich in den Tod. Der Guru vergißt dabei, dass er selbst Erfinder all dieser praktizierten Rituale ist und beginnt, wahrhaftig an seine „Auserwähltheit“ zu glauben. Am Ende verliert er jeden Sinn für Realität und reißt seine Getreuen mit sich in eine (selbst)mörderische Spirale.

In dieser Welt, in der Wahn regiert, ist der Gesang die Sprache.

Eine einzige Frau, Marie, die gerade inmitten einer Gruppe neuer Anhänger zur Sekte gestoßen ist, widersetzt sich dem Guru.

Da diese Gestalt die einzige ist, die sich nicht dem Wahn hingibt, singt sie nicht, sondern spricht. Es handelt sich also um eine Rolle für eine Schauspielerin, durchgehend rhythmisch geschrieben, was eine perfekte Kenntnis der Notensprache voraussetzt.

Die anderen Gestalten sind: Iris, die Gefährtin des Guru (die Mutter ihres gemeinsamen Kindes, das aufgrund mangelnder Pflege schließlich stirbt), Marthe, seine Mutter, Victor, sein Assistent und Carelli, der unvermeidliche Alibi-Wissenschaftler.

Die Oper endet mit einem kollektiven Selbstmord, den Marie, die ihn als einzige überlebt, nicht zu verhindern imstande ist.

Gurus Größenwahn, die Abgeschiedenheit der Sekte und der Massensuizid spielen auf Jim Jones und die Sektentragödie von Jonestown mit ihren 918 Todesopfern an, andererseits erinnern die unterschwelligen Theorien, die er entwickelt, eher an die Idee einer “Seelenreise nach dem Tod”, welche man bei zahlreichen Sekten wiederfindet

Guru versteht sich als militante Oper, mit dem ausgesprochenen Ziel, die Manipulation des Geistes zu zeigen. Nachdem ich ihren Rahmen definiert hatte, habe ich Xavier Manuel gebeten, das Libretto zu schreiben. Die im Juni 2006 begonnene Oper wurde im Oktober 2009 vollendet.

Laurent Petitgirard

Inhaltsangaben

Die Mitglieder einer Sekte leben abgeschieden auf einer Insel, unter dem Einfluss ihres Herrn und Meisters Guru, dem sie sowohl ihr Hab und Gut als auch die Führung ihres Lebens anvertraut haben. Guru ist umgeben von Marthe, seiner Mutter, Iris, einer inzwischen vernachlässigten Anhängerin die ihm ein Kind gezeugt hatte, sowie von Victor und Carelli, jeweils „Finanzier“ und „Wissenschaftler“ der Organisation.

Guru übt eine totale Autorität auf seine Anhänger aus. Diese halten sich skrupulös an die Lebensregeln, die er diktiert hat, und ernähren sich, geschwächt und fanatisiert, ausschließlich von einem Präparat Carellis auf Meerwasserbasis, das sie zur „Durchsichtigkeit“ führen soll, der letzten Stufe der Heiligkeit vor der „großen Reise“ (dem Tod, natürlich).

Zu Beginn des Werks sind gerade neue Anhänger auf der Insel eingetroffen. Darunter Marie, die sich abseits hält, beobachtet und, insbesondere, sich weigert mit den anderen zu singen (die Rolle wird von Anfang bis Ende gesprochen). Sie erklärt Guru offen, dass sie gekommen ist, „ihn zu zerstören“. Guru, der bis zum Wahn selbstsicher ist, will in Marie eine ihm zugesandte Prüfung sehen, und Marthe und Victor stellen mit Verblüffung fest, dass er begonnen hat, an seine eigene Macht zu glauben sowie an all das, was in ihren Augen nach wie vor bloß ein Trug zur Verführung der schwachen Geister ist.

In diesem Kontext zeigt Iris’ Kind, das von Guru als heilig erklärt wurde und aus diesem Grunde im Heiligtum der Sekte gleich einer lebenden und kaum ernährten Ikone schmachtet, Anzeichen seines Agonie. Unter dem Einfluss von Marie wollen sich die destabilisierten Anhänger gegen Gurus Willen stemmen und die Rettung des Kindes wagen. Nachdem das Kind stirbt, stimmt Guru die Anhänger virtuos um, indem er sich der haltlosen Thesen Carellis als Stoff für eine aufpeitschende Rede bedient.

Das Ereignis beschleunigt die Geschehnisse jedoch. Guru erklärt, dass die „große Reise“ nicht mehr aufgeschoben werden kann und setzt sie auf den nächsten Tag fest. Er befiehlt allen, sich und alles auf eine Zeremonie vorzubereiten, die nichts anderes als ein kollektiver Selbstmord sein wird.

Iris, einsam und über den Tod ihres Kindes verzweifelt, nimmt sich als erste das Leben, wodurch sie es gewissermaßen fertig bringt, sich Gurus Einfluss zu entziehen. Während alle, den Befehlen Gurus und Carellis gehorchend, sich ansetzen, das „zubereitete Wasser“ zu trinken, das sie ins „wirkliche Leben“ versetzen soll, versucht Marthe, die durch des Kindes und Iris’ Tod zur Vernunft gekommen ist, sich zu widersetzen, doch sie stirbt durch die Hand ihres eigenen Sohnes. Victor, der einen Fluchtversuch gemacht hat, wird von Anhängern zurückgebracht und stirbt seinerseits, von der Menge gelyncht. Carelli schließlich wird von Guru gezwungen, als erster zu trinken. Er stirbt unter schrecklichen Qualen, die Guru erfolgreich als die versprochene Erleuchtung verkauft.

In einer letzten Geste der Herausforderung lässt Guru Marie die Rede ergreifen, um zu versuchen, die Anhänger von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch die ganze Eloquenz, die sie aufbringt, erzielt auf deren Fanatismus nur die gegenteilige Wirkung, und überzeugt sie lediglich, das Trinken noch schneller hinter sich zu bringen.

Zerrissen von unausstehlichen Schmerzen sterben die Anhänger einer nach dem anderen, unter den Beschimpfungen Gurus, der sie auffordert, sich der Auserwähltheit, die ihnen durch diese Tat zuteil wird, würdig zu erweisen.

Guru und Marie stehen sich nun inmitten der letzten Todesseufzer gegenüber. Er will sie zum Trinken nötigen, aber sie überredet ihn, vor ihr zu trinken, und überzeugt ihn, dass sie ihm folgen wird. Während er seinerseits von den Krämpfen niedergeworfen wird, antwortet ihm Marie wie er selber den Anhänger geantwortet hatte. Er stürzt sich ins Meer, rasch gefolgt von dem letzten Fläschchen Gift, dass Marie ihm hinterherschleudert, während sie inmitten der Leichen ihre Ohnmacht und ihre Trauer hinausbrüllt…

Xavier Maurel
Deutsche Fassung: Johannes Honigmann

Libretto ausgewählt durch die Association Beaumarchais


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