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8.660302 - ROSSINI, G.: Cambiale di matrimonio (La) (Priante, Samsonova, Zanfardino, Wurttemberg Philharmonic, Franklin)
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Gioachino Rossini (1792–1868)
La cambiale di matrimonio

 

Es geht ums Geschäft, aber…
Zu Rossinis La cambiale di matrimonio

„Der Zufall spielt eine so große Rolle in unserem Lebensgange! Ich war mit dreizehn Jahren zur Opern-Stagione in Sinigaglia als Maestro al Cembalo engagirt. Ich fand da eine Sängerin, welche nicht übel sang, aber so recht zur unmusikalischsten Sorte gehörte. Eines Tages machte sie in einer Arie eine Cadenz von einer harmonischen Abenteuerlichkeit, die Alles überstieg. Ich suchte ihr klarzumachen, daß sie auf die im Orchester ausgehaltene Harmonie einige Rücksicht zu nehmen habe, und sie schien auch die Wahrheit dieser Bemerkung bis zu einem gewissen Grade einzusehen; bei der Aufführung aber gab sie sich wieder ihrer Inspiration hin und machte eine Cadenz, bei der ich mich des Lachens nicht enthalten konnte. Aber auch das Parterre brach in lautes Gelächter aus, und die Donna wurde wüthend. Sie beklagte sich bei ihrem speciellen Protector, dem von Seiten der Stadt an der Spitze des Theaters stehenden Herren, einem sehr reichen und angesehenen Venezianer, der in Sinigaglia große Güter hatte, und zieh namentlich mich eines ungebührlichen Betragens, behauptend, ich hätte das Publikum durch mein Benehmen zum Lachen gereizt. Ich wurde zum gestrengen Herrn beschieden und sehr heftig von ihm angefahren: Wenn du dir erlaubst, dich über die ersten Künstlerinnen lustig zu machen, herrschte er mir zu, so lasse ich dich ins Gefängnis werfen. Er hätte das thun können, aber ich ließ mich nicht einschüchtern und die Sache nahm eine andere Wendung. Ich setzte ihm meine harmonischen Beschwerden auseinander, überzeugte ihn von meiner Unschuld, und anstatt mich ins Gefängnis zu schicken, faßte er die lebhafteste Neigung zu mir und sagte mir schließlich: wenn ich einmal weit genug sei, um eine Oper componiren zu können, so möge ich mich an ihn wenden, und er werde mich eine schreiben lassen. (…) Ihm verdanke ich meine erste Scrittura in Venedig.“

Mit diesen Worten äußerte sich Rossini gegenüber seinem Freund, dem Komponisten und Direktor des Kölner Konservatoriums Ferdinand Hiller zur Vorgeschichte seiner komischen Oper La cambiale di matrimonio. Im Gegensatz zu vielen anderen Rossini- Anekdoten kann diese Geschichte als durchaus wahrscheinlich gelten, wenn sich auch vielleicht nicht jedes Detail so zugetragen hat, wie der Komponist es viele Jahrzehnte nach dieser Begebenheit schilderte. Bei dem „angesehenen Venezianer“ handelte es sich um den Marchese Francesco Cavalli, der zunächst das Opernhaus in der an der Adriaküste gelegenen Kleinstadt Senigallia (so die heutige Schreibweise) sowie später das venezianische Teatro San Moisè und schließlich das La Fenice leitete. Sicher ist, dass es nicht allein der Vorfall in Senigallia war, der Cavalli dazu bewog, den gerade achtzehn Jahre alten Rossini zu protegieren.

Die am Teatro San Moisè engagierte Sopranistin Rosa Morandi und deren Mann Giovanni, enge Freunde der Familie Rossini, setzten sich ebenfalls für ihn ein, als der damalige Impresario des Theaters, Antonio Cera, für die Herbstsaison 1810 einen Kompositionsauftrag für eine neue Oper zu vergeben hatte. So führte die Kombination aus Beziehungen, Glück und Können dazu, dass am 3. November 1810 mit La cambiale di matrimonio erstmals eine Rossini-Oper aufgeführt wurde—aufgeführt, nicht komponiert, denn bereits 1808/09 hatte der damalige Student des Konservatoriums in Bologna für die Operntruppe des Tenors Domenico Mombelli die Seria Demetrio e Polibio geschrieben. Die Uraufführung des Demetrio fand jedoch erst im Mai 1812 in Rom statt. Wie die erste komponierte, so war auch die erste aufgeführte Oper des jungen Maestro ein beachtlicher Erfolg. La cambiale di matrimonio erreichte am San Moisè dreizehn Aufführungen, was im schnelllebigen italienischen Opernbetrieb eine recht ordentliche Zahl war.

Bei der Premiere wurde die Oper zusammen mit Non precipitare i giudizi ossia La vera gratitudine (Nicht überstürzt urteilen oder Die wahre Dankbarkeit) von Giuseppe Farinelli gegeben und ab der dritten Aufführung am 14. November 1810 gemeinsam mit der Adelina von Pietro Generali, deren Libretto wie La cambiale di matrimonio von Gaetano Rossi stammte, der später die Texte zu Rossinis Meisterwerken Tancredi und Semiramide verfassen sollte. Die Sänger der Uraufführung waren Rosa Morandi (Fanny), Tommaso Ricci (Edoardo) sowie die beiden ebenso bekannten wie routinierten Bassisten Luigi Raffanelli (Tobia Mill) und Nicola De Grecis (Slook).

Die Vorlage zu La cambiale di matrimonio, Camillo Federicis 1790 in Venedig erschienene fünfaktige gleichnamige Komödie, steht in engem Zusammenhang mit den späten bürgerlichen Komödien von dessen großem Vorbild Carlo Goldoni. Die Werke beider stellen auf eine insgesamt positive, aber gleichsam kritische und oft karikierende Weise die Welt des Bürgertums dar, im konkreten Fall die der wohlhabenden Kaufleute, bei ihren Geschäften international agierend, trotzdem aber verhaftet in Provinzialität und Kleingeistigkeit.

Tobia Mill, der kaum noch erkennbare Nachfahre des Kaufmanns Pantalone aus der Commedia dell’arte, verkörpert das Oberhaupt einer solchen bürgerlichen Kaufmannsfamilie. Ist dieser Figurentypus bei Goldoni noch positiv, als fürsorglicher und nur deshalb auf Wohlstand bedachter Familienvater dargestellt, so macht Federici ihn zum Inbegriff von patriarchalischer Herrschsucht, die materielle über moralische Werte stellt. In der Vorlage hat diese dominierende Figur gleich zwei direkte Gegenspieler: seine Ehefrau und Odoardo West, den Onkel des Liebhabers von Mills Tochter, der im Gegensatz zu Mill für eine Ehe jenseits von Profitdenken eintritt. In der Oper verzichtete Rossinis Librettist auf diese beiden Figuren und kompensierte dies, indem er einerseits das Liebespaar Fanny/Edoardo (in der Vorlage Eugenia und Teodorico) aktiver an der Handlung teilnehmen ließ, andererseits den Kanadier Slook zum einzigen wirklichen Antipoden Mills machte. Slook verkörpert den Figurentypus des „guten Wilden“, den „gesunden Menschen“ der neuen Welt, dessen natürlicher, gutmütiger Charakter in krassem Gegensatz zur normierten bürgerlichen Welt steht und der sich letztlich als der eigentlich zivilisierte Mensch erweist. Zwar ist er Mills Partner bei dem „Ehegeschäft“, er bittet diesen in einem ganz in der Kaufmannssprache gehaltenen Brief, ihm eine Frau zu schicken—aber in seiner ersten Begegnung mit Fanny zeigt sich sofort, dass seine vom Geschäft bestimmten Gedanken anders als bei Mill nicht seine Gefühle überdecken und er nicht wirklich fähig ist, eine Frau wie eine beliebige Ware zu behandeln. Slook wirkt komisch durch sein exotisches Äußeres und sein ungewöhnliches Benehmen, wird jedoch gleichzeitig zum Träger humanistischer Werte.

Insgesamt ergibt sich bei La cambiale di matrimonio die typische Figurenkonstellation und Handlung zahlreicher Commedie dell’arte und Buffoopern: die Zukunft eines Liebespaares (Sopran und Tenor) wird durch den Willen anderer, in diesem Fall wie so oft des Vaters der Braut (Bassbuffo) bedroht. Ein Nebenbuhler (ebenfalls Buffo) tritt in Erscheinung und wird mittels Intrigen aus dem Feld geschlagen, wobei dem Liebespaar ein Dienerpaar hilfreich zur Seite steht. Am Schluss der Oper kommt es zum Happy End und alle Beteiligten preisen die Liebe.

Trotz der schematischen Handlung ist Gaetano Rossis Text von beachtlicher Qualität. Dies wird deutlich, wenn man ihn mit der zweiten Vertonung von Federicis Komödie vergleicht. Giuseppe Checcherini schrieb drei Jahre vor Rossi ein Libretto mit dem Titel Il matrimonio per lettera di cambio (Die Heirat durch einen Wechsel), das von Carlo Coccia in Musik gesetzt wurde.

Die kritische Tendenz der Vorlage wird von Checcherini eliminiert, stattdessen wimmelt der Text von dümmlichen Wortspielen. Rossi, dem Checcherinis Libretto mit Sicherheit bekannt war, griff überwiegend direkt auf Federicis Originaltext zurück und berücksichtigte die dort wesentlichen Inhalte. So erscheint La cambiale di matrimonio turbulent-komisch, trägt aber auf der anderen Seite den sentimentalen und moralisierenden Tendenzen Rechnung, die in dieser Zeit für die Opera buffa immer größeren Raum einnahmen und in der Ausbildung einer dritten Gattung, der Opera semiseria, kulminierten.

Das für Rossis Libretto charakteristische Element bildet, übernommen von Federici, der Wortwitz, der dadurch entsteht, dass eine Fachsprache, in diesem Fall die Kaufmannssprache, ad absurdum geführt wird: der Diener Norton etwa verunsichert Slook durch die Andeutung, seine künftige Braut sei „ipotecata“, also mit einer Hypothek belastet, Slook verzichtet nicht auf seine Ehe mit Fanny, sondern „überträgt den Wechsel“ auf Edoardo. Ein weiterer Running Gag ist das kleine Wort „aber“ (italienisch „ma“). Fanny, nicht fähig, die Wahrheit zu sagen, flüchtet sich immer wieder in dieses Aber und treibt damit Slook fast in den Wahnsinn. Dieser revanchiert sich in der Szene mit Mill, dem er schonend (sein persönliches Textmotiv lautet) „flemma“ also Ruhe) beibringt, dass er die geplante Ehe nicht mehr einzugehen gedenkt und fasst zusammen „Quel ma vuol dir che c’è una gran difficoltà“ („Dieses Aber bedeutet eine große Schwierigkeit“). Nicht im Originallibretto der Uraufführung, sondern nur in der Partitur stehen die letzten „ma“ des Stücks, wenn nun seinerseits der entnervte Mill vergeblich versucht, Slooks finale Erläuterungen zu unterbrechen.

Die Musik des jungen Rossini erscheint als gelungene Mischung aus Rückgriff auf bewährte Traditionen und eigener Kreativität. Die typischen Elemente seiner Musiksprache sind in seiner ersten Oper zumindest in nuce bereits vorhanden. Die Ouvertüre zu La cambiale di matrimonio ist ein Jahr älter als die Oper selbst. Rossini verwendete seine Sinfonia in Es-Dur, die er noch als Arbeit für das Konservatorium von Bologna geschrieben hatte und praktizierte somit schon zu diesem Zeitpunkt das Prinzip der Selbstentlehnung, das vor allem durch die mehrfach verwendete Ouvertüre des Barbiere di Siviglia zu seinem viel und häufig zu Unrecht kritisierten Markenzeichen werden sollte. In Il barbiere di Siviglia griff Rossini auch auf La cambiale di matrimonio zurück: den zweiten Teil des Allegroabschnitts aus der Arie der Fanny „Vorrei spiegarvi il giubilo“ arbeitete er zum Beginn des Duetts Rosina/Figaro „Dunque io son“ um. Das Hauptbegleitmotiv aus der Cavatina des Tobia Mill tauchte im zweiten Teil der Arie des Batone in der nur wenig später komponierten Semiseria L’inganno felice in leicht veränderter Form wieder auf.

Die fünf für Venedig komponierten Einakter („Farsa“) Rossinis, neben La cambiale noch L’inganno felice, La scala di seta, L’occasione fa il ladro und Il signor Bruschino, weisen eine fast identische formale Anlage auf: neun Musiknummern in einer bestimmten Reihenfolge. Eine thematisch unabhängige Ouvertüre leitet jeweils das Werk ein, auf sie folgt eine dreiteilige „Introduzione“, bestehend aus einem Duett, einem Arioso (in La cambiale die Cavatina des Mill) und einem Terzett. Anschließend steht ein weiteres Duett (Cambiale: Fanny/Edoardo) sowie eine Arie des Slook an, diesmal geschlossene, durch Rezitative getrennte Nummern und nicht Bestandteile eines größeren Komplexes wie der Introduktion. Das Herzstück einer Rossini-Farsa ist die vierte Gesangsnummer, das „Concertato“, ein groß angelegtes Ensemble, das, wäre es länger und hätte es einen Chor, durchaus das traditionelle Finale des ersten Aktes einer zweiaktigen Opera buffa sein könnte. In La cambiale di matrimonio erscheint diese Struktur jedoch noch nicht voll ausgeprägt. Bei „Darei per si bel fondo“ handelt es sich um ein Duett, das zum Terzett (Fanny/Edoardo/Slook) erweitert wird und das zwar reich an turbulenter Aktion ist, aber nicht die „folie complète et organisée“ (Stendhal), die „vollständige und organisierte Verrücktheit“ hörbar macht, die alle oder wenigstens fast alle der handelnden Figuren wie in einem Strudel mitzureißen scheint und die für die späteren Opere buffe Rossinis so besonders typisch ist.

Da es sich bei einer Farsa um einen Einakter handelt, folgt naturgemäß auf das „Concertato“ keine Pause. Rossini setzt aber genau an diese Stelle die kurze „Aria del sorbetto“ einer der Nebenfiguren, in diesem Fall der Zofe Clarina, und schafft so einen wirkungsvollen Kontrast zu dem vorausgehenden Ensemble. Anschließend folgen ein Duett (Mill/Slook) und eine virtuose Protagonistenarie, letztere fast immer für den Sopran, so wie es mit „Vorrei spiegarvi il giubilo“ auch in La cambiale di matrimonio der Fall ist. Die Oper schließt mit einem zweiten großen Ensemble, dem Finale—ebenfalls im Aufbau eng angelehnt an entsprechende Stücke in einer mehraktigen Buffa und somit eine lange, abwechslungsreiche Nummer, an deren Ende schließlich alle Verwicklungen entwirrt werden und dem »lieto fine« nichts mehr im Weg steht.

Das Finale von La cambiale di matrimonio wird durch die Szene eröffnet, in der Mill auf den von ihm zum Duell geforderten Slook wartet. Rossini nutzt die Gelegenheit, durch Marschrhythmen und komischpompös wirkende Fanfaren das kriegerische Gehabe des in Wirklichkeit vor Angst schlotternden Tobia Mill zur Karikatur werden zu lassen. Beim Auftritt des völlig gelassenen Slook erscheint Mill ähnlich wie ein Luftballon beim Nadelstich und ihm misslingt auch der letzte Versuch, sich mit dem Aufruf „Al campo“ (sinngemäß „auf zur Schlacht“), von Rossini „a piacere“ der musikalischen Gestaltung der Sänger überlassen, Mut zu machen. Trotzdem bleibt er gegenüber den Bitten von Fanny und Clarina ebenso taub wie gegen Edoardo, der mit seiner Forderung nach Bezahlung, genauer nach Einlösung des gewissen Wechsels, versucht, die Kontrahenten vom Duell abzuhalten. In lebhaftem Parlando und begleitet von einem durch einen auffallenden Rhythmus geprägten Motiv, das als beispielhaft für Rossinis individuelle Orchestersprache genannt werden könnte, schafft es erst Slook, Mill zu überzeugen. In der Sprache, die der Kaufmann versteht, erklärt er ihm die wahre Bedeutung des „Kapitals“ Tochter und macht auf die Wertsteigerung aufmerksam, die in spätestens einem Jahr (circa neun Monate) garantiert zu erwarten sei.

Martina Grempler

 

Die Handlung

[1] Sinfonia

Erste Szene

Wir befinden uns im Hause des englischen Kaufmanns Tobias Mill.

[2] Sekretär Norton hegt den Verdacht, dass sein Arbeitgeber vorhabe, seine Tochter Fanny gegen deren Willen zu verehelichen, und spricht mit ihrer Zofe Clarina darüber.

Zweite Szene

[3] Der Hausherr betritt den Raum, angetan mit seinem Morgenmantel und der Nachtmütze. In den Händen hält er eine Landkarte und einen Kompass. Gedankenverloren studiert er die Anweisung, wie sich mit Längen- und Breitengraden die Entfernung zwischen Europa und Amerika bestimmen ließe.

[4] Norton hat einen Brief für seinen Herrn, der sich durch seinen „Plagegeist“ in der schweren Kalkulation gestört fühlt.

[5] Das Schreiben sei aber doch aus der Neuen Welt, ein Matrose habe es bestellt, es käme aus den Kolonien. Mill betrachtet den Absender, erkennt die Handschrift und jubiliert: Es ist von seinem amerikanischen Geschäftsfreund, der bereits in der Stadt eingetroffen sei, um mit ihm in Verhandlungen zu treten und die Ware zu inspizieren. Aufgeregt befiehlt er Clarina, das Gartenzimmer herzurichten und dafür zu sorgen, dass seine Tochter Fanny ihr Festtagskleid anlegt. Die andern Diener sollen sich um seine schöne Kutsche, sein Besuchergewand und andere Dinge kümmern. Wir erfahren nunmehr, dass Mill bereits ein erstes Schreiben erhalten und dieses schon wiederholte Male gelesen hat. Daraus geht hervor, dass Jo Slook—das ist der amerikanische oder besser: kanadische Geschäftsfreund—nunmehr plane, eine compagnia matrimoniale, eine Ehe-Firma also, zu gründen, zu welchem Behufe er eine genau spezifizierte Ware bestellt: Die Mitgift spielt keine Rolle, solange sie nur ehrenwerter Herkunft sei; keinesfalls älter als dreißig; freundlich, von gleichmäßigem Teint und makelloser Reputation. Außerdem müsse sie so robust sein, dass man sie nach Übersee verschiffen könne und sie unter dem Klima keinen Schaden nähme. Wenn er bei Besichtigung die Ware in Ordnung fände, könne binnen zweier Tage geheiratet werden. Gez. Slook aus Kanada. Mill ist begeistert und hat schon die entsprechenden Vorkehrungen getroffen. Er steckt die Bestellung in ein Buch auf dem Tische und meint ungeachtet der Einwände, die Norton vorbringt, dass Fanny für seinen Geschäftsfreund genau die Richtige wäre. Dann verlässt er das Zimmer. Der Sekretär bedauert das Mädchen, hofft aber, dass Slooks Reise am Ende vergebens sein wird.

Dritte Szene

[6] Fanny und ihr Verehrer Edoardo Milfort befinden sich in traulichem Zwiegespräch. Er bittet sie, die Seine zu werden.

[7] Edoardo erwartet in einigen Tagen den Besuch seines Onkels, indessen Fanny mit gemischten Gefühlen dem Manne entgegensieht, der ihren Vater besuchen kommt.

Vierte Szene

Auf der Suche nach dem Hausherrn kommt Norton herbei. Er verrät Fanny, dass sie verheiratet werden solle. Zum Beweis zieht er den Ehevertrag aus dem Buch auf dem Tische. „Nun, jetzt könnt ihr lachen,“ meint er empört und steckt das Papier wieder an seinen Platz, „wie der Gegenstand eines Rechtsgeschäfts, als wäre das Fräulein ein Ballen Ware.“ Drauf Edoardo: „Da hat er sich aber verrechnet!“

Fünfte Szene

Schon von draußen hört man Mills Befehle. Zu spät für Edoardo, um sich zu entfernen. Was tun? Mill erblickt den Jüngling und will wissen, wer er sei und was er wolle? Norton reagiert schnell und gibt ihn als den neuen Buchhalter aus. Mill unterzieht ihn einer kritischen gründlichen Betrachtung: „Zu jung, und zu modern!“ Doch Norton bescheinigt Edoardo einen guten Charakter, worauf Mill sich bereit erklärt, ihn einzustellen. Dann entnimmt er dem Buche sein Papier, faltet es zusammen und reicht es Fanny mit der Bemerkung, dass sie ihr Glück machen werde, wenn sie dem Manne, den man erwarte, dieses Schreiben gebe.—Die Kutsche fährt vor. Mill und seine Diener eilen zur Begrüßung des Gastes hinaus. Fanny empfiehlt ihrem Liebsten, sie „nur machen“ zu lassen und auf ein Herz zu vertrauen, dass ihn liebt.

Sechste Szene

[8] In gewichtiger, zugleich aber auch seltsamer Kleidung tritt Jo Slook hinter mehreren Dienern ein. Dabei muss er sich der Aufmerksamkeiten Mills erwehren, der ihm die Hand küssen, den Stock abnehmen, die Haare richten will. Slook staunt über die komplizierten Rituale, bringt sich in Façon und nimmt Anlauf: „Erst also den Hausherrn küssen und umarmen, dann dasselbe mit den Damen…“ Diese weichen entsetzt zurück. O weh, das ginge, meint der Fremdling, in seinem Lande aber viel einfacher.

[9] Dennoch will er gern die richtigen europäischen Manieren lernen. Er deutet auf Fanny und fragt, wer das pikante Fräulein sei? Nun, sie habe für ihn, so Mill, ein Empfehlungsschreiben. Nachdem er dann dem Gast die Tür zu seinem Zimmer gezeigt und Norton aufgefordert hat, den neuen Buchhalter in seine Tätigkeit einzuweisen, verschwindet er. Auch die beiden Angestellten tun, wie geheißen, worauf Fanny mit Slook allein bleibt.

Siebte Szene Slook betrachtet und examiniert Fanny. Sie überreicht das Schreiben, das ihr der Vater gegeben hatte, mit züchtig gesenktem Blicke und meint, über den Inhalt desselben nichts zu wissen. Darauf liest ihr der Besucher vor, was Mill aufgesetzt hat: Er sei im Besitz der geforderten Frau, die allen Bedingungen entspräche—seine eigene und einzige Tochter Fanny. Die ist freilich empört und will den Wechsel platzen lassen.

[10] Slook bittet um eine Erklärung: Hat sie was gegen die Ehe?—Nein, aber…Bin ich vielleicht ein Ungeheuer?—Nein, aber…Allmählich hat er genug von all den Abers: „Heirate mich, und aus. Es sei, wie’s sei!“

Achte Szene

[11] Wie ein Wahnsinniger platzt Edoardo herein und gibt Slook den Rat, sich wieder nach Kanada zu verfügen und die Angelegenheit mit Mill bloß nicht weiterzutreiben. Aber es geht doch um ein Geschäft, der Wechsel ist eindeutig!—Dann solle er ihn eben ablehnen. „Aber ich bin Slook!“ Fanny droht, ihm die Augen auszukratzen, Edoardo will ihn gar erdolchen. Und Slook, der ausgekratzte Augen gar nicht schätzt, gibt gern sein Wort. Zusammen geht man ab.

Neunte Szene

[12] Norton und Clarina besprechen die Situation. Norton glaubt, dass die Hochzeit ausfällt und der arme Slook unverrichteter Dinge in die Kolonien zurückkehren werde. Er ist ein schlichter Amerikaner, der die Europäerinnen für eine Handelsware hält—am Ende keine ganz abwegige Annahme. Clarina sympathisiert mit Fanny und Edoardo.

[13] Schließlich ist sie selbst jung und weiß, was Liebe ist. Sie sucht ihre Herrin auf.

Zehnte Szene

[14] Norton sieht den nachdenklichen Slook kommen, der das Gespräch mit Mill sucht. Dieser sei außer Hause, erfährt er von dem Sekretär, der ihn überdies darauf hinweist, dass das Kapital, dessen er, Slook, sich versichern wolle, möglicherweise schon mit einer Hypothek belastet, sprich beliehen sei. Dann geht er ab.

Elfte Szene

Slook ist ganz entsetzt, dass ihm das bescheidene, sittsame Mädchen die Augen auskratzen und der nette Freund ihn gar ermorden will. Der Herr des Hauses kommt zurück und fragt seinen Gast, ob es gute Neuigkeiten gäbe? Die besten, so dieser, worauf ihn Mill, wie auch bei allen weiteren Antworten Slooks, in die Arme schließt: Keine Frage, sie ist sehr hübsch! hat das richtige Alter! eine gute Figur! und genau den gewünschten Charakter! Nur: „Ich will sie nicht!“ Die Gründe dafür nennt Slook lieber nicht—zu viel liegt ihm an seinen Augen und zu sehr fürchtet er Edoardos Dolch.

[15] Mill begreift nicht: Die Tochter erfüllt doch alle Bedingungen?! Als Slook sich weiterhin sperrt, fordert ihn Mill auf „Säbel oder Pistolen“. Der erschreckte Mann beschließt, sich gleich wieder auf die Heimreise zu machen.

Zwölfte Szene

[16] Clarina berichtet Fanny, dass ihr Vater und der Besucher gegangen seien. Letzterer wolle gern unter Verzicht auf die Heirat das Land verlassen. Edoardo tritt ein, um zu erfahren, ob die gemeinsamen Drohungen gefruchtet haben: Ja, man habe alles getan, was nötig war. Begeistert küsst er die Hand Liebsten, derweil Clarina im Abgehen meint, dass Slook das noch bereuen werde.

Dreizehnte Szene

Die beiden Liebenden umarmen sich. Slook tritt ein. Alle wollten ihn tot sehen, meint er, und bittet um ein Viertelstündchen der Ruhe: Ein Amerikaner würde mit Gästen nie so umgehen wie das hier geschieht. Ob auf Fanny wirklich eine Hypothek läge, will er wissen, und an ihrem Blick erkennt er, dass sie mit Edoardo verlobt ist. Warum sie dann aber überhaupt ihm den Wechsel präsentiert habe? Nun, das sei unter dem Zwang des Vaters geschehen…Darauf Slook: „Armes Fräulein! Was für ein Land?“ Edoardo setzt ihm derweil auseinander, dass er selbst einfach nicht so vermögend sei wie Fannys Vater, worauf der gutmütige Slook die beiden an der Hand nimmt: Edoardo den Wechsel überlässt und ihm die Braut abtritt.

[17] Slook hat die beiden zwar aufgefordert, ihm nicht weiter zu danken, doch Fanny ist so glücklich, dass der Jubel eine ganze Arie füllt. Dann verschwindet sie mit ihrem Verlobten.

Vierzehnte Szene

[18] Zufrieden mit dem Resultat, verlässt auch Slook den Raum.

Fünfzehnte Szene

Mill naht sich mit einem Diener, der zwei Pistolen und Säbel trägt. Er schickt den Diener weg, wundert sich über Slooks Betragen und überlegt sich noch einmal die Forderung: Das Duell könnte auch für ihn übel ausgehen.

[19] Er übt für sich sämtliche Aktionen des geplanten Zweikampfs. Slook tritt, eine Pfeife schmauchend, ins Zimmer und betrachtet die Szene amüsiert. Er legt die Pfeife weg, nimmt—von dem völlig konzentrierten Mill unbemerkt—eine der Pistolen vom Tisch und hält sie dem Überraschten vor. Das Duell scheint sich in ein Wortgefecht zu verlieren. Man verabredet, sich draußen zu schlagen.

Sechzehnte Szene

Fanny und Clarina stürzen herein. Sie wollen Mill von seinem Vorsatze abbringen, während Slook seine Finten fortsetzt.

Letzte Szene

[20] Edoardo und Norton kommen hinzu. Edoardo präsentiert nun Mill den Wechsel, dessen Einlösung jedoch abgelehnt wird. Schließlich meldet sich Slook zu Worte und bedeutet seinem Gastgeber, dass er sich über den Sachverhalt im Irrtum befinde: Mills Tochter sei ja bereits beliehen gewesen; er habe nunmehr den Käufer entdeckt, den Wechsel entsprechend abgeändert und das gefährdete Kapital abgetreten, welches Mill binnen Jahresfrist Zinsen in Gestalt eines Enkels einbringen werde. Er habe bemerkt, dass Fanny und Edoardo einander liebten, und daher diesen zu seinem Erben gemacht. Endlich ist Mill mit dem Handel einverstanden. Happy End.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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