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8.660928 - BARTOK, B.: Bluebeard's Castle [Opera] (Alsop)
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Béla Bartók (1881-1945)
Herzog Blaubarts Burg op. 11

 

“Wenn heute jemand hinter mir herruft, wenn ich die Straße runtergehe: ‘Mademoiselle de Loiselle!’ - dann weiß ich wenigstens, das kann nur ich sein. Aber wenn jemand rufen sollte: ‘Mrs. Brandon!’, dann bricht vielleicht der Verkehr zusammen. Und in zehn Jahren, wenn Du so weitermachst, dann - dann trampelt man mich vielleicht zu Tode”.

Ob Béla Bartók in seinem amerikanischen Exil jenen zauberhaften Ernst Lubitsch-Streifen angesehen hat, in dem Claudette Colbert als Mlle. de Loiselle dem Blaubart Gary Cooper die Flügel stutzt? Wahrscheinlich nicht. Und doch: Wie hätte der kleine, magere Mann mit dem scharfkantigen Profil und den zusammengekniffenen Lippen wohl reagiert, wäre ihm die erzkomödiantische Version desselben Stoffes begegnet, den er gut zwei Jahrzehnte zuvor - vom März bis September 1911 - bearbeitet hatte?

Alle äußeren Bedingungen sind praktisch identisch. Der Vater einer entzückenden Tochter pfeift auf dem letzten Loch - was er noch besitzt, ist eine Louis- Quinze-Badewanne und den Familienstolz eines Marquis de Loiselle. Die Tochter könnte mit einer guten Partie sämtliche Probleme aus der Welt schaffen, doch als sie bei der Verlobung mit dem Börsenspekulanten Brandon die Zahl ihrer Vorgängerinnen erfährt, weicht sie von der Verhaltensweise älterer Blaubart-Varianten ab: Zwar heiratet sie den “Frauenmörder”, doch dann lässt sie sich scheiden; vermöge der jährlichen Apanage steht sie ihm endlich als finanziell unabhängige Frau gegenüber - und jetzt kann sie den tatsächlich Geliebten dauerhaft ehelichen.

Nein, ganz ohne Frage hätte Béla Bartók diese leichtgewichtige Lösung nicht gefallen. Zwar wollen wir ihm eine gewisse humoristische Begabung nicht absprechen. Wo diese aber hervorbrach - etwa im Intermezzo interotto des Konzertes für Orchester -, da mischte sie sich mit einem derart schneidenden Sarkasmus, dass einem das Lächeln im Halse stecken bleibt. Ein Leben der Misserfolge, des vergeblichen Ringens um Anerkennung, gezuckert nur mit einigen wenigen erfreulichen Höhepunkten, am Schluss dann die in armseligsten Umständen zugebrachten Jahre der schweren Krankheit: Unmöglich, dass ein derart “Heimgesuchter” sich zu den Dialogen einer Screwball Comedy im Kinositz biegt.

Es war freilich keine Frage des Alters. Denn schon zu der Zeit, als der ungarische Schriftsteller Béla Balázs seinen damals nicht einmal dreißigjährigen Landsmann kennenlernte, wähnte sich dieser am Ende: “Er war von der Vergeblichkeit seiner Lebensarbeit überzeugt. Dieser hartnäckige Kampf war ein furchtbarer und gleichzeitig großartiger Anblick; ohne Hoffnung, ohne Glauben, wie zu Eis erstarrt, mit bitterer Härte - aus Pflicht ...”, erinnert sich Balázs, der nach eigenen Worten das Mysterium Herzog Blaubarts Burg für Béla Bartók und Zoltán Kodály geschrieben hatte, “weil ich ihnen die Gelegenheit geben wollte, Bühnenmusik zu schreiben”. Und es gelang ihm mit diesem Textbuch, die Aufmerksamkeit und das Interesse des Komponisten zu wecken, ihn dem musikalischen Leben zurückzugeben - mit einer Blaubart-Fassung, die die erstmals von dem Franzosen Charles Perrault (1628-1703) im Jahre 1697 behandelte Erzählung dergestalt aufs Wesentliche reduzierte, dass zwei Personen und ein Aufzug zur Darstellung ausreichten.

Was den eigentlichen Ausschlag für Bartóks wiedererwachende Kreativität gab - darüber gehen die Meinungen auseinander. Gewiss, die tiefe Beziehung zu der Geigerin Stefi Geyer war 1908 zu Ende gegangen. 1909 hatte Bartók seine sechzehnjährige Schülerin Márta Ziegler geheiratet, die allerdings ebensowenig seinen Ideal-vorstellungen entsprach wie die wiederum erheblich jüngere Klavierschülerin Ditta Pásztory, die er nach der Scheidung von Márta (1923) ehelichte. Mithin: Die Suche nach einer in jeder Hinsicht gleichgestimmten Seele, nach der perfekten Ergänzung auf der einen und das Scheitern just dieser Suche auf der andern Seite mochten zu einer Identifikation mit der Figur des Blaubart einladen. Doch darf man nicht vergessen, dass in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg allerorten vergleichbare Erlösungsmysterien entstanden. Nicht nur hatte Paul Dukas 1907 seine Blaubart-Oper Ariane et Barbe-bleu auf das Libretto von Maeterlinck geschrieben; die Auswirkungen des Tristan waren allenthalben zu sehen: In Claude Debussys Pelléas et Mélisande, in Richard Strauss’ Salome (hier mit umgekehrten weiblich-männlichen Vorzeichen) und natürlich im überwiegenden Teil der Bühnenwerke, die Franz Schreker komponierte - immer wieder streben die sozusagen archetypischen Protagonisten nach einer Vereinigung, die nur bei oberflächlicher Betrachtung als triebhaft missverstanden werden kann.

Eine der konzentriertesten Ausführungen dieses Konfliktes erlebte das Publikum des Königlichen Opernhauses Budapest am Freitag, den 24. Mai 1918. Auf der Bühne nichts weiter als das kalte, düstere Innere einer Burg mit sieben Türen. Zwei Personen - der Burgherr und Judith, die für den Geliebten ihre Familie und ihren Verlobten verlassen hat. Der Herzog schließt das Mädchen in seine Arme. Die Eingangstür schlägt zu. Judith ist, um die Jahrhunderte älteren Worte Walthers von der Vogelweide zu paraphrasieren, “beslozzen in sînem herzen”, in dem sich alles weitere abspielt: “Ganz offen steht der Vorhang unserer Augenlider. Ihr sucht die Bühne? Ja, wo ist sie aufgeschlagen? Ist sie draußen? Ist sie drinnen?”, heißt es im Prolog der Oper. Und im folgenden wird die Frage eindeutig beantwortet, denn was geschieht, ist ein fortschreitendes Eindringen ins Innerste des Mannes, der zwar bereit ist, Grausamkeit, Kampfesgeist, Reichtum, Schönheit und Macht mit seiner Auserwählten zu teilen, ihr aber den Zugang zu den Tränen und seinen gescheiterten Zielen verwehrt: Während er die Zukunft entwirft und die Dunkelheit beim Öffnen der ersten fünf Türen immer mehr dem strahlenden Licht weicht, besteht Judith auch auf der Er-Schließung der finsteren Geheimnisse, auf der Erkenntnis der tief verborgenen Vergangenheit - womit es ein für allemal Nacht wird. Der Bogen ist überspannt, der Moment der Erlösung für immer vertan.

Herzog Blaubarts Burg: Der Inhalt

Die Oper beginnt in völliger Dunkelheit. Nachdem Blaubart und Judith aufgetreten sind, wird das Bühnenbild allmählich sichtbar - eine gewaltige Halle im Innern der Burg. An den Wänden sieht man sieben riesige Türen. Judith ist in Blaubart verliebt und hat für ihn ohne weiteres die Familie und den Verlobten verlassen. Seiner wiederholten Frage: “Fürchtest Du Dich?” weicht sie aus, und selbst, als sie ihre Umgebung - die eisige Luft, die feuchten Wände - wahrzunehmen beginnt, verdrängt sie ihre Angst. Impulsiv erklärt sie, sie werde der Burg Wärme, Licht und Liebe bringen. Als Blaubart antwortet, es könne das Licht niemals die Düsternis der Burg durchdringen, gibt sie ihm unterwürfig zu verstehen, sie wolle ihm überall hin folgen - wohin er sie auch führe. Doch kaum hat sie die sieben verriegelten Türen gesehen, verlangt sie, dieselben öffnen zu dürfen. Blaubart erinnert Judith an die Gerüchte, die über ihn verbreitet wurden. Als sie an die erste Tür klopft, hört man einen tiefen Seufzer. Nach wie vor weigert sie sich, ihre Angst einzuräumen: Ihre Liebe, so meint sie nachdrücklich, gebe ihr das Recht, die Türen aufzusperren. Blaubart gibt nach - wie hypnotisiert von ihrer Hingabe.

Die erste Tür führt zu Blaubarts Folterkammer, doch das nach und nach hervorbrechende Sonnenlicht zerstreut Judiths Furcht und gibt ihr die Gewissheit, dass die Schrecken beim Öffnen der anderen Türen verschwinden werden. Hinter der zweiten Türe entdeckt Judith Blaubarts Waffen, und trotz der Blutflecken auf den Mordgeräten zeigt sie wieder keine Furcht. Vielmehr fordert sie mit immer größerem Nachdruck auch die anderen Schlüssel - aufgrund ihrer Liebe habe sie Blaubarts gesamten Besitz und all sein Wissen mit ihm zu teilen. Die dritte Tür öffnet sich zu Blaubarts goldglänzender Schatzkammer. Judith frohlockt, als ihr Blaubart erklärt, dass all diese Kostbarkeiten ihr gehören werden. Das Licht aber wird unvermeidlicherweise von den Blutflecken auf den Juwelen getrübt. Jetzt ist es Blaubart, der Judith vorandrängt, und sie öffnet die vierte Tür, hinter der sich eine noch strahlendere Szene zeigt: ein Garten in voller Blüte. Allzubald aber sind auch die Blumen mit Blut bespritzt, und Blaubart befiehlt Judith noch eindringlicher, jetzt auch die fünfte Tür zu öffnen. Im vollen, blendenden Sonnenlicht sieht man den großartigen Anblick von Blaubarts weitem Machtbereich. Judith ist verblüfft. Sie kann nur unterwürfig murmeln, während Blaubart in seiner Macht schwelgt. Dann beginnt eine blutbefleckte Wolke die Sonne zu verdunkeln. Obwohl Blaubarts beinahe tanzartig seine Freude über Judiths noch immer unerschütterliche Liebe äußert - es will ihm nicht gelingen, sie vom Öffnen der verbleibenden Türen zurückzuhalten.

Hinter der sechsten Tür liegt ein Tränensee, und aus dem Orchester steigt eine große Klage empor, in die Judith und Blaubart einfallen. Er umarmt sie mit großer Zärtlichkeit, weil er anscheinend glaubt, dass ihre Vision doch noch wahr werde - die Vorstellung nämlich, dass sie selbst Licht und Hoffnung sei. Doch sie fragt weiter, und er erlaubt ihr, die ganze Wahrheit zu entdecken. Hinter der siebten Tür findet sie seine drei früheren Frauen. Blaubart erläutert überschwenglich, sie symbolisierten Morgen, Mittag und Abend. Seine vierte Frau, Judith selbst, repräsentiert die Mitternacht - tiefe und absolute Finsternis. Zärtlich schickt er sie den anderen nach. Die Türen schließen sich. Blaubart ist allein. Die Dunkelheit, die Judith vergeblich zu vertreiben gesucht hatte, fällt mit unerbittlicher Endgültigkeit.

© 2007 Cris Posslac

 


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