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9.70149 - REGER, M.: Cello Suites, Op. 131c (Horn)
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Max Reger (1873–1916)
Drei Suiten op. 131c für Violoncello allein

 

Als Max Reger sich Ende September 1914 der Komposition für Solocello zuwandte, hatte er sich bereits umfassend im Bereich der Komposition für Solovioline profiliert (1899, 1905 sowie seit 1909). Sein schwerer Zusammenbruch am 28. Februar 1914 während eines Konzerts in Hagen (Westfalen) zog einen längeren Kur- und Erholungsaufenthalt nach sich, und es war nicht überraschend, dass ihm seine Ärzte vollständiges Auftritts- und Schreibverbot erteilten. Natürlich stand sein musikalischer Geist aber nicht lange still und schon während der Kur in Martinsbrunn bei Meran entstanden Entwürfe für die nächste große Orchesterkomposition, mit der sich Reger von seinem Posten als Generalmusikdirektor der Meininger Hofkapelle verabschieden wollte—Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart op. 132. Gleichzeitig kehrte er zu der Komposition von Musik für Solostreicher zurück, zunächst mit den Sechs Präludien und Fugen op. 131a für Violine allein und den Drei Duos (Canons und Fugen im alten Stil) op. 131b für zwei Violinen (beides im April 1914).

Auch wenn Reger schon Ende September 1914 einen Brief an Karl Straube mit den Worten schloss »Dein alter Reger, der Solosonaten [sic] für Violoncello schreibt! Verrückte Idee—aber erzieherisch ungemein wertvoll betr. „musikalischer Keuschheit“«, sollte er dieses Projekt doch erst einmal zurückstellen, weil er, als dienstuntauglich ausgemustert und sich selbst als »totaler Vaterlandskrüppel« bezeichnend, mit der Vaterländischen Ouvertüre op. 140 sowie dem Requiem WoO V/9 seinen Beitrag zu den Ereignissen der Zeit leisten wollte. Erst im Dezember kam er auf das Projekt zurück, das ihm musikalisch aus der durch den Abbruch des Requiems verursachten Schaffenskrise half. Zentral war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die »Reinigung« seiner musikalisch überreichen Möglichkeiten durch die Reduktion auf ein Soloinstrument (deshalb »musikalische Keuschheit«)—in der Beschränkung zeigt sich der Meister, gerade nachdem ein groß besetztes chorsymphonisches Werk aufgegeben worden ist. Und was lag da auch näher, als zu »Anfang und Ende aller Musik«, wie Reger zeitlebens betonte, zurückzukehren, zu BACH? »Gerade die relativ beschränkten Mittel reizen ihn, seine Phantasie an dem spröden techn. Material zu versuchen«, notierte Fritz Stein, enger Freund und Biograf Regers, in seinem Tagebuch. Mitte Januar 1915 reichte Reger die Manuskripte zum Druck ein und trotz des Weltkrieges erschienen die Suiten schon relativ bald danach im Juli 1915.

Besonders mit Reger erlebte die Gattung der Komposition für Solocello eine Renaissance, die, von Ysaÿe, Kodály, Hindemith u.a. ausgehend, bis in die heutige Zeit fortwirkt. Dabei ist Bach zwar eindeutig der Ausgangspunkt, aber nicht das Modell, auf dem Reger aufbaut. Reger versteht unter Suite keine Folge von Tanzsätzen—im Gegenteil füllt er die Gattung mit neuem, auch formal sorgsam ausgearbeitetem Gewicht. Schon das die erste Suite G-Dur eröffnende Präludium geht, trotz des Ausgangspunkts Bach, schon bald über diesen hinaus. Der Satz erweist sich als in freier Sonatensatzform konstruiertes Gebilde, mit Reprise und motivischer Verdichtung, das trotz seiner scheinbaren Schlichtheit (nur selten sind Doppelgriffe erforderlich) nicht nur modulatorisch, sondern auch von der Melodiegestaltung ganz Reger ist. Ekkehart Kroher hat darauf hingewiesen, dass bei aller Chromatik doch »sinnfällig einfache Harmonik sowie jene rhythmischen und dynamischen Feinheiten« auffallen, die er als »Vorhall« des »freien, jenaischen Stils« von Regers Spätschaffen versteht. »Die Spiritualität der Musik zwingt vom ersten Takt an zur Konzentration auf das Wesentliche.« Das innige, tiefernste Adagio (aus der Ferne noch einer Sarabande verwandt) ähnelt von der Form her dem Kopfsatz—auch hier sind also starke zyklische Elemente am Werk. »Ich kann musikalisch nicht anders als polyphon denken«, soll Reger einmal geäußert haben, und so zeigt die mitreißende abschließende Fuge der ersten Suite den Meister am Werk. Gerade die Komposition von Präludien und Fugen für Solostreicher hatte Reger mit den Violinwerken Opus 117 und 131a intensiv erkundet.

Das Präludium der zweiten Suite d-Moll—diesmal ein Largo-Satz—ist formal ähnlich strukturiert wie der Kopfsatz der ersten Suite. Noch weitaus stärker als dort erkundet Reger hier aber die Grenzen der Tonalität; auch die mehrfache Anweisung »espressivo« und die differenzierte Dynamik, die von pp bis ff reicht (mit einem Ende in ppp), weist auf den expressiven Gestus der Komposition. Das an dritter Stelle stehende Largo greift diese Stimmung wieder auf (und gerade hier beweist Reger, wie man »spinnen können« muss, wie er einmal sagte—»Melodie nämlich«), und geradezu zwangsläufig als etwas leichtere Gegenpole erforderlich sind zwei Tanzsätze, Gavotte und Gigue. Mit beiden Tanzformen hat sich Reger seit den späten 1890er-Jahren mehrfach auseinandergesetzt, besonders in Kompositionen für Klavier oder Orgel.

Auch die dritte Suite a-Moll beginnt Reger mit einem Präludium (diesmal ein harmonisch komplexes, ausdrucksvolles Sostenuto), dieses Mal mit einer noch stärker beschnittenen Reprise. Als Mittelsatz schreibt Reger hier, wie in der Violinsonate fis-Moll op. 84, ein fast walzerartig ausgelassenes Scherzo (mit kantablerem, expressiverem Trio), ehe ein umfangreicher Satz mit fünf Variationen über ein eigenes Thema das musikalisch äußerst reiche Werk beschließt.

Reger widmete seine Suiten drei Koryphäen des Instruments, mit denen er freundschaftlich verbunden war. Der wohl engste Freund unter den dreien war Julius Klengel (1859–1933), schon seit 1876 Solocellist des Gewandhausorchesters und seit 1881 Professor am Leipziger Konveratorium, wo er zum legendären »europäischen Cellistenmacher« wurde, zu dessen Schülern Gregor Piatigorsky, Guilhermina Suggia, Rudolf Metzmacher und Emanuel Feuermann gehörten. Er brachte drei große Kammermusikwerke Regers zur Uraufführung und war außerdem Widmungsträger der Cellosonate a-Moll op. 116. Hugo Becker (1863–1941), Lehrer u.a. von Beatrice Harrison und Enrico Mainardi, erwarb sich auch als Exponent kammermusikalischer Novitäten große Verdienste; ihm hatte Reger schon 1898 seine Cellosonate g-Moll op. 28 gewidmet. Paul Grümmer (1879–1965) schließlich war ein Schüler Klengels und Beckers, der ab 1912 als Mitglied des Concertvereins-Quartetts, des späteren legendären Busch-Quartetts, Maßstäbe des Kammermusikspiels setzte und im selben Jahr auch persönlich mit Reger bekannt wurde. Hätte Reger länger gelebt, so scheint es wahrscheinlich, dass er auch diesem herausragenden Musiker eine Cellosonate gewidmet hätte.

Die Uraufführungsdaten der Cellosuiten sind nicht überliefert; allerdings ist bekannt, dass sowohl Grümmer als auch Klengel die ihnen gewidmeten Werke nach Regers Tod im Konzert spielten, Klengel etwa das Adagio aus der ersten Suite in einem Reger-Gedächtniskonzert in der Leipziger Thomaskirche.

Seit Ende der 1960er-Jahre haben sich Regers Cellosuiten als Standardwerke jedes ambitionierten Solisten etabliert, sie bereichern sein Repertoire durch drei expressive Kompositionen von hohem Rang und ebensolchem Schwierigkeitsgrad.


Jürgen Schaarwächter
Max-Reger-Institut Karlsruhe


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